Der Verein Khisdapaze wurde 2017 von einer Freundesgruppe gegründet, die aus spontanen Raves an Waldlichtungen und alten Bunkern nach und nach ein gemeinnütziges Kulturprojekt entwickelt hat. Heute zählen rund 50 aktive Mitglieder dazu, die Veranstaltungen jenseits kommerzieller Zwänge organisieren und ihre Ressourcen gemeinschaftlich verwalten. Das Ziel ist seit Beginn dasselbe: Räume zu schaffen, in denen Kunst, Musik und Subkultur analog zusammenkommen.
Seit 2022 richtet Khisdapaze das jährlich stattfindende und wachsende Sägewerk-Festival in Cottbus aus. Mit der Übernahme der neuen Modellfläche am ehemaligen Flughafen Tegel denkt der Verein nun in einem anderen Maßstab. Erstmals steht ein Ort zur Verfügung, der ganzjährig bespielt werden kann – eine Chance, die Arbeit aus der kurzen Sägewerk-Saison herauszulösen und dauerhaft Kulturarbeit zu ermöglichen. GROOVE-Autor Jakob Senger war vor Ort und hat sich den Ort von Gründungsmitglied Jan Saade zeigen lassen.
Urban Tech Republic heißt die Busendhaltestelle der Linie 109 im Nordwesten von Berlin, die vom Jakob-Kaiser-Platz nach Reinickendorf verkehrt. 1974 pendelte hier erstmals der Flughafen-Express zwischen Zoologischer Garten und Flughafen Tegel, Otto Lilienthal. Damals war vermutlich jeder Bus prall gefüllt – mit Sicherheitspersonal, Fluggäst:innen, überdimensioniertem Gepäck, Pilot:innen. Ab 2012 wurden historische Fahrten im cremefarbenen Doppeldecker für Aero-Nostalgiker angeboten. Nach der Eröffnung des Flughafen BER im Jahr 2020 hat sich Tegel erübrigt. Am 8. November 2020 hob hier zum letzten Mal ein Flugzeug ab.
Heute ist der Busfahrer sein bester und einziger Kunde. Urban Tech Republic, alles klar. Erwartet mich hier das Reinickendorfer Silicon Valley? Die vorläufige Antwort darauf: Grillenzirpen. Nur die Einlasskontrolle erinnert noch an die einstigen Sicherheitsmaßnahmen. Ich werde im Besuchersystem registriert, Perso gegen Chipkarte eingetauscht, Sicherheitsweste übergeworfen, dann darf ich endlich die Schranke, die ein narkotischer Beamter bewacht, passieren.
Jan Saade, eines der Gründungsmitglieder von Khisdapaze, holt mich an der Schleuse ab. Die Anmeldung sei immer etwas umständlich, meint er. Wir steigen durch einen verhangenen Bauzaun und stehen vor dem braunen, retro-futuristischen Gebäude der ehemaligen Frachtkantine. Hier wurde früher das Essen zubereitet, das später in den Flugzeugen für die Passagiere aufgewärmt wurde. Heute stehen die meisten Objekte leer. Nur im Gebäude nebenan ist die Feuerwehr eingezogen.

Das erste Mal im Bunker
„Ich dachte mir auf jeden Fall: Krasser Ort”, erinnert sich Jan an seinen ersten Besuch in der Frachtkantine, während wir um das Gebäude gehen. Der Weg ist mit einem Stoffbaldachin verhangen. „Hier ist echt so einiges möglich. Mir sind direkt Ideen in den Kopf geschossen, wie: ‚Hier kommt der Floor hin, da ’ne Chill-Area, da die Bar’. Das erste Mal war ich schon im Rahmen der Bewerbungsphase vor Ort. Da stand noch nicht fest, dass wir das wirklich machen können.”
Jan meint die Modellfläche TXL, die die Berliner Clubcommission 2025 ausgeschrieben hatte. Seit Kurzem ist klar: Khisdapaze bespielt diesen Ort für drei Jahre. Ein großer Schritt für das Kollektiv, aber ein logischer: Die erste offizielle Party von Khisdapaze fand 2017 in einem Bunker in Oranienburg statt. 2022 folgte die erste Ausgabe des selbstorganisierten Sägewerk-Festivals, das seitdem jährlich steigende Besucherzahlen verzeichnet.
„Der Geburtstag meines Bruders hat alles losgetreten. Wir waren eine Freundesgruppe, am Anfang zu dritt, dann zu fünft. Irgendwie sind wir dann auf dieses Rave-Ding gekommen, das war der Augenblick, ab dem wir illegale Raves in und um Berlin veranstaltet haben”, sagt Jan. „Das alles ist relativ schnell größer und professioneller geworden. 2017 haben wir dem Ding dann den Namen Khisdapaze gegeben und den Verein gegründet. Mittlerweile haben wir um die 50 Mitglieder.”
Baustelle oder Wohnzimmer
Statt Motorenlärm hört man Kreissägen in der Ferne. Am Horizont türmen sich zweistöckige Sandberge, an denen sich einige Bagger zu schaffen machen. Ein PKW fährt über die verwaiste Landebahn. Es sieht so aus, als würde er sich in Zeitlupe fortbewegen. Ein Schild mit der Aufschrift „Zur Party”, mit einem Pfeil nach links, erinnert an Dorfdissen-Zeiten. An den Gebäuden ringsumher liegen Holzpaletten, Reste von Bauschutt, zurückgelassenes Baumaterial und veraltete Warnhinweise, wie „Betreten der Flugbahn polizeilich verboten”. Es wirkt ein wenig so, als wäre man hier im feuchten Traum eines Abandoned-Places-Influencers gelandet.
Verlassen soll hier in Zukunft aber nichts sein. Über dem Gebäude der Kantine hängt ein Banner mit Khisdapaze-Logo. „Das ist georgische Schrift”, bemerkt Jan, der die Frage wohl von meinen verdutzten Augen abgelesen hat. „Eines unserer Gründungsmitglieder kam von dort. Damals war dieser harte Techno, der in Läden wie dem Bassiani lief, voll angesagt. Wir haben ihn immer ‚Brettertechno’ genannt. Khisdapaze ist quasi die Übersetzung ins Georgische. Es ist aber ein Kunstwort und macht sprachlich überhaupt keinen Sinn. Wenn du georgisch sprechende Leute fragst, gucken die dich wahrscheinlich dumm an, weil sie irgendwas mit ‚Auf-dem-Holzweg-sein’ verstehen. Leute meinten zu uns, man könne sich den Namen überhaupt nicht merken. Aber wir sind ihm trotzdem treu geblieben, irgendwie hat das alles was ganz Besonderes.”
Ein Baucontainer ist das neue Hauptquartier des Kollektivs. Über zwei Wände erstreckt sich das Kleinanzeigen-Schnäppchen in Form einer ausgeblichenen Eckcouch mit outdated-kubistischem Muster. Herumliegendes Werkzeug, ein Computer mit unzähligen geöffneten Tabs, Kaffeedosen, Flyer für den Wintermarkt, Warnwesten. Die Dusche wird gerade repariert, ein beständiges Hämmern ist zu hören. Wir stehen hier entweder in einem Wohnzimmer oder auf einer Baustelle.

Nordwest-Berlin-Represent
Die Location, die sich etwas außerhalb des Berliner Club-Ballungsgebiets befindet, begreift der Verein Khisdapaze mehr als Chance denn als Hindernis. In diesem Teil der Stadt gebe es noch kein kulturelles Überangebot, sagt Jan. Weil die meisten aus der Gegend kommen und auch einen Großteil ihrer gemeinsamen Zeit hier verbringen, könne man quasi von zuhause aus arbeiten. Und: Man habe hier die Möglichkeit, etwas Langfristiges aufzubauen und einen Ort zu gestalten, an dem man nicht nur veranstaltet, sondern tatsächlich etwas aufbauen kann.
Nach seiner Schließung wurde ein Teil des ehemaligen Flughafengeländes in eine Kultur- und Innovationsfläche umgewandelt, genannt „Modellfläche TXL”. Seit September 2023 gibt es dort kulturelle Veranstaltungen: Raves, Filmvorführungen, Theater, Workshops. Die genutzte Fläche umfasst etwa 3.700 Quadratmeter, so groß wie ein halbes Fußballfeld. Clubkultur wird dabei explizit als zentraler Bestandteil gesehen – nicht nur zur Unterhaltung, sondern als Teil urbaner Identität. „Die Berliner Clubkultur” so Emiko Gejic, Sprecherin der Clubcommission, „lebt von Freiräumen – und genau solche Räume müssen aktiv gesichert und neu geschaffen werden. Die Umnutzung des Areals der ehemaligen Catering-Gebäude für kulturelle Zwecke trägt dazu bei, Berlins vielfältige Kulturlandschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln.”
Warum sich die Clubcommission nach der Ausschreibung der neuen Modellfläche für Khisdapaze entschieden hat? „Wahrscheinlich, weil wir es gewohnt sind, nicht immer hundertprozentige Planungsgewissheit zu haben”, mutmaßt Jan. „Wir kennen das vom Festival nicht anders. Es kann theoretisch jederzeit vorbei sein. Es ist nicht alles durchkalkulierbar. Aber wir als Kollektiv sind mittlerweile ziemlich gut darin, auf unvorhersehbare Umstände zu reagieren.”

Das Ding mit den Behörden
Einmal hatte das Kollektiv im Rahmen des Sägewerk Stress mit der Umweltbehörde. Plötzlich stand das ganze Projekt auf der Kippe. Der Grund: Auf dem Festivalgelände des ehemaligen Flugplatzes Cottbus-Drewitz lebte eine besondere Eidechsenart. Man habe dann praktisch das ganze letzte Jahr damit verbracht, die Maßnahmen umzusetzen und die Genehmigung zu bekommen, so Jan. Das sei auch der Punkt gewesen, an dem sich letztes Jahr alle aus dem Kollektiv dachten, ‚Hey, eigentlich steht jetzt schon alles, wir wollen gar nicht so viel verändern – läuft’. „Und dann”, erinnert sich Jan, als würde es ihn immer noch aus den Socken hauen, „dann kam dieses Monsterding.”
Heute ist man zu viert vor Ort. Neben Jan sind auch Chiara, Joni und Nürni da. Auf der Agenda steht: Auflagen der Lebensmittelbehörde umsetzen. Über dem Café muss ein Dach gebaut werden, damit es nicht reinregnen kann. Mit den neuen Möglichkeiten eines festen Standpunktes kommen natürlich auch neue Aufgaben hinzu.
„Aus einem großen Freundeskreis ist ein noch größerer entstanden. Jetzt eben mit 50 statt fünf Mitgliedern”
Jan macht sich an der streikenden Kaffeemaschine zu schaffen. „Der Fokus liegt schon auf dem Gemeinschaftlichen”, sagt er. „Irgendwas zusammen machen und sich austoben. Einfach dieses Gefühl, eine Idee zu haben und sie umsetzen zu können. Und so war’s ja immer. Aus einem großen Freundeskreis ist ein noch größerer entstanden. Jetzt eben mit fünfzig statt fünf Mitgliedern. Wir haben nie nach Leuten gesucht, die kamen immer ganz organisch dazu und haben ihre Skills mit eingebracht. Klar ist Musik ein wichtiger Bestandteil, aber das Gemeinschaftliche steht im Zentrum. Gerade für Stadtkinder, die sonst gar nicht die Möglichkeit haben, sich in der Form auszuleben wie zum Beispiel auf dem Festival.”

Ein Gate fürs ganze Jahr
Über den Hof gelangen wir durch eine silberne Schiebetür. Sie ist nach Militärstandard gebaut und mit einem dezenten Zahlenschloss verhängt. Dahinter befinden sich die Räumlichkeiten des ehemaligen Bereitstellungskühlhauses. Früher wurden hier die Mahlzeiten nach der Zubereitung zwischengelagert, bevor sie ins Flugzeug gewandert sind. Hier und dort verweisen veraltete Schilder mit Aufschriften wie „Zutritt nur für Küchenpersonal” auf die einstige Nutzung. Nun lagert hier bei normaler Raumtemperatur das gesammelte Equipment des Kollektivs: Lautsprecher, Verstärker, Kabeltrommeln, Discokugeln.
Ein fester Standort bedeute für das Kollektiv vor allem Entlastung, so Jan. „Endlich liegt das gesamte Equipment an einem Ort, statt verstreut zwischen Berlin und dem Festivalgelände in Cottbus. Und es gibt nun einen Platz, an dem man regelmäßig zusammenkommt und immer jemanden antrifft. In den letzten Jahren war diese Nähe auf die vier bis sechs Wochen rund ums Sägewerk begrenzt. Jetzt kann diese gemeinsame Zeit einfach übers ganze Jahr wachsen.”

Neue Probleme tauchen zwar immer wieder auf. Allerdings seien viele dieser Probleme „einfach nur Probleme”, sagt Chiara, die sich zu uns gesellt hat. „Wir nehmen das meistens gar nicht wirklich als Hindernis wahr, sondern immer mit dem Mindset à la: ‚Das kriegen wir schon hin!’. Klar, man muss Geld, Energie und Kapazitäten reinstecken, aber bisher hat sich immer eine Lösung gefunden. Wir sind alle sehr optimistische und lösungsorientierte Personen.”
Kein falscher Ansatz, schließlich hat das Kollektiv große Pläne mit der Modellfläche Tegel. Zunächst steht der Wintermarkt an, aber auch ein Sauna-Festival schwebt als Idee in den Köpfen. Der Gedanke sei vor allem, hier nicht ausschließlich einen Club hinzustellen, sondern ein breit gefächertes Kulturangebot anzubieten: mit Lesungen, Workshops, Kinoabenden oder dem anstehenden Wintermarkt.

Ein Blick in die Zukunft
Die Party vergisst Khisdapaze trotzdem nicht. Durch die Tür zeigt mir Jan noch den Raum, der im nächsten Jahr als Indoor-Club in Betrieb genommen werden soll. Wo früher Klopse und Bolo zubereitet wurden, ist momentan noch Sperrzone. Was man von außen erkennt, macht gerade den Eindruck einer entkernten Enterprise. Aus der offenen Decke hängen Kabel, Ventilationssysteme und Dunstabzugsrohre. Aber nach Jans Erzählungen setzt sich auch in meinem Kopf ein Bild zusammen. Wie eine virtuelle Roomtour: hier der Floor, dort die Toiletten und gegenüber die Bar. Je mehr Zeit man mit den Menschen von Khisdapaze verbringt, desto stärker festigt sich das Gefühl: An diesem Ort kann wirklich etwas wachsen.
Das Khisdapaze-Kollektiv zeigt gerade, wie sich Clubkultur verändern kann, wenn Räume nicht nur verwaltet, sondern wirklich geöffnet werden. Was hier entsteht, ist weniger ein klassischer Club und mehr ein Möglichkeitsraum: ein Ort, an dem Gemeinschaft, Musik und Experiment aufeinandertreffen dürfen, ohne sich sofort der Logik von Profit oder Perfektion beugen zu müssen. Wenn das Kollektiv ab nächstem Jahr Innen- und Außenflächen voll nutzen kann, könnte TXL zu einem Beispiel dafür werden, wie dringend benötigte Freiräume in der Stadt neu gedacht – und vor allem neu belebt – werden müssen.

Die vier Khisdapaze-Mitglieder und ich lassen uns auf eine lederne Couch auf der Terrasse vor der Kantine sinken. Von hier aus kann man den gesamten ehemaligen Flugplatz überblicken. Kein Wind heute, klarer Himmel – eigentlich perfektes Landewetter. Ich frage, ob ich zukünftig – wenn hier zumindest musikalisch wieder abgehoben wird – mal auf der Gästeliste landen kann. Daraufhin antwortet Joni: „Gästeliste bekommen nur unsere Eltern, aber die müssen dafür auch mit anpacken.”
Der Khisdapaze Wintermarkt findet am 1. Adventswochenende 2025 am Samstag, den 29. November 2025, von 14 bis 22 Uhr und am Sonntag, den 30. November 2025, von 12 bis 20 Uhr statt. Der Eintritt erfolgt auf Spendenbasis.