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Im Rausch durch die Welt und zurück: Weggefährten erinnern sich an Monkey Maffia

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Thomas Sperling (Geschäftsführer im Kassablanca und Mitgründer von Freude am Tanzen)

Wir haben uns in den Zeiten kennengelernt, als das Kassablanca geschlossen war. So um 1993 herum. Da hat Sören oft im Keller eines ehemals besetzten Hauses aufgelegt. Wir trafen uns anschließend oft in einer alten Bunkeranlage in der Nähe von Apolda und wurden zu einer Gruppe, die sich nicht mehr aus den Augen verlor. Zwischen mir und Sören liegen neun Jahre Unterschied.

Sören hat bei uns im Kassablanca seinen zwölfmonatigen Zivildienst gemacht, und da herrschte mit Sicherheit eine andere Stimmung als im Krankenhaus. Es war auf eine andere Art anstrengend, weil Sören teilweise sechsmal die Woche arbeitete und mit der Leiter herumturnte, um Sachen auf- und abzuhängen. Allerdings machte er das unter einer anderen Prämisse: Es lief gute Musik, und er war umgeben von Leuten in seinem Alter, im selben Kosmos. Alle seine Freunde waren da, und abends blieb Sören natürlich auch. Es konnte auch mal vorkommen, dass er am nächsten Tag verschlief. Sören und Gabor waren damals noch sehr jung und wollten unterwegs sein, quatschen, Musik hören und etwas erleben.

„Sein gesamtes Auftreten war in keiner Weise aufgesetzt.”

In Jena hatten wir unsere Basis, und wir haben nie überlegt, woanders hinzugehen. Hier in Jena, mit dem Kassablanca, hat man uns Zeit gegeben. Wir haben uns gegenseitig immer unterstützt. Es war ein Schutzraum, in dem wir viel experimentieren und entwickeln konnten. Zudem war der musikalische Zugang in Jena offener.

1994 haben Sören und Gabor das erste Mal bei uns zusammen gespielt, und wenig später kam bereits die erste Platte. 1998 haben wir das Label Freude am Tanzen gegründet, und ab 2001 kam mit dem Plattenladen Fatplastics auch die Professionalisierung. Da war Sören 23 Jahre alt. Mit seinem Vater hat er das Gitter vorne am Laden angebracht und den Laden aufgemacht. Und der lief wirklich gut.

Sören hatte einen ganz besonderen Zugang zur Musik, vor allem beim Selektieren. Wie sie klingt und was zueinander passt. Er hat es wirklich geliebt und selbst viel getanzt, anstatt sich hinter dem DJ-Pult zu verstecken. Sein gesamtes Auftreten war zugleich in keiner Weise aufgesetzt. Es hat ihn bloß gefreut, wenn viele Menschen getanzt haben. Als Gabor und Sören bei uns im Kassablanca back-to-back gespielt haben, kamen teilweise bis zu 1000 Leute zu den Abenden.

Ihm gefiel es, verschiedene Stile mit vielen Breaks zu verbinden. Sein Sound war immer geerdet, und seine Wurzeln lagen eher im Hip-Hop und im House. Es konnte manchmal auch etwas anstrengend für die Gäste sein, wenn er unbedingt seinen Sound spielen wollte, diese Variabilität in seinen Sets. Dann haben die Gäste am Ende des Abends aber vielleicht etwas mehr mitgenommen.

Die Vielfältigkeit seiner Musik hat mich auf jeden Fall geprägt. Auch heute noch, im Nachgang merkt man an seinen wenigen Veröffentlichungen, wie großartig seine Musik war. Es brauchte immer seine Zeit, bis er Stücke herausbrachte, aber das Wenige, das in den 14 Jahren zustande kam, ist toll.

Ich habe nach seinem Tod eine große Anteilnahme gesehen. Viele haben sich dazu geäußert. Als wir im Kassablanca den Gedenktag veranstaltet haben, kamen 250 Leute, ohne dass wir es groß angekündigt hatten. Das war ein krasser Moment. Die Menschen standen da, es lief Ambient-Musik und sie haben zugehört.

Wenn ich an die Zeit zurück und an Sören denke, sehe ich ihn immer tanzen. Er war richtig beweglich und hatte viel Energie. Diese Momente des Glücks, wenn er bei schöner Musik von anderen oder zu seiner eigenen tanzte und Freude empfand.

Mathias Kaden (DJ und Produzent)

Mathias Kaden (links) und Sören Bodner (Foto: Privat)

Ich habe Sören seit Ende der Neunziger oft als Wighnomy Brothers gesehen oder beim Auflegen gehört. Persönlich haben wir uns allerdings erst 2002 kennengelernt. Ich fing damals an meine Platten im Fatplastics in Jena zu kaufen, und Sören hat mich immer gut beraten. Er hat genau die Platten für mich gefunden, die ich selbst nicht gehört hätte. Das Fatplastics war für mich wie ein Zuhause.

Sören war damals immer ein ausgeglichener, ruhiger Typ – außer hinter den Plattentellern. Dort kam der berühmte Monkey raus. Ich habe selbst zehn Jahre lang meine Veranstaltung „Klanglauf” im Kassablanca gehostet. Das war damals eine tolle Zeit. Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich mit Sören im Kassa gespielt habe oder wie oft wir uns zu unseren Gigs gesehen haben. Wir waren eine Gang, die sich über viele Jahre unterstützt hat, wo es nur ging. Es war Sörens Heimat, und das war zu spüren, als er auflegte.

„So stressig es in diesem Moment war, so lustig war es im Nachhinein.”

Musik war Sörens Leben. Er hat es nie groß raushängen lassen, aber er wusste alles! Er war immer wissbegierig und interessiert, auch an dem, was wir beim Touren erlebt haben. Wir haben uns miteinander ausgetauscht und darüber geredet, welche Trends und Einflüsse interessant, gut oder schlecht waren. Was der Puls der Zeit gerade vorgab. Sein tägliches Dasein im Plattenladen hat das Ganze natürlich immer noch verstärkt.

Sören war ein ganz typischer B-Seiten-Vinyl-Spieler, der sich immer anders als andere DJs anhörte. Er spielte Songs, die wir gar nicht auf dem Schirm hatten. Die großen Hits hat er oft gemieden. Dadurch war es immer speziell und anders, wenn Sören als Monkey Maffia aufgelegt hat. Er war der typische DJ’s DJ. Dafür haben wir ihn respektiert und geliebt! Viel Breakbeats und Electro. Das war sein Markenzeichen, wenn er alleine auflegte.

Ich habe so viele schöne Erinnerungen. Einmal haben wir in Moskau unseren Rückflug verpasst, weil wir vergessen hatten, die Uhren zurückzustellen. So stressig wie es in diesem Moment war, so lustig war es im Nachhinein. Oder in den späteren Zehnerjahren, wo wir oft Toastbrot vor dem Gig besorgen mussten, damit die Plattenspieler für Sören stabil liefen. Alleine wie es immer aussah, wenn Sören gespielt hatte. Er hat es einfach nicht geschafft, beim Auflegen die Platten in ihre Hüllen zu stecken. Es war für uns alle eine Fleißarbeit im leichten Delirium, die richtige Platte und die richtige Hülle zu finden.

Diese Leute hatten Freude am Tanzen (Foto: Privat)

Wir waren damals mit Freude am Tanzen auf einer Erfolgswelle. Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, ob vor oder hinter den Kulissen. Ich glaube, auf dieser Überholspur, auf der wir bestimmt 15 Jahre lang fuhren, haben wir oft nicht die Zeit gehabt, alles so richtig zu genießen. Speziell für mich fühlt es sich weiterhin so unwirklich an, aber die Chance, mit ihm noch einmal zu sprechen oder Sören einfach nur zu drücken, wird es nie wieder geben.

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