Eine direkte wie unverstellte Mischung von cinematischen Synthesizern und klassischem Instrumentalgegniedel aus modalem Jazz, Exotica und Psychedelik-Improv-Freakout nach Art der Grateful Dead hat der kalifornische Gitarrist Ori Barel im Portfolio. Mit gelegentlicher Unterstützung eines Drummers, eines Percussionisten und eines Trompeters spielt Barel auf Bronze, Beige, Morse (Unseen Worlds, 20. Juni) doch die wesentlichen Bestandteile seines Sounds, also leicht verzerrte, röhrenverstärkte E-Gitarre und Modularsystem, was nicht nur eine beeindruckende Beherrschung der Maschinen offenbart, sondern mehr noch einen hochgradig originellen und eigenwilligen Sound hervorbringt.
Der Berliner Electronica-Pop-Soul-Tausendsassa Patrick Rasmussen alias Raz Ohara pflegt heuer ebenfalls einen lässig-jazzigen Analog-Sound aus Vintage-Synthesizern und fluffigen House-Beats, der es schafft, zwischen hibbelig und entspannt hin und her zu schalten, ohne je unsouverän nervös zu werden. Von den Feinheiten der Produktion und der instrumentalen Technik, vom musikalischen Rundum-Können her bewegt sich Memories Of Tomorrow (House Of Frequency, 11. Juli) daher auf einem Niveau mit etwa DJ Koze oder Bonobo, wo alles kann, nichts muss und doch manches möglich ist zwischen Deep House, zeitgenössischem R’n’B, Jazz, Soul, Funk und Indie-Folk- und Pop-Songwriting.
Carry Them With Us, das klanglich kompromisslose wie kompositorisch stringent-strenge Debüt der schottischen Experimental-Folk-Komponistin und Sackpfeifen-Virtuosin Brìghde Chaimbeul, war ein überraschend weitreichender Crossover-Erfolg und im vergangenen Jahr ein Bestseller für ihr Label. Die enorme musikalische Selbstsicherheit, die Chaimbeul mit gerade mal Anfang zwanzig dabei demonstrierte, macht wohl auch aus, dass ihr zweites Album Sunwise (Glitterbeat, 27. Juni) nicht weniger konsequent und dabei offenbar völlig frei von Erwartungsdruck aufspielt. Allein die Produktion ist etwas weniger rau und tiefenschärfer, was den Stücken definitiv guttut. Sie bleiben weiterhin die futuristisch-abstrakte Dudelsack-Folklore aus den Highlands ferngalaktischer Space-Aliens, für die man Chaimbeuls Debüt so liebte.
Neue Musik aus Köln. Eher unauffällig, aber doch in erfreulichem Ausmaß entstand in den letzten Jahren ein loser Zusammenhang aus bestens ausgebildeten, gerne in diversen Konstellationen kollaborierenden Musiker:innen und Komponist:innen, die es nicht mehr für nötig befinden, für ihre Arbeit lautstarke Positionierungen, institutionalisierte Selbstbespiegelung oder Abgrenzungen irgendeiner Art herausstellen zu müssen. So sind Annie Bloch & Emily Wittbrodt gleichermaßen in Jazz, Elektroakustik und zeitgenössischer Komposition zu Hause, und machen nicht nur nebenbei noch jazzigsmoothen Indie-Folk-Pop der leiseren Art – Blochs jüngstes Solo-Album I Depend ist ein Geheimtipp für Menschen, die die introvertierteren Stücke von Masha Qrella, Lisa Harres, Big Thief oder Cindy Lee schätzen.
Auf ihren gelernten Instrumenten Orgel und Cello nehmen sich Bloch und Wittbrodt im The Mendelssohn-Project (sts|sts records, 27. Juni) dem Präludium und Fuge in c-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy an. Dass diese Arbeit auf dem jungen Kölner Jazz-Label sts|sts von Pascal Klewer erscheint, ist ebenfalls kein Zufall. Denn über die Werktreue regulärer Klassik-Interpretation geht das Album improvisatorisch und kompositorisch weit hinaus, lässt das Original aber jederzeit als solches erkennbar im Zentrum stehen.
Als Musiker und Produzent in der kosmopolitischen wie krisengebeutelten Metropole Beirut hat Sary Moussa eine ganz spezielle Sichtweise auf europäische Tradition und Moderne, auf Elektroakustik und (Neo-)Klassik. Wind, Again (Other People, 27. Juni), Moussas zweites Album für Nicolas Jaars weitblickendes Label macht daher keine Kompromisse, was Komplexität und Dichte des Sounds angeht. Im Maßstab der westlichen Digital-Collage- oder Soundprocessing-Avantgarden wäre das Album jeweils ganz weit vorne. Moussa taucht die hibbeligen, knarzigen, frei quietschenden Klangpartikel jedoch in tiefste Melancholie, in sublimierte Trauer, in schmerzvolle Schönheit, die vielen, wenn nicht sogar den meisten der hiesigen Neutöner abgeht.
Das kanadische Streicher-Ensemble Quatuor Bozzini ist ein überraschend regelmäßiger Gast in dieser Kolumne. Es liegt wohl daran, dass die vier Musikerinnen und Musiker – obwohl fest in der zeitgenössischen Neue-Musik-Szene eingebettet – doch immer wieder Werke, etwa von Éliane Radigue, Phill Niblock, Alvin Lucier oder Jürg Frey, interpretieren, die jenseits eines akademischen Modernismus spielen und mit Strukturen experimenteller elektronischer Musik, Drone, Ambient oder Jazz arbeiten. Ähnliches gilt für die sogenannte Neoklassik, der sich das Quartett von der Seite der Avantgarde her annähert. Die Songs and Quartets (Collection QB, 27. Juni) des kanadischen Komponisten Owen Underhill sind nämlich trotz oder wegen ihrer Referenzen auf den notorischen Avantgardisten John Cage tatsächlich so subtil, dass sie jede Neoklassik-Playlist immens aufwerten würden, ohne sie disruptiv zu verstören.