Ein stillschweigender Konsens, der sich in dieser Kolumne über die Jahre, Herausgeber, Autorinnen und Autoren hinweg gehalten hat, war Jazz. Der gehört nämlich nativ hier hinein, gerade auch in klassischer, nicht-elektronischer Form. Ein kleines Special möchte ich daher dem akustischen Kleinensemble-Jazz und seiner avantgardistischen Schwester, der freien Improvisation widmen. Um alles, was zwischen diesen beiden Polen spielt, macht sich seit einigen Jahren der Staatsakt.-Ableger Fun in the Church verdient. Zum Beispiel mit dem Albumdebüt der Solo-Posaunistin Maxine Troglauer. Ihre Hymn (6. Juni) oszilliert virtuos zwischen dräuendem Posaunen-Drone, Free-Improv-Ausbrüchen und Folk-Idyll, bleibt darin aber jederzeit lässig und entspannt.
Noch tiefer eingebettet in Folklore und Volksmusik ist der vielstimmige Traditions-Modernismus des Trompeters und Bandleaders Richard Koch. Auf Rays of Light (4. Juli) sind quietsch-knatternde Powerplay-Passagen, die Instrumente und Personal an ihre Grenzen bringen, eben selbstverständlicher Bestandteil leichter Songstrukturen aus Ländler und Folk. Eine gewisse Nachbarschaft zur deutsch-japanischen DIY-Blaskapellenkultur ist nicht zu überhören.
Eine Tradition, die fast nur in Jazz und freier Improvisation heimisch ist, ist der One Take: die Live-Improvisation ohne vorherige Absprache, ohne vorigen Test, allein auf der Basis eines Grundstocks an musikalischem Material, auf das man sich vorab geeinigt hat. Wie beim ersten gemeinsamen Konzert von Maggie Nicols & Dan Johnson in einer Kathedrale in Bristol – Fun in the Church also auch hier. Die altgediente Stimm-Improvisateurin und Pianistin und der eine Generation jüngere Perkussionist finden auf Contact (TBC Editions, 16. Mai) ganz langsam zusammen, umkreisen sich erst ausprobierend, um endlich in heftigen Ausbrüchen und wiederum langen Passagen von Beinahe-Stille einen genuin gemeinsamen Pfad zu finden.
Noch etwas extremer, aber immer extrem verspielt und frei sind die Vokal-Kompositionen der kanadischen Avantgarde-Altmeisterin Joane Hétu, auf Elle a son mot à dire (Ambiances Magnétiques, 27. Juni) mit Schlagwerkern und halbelektronischem Ensemble verbunden. Wie bei Nicols & Johnson: Passagenweise durchaus anstrengender, doch immer lohnender Klangextremismus.
Eine der ungewöhnlichsten und darin vielleicht zwingendsten Ideen von Jazz und freier Improvisation in und zu Songs kommt zurzeit vom australischen Duo Zöj. Für ihr zweites Album Give Water To Birds (Parenthèses, 20. Juni) haben Sängerin Gelareh Pour an der Kamancheh, einem mittelasiatischen Saiteninstrument persischen Ursprungs, und Brian O’Dwyer am Schlagwerk sich von Gitarrist Brett Langsford unterstützen lassen. Doch auch in dieser dichteren, üppigeren Besetzung haben ihre frei assoziierten Stücke nichts von ihrer hochkonzentrierten Stille verloren. Es sind Klänge, die auf Herkunft und Tradition verweisen, aber doch universell verständlich, global werden, ohne jede Exotik. Es sind fragile Sehnsuchtsklänge kurz vor dem Auseinanderfallen und doch extrem fokussiert, ganz beisammen, bei sich. Liegt darin der Schlüssel zu außergewöhnlicher Schönheit? Zöj sind jedenfalls näher daran als die meisten, es herauszufinden.
Das kanadische Duo mit dem augenzwinkernden Namen Orchestroll legt Jazz als elektronisches und erzählendes Genre aus – in üppigen instrumentalen Track-Songs, die für sich einen Spannungsbogen entwerfen und in zahlreichen kleinen hintergründigen Details eine quasi-filmische Handlung ablaufen lassen. Für ihr zweites Album Corrosiv (29 Speedway, 30. Mai) haben sich Jesse Osborne-Lanthier und Asaël Richard-Robitaille mit dem italienischen Post-Club-Produzenten Heith zum Trio erweitert und ihren Sound noch weiter zwischen Dark Ambient, Post-Rock und orchestralem Glitch entwickelt. Es ist eine weitere Facette vielseitiger wie produktiver Vielfachkünstler, die ansonsten bei der Neo-Shoegaze-Ikone Anna Arrobas, im Techno-Darkwave-Techno Projekt L’Œil Nu (bekannt durch die Kollaboration mit Marie Davidson), oder im Neo-Witch-House-Duo Baal Astarté (mit RAMZi) spielen. Geballte Darkness-Kompetenz also, die da souverän zusammenkommt.