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Motherboard: August 2025

Es gibt mehr als einen Weg des Widerstands. Zum Beispiel durch Kultur. Der inhumanen Brutalität des Kriegs trotzen durch Konzerte, Techno-Partys, Theater und mehr, durch ein Dasein als Avantgarde eines zugleich freiwilligen wie erzwungenen Elektronik-Undergrounds. Die Dokumentation von Roberto Rigon und die Soundtrack-Kompilation Resilient Resistance OST (BSR, 27. Juni) auf dem Mailänder Label-und-mehr Zusammenhang Burro Studio Radio, zusammengestellt von DJ und Produzent GNMR, bringt die Praxis des kulturellen Widerstands in der Ukraine auf den Punkt. Die Formen, in denen dieser zutage tritt, sind Techno, Post Club und IDM. Es ist ein kleiner Ausschnitt und doch eine vielsagende und wichtige Bestandsaufnahme dessen, was möglich ist in Zeiten des Krieges. Sämtliche Erlöse des Albums gehen an Hilfsorganisationen in der Ukraine.

Spannend, wer sich so trifft und was dabei herauskommt. Etwa im Fall von Marc Elsner & Kimi Recor. Der Berliner Produzent, der seit den frühen Neunzigern für eine ziemlich große Bandbreite von Indie-Produktionen verantwortlich zeichnet, etwa den Neo-Schlager-Noiserock-Klassiker Hauptsache Musik von Mutter, aber auch einige Alben der klamaukigen Country-Punker Mr. Ed Jumps the Gun, und die Minimal- und Dark-Wave-Singer-Songwriterin, zum Beispiel bei DRÆMINGS, aber auch schon mit Techno-Producer John Tejada, bewegen sich auf ihrem lapidar i. (Wandering Astray, 1. August) betitelten Debütalbum jenseits aller erwartbaren Schnittmengen ihres jeweiligen Sounds. Die fünf Stücke, alle um die zehn Minuten Laufzeit, explorieren Raum und Zeit in sehr dunklen Klangräumen. Es sind lange, schwere Drones aus Stimme und einer Fülle kaum mehr als solcher identifizierbarer Klangmoleküle. Es ist Begleitmusik zu einer Kunstinstallation, also spezifische Klänge zu einer spezifischen Situation, gleichzeitig aber viel mehr, desorientierende Raumklangstücke von immenser Intensität und Detailfülle.

Mansur, das experimentelle Trip-Hop-meets-Folklore-Projekt des Dark-Jazzers Jason Kohnen, von Doom-Drone-Folkie Dimitry El-Demerdashi und der ungarischen Metal-Vokalistin Martina Horváth, geht auf Pentatonic Ruins (Denovali, 22. Juni) dermaßen in die Vollen, dass ihre vorigen musikalischen Emanationen beinahe wie Vorgeplänkel wirken. Vielleicht weil sich die Stücke mehr als zuvor fragmentarisch zersplitterten Songs annähern, aber doch abstrakte Experimental-Tracks bleiben. Vielleicht auch weil Horváths mächtige Stimme ihnen Struktur und Leitlinien gibt. Dürfen wir das „Tribal-Hop” nennen, oder ist das schon zu käsig für eine derart eigenwillige, tiefenschöne und dunkelernste Musik?

Müssen Hyper-Pop, EDM und Cyber-Glitch noch experimentell dekonstruiert werden? Vermutlich nicht, aber es macht immens Laune, es trotzdem zu tun. Hat sich vermutlich Keith Rankin aus Columbus, Ohio so gedacht. Der ist nicht nur Grafiker und Mitbetreiber von Orange Milk Records, sondern noch selbst Produzent und digitaler Loop-Virtuose bei den Progvapor-Pionieren Death’s Dynamic Shroud (.wmv). Decadent Stress Chamber (Orange Milk, 24. Juli), sein fünftes Langwerk unter seinem Solo-Alias Giant Claw, plündert wiederum in den von Goldstaubzucker überzogenen Schatzkistchen der Achtziger, ohne speziell nach Vaporwave oder zynischer Appropriationskunst zu klingen.

Im Gegenteil, die kreischenden Gitarrensoli, hoch- und runtergepitchten Vocals, die Klatschbumm-Drummachine mit den langen Hallfahnen, die verzerrten Funkdaumen-Bässe – sie alle sind in den allfälligen, nach 8-Bit-Ära klingenden Sample-Krawall bestens eingebunden und gelieren tatsächlich früher oder später zu Songs. Ein absurder Sound, der trotzdem oder gerade deswegen bestens funktioniert, weil er das Hochauflösend-Brillante mit dem Schmutzig-Verzerrten bestens zu kombinieren weiß. Und das in extrem verdichteten Stücken, aus denen andere Producer mindestens drei oder vier separate Tracks machen würden.

Die exzellente Leuchtturmarbeit, die Lawrence Englishs Label vom anderen Ende des Globus aus im Ozean des Subtilen leistet – also was Room40 an Sound Art, Ambient, Field Recording, Improv und Elektroakustik herausbringt –, kann kaum überbewertet werden. Aus der Fülle an Qualität möchte ich dieses Mal drei Veröffentlichungen herausgreifen, die für die stilistische Masse im stets zart-pastellgrau bebilderten Covereinerlei stehen. Die zeitweise in Berlin lebende US-amerikanische Bassistin Sadie Powers etwa baut auf Souvenir (Room40, 9. Mai) tiefe Drones, in deren Zentrum ein bundloser Bass steht. Also das (wahlweise) New-Age-Hölleninstrument der Achtziger oder das flexibelste, gummiartigste Ding, das alles zwischen Funk und Punk zu besserer Menschenmusik macht. Bei Powers ist es selbstverständlich weder noch. Souvenir baut fließende, langformatige Stücke feinster Textur, in denen der „Fretless” zwar durchaus nach sich selbst klingen darf, aber nicht als klanglicher Selbstzweck agiert.

Christina Giannone, die von Brooklyn aus die Welt mit kosmisch-atmosphärischen Drones aus analogen und synthetischen Quellen überzieht, packt auf The Opal Amulet (Room40, 30. Mai) den noisigen Teil ihres Repertoires aus. Beunruhigendes Wummern und Grollen unter einem Teilchenstrom, dessen Bestandteile immer nur beinahe wiedererkennbar sind. Die Australierin Madeleine Cocolas arbeitet auf Syndesis (Room40, 1. August) mit Field Recordings, Synthesizern und digitalem Soundprocessing. Daraus ergeben sich letztlich ebenfalls sehr reichhaltige Ambient-Drone-Stücke, deren einfache Verständlichkeit über die innere Komplexität hinwegtäuscht.

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