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Nation of Gondwana 2025: Ein Herz, das für- und miteinander schlägt

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Die Nation of Gondwana findet das letzte Mal statt? Das raunte zumindest ein RBB-Beitrag nur wenige Tage vor Festivalbeginn, der viele verwirrte und traurige Mienen verursachte. Entwarnung dann vor Ort: Nach der ersten Nacht auf dem Acker ließ Festival-Mitgründer Markus Ossevorth vor der alljährlichen Performance des Grünefelder Frauenchors, dazu unten mehr, verlauten, dass er sich schon auf die nächste Ausgabe freue. Und nach dem Festival verkündeten die Pyonen voller Zuversicht das Datum für 2026. Erleichterung allenthalben, gemischt mit einer Prise des altbekannten Vertrauens auf den schief hängenden, surrealen Status Quo zwischen Strand, Birke und Wiese.

Auch die GROOVE war vor Ort, überall und nirgendwo. Wie wir das Festival erlebten, lest ihr im Folgenden – aus drei gänzlich unterschiedlichen Perspektiven.

Sehen oder nicht sehen, das ist hier die Frage

Vom wochenlangen Regen, der bis dato weiten Teilen Mitteleuropas und auch dem brandenburgischen Grünefeld den Sommer kräftig vermiest hatte, merkte man am Veranstaltungswochenende der Nation of Gondwana absolut gar nichts mehr. Die Sonne schien, als hätte sie nie etwas anderes getan, zumindest bis zum Sonntagnachmittag. Und trotz widrigster Bedingungen während des Aufbaus präsentierte sich das Gelände letztlich in seiner verspielten Schönheit: Ein bisschen hippie, ein bisschen DIY, ein bisschen artsy, vor allem aber mit merklicher Liebe zum Detail und auf eine Art sympathisch mühelos in die Gegend hineingewürfelt.

Dieser äußerlich vielschichtigen Form folgte ein nicht weniger vielschichtiger Inhalt: Ein Publikum, das ebenso auf seine eigene angenehme Weise ein breites Spektrum abbildete, Alter, Geschlecht und Mode betreffend. Alles in allem perfekte Bedingungen für die Nation of Gondwana als utopisches Paralleluniversum abseits mainstreamiger Festivallogiken.

Bühne für alle

Doch so unterschiedlich und auffällig die einzelnen Bühnen auch gestaltet waren, ließ sich bei einigen durchaus eine Gemeinsamkeit erkennen: Stages wie „Bei Birke” oder „Wiese”, zwei der größeren des Festivals, schienen sich in ihrem Aufbau vom klassischen Bühnenbegriff lösen zu wollen. Ob bewusst oder unbewusst, sei mal dahingestellt.

Was aber meint Bühne im klassischen Sinne überhaupt? Allgemein könnte man sagen: Einen klar vom Zuschauer:innenraum abgegrenzten Bereich zur Inszenierung von Darbietungen aller Art. Und kramt man im eigenen Kopf, landet man ziemlich sicher bei einer ähnlich klassischen Vorstellung, nämlich der Bühne als klar definiertem Raum für eine:n oder mehrere Künstler:innen. Der Publikumsraum bleibt dabei außen vor. Doch auf der Nation schien dieses Verständnis von Bühne aufgelöst oder zumindest teilweise hinterfragt worden zu sein.

Keine klassische Bühne: Die Wiese auf der Nation of Gondwana 2025 (Foto: Ringo Stephan)
Keine klassische Bühne: Bei Birke auf der Nation of Gondwana 2025 (Foto: Ringo Stephan)

Der Fokus lag bei den oben genannten Stages nicht primär auf den Artists. Stattdessen rückte das Publikum stärker in den Mittelpunkt, wodurch sich der Begriff spürbar erweiterte. „Bühne” bezog sich nicht mehr nur auf den Bereich für die Künstler:innen, sondern schloss den Raum für das Publikum mit ein. Aufgehoben wurde diese Trennung vor allem durch die visuell aufwendig inszenierten Bühnenvorräume und die darin aufgehenden – manchmal auch untergehenden – tatsächlichen Bühnen.

Wer sich Bei Birke oder Wiese näherte, hatte es im Dunkeln und bei großem Andrang nicht leicht, sich in Richtung Artist zu orientieren. Denn auch Licht und Sound kamen hauptsächlich dezentral aus den Bühnenvorräumen. Und zusätzlich schienen einige Besucher:innen eine ähnliche Agenda wie die Bühnenarchitektur zu verfolgen: Sich, wie auch immer, zu dezentralisieren; was es nicht leichter machte, einen Blick auf die Artists zu erhaschen.

Die DJs selbst waren teilweise kaum oder, je nach Tages- oder Nachtzeit, nur als schemenhafte Gestalten zu erkennen. Manchmal gingen sie auch wortwörtlich in der Crowd unter, sofern man nicht in einer der ersten Reihen stand. So rückten automatisch die Musik, das eigene Tanzen und das der Nachbartänzer:innen stärker in den Fokus. Das Verhältnis zwischen Performer:innen und Crowd wirkte also in gewisser Weise neu verhandelt.

Pro anti-Star

Erfrischend, könnte man meinen und ist schnell versucht, die Pro-Position für diese Art der Bühnengestaltung als die intellektuell richtige zu begreifen. Will man sich ja gerade in dieser Szene als anti-Mainstream und anti-Starkult verstehen. Denn es soll zumindest theoretisch um die Musik als Selbstzweck gehen, um das Aufgehen in der Masse, in der Community. Nicht um Einzelpersonen, nicht um Egos. Im Zentrum steht das gemeinsame Gesamterlebnis.

Diese Haltung scheint eine solche Bühnengestaltung hin zum kollektiven Raum punktgenau zu unterstreichen. Vielleicht wirkt es auf den ersten Blick aber auch einfacher, als es tatsächlich ist.

Nicht vor den Bühnen desorientierten Projektionen, auch der See wurde bespielt (Foto: Ringo Stephan)
Nicht vor den Bühnen desorientierten Projektionen, auch der See wurde bespielt (Foto: Ringo Stephan)

Sichtbarkeit als künstlerische Notwendigkeit

Denn vielleicht wirkt es im utopischen Raum der Nation of Gondwana weit hergeholt. Aber in einer Welt, in der längst nicht mehr klar ist, ob ein Bild, ein Track oder ein Text noch einen menschlichen Ursprung hat, scheint physische Präsenz wichtiger denn je. Und dazu gehört eben auch, Artists bei der Ausübung ihrer Kunst klar sehen zu können. Nicht um irgendeinen Starstatus zu zementieren, sondern um sichtbar zu machen: Kunst, egal welcher Art, kommt nicht aus dem Nichts. Sie ist das Ergebnis menschlicher Mühe, Arbeit und kreativer Leistung. Und genau das darf und soll man sehen.

Die Bestrebung, klassische Bühnenkonzepte zugunsten kollektiver Erlebnisse zu öffnen, ist natürlich trotzdem sinnvoll und absolut nachvollziehbar. Vielleicht braucht es aber gerade jetzt Räume, die beides leisten können: Gemeinschaftlichkeit und Sichtbarkeit. Denn künstlerisches Schaffen entfaltet seine Wirkung nicht zuletzt, wenn es als solches erkannt und anerkannt werden kann. Dominika Huber

Sonnen- und Schattenseiten

​​Festivals haben bekanntermaßen ihre Sonnen- und ihre Schattenseiten. Wobei die Schattenseiten gut wie auch schlecht gemeint sein können. Eine wäre das morgendliche Aufwachen nach durchzechter Nacht im kochend heißen Zelt. Dass man sich aber auch immer direkt so hinreißen lassen muss, in dieser ersten Freitag-Nation of Gondwana-Nacht! Das Gute an der Schattenseite? Der Schatten, den der umwaldete See des Nation-Geländes anbietet. Wer es einigermaßen rechtzeitig schafft, sich aus der Ackerhitze dorthin zu schleppen, kann bei leichten Böen herrlich weiterdösen und auskatern, und, wenn der innere Schweinehund es schon hergibt, sich ins Wasser rollen, um so langsam wieder in den eigenen Körper zurückzufinden.

Planschen im See aus der Egoperspektive (Foto: Maxine Stiller)
Noch rollt hier niemand: Planschen im See aus der Egoperspektive (Foto: Maxine Stiller)

Gegenüber, in 200 Metern Entfernung liegend: Die Seebühne, in deren Areal langsam ebenfalls das Leben zurückkehrt. Die Nation macht traditionellerweise eine Musikpause von später Freitagnacht bis zum Auftritt des Grünefelder Frauenchors, dem urig-charmanten Teilstrang der Nation of Gondwana-DNA. Hat der Kopf und Gründer des Festivals seine kurze Ansprache beendet, übrigens mit verdientem Fokus auf dem Team, das eine Woche lang, bei weitestgehend durchgehender Nässe, die physische Grundlage für die Realitätsflucht zusammengezimmert hatte, übernimmt der Chor das Ruder. Gute 30 Minuten werden Klassiker und neue Stücke gesungen, Solo-Einlagen inklusive. Der abfallende Sandstrand der Seebühne hatte sich wie jedes Jahr zur Gänze gefüllt. Die Begeisterung ist wie immer, verdient, groß. Der gefühlte Verlust großer Solidarzusammenhänge in unserer Welt heute: ausgesetzt. Hier klopft noch immer ein Herz, das für- und miteinander schlägt.

Der Grünefelder Frauenchor (Foto: Maxine Stiller)
Urig-charmanter Teilstrang der Nation-DNA: Der Grünefelder Frauenchor (Foto: Maxine Stiller)

Ein anderes Identitätsmerkmal der Nation of Gondwana ist ihr verlässlich hochwertiges Booking. Als die letzten Töne des Chors verklingen und der Applaus abgeebbt ist, übernimmt die Portugiesin Yen Sung die Turntables auf der Seebühne. Und sie trifft für meinen Geschmack genau die richtigen Töne für diesen Wiederanfang, um Körper und Geist langsam, aber sicher wirklich wieder in Gang zu bringen. Balearisches trifft auf Chicago House trifft auf Tribalistisches. Von hier drüben, wo der Sound immer noch ausreichend kraftvoll über das Wasser geschossen kommt, vermute ich gar, mit leeren Handy im Zelt und ohne Festivalbooklet, Chez Damier würde bereits spielen.

Zwei Stunden später wurde genug im Schatten rumgelungert. Um den falschen Chez zumindest noch eine Weile richtig mitzubekommen, wird die Seeseite gewechselt und endlich begonnen, barfuß im Sand zu tanzen. Eine schöne Überraschung, da hat jemand anders ihre Künste unter Beweis gestellt und ein großartiges Warm-up-Set gezaubert. Bleibt nur zu sagen: Danke, Yen Sung, du hast mich mit deiner Selektion in die Realitätsflucht zurückgebeamt. Nathanael Stute

Zuhause für Freigeister

​​Nach einer intensiven Samstagnacht auf dem Mainfloor mit Acts wie Fadi Mohem, DVS1 und Blasha & Allatt folgt ein kurzer Schlaf im Zelt – und schon ist der gestandene Raver wieder auf den Beinen. Geluncht wird zu voluminösem Progressive Trance auf dem Floor bei Birke, bevor es weitergeht zum b2b der US-Amerikanerin Mor Elian und des italienischen Groove-Techno-Neuzuwachses Alarico. Der Dancefloor nimmt Fahrt auf, und die beiden überzeugen mit fein kuratiertem Garage, fernab ihrer sonst so spezifischen Musikstile – vor allem des sonst so präzise ausgeführten Groove-Technos von Alarico. Beide Künstler:innen treffen sich mit Garage-House irgendwo in der Mitte und machen damit nichts falsch – der perfekte Sound für einen Mittag, an dem die Sonne dem einen oder der anderen schon ein wenig zu schaffen macht. Und der Tag ist ja noch lang.

Der Beachfloor auf der Nation of Gondwana 2025 (Foto: Maxine Stiller)
Der Beachfloor auf der Nation of Gondwana 2025 (Foto: Maxine Stiller)

Die zweite Hälfte des Sets verbringe ich in der Hängematte liegend. Während der Bass durch die Baumwipfel scheppert, bleibt Zeit, die anderen Festivalgänger:innen zu inspizieren: Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass das Publikum älter ist als auf vielen anderen Festivals. Man sieht viele Alt-Raver:innen, die mit ihren Freund:innen oder Partner:innen unterwegs sind – entspannt, stilbewusst, manche etwas derangiert, andere überraschend gepflegt. Generell entsteht der Eindruck: Die Nation ist ein Zuhause für viele unterschiedliche Freigeister.

Alle wirken auf eine eigene Weise alternativ, aber es gibt keine einheitliche Ästhetik. Es bildet sich vielmehr ein Kaleidoskop an Stilen, das zeigt, wie divers die Szene und das ihr zugrundeliegende Verständnis geworden sind. Auch fällt auf, dass kaum Englisch gesprochen wird. Man hört viel Berliner Dialekt, manchmal blinkt sächsischer Dialekt auf. Man merkt: Die Nation ist ein Festival von hier, für die Leute von hier, mit dem primären Fokus, zu tanzen. Ein deutsches Festival, das sich keine Mühe gibt, international zu sein – außer beim Booking. Und das ist auch gut so. Vincent Frisch

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