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Chimaera: Ein liebevoller Mikrokosmos, der sich jedes Jahr weiterträgt

Es ist so etwas wie das gallische Dorf, das sich einfach nicht vom Kommerz einnehmen lassen will: Zum dritten Mal findet vom 15. bis 17. August das Chimaera im brandenburgischen Friedland statt. Mit einem klaren Fokus auf Begegnung und Gemeinschaft und als „Plattform für Lieblingskünstler:innen” widersetzt sich das Team hinter dem Festival den Regeln der durchrationalisierten Festivallandschaft.

Wir haben mit den Macher:innen des Chimaera darüber gesprochen, wie sie ihr Ideal vom „Ausflugsort für Freund:innen” mit Leben füllen, wie sie das Festival nachhaltig gestalten wollen und was sie in den drei Jahren seit der Erstausgabe gelernt haben.

GROOVE: Ihr habt vor drei Jahren angefangen, Partys und das Festival zu veranstalten. Was hat euch dazu bewogen?

Chimaera: Ein großer Teil des Impulses für die Chimaera-Gründung kommt ursprünglich aus Dresden, wo es eine lebendige Szene mit vielen Kollektiven gibt, auch fernab von Berlin und Leipzig. Der Sektor [Evolution, Anm.d.Red.], das objekt klein a und andere Clubs waren für uns eine besondere Spielwiese, auf der wir kleinere und größere Formate ausprobieren und untereinander kollaborieren konnten.

Während der Pandemie wurden aus diesen Zusammenschlüssen erste kleinere DIY-Festivals. Dabei entstand viel Know-How, Improvisationstalent, materielle und immaterielle Infrastruktur. Vor allem aber entstanden Freund:innenschaften über die Grenzen der bestehenden Kollektive hinaus. Das ist für das Chimaera konstituierend.

Immer mehr Menschen schlossen sich unserem Netzwerk an. Wir haben gespürt, dass wir etwas bewegen können. Viele Ressourcen waren bereits dezentralisiert in den Kollektiven vorhanden, und Menschen in anderen Projekten haben viel Organisationserfahrung gesammelt. Das Chimaera hat schließlich diese losen Fäden zusammengeführt und institutionalisiert sie als Dachverband in einem gemeinnützigen Verein.

Überrascht hat uns, dass wir den Rahmen für das Festival kaum verhandeln mussten, obwohl wir aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen kommen. Es war schnell klar, dass wir das basisdemokratisch machen, hundertprozentig ehrenamtlich, unkommerziell – mit Liebe zur Nische und Fokus auf die Community!

So sieht der Fokus auf die Community aus (Foto: Frederik Rauter)
So sieht Community aus (Foto: Frederik Rauter)

Wie seid ihr zum Veranstaltungsort, der Klingemühle im brandenburgischen Friedland, gekommen?

Die Suche nach einem passenden Gelände war unsere erste große Herausforderung. Über Kleinanzeigen kam ein Campingplatzbetreiber aus Sachsen auf uns zu, der sein Gelände mit uns gemeinsam entwickeln wollte. Doch bevor wir den Ticketvorverkauf starten konnten, organisierte sich eine Bürger:innenbewegung gegen unser Festival.

Also haben wir im März 2022 erst mal alle Pläne auf Eis gelegt und von vorn angefangen. Glücklicherweise sind wir irgendwann auf die Klingemühle gestoßen, ein Gelände mit richtig viel Charme, irgendwo zwischen DDR-Idylle und Ferien im Brandenburger Bungalowdorf. Die bereits vorhandene Infrastruktur hat uns vieles erleichtert. Seitdem ist die Klingemühle unser Zuhause. Wir nutzen das Gelände nicht alleine, sondern teilen es mit mehreren Festivals. So entsteht jedes Jahr etwas Neues: Mehr Floors, neue Bereiche, noch bessere Infrastruktur.

Eines der Soundsysteme auf dem Chimaera (Foto: Frederik Rauter)

Welche Entwicklung habt ihr dabei genommen? Was habt ihr in den letzten drei Jahren gelernt?

Wenn man ein komplett neues Festival startet, muss man erst mal Bekanntheit aufbauen. Bei uns kam hinzu, dass wir uns nach innen als Gruppe überhaupt finden, strukturieren und organisieren mussten. Das hat viel Mut und Mühe gekostet.

Neben der Planung des Festivals haben wir vier „Premaera”-Teaserpartys in Dresden, Leipzig und Rostock veranstaltet. Jede davon war für uns ein kleines Experimentierfeld: Wie klingt unser Sound? Was ist unser Vibe? Wie klappt die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe und mit anderen regionalen Crews? Diese Partys haben enorm geholfen, uns sichtbarer zu machen und als Team zusammenzuwachsen.

Trotzdem standen wir drei Monate vor der ersten Ausgabe mit weniger als 30 Prozent verkauften Tickets da und wurden langsam nervös. Auf den Partys vorher haben wir gespürt, dass wir eine gewisse Sehnsucht befriedigen, deswegen haben wir den Glauben an das Projekt nicht verloren. Am Ende war’s eine Punktlandung und wir waren ausverkauft. Dieses Vertrauen war und ist für uns ein zentrales Fundament.

Nach der ersten Chimaera-Edition waren wir abgekämpft und haben erst mal Urlaub gemacht und alles auf Sparflamme laufen lassen. Danach kamen überraschend viele Menschen auf uns zu, die Lust hatten, Teil des Orgateams zu werden. Jetzt ist unser Team größer, und die ehrenamtliche Arbeit verteilt sich auf mehr Schultern. Aktuell planen wir die dritte Runde Chimaera und haben inzwischen mehr Erfahrung. Wir lernen aber immer noch dazu und versuchen den Austausch mit unseren Gästen zu pflegen. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass das Festival hinter der Bühne lebt – das gilt besonders für ein komplett ehrenamtliches Festival!

Auch komplett ehrenamtlich aufgestellt: Diese Bühne auf dem Chimaera (Foto: Frederik Rauter)
Auch komplett ehrenamtlich aufgestellt: Diese Bühne auf dem Chimaera (Foto: Frederik Rauter)

Welchen Fokus hat das Festival? Was unterscheidet euch von anderen Festivals?

Das Chimaera ist inspiriert von Festivals, die wir selbst gerne besuchen oder vorher organisiert haben. Diese verschiedenen Inspirationen haben sich bei uns auf organische Weise zu etwas Eigenem verwoben. Von international bis regional, von genre-kennend bis genre-sprengend, von minimal bis maximal wollen wir die Balance finden, ohne kurzlebigen Trends hinterherzujagen. Das Ziel ist es, einen Vibe zu kreieren, der den Gästen das Gefühl gibt, mit guten Freund:innen zu feiern, auch wenn sie sich vorher noch gar nicht kannten. Daraus ist ein liebevoller Mikrokosmos entstanden, der sich jedes Jahr weiterträgt.

Mit dem Zusammenspiel aus unserer intimen Crowd von 1.000 Gästen, dem hochwertigen Line-up und der ehrenamtlichen Struktur wollen wir Teil einer Nische in der Festivallandschaft sein. Wir beobachten aber leider, dass besonders kleine Festivals durch Auflagen und gestiegene Preise am meisten unter Druck stehen.

„Wenn jede Person von uns zehn Menschen mitbringt, kommen genug Gäste zusammen. In gewisser Weise hat das zu dem Gefühl eines großen Wohnzimmers beigetragen.”

Musikalisch habt ihr sowohl DJ-Performances als auch Live-Acts auf dem Programm. Was ist euch bei der Auswahl der Acts wichtig?

Bevor das Booking losgeht, setzen wir uns mit Quoten einen Rahmen, in welchen Segmenten und Gagen-Spreads wir buchen wollen. Als passionierte Raver:innen besteht unser Line-up aus Acts, deren Produktionen wir feiern und die uns auf dem Dancefloor überzeugt haben. upsammy ist ein gutes Beispiel dafür. Nachdem ihre Produktionen unser Interesse geweckt haben, haben einige von uns sie auf dem Waking Life 2024 gesehen. Uns ist wichtig, dass wir uns programmatisch von anderen Festivals abheben. Bei uns gibt es keine gehypten Acts, die auch auf mehreren anderen Festivals im gleichen Einzugsbereich spielen.

Dieser Anspruch zeigt sich besonders auf unserem Heizhaus-Floor. Diese Bühne ist der Ort für audiovisuelle Ambient- und Techno-Sets. Dieses Jahr legen wir deshalb einen noch größeren Fokus auf die Nächte dort.

Ihr bezeichnet euch als „Ausflugsort deiner Freund:innengruppen”, als „Wohnzimmer im Grünen”, wie lasst ihr diese ehrlicherweise oft von Festivals genutzten Worte zum Leben erwachen?

Die Szenerie der Klingemühle versinnbildlicht diese Worte. Zwischen den alten Gebäuden, Fichtenbungalows und den verschiedenen Floors entsteht eine Atmosphäre, die wie ein Wohnzimmer im Grünen wirkt. Wer etwas in die Ferne sehen will, geht runter zum angrenzenden See. Die Klingemühle war früher eine Ausflugsgaststätte. Genau dort, wo heute unser Mühlen-DJ-Pult steht, spielte damals die Blaskapelle.

Dieses Gefühl ist aus der Art und Weise gewachsen, wie wir uns als Crew zusammengefunden haben. Aus einzelnen Kollektiven und Personen, die wiederum ihre eigenen Kreise mitgebracht haben. Als der Ticketverkauf nur schleppend lief, haben wir uns gesagt: Wenn jede Person von uns zehn Menschen mitbringt, kommen genug Gäste zusammen. In gewisser Weise hat das zum Gefühl eines großen Wohnzimmers beigetragen.

„Ein unkommerzielles, basisdemokratisches Festival mit einem Anspruch an Musik und Menschen, die das mit uns teilen, entwickeln und weitertragen wollen.”

Nachhaltigkeit ist euch wichtig, ihr wollt bald ein Konzept dazu vorstellen. Könnt ihr schon verraten, was seine Eckpunkte sind?

Das Konzept kommt noch vor dem Festival. Für uns gehören dazu kleine Aspekte wie Taschenascher, biologisch abbaubares Shampoo in unseren Außenduschen oder Geschirr-Pfandsysteme an unseren Essensständen. Wir haben auch Trockentoiletten, deren Inhalt zu Recyclingdünger verwertet wird. Beim Bühnenbild setzen wir auf zirkuläre Materialien und arbeiten mit dem Nytt-Materialdepot in Dresden zusammen – einem Fundus für Requisiten, Bühnenbilder und Veranstaltungszubehör. Für unsere Pop-up-Stage am See verwenden wir zum dritten Mal eine Ausstellungskonstruktion, die als DJ-Booth dient. Und wir haben eine No-Flight-Policy, fliegen also keine Acts für einen Auftritt ein.

Der Aufbau des Chimaera (Foto: Frederik Rauter)

Zuletzt mussten viele Festivals aufgrund der aktuellen ökonomischen Gemengelage absagen. Wie geht ihr damit um?

Es ist extrem herausfordernd. Auch wenn wir in den letzten beiden Jahren ausverkauft waren und dieses Jahr schon mehr Tickets verkauft haben als im Vorjahr, sind unsere Kosten stark gestiegen, auch weil wir in einen neuen Mainfloor und ein komplett neues Camping-Areal investiert haben. Das macht das Festival für unsere Gäste schöner, ist aber auch mit großen Kosten verbunden. Der Ticketverkauf ist bisher hinter unseren Erwartungen geblieben, sodass wir voraussichtlich ein spürbares Minus verzeichnen werden.

Welche Vision habt ihr für das Chimaera? Wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Nach der diesjährigen Ausgabe planen wir ein Visionstreffen, um genau das zu besprechen. Wir wollen weiter organisch wachsen und den Community-Vibe noch stärker kultivieren. Gleichzeitig schauen wir realistisch auf die Entwicklungen in der Festivallandschaft. Wenn der Vibe matcht, könnten wir uns auch Fusionen mit anderen Festivals vorstellen. Das wäre ein konstruktiver Umgang mit der aktuellen Ausdifferenzierungs- und Übersättigungsdynamik.

Wir wollen aber weiterhin keinen Trends hinterherlaufen, sondern an unseren Werten festhalten: Ein unkommerzielles, basisdemokratisches Festival mit einem Anspruch an Musik und Menschen, die das mit uns teilen, entwickeln und weitertragen wollen.

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