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Fentanyl: „Eine sichere Dosierung ist kaum möglich”

Seit dem Tod Silent Servants im Januar ist das Thema Fentanyl mit bislang ungekannter Dringlichkeit in der Clubkultur angekommen. Dafür verantwortlich war auch ein Post auf Reddit, der den ersten bestätigten Fall von Fentanyl in Partydrogen in Berlin suggerierte. Und obwohl sich der Test als falsch positiv herausstellte, verunsichert das Thema Clubgänger:innen nachhaltig.

Um dem beizukommen, haben wir mit Tibor Harrach gesprochen. Harrach ist Pharmazeut, Dozent an der Freien Universität Berlin am Lehrstuhl für Pharmazie und für vista Berlin, eine Beratungsstelle für psychosoziale Notlagen und Anlaufstelle für Drugchecking, tätig. Uns hat er erklärt, warum Fentanyl so gefährlich ist, wie man bei einer Überdosis am besten reagiert und warum man die Droge niemals alleine konsumieren sollte.

GROOVE: Der Tod des amerikanischen Künstlers Silent Servant im Januar soll auf eine Überdosis Fentanyl zurückzuführen sein, mutmaßlich unwissentlich zusammen mit Kokain konsumiert. Gibt es Ihren Erfahrungen nach Anzeichen dafür, dass mit Fentanyl gestreckte Drogen auch in Berlin, in Deutschland und in Europa häufiger werden?

Tibor Harrach: Für Deutschland und Berlin liegen uns keine Erkenntnisse über eine Verunreinigung von Partydrogen mit Fentanyl vor. Unter Federführung der Deutschen Aidshilfe wurden 2022 und 2023 Schnelltests auf Fentanyl in Heroinproben aus Drogenkonsumräumen durchgeführt. Die Ergebnisse waren teilweise positiv. Synthetische Opioide sind in Europa weniger verbreitet als in den USA, Kanada und Mexiko, werden jedoch in Großbritannien, den baltischen Staaten und Bulgarien zunehmend in Schwarzmarktprodukten nachgewiesen, wobei es zeitlich und regional begrenzt zu regelrechten Fentanyl-Ausbrüchen, zum Beispiel in Paris, gekommen ist.

Über TEDI, das Netzwerk europäischer Drugchecking-Projekte, wurden wir über den Tod eines Studenten im englischen Bristol informiert, der im Herbst letzten Jahres Ketamin konsumiert hatte, das mit einem synthetischen Opioid aus der Gruppe der Nitazene verunreinigt war. Der Guardian berichtete im Januar 2024 über Vergiftungsfälle auf einem Festival in Sydney durch eine angebliche Ecstasy-Tablette, eine pinke Red Bull, die ein Nitazen enthielt.

Berlin,  28.09.2022 / Tibor Harrach / Kreuzberg / Druck Checking / drugchecking
Pharmazeut Tibor Harrach (Foto: Drugchecking Berlin)

Wieso ist das Verschneiden oder Kombinieren von Drogen mit Fentanyl so gefährlich?

Wie fast alle Opioide führt Fentanyl bei Überdosierung zu einer lebensbedrohlichen Atemdepression bis hin zum tödlichen Atemstillstand. Da es sich bei Fentanyl um ein hochpotentes Opioid handelt, reichen dafür bereits geringste Mengen aus. Die Anfangsdosis des fentanylhaltigen Nasensprays Instanyl zur Behandlung von Durchbruchschmerzen bei Tumorerkrankungen beträgt 50 Mikrogramm Fentanyl. Eine sichere Dosierung solch geringer Mengen ist außerhalb des regulierten medizinisch-pharmazeutischen Bereichs kaum möglich.

Wieso wird Fentanyl überhaupt mit anderen Drogen verschnitten?

Heroinproben werden mit Fentanyl versetzt, wenn nicht genügend Heroin zur Verfügung steht. Zudem lässt sich das hochpotente Fentanyl leicht und billig synthetisieren. Das erhöht den Profit krimineller Strukturen. Die Herstellung von Heroin aus Schlafmohn ist dagegen ein aufwendiges Verfahren. Dazu kommt ein starker Rückgang der Anbauflächen für Schlafmohn im Hauptanbauland Afghanistan. Warum Party- und Freizeitdrogen wie Kokain, Ketamin und Ecstasy mit synthetischen Opioiden versetzt werden, kann ich nicht erklären.

Hat sich die Aufregung rund um Fentanyl in höheren Drugchecking-Zahlen niedergeschlagen?

Ja, nachdem der positive Nachweis von Fentanyl mittels Schnelltest in einer vermeintlichen 3-MMC-Probe in den sozialen Medien viral ging, ist die Nachfrage nach Drugchecking deutlich gestiegen. Die Sorge der Konsument:innen bezüglich Fentanyl-Verunreinigungen schlägt sich auch in den Drugchecking-Beratungsgesprächen nieder. Das Ergebnis des Schnelltests hat sich beim Drugchecking in Berlin jedoch nicht bestätigt. Die Probe enthielt tatsächlich 3-CMC und iso-3-CMC.

Wie stellt man sicher, dass die eigenen Drogen nicht mit Fentanyl versetzt sind? Welche Methoden empfehlen Sie, wenn professionelles Drugchecking nicht möglich ist?

Zurzeit kann ich nur auf Schnelltests verweisen, die leider auch falsch-positive Ergebnisse liefern können. Falsch-negative Ergebnisse können fatale Folgen haben. Zur Zuverlässigkeit der verschiedenen immunologischen Schnelltests auf Fentanyl-Verunreinigungen kann ich keine Aussage tätigen, weil mir dazu keine wissenschaftlichen Untersuchungen bekannt sind.

Naloxon soll gegen Fentanyl-Überdosen helfen. Würden Sie empfehlen, es bei sich zu haben? Wie wendet man es im Notfall an?

Wir empfehlen allen Konsument:innen von Opioiden, Naloxon in Form des einfach anzuwendenden Nasensprays Nyxoid bereitzuhalten. Es muss vorher von einem Arzt verschrieben werden. Bei einer Überdosierung von Opioiden wirkt es innerhalb von Sekunden und hebt die lebensbedrohliche Atemdepression auf.

Wie wendet man es im Ernstfall an?

Die Anwendung des Nasensprays erfolgt gemäß Beipackzettel: Die empfohlene Dosis beträgt 1,8 Milligramm Naloxon und wird in ein Nasenloch appliziert. Reagiert die Person nicht, sollte nach zwei bis drei Minuten die zweite Dosis appliziert werden. Wenn die Person auf die erste Gabe anspricht, dann aber wieder in eine Atemdepression verfällt, weil das Naloxon schneller abgebaut wird als das konsumierte Opioid, sollte die zweite Dosis sofort verabreicht werden. Auch wenn die Atmung wieder einsetzt, muss der Notarzt oder die Notärztin gerufen werden. Das sollte am besten schon vor der Verabreichung von Naloxon geschehen.

Kann der Konsum von Fentanyl auch reizvoll sein?

Wie die meisten Opioide kann Fentanyl euphorisch machen. Es kann auch beruhigend und angstlösend wirken.

Wie kann man sich beim Konsum von Fentanyl gegen negative Folgen absichern? Was gilt es zu beachten?

Der Konsum von Fentanyl außerhalb des medizinisch-pharmazeutischen Bereichs ist ein lebensgefährliches Spiel mit dem Feuer. Wer nicht darauf verzichten möchte, sollte sich die Safer-Use-Strategie für den Opioid-Gebrauch aneignen. Das heißt: Dosiere vorsichtig! Die Fentanyl-Menge, bei der die erwünschte Wirkung eintritt und lebensgefährliche Nebenwirkungen unwahrscheinlich sind, ist von mindestens fünf Faktoren abhängig: Dem Wirkstoffgehalt von Fentanyl in Schwarzmarktprodukten, dem Toleranzzustand des Konsumierenden, der Konsumform, dem allgemeinen gesundheitlichen Zustand und dem Mischkonsum. Schätzt du einen dieser Faktoren falsch ein, kann dein Fentanyl-Konsum tödlich enden.

Wieso ist gerade Mischkonsum so gefährlich?

Mischkonsum mit anderen Downern, also dämpfenden Substanzen, wie Alkohol, Benzodiazepinen, Barbituraten, GHB und GBL, Ketamin, Dextrometorphan, anderen Opioiden wie etwa Substitutionsmitteln, Gabapentinoiden wie Pregabalin und Gabapentin und anderen Schlaf- und Narkosemitteln erhöht das Risiko für komatöse Zustände und eine lebensgefährliche Atemdepression.

Was gilt es noch zu beachten?

Konsumier’ nicht alleine! Falls du überdosiert hast, wirst du bewusstlos und deine Atmung kann aussetzen. Wenn du die Möglichkeit hast, konsumiere in einem geschützten Drogenkonsumraum. Dort erhältst du hygienische Konsumutensilien, Unterstützung durch geschultes Personal und Hilfe im Notfall. Der JES-Bundeverband hat eine Safer-Use-Broschüre zu Fentanyl veröffentlicht.

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