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Superbooth 2023: Upcycling-Prozess im ehemaligen Raketenzentrum

Am Eröffnungstag der Superbooth wummert und fiept es in der Berliner Wuhlheide aus allen Ecken. Rund um das FEZ-Berlin fand zwischen 11. und 13. Mai die größte europäische Messe für elektronische Musikinstrumente statt – mit über 250 Hersteller:innen von Arturia, Korg oder Zoom bis hin zu kleinen Tüftelwerkstätten. Unser Autor Fabian Starting hat sich vor Ort umgesehen.

Hunderte Besucher:innen drehen an Reglern von Synthesizern und Effektgeräten. Workshops für erwachsene Kinder und deren Kinder lüften ein wenig das Geheimnis der Musikkisten. Außerdem verkabeln renommierte Künstler:innen wie Pyrolator, Sam Barker oder JakoJako ihre elektronischen Musikinstrumente auf den drei Bühnen der Superbooth. Wer sich das Programm in diesem Jahr ansieht, merkt: Das ist keine klassische Messe, sondern eine dreitägige Möglichkeit zum Ausprobieren und Entdecken von Synthesizermusik.

Bereits die Wahl der Lokalität macht das Entdeckungspotenzial deutlich. Das FEZ wurde in den Sechzigern als Ernst-Thälmann-Pionierpark angelegt und richtete sich an wissbegierige (Jung-)Pionier:innen. Früher war hier sogar ein Raketenzentrum untergebracht, das bei der Jugend für das gemeinschaftliche Kosmonautenprogramm der Ostblockstaaten, Interkosmos, warb.

Neben sozialistischen Mosaiken mit Darstellungen des Kosmos wirken die Synthesizer der Superbooth deshalb wie Instrumente der Raumpatrouille Orion. Lämpchen blinken in futuristischen Formen auf teils unverkleideten Leiterplatten aus grüngrauem Kunststoff. Eingeschaltete Geräte und Menschengrüppchen an den Ausstellungsständen sorgen für stickige Luft im Gebäudeinneren. Weit geöffnete Fenster helfen nur bedingt bei der Klimatisierung, denn draußen ist es an diesem Eröffnungstag der Superbooth schon sommerlich warm.

Ein klassischer Synthesizer von „2 Many Synths” (Foto: Fabian Starting)

Festival-Feeling auf der Superbooth

Glücklicherweise darf die Messe auch den Außenbereich des ehemaligen Pionierpalastes nutzen. Auch in diesem Jahr stehen Ausstellungszelte im Gartenbereich des FEZ. Wer schon mal gesehen hat, was Menschen für die Fusion quer durchs Land karren, könnte die weißen Pavillons deshalb für einen Festivalplatz halten. Erst die Händler:innenschilder, als Banner vor die Zelteingänge gepflanzt, verweisen auf die Firmen und Hersteller:innen.

Es riecht auch nach Festival. Der Geruch von veganem Gyros, vietnamesischen Bánh-mì-Broten und japanischen Pfannkuchen weht vom Food-Court im Hintereck des eingezäunten FEZ-Geländes. Auch der schwere Dunst von Tabak und Cannabis hängt in der Luft. Das Festival-Feeling wirkt auf das Publikum. Wo man auch hinsieht: strahlende Gesichter.

Veganes Gyros beim Foodtruck des Caterings(Foto:Tom Körting)

Die Superbooth ist ein Szenetreff. Aussteller:innen und Ausprobierer:innen sind nur durch die verschiedenfarbigen Festival-Badges voneinander zu trennen. Während im FEZ-Gebäude emsiges Treiben herrscht, bilden sich im weitläufigen Außenbereich Menschentrauben um die Pavillons. Händler:innen fachsimpeln untereinander oder mit den Besucher:innen. Tüftlerinnen genießen die Werkschau, und viele stöpseln mit Begeisterung bunte Kabel in elektronische Kästchen.

Die Verkehrssprache der Superbooth ist Englisch. Außerdem sind Fetzen von Italienisch, Französisch und Niederländisch über dem Klangteppich zu hören, der aus den Synthesizern wabert. Besucher:innen kommen aus ganz Europa, manche reisen sogar aus den USA und Südamerika an. In Gesprächen mit Ausstellenden dauert es nicht lange, ehe sie die Gründe für die teils langen Reisewege erklären. Alle schwärmen von Berlin, aber vor allem von der Superbooth mit ihrem Je-ne-sais-quoi.

Bei der Superbooth darf jeder mit elektronischen Klängen spielen (Foto: Fabian Starting)

Gerade kleine Tüftlerwerkstätten kommen gerne, um die neuesten Modelle zu gucken und sich mit anderen Ausstellenden zu vernetzen. Der Hersteller Synthronics aus Dresden etwa baut Ersatzplatinen für Synthesizer und ist trotz der Ortsnähe das erste Mal vertreten. Ab sofort wolle man aber regelmäßig kommen, versichert der Aussteller im Gespräch.

Von normierter Industrieware bis zu handgefertigten Einzelstücke bekommt man auf der Superbooth eine riesige Bandbreite an Instrumenten und Effekten zu hören. Natürlich ist auch die japanische Firma Korg vor Ort. Sie präsentiert ihren microKorg in einer Crystal-Version – eine Jubiläums-Edition, die dafür ganz in Weiß mit durchsichtigem Gehäuse gebaut wird. Auch die Softwarefirma Bitwig zeigt eine Live-Demo, bei der sich Besucher:innen mittels visueller Programmierung und angeschlossener MIDI-Geräte einbinden können. Außer ein paar Software-Versierten zieht es die meisten Besucher:innen aber zu den analogen Geräten.

Eine riesige Spielwiese

Die Designs der Synthesizer reichen vom groben Holzkasten mit offenen Platinen bis – Schweizer Uhren gleich – hin zu fein gearbeiteten Modulen und komplexer Soundtechnik. Bei Error Instruments aus Amsterdam werden mal eben die Walzen von Spieldosen im Upcycling-Prozess als Klangerzeuger genutzt. Die Kollegen von Swamp Flux geben den weißen Balance-Boards der Nintendo Wii eine weitere Funktion und modulieren Töne über die Gewichtsverlagerung auf dem Sportgerät.

Synthesizer Unikum der Firma Error Instruments – im Steam-Punk-Look (Foto:Fabian Starting)

Das FEZ-Kinderzentrum wird so für das Wochenende zur Spielwiese für Erwachsene. Diese können gerne als Familien kommen und ihren Kinder den Horizont der Tonmodulation eröffnen, findet die Messe doch im Familien-Erholungszentrum statt. An diesem Donnerstag ist der größte Teil des Publikums aber in Freundesgruppen unterwegs. Die Altersgrenze fängt bei den Ü30ern an, das Gros ist dem Aussehen nach schon Ende 50. Farblich dominiert bei den Anwesenden ein Techno-üblicher Dresscode in Schwarz. Ein paar ältere Besucher tragen auch mausgraue Strickpullover, aus denen die Kragenspitzen weißer Hemden lugen. Es fällt auf: Hier sind bedeutend mehr Männer unterwegs als Frauen.

Ein Typ mit Undercut manipuliert mittels Drehschalter die Tonhöhe, die ein kastanienbrauner Synthesizer von sich gibt. Er ist wohl in seinen Dreißigern und trägt ein Oversized-T-Shirt in schwarz mit großflächigem Print von Britney Spears. Daneben steht ein untersetzter Mittfünfziger und quatscht mit einem deutlich jüngeren Händler. Sie tauschen sich über Module, Modulation und andere Termini aus, die für Außenstehende wie eine Codesprache klingen. Mit der Halbglatze und dem ergrauten Vollbart könnte er der Vater des jungen Mannes am Synthesizer sein. Im Blick, den er während des Gesprächs auf seinen Rücken richtet, liegt so etwas wie väterlicher Stolz. Hier scheint wohl jemand freudig mit anzusehen, wie sich eine neue Generation für Tonmodulation begeistert.
Gerade das Willkommenheißen von Neuem ist bereits nach wenigen Minuten auf dem Gelände zu spüren. Vor allem die älteren Besucher:innen und erfahrenen Messegänger:innen nehmen einen mit einer Offenheit an, die auch Neulinge begeistert – nicht selbstverständlich, vor allem in Nischenszenen.

Kenner unter sich: Aussteller und Besucher beim Fachgespräch (Foto: Tom Körting)

Fragt man unter den Besucher:innen der Superbooth nach, woher sie das Geld für ihre nächste Synthesizer-Anschaffung nehmen, sagen viele: Während Corona und den Clubschließungen habe man einiges an Geld gespart. Ein Teil davon fließe jetzt in neues Equipment. Das lässt sich auch belegen: Ende April hat die Branchenkonferenz International Music Summit (IMS) die gemessenen Verkaufszahlen von Musikequipment im Bereich elektronischer Musik bekanntgegeben. 2022 setzte der Geräteverkauf weltweit 2,6 Milliarden Euro um. Das glaubt man gern, kann die Preisspanne eines Synthesizers doch zwischen einer Berliner Monatsmiete und einem Gebrauchtwagen liegen.

Feministischer Aktivismus auf der Superbooth und viele Registrierungen

Während hunderte Besucher:innen aus Interesse an Synthesizern schrauben, erzeugen andere des Berufs wegen auf den Bühnen der Superbooth die Töne. Eine davon ist Sound-Artist Verónica Mota. Geboren in Mexico City, kam die studierte Politikwissenschaftlerin in den Neunzigern mit einer Delegation der Zapatisten nach Europa. Seit 20 Jahren lebt sie in Berlin und fand als Journalistin für Hörfunk einen Zugang zum Sound Design. Sie ist eine der wenigen Frauen unter den Messebesucher:innen.

Bei den Live-Acts liegt die Quote hingegen bei mindestens 30 Prozent Frauenanteil, so treten auch die Niederländerin Nadia Struiwigh oder Tunegirl auf, die mit mittlerweile 60 Jahren noch immer Klangexperimente durchführt. Die auch von der Superbooth angestrebte Geschlechtergleichheit ist noch nicht erreicht. Auf dem richtigen Weg ist man aber schon.

Das weiß auch Veronica Mota, die aus einem aktivistischen Umfeld kommt. Sie bietet Workshops an, um Frauen an die Synthie-Musik heranzuführen. Außerdem sucht sie nach Wegen, den Zugang auch im Hinblick auf die Kosten zu demokratisieren. Gerätepreise von 1000 Euro und mehr könne sich schließlich nur ein gewisses Klientel leisten.

Von Seiten der Superbooth Veranstalter:innen wird in die gleiche Richtung gearbeitet. So sind Workshops für den Einstieg in die Synthie-Musik geplant. Neben Einsteiger-Workshops stehen auch solche auf dem Plan, die sich explizit an FLINTA- Personen richten. Außerdem wird es in den kommenden Tagen Listening-Sessions in der Puppenbühne gebe – zum Beispiel mit Nils Frahm als Referenten.

Sound-Artist Veronica Mota verkabelt die letzten Geräte für den Auftritt auf der Seebühne (Foto: Fabian Starting)

Die Veranstaltungsleitung kann sich nach eigenen Angaben nicht über die Zahl Registrierungen beklagen. An diesem Donnerstagabend lichten sich die Ausstellerzelte aber bereits. Während alles für den nächsten Messetag verstaut wird, geht die Superbooth nun in die Hände der Live-Acts über. Die verschrobenen Sounds und experimentelle Klänge kommen gebündelt von den Bühnen im Innenhof und der im Gartenbereich gelegenen Strandbühne am Badesee.

Die lockere Atmosphäre der Superbooth ist ansteckend und hat im besten Sinne etwas von einem Klassentreffen. Selbst wenn man keine Ahnung von all den Kästen und Bauteilen hat, lässt man sich von der Begeisterung der Tüftler:innen mitreißen. Bewundernd blickt man in die leuchtenden Augen und hört gespannt zu, wie welcher Geistesblitz aufkam und warum dafür eine Musikwalze oder ein Geigenbogen vom Schrott gerettet werden mussten. Wer vor dem Besuch der superbooth kein Synthie-Fan war, ist es spätestens jetzt.

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