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„Friesenjung”: Der gagahafte Beginn von etwas Neuem

Gabber ist in den deutschen Charts. „Friesenjung” von Ski Aggu, Joost und Otto Waalkes belegt seit gestern (Montag, 5. Juni) Platz 3 der deutschen Singlecharts. Komplett inklusive Hakken im Musikvideo, Niederlande-Folklore und ballernder Kickdrum auf 160 BPM. Das gab es noch nie.

Der Hit ist eine Zusammenarbeit des Berliner Rappers Ski Aggu und des Niederländers Joost Klein, mit einem hochgepitchten Sample von Otto Waalkes als Refrain – aus dessen Song „Friesenjung” von 1993, der seinerseits an Stings „An Englishman in New York” angelehnt ist. Vor allem die Kombi von Waalkes und Ski Aggu dürfte ein Faktor für den durchschlagenden Erfolg des Tracks in Deutschland sein – Meme-Techno par excellence. Gemeinsam erschließen die beiden eine riesige Zielgruppe: Otto Waalkes, den Komiker und seinen Ottifanten, kennt man in Deutschland, vor allem die Jahrgänge vor 2000.

Ski Aggu, Otto Waalkes und Joost Klein im Musikvideo zu „Friesenjung” (Abbildung: Screenshot)
Ski Aggu, Otto Waalkes und Joost Klein im Musikvideo zu „Friesenjung” (Abbildung: Screenshot)

Und Ski Aggu, den kennt man auch – vielleicht nicht unbedingt als GROOVE-Leser:in, aber auf jeden Fall, wenn man um oder nach 2000 geboren ist. Der Berliner hatte im vergangenen Jahr mit Rap auf schnellen House-Beats gleich mehrere Hits. Seine Tracks handeln von Raves, Konsum und Feiern. Damit bringt er die zwei musikalischen Welten zusammen, die gerade Konjunktur haben: Hip-Hop und Techno. Seine letzten Hits landeten nicht mehr nur in den Spotify-, sondern auch in den echten Charts. Aber noch keiner fast aus dem Stand in den Top 10.

Dass das jetzt passiert, ist die logische Folge einer Entwicklung, die ich bereits vergangenen Dezember beschrieb: Auf TikTok ist #techno zu einem Trend geworden, in dem nicht Techno, sondern andere, schnelle Spielarten elektronischer Musik führend sind: Trance, Donk, Hardstyle. Brutalismus 3000 etwa verkörpern diesen schnellen, roughen Sound und seine Popularität in Subkultur wie Mainstream: Sie spielen im Berghain, während ihr Debütalbum zwei Wochen später auf Platz 11 der deutschen Charts landet. 

Auch im echten Leben, auf Festivals und Partys, gilt 2023: Je schneller, desto besser. Inklusive schnelle Brille natürlich, die Ski Aggu mit seinem Oakley-Skimodell in extremerer Form zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Joost – der tatsächlich ein „Friesenjung” ist, hat schon länger mit Gabber und Hardcore ein breites Publikum erreicht. Aber er kommt eben auch aus dem Land des Hardcore, den Niederlanden. Dort war das Genre nie weg. Dennoch ist es auch für ihn der erste Chart-Hit. Und seit Dezember ist die #ravetok-Welt nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Das ideale Umfeld, damit ein Genre-Brückenbauer wie Ski Aggu vom TikTok-Trend in den realen deutschen Musikmainstream springen kann.

„Friesenjung” könnte in all seiner Gagahaftigkeit (Otto + Gabber + Rap und FRIESLAND!?) den Beginn einer Reihe von 160 bpm+-Hits in den Charts markieren.

Denn Ski Aggu ist TikTok-Native. Das zeigt nicht nur die Genese seiner Karriere, die er auf immer größer werdenden TikTok-Hits von „Super Wavy” bis „Party Sahne” aufgebaut hat. Auch das Marketing für „Friesenjung” ist TikTok-born: Joost und er teasten das Lied seit Mitte Mai in verschiedenen TikToks an. Noch unveröffentlicht, aber schon mit dem Otto-Sample. Immer wieder fragten sie um Erlaubnis, das Sample verwenden zu dürfen. Eine Woche später, am 23. Mai, kam die Zusage: Otto hatte sich einen TikTok-Account angelegt, sagte via Stitch „ihr habt meine Erlaubnis”, und drei Tage später war der Song draußen. Und ein paar Tage danach das Video – MIT Otto! Ob inszeniert oder nicht (es soll sich tatsächlich so ereignet haben), dieser Vorgang zeigt, welch ein Hit-Beschleuniger TikTok ist.

Das Otto-Sample ist auf perfekt tiktokkige Art und Weise im Track platziert: „sped up”, also hochgepitcht. Auf der Plattform viral gegangen sind nämlich in den vergangenen Monaten vor allem die schneller gepitchten Versionen von Songs – inzwischen werden einige Tracks schon bei Release in beiden Versionen veröffentlicht. Das Ohr gewöhnt sich damit weiter an das höhere Tempo und die aufgrund des Tempowechsels gepitchten Stimmen.

Joost Klein, Ski Aggu und Otto Walkes bei der Produktion des Musikvideos zu „Friesenjung” (Foto: Nadim Abuh, Luis Frederik)
Joost Klein, Ski Aggu und Otto Walkes bei der Produktion des Musikvideos zu „Friesenjung” (Foto: Nadim Abuh, Luis Frederik)

Mit Gabber in den deutschen Charts peakt eine musikalische Entwicklung, die vor der Pandemie im elektronischen „Underground” begonnen hatte: Schon 2016 rief die GROOVE-Redaktion ein erstes Trance-Revival aus, um 2019 wurde Techno mit Labels wie Casual Gabberz und Kulør Hardstyle-inspiriert und schneller. Beides waren überschaubarere Trends, die heute mit Acts wie DJ Heartstring oder VTSS in die volle Breite gegangen sind. „Friesenjung” könnte in all seiner Gagahaftigkeit (Otto + Gabber + Rap und FRIESLAND!?) den Beginn einer Reihe von 160 bpm+-Hits in den Charts markieren.

Das musikalische Revival der späten Neunziger ist nun komplett: Trance gibt auf Festivals den Ton an, Gabber ist in den Charts und sogar die Loveparade gibt es wieder. Die Gegenbewegung, die auf den Trance-Kommerz der Neunziger folgte, steht auch heute wieder in den Startlöchern: Deep House und Minimal. Davor fehlt als letzter Schritt nur noch der kommerzielle Ausverkauf. Ski Aggu und Joost signieren schon fleißig CDs. Ihr Ziel? Die 1.

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