Anfisa Letyago ist ein Phänomen: In den letzten Jahren hat sich die DJ von Neapel aus auf die ganz großen Bühnen des Technozirkus gespielt, schon davor verdiente sie sich auf EDM-Terrain erste Sporen. Ersteres gelang ihr mit fixen, treibenden Sets, die die Lust am Raven klar über musikalischem Snobismus priorisieren. Dieser offensiv vorgelebte Spaß und eine kompromisslos positive Attitüde markieren die wichtigsten Eckpfeiler in Letyagos Arbeitsethos.
Damit hat sie einiges mit einem ihrer großen Vorbilder gemein, das der Karriere der gebürtigen Russin den entscheidenden Schwung verpasste: Carl Cox. Wie sie die Bekanntschaft des britischen Superstars machte, hat sie Redakteur Maximilian Fritz im Zoom-Gespräch verraten. Außerdem erklärt sie, wieso Instagram die ideale Möglichkeit ist, sich bei ihren Fans erkenntlich zu zeigen, wie es um die Szene in Neapel bestellt ist und warum Musik und Politik für sie strikt getrennt bleiben müssen.
Anfisa Letyago sieht etwas mitgenommen aus, als der Zoom-Call endlich steht. Die Nase läuft, ihr Sweater wirkt wie dieser eine besonders gemütliche, den man im Krankheitsfall aus dem Kleiderschrank holt. Müde ist sie obendrein. Beide Malaisen führen auf ein Festival in der zugigen Schweiz zurück, von dem sie sich noch erholt habe. Bis eben habe sie geschlafen, meint Letyago, auch in Italien sei es kalt. Allzu dösig wirkt sie aber nicht mehr, als sie die der sozialen Norm gemäße Abtastphase mit einem unvermittelten „Who Are You?” überspringt.
Nachdem Personalien, Wohnort und Beruf geklärt sind, tut sich was im Call. Eine Frau namens Claudia betritt das Wartezimmer. „Das ist meine Dolmetscherin. Ich spreche nicht so gut Englisch und will mich klar ausdrücken”, erklärt Letyago die überraschende Teilnahme einer dritten Person. Dem Zufall überlassen wird nichts, die gebürtige Russin vermittelt einen höflichen, aber bestimmten Eindruck.
Die Müdigkeit, die die weltweit gebuchte Künstlerin zu Beginn der Konversation fest im Griff hatte, löst sich zusehends. Ihre Augen beginnen zu leuchten, als sie erklärt, was sie an Neapel findet. Mit 17 zog sie nach Sizilien, ihr Vater, der sie adoptierte, als sie zwölf war, stammt von dort. Die inzwischen über 15 Jahre Verweildauer schlagen sich in ihrer Artikulation nieder: Dass Letyago ursprünglich gar nicht aus Italien kommt, hört man ihrem breitem Akzent mit den charakteristisch gedehnten Vokalen nicht an. Ob Akzent oder nicht, das Plaudern über Privates ist ihre Sache nicht: „Ich spreche nie über meine Familie, eigentlich nur über meinen Job, die Musik, weißt du?”
Dann also Musik: Primär wollte sie in Neapel erst mal auf die Universität gehen, „weil es die größte Stadt im Süden ist”. Die Lust aufs Spektakel, auf eine lebendige Metropole übertrumpft in diesem Entscheidungsfindungsprozess merklich eine wohlüberlegte akademische Laufbahn. Die Uni – sie studierte Kommunikationswissenschaft: „Ich weiß nicht, wieso ich das gewählt habe. Es klang interessant” – verlässt Letyago folgerichtig nach einem Jahr wieder, ihr Karriereweg liegt woanders, im Auflegen, für das sie sich schon mit 18 Jahren, 2008 oder 2009, entscheidet.
Neapel: Vom Oldschool House zum Dark Techno
In Neapel hört sie DJs spielen, zu denen sie voller Bewunderung aufblickt: Little Louie Vega, Frankie Knuckles oder François Kevorkian etwa, allesamt Künstler, die die Geschichte der House Music entscheidend mitgeprägt haben. „In Napoli, we still like oldschool house music”, meint sie dazu – zur mittelgeschwindigen, euphorischen Spielart elektronischer Musik findet sie schnell einen Draht. Der läuft während Letyagos ersten Rave-Exkursionen im Tagestakt heiß: Früher habe es sieben Tage die Woche ein Event gegeben, die neapolitanische Szene habe sich aber stark verändert, seit sie mit dem Auflegen angefangen hat.
Diese Entwicklung begann vor etwa fünf Jahren. „Alles wurde etwas weniger”, nicht zuletzt, weil die Musik selbst sich verändert habe, so Letyago. Inzwischen würden mehr Dark Techno und härterer Techno gespielt. Und in der Tat: Acts wie Mind Against oder auch Tale of Us, die mit ihrem großformatigen, melodiösen Tech-House Arenen auf der ganzen Welt füllen, scheinen auch in ihrem Herkunftsland Spuren hinterlassen zu haben. Junge Raver:innen, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als zu House-Acts der ersten Stunde zu tanzen, gehören wohl – wie in anderen Ländern übrigens ganz ähnlich – mehr und mehr der Vergangenheit an.
„Ich ging auf ein Event, auf dem Carl Cox spielte. Ich wollte eigentlich nur ein Foto mit ihm oder so, aber ich hatte auch USB-Sticks dabei”
Mit diesem musikalischen Wandel ging auch ein infrastruktureller einher. Als Letyago anfing aufzulegen, spielte sie von Dienstag bis Sonntag, jede Nacht. Außerdem habe es viele Festivals und Openairs gegeben, heute vielleicht noch eines im Monat. Woran das liegt? Nicht nur an der Musik. In Italien sei es sehr schwierig, Veranstaltungen zu organisieren. Genehmigungen und weitere bürokratische Hürden schreckten viele ab, „alle warten gerade auf bessere Zeiten”, meint die Künstlerin mit einem Achselzucken. Mittlerweile ist sie aber so international unterwegs, dass sie gar nicht mehr so viel über die italienische Szene sagen kann, wie sie unumwunden zugibt.
Dass sie das Leben einer Touring-DJ lebt, das sie von ihrer Wahlheimat ein Stück weit entfremdete, hat mit einer weiteren legendären Figur der globalen Szene zu tun, deren Bekanntschaft sie 2018 machte: „Ich ging auf ein Event, auf dem Carl Cox spielte. Ich wollte eigentlich nur ein Foto mit ihm oder so, aber ich hatte auch USB-Sticks dabei”, erklärt Letyago auf die Frage hin, wie ihre Karriere Fahrt aufgenommen und sie die Bekanntschaft der britischen Lichtgestalt gemacht habe.
Ein Knackpunkt war für sie die bewusste Entscheidung, mit dem Produzieren anzufangen. Dieses Prozedere kennt man auch von längst etablierten Künstler:innen, deren Alben oft mehr als Selbstvermarktungswerkzeug gelesen werden dürfen denn als meisterhaft gearbeitete Gefäße überschäumender Schaffenskraft. Daran sind freilich nicht die DJs selbst schuld, so funktioniert auch die elektronische Musikindustrie: Wer am Fließband veröffentlicht, hat eine Rechtfertigung, zu touren und sich zu vermarkten.
Aufwärmen für David Guetta, Remixe für Phuture
Nach einer Veröffentlichung mit dem niederländischen Producer Leroy Styles, die wenn überhaupt als erster musikalischer Gehversuch gewertet werden kann, produzierte Letyago für sich weiter, bis zur schicksalhaften Begegnung mit Carl Cox. Bevor sie ihn vor seinem Hotel abpasste, fand sie nach eigenem Bekunden nur auf kleinen italienischen Undergroundlabels statt. Cox sicherte ihr zu, sich die Tracks auf ihren Sticks anzuhören – kein bloßes Lippenbekenntnis: Schon auf der anschließenden Party spielte er „So Good”, von Letyago als „groovy, melodisch, happy Techno” beschrieben. Auch „Catch The Spirit” sei auf dem Stick gewesen, eine „hypnotischere” Nummer, die unter relativ typischen, halligen House-Vocals eine korkenzieherartige Dub-Coda aufflackern lässt.
Doch nicht nur an diesem schicksalhaften Abend in Neapel laufen Letyagos Tracks, Cox nimmt sie mit in jeden Big Room und jedes Stadion, in die ihn seine Reputation führt. Ultra Miami, Tomorrowland, größer, schneller, weiter. Die Urheberin sitzt derweil staunend vor dem Bildschirm und schaut sich Stream um Stream an, teilt danach Ausschnitte der Cox’schen Großtaten auf ihren Social-Media-Accounts. „Mein Instagram bestand nur noch aus Carl Cox”, ächzt sie, noch immer sichtlich verblüfft. Der durchschlagende Erfolg beider Tracks führt folgerichtig dazu, dass sie auf Cox’ Label erscheinen, und obwohl Letyago schon davor Platten veröffentlichen konnte, steht nun der wirkliche Durchbruch an.
„Es sind alles DJs, Techno-DJs, kommerzielle DJs, alles DJs”
Fortan sieht sich mit Fragen konfrontiert wie „Willst du was auf Rekids rausbringen?” oder „Willst du Pan-Pot remixen?”. Selbst an Phutures Acid Trax darf sie sich versuchen. Wenn sie über diese Schwellenphase spricht, tut sie das nicht unbedarft. Routiniert zählt sie Remixe und Karrierestationen auf, am Fließband, eingeübt, Phrasen wie „Es war eine großartige Chance” fallen. Natürlich, denn Anfisa Letyago ist bei aller Euphorie, die sie versprüht, Profi. Inzwischen hat sie in so ziemlich allen Teilen der Welt gespielt, und schon bevor ihre Karriere zu der aktuellen wurde, verkehrte sie in illustren Kreisen: Sie heizte Crowds vor Headliner-Sets von EDM-Künstlern wie David Guetta, Martin Garrix oder Axwell ein.
„Es sind alles DJs, Techno-DJs, kommerzielle DJs, alles DJs”, lacht sie darauf angesprochen und vermutet wohl schon den Vorwurf des Ausverkaufs, des Verrats am Underground. Deswegen springt sie ihren Bühnenpartnern prophylaktisch zur Seite: 2013 spielte sie im Pacha auf Ibiza vor David Guetta, sie habe ihn dort das erste Mal getroffen. Sehr nett, sehr höflich, sei er gewesen, „sehr glücklich” habe er gewirkt. Eine nette, inspirierende Person. Vor Martin Garrix stand sie in Neapel an den Decks, 2015 oder 2016, noch sehr jung war er da, meint sie beinahe mütterlich. Nach wem man auch fragt, Letyago charakterisiert die jeweilige Person meist relativ ähnlich: Eine gute Energie, viel am Lächeln, höflich, sympathisch. EDM habe sie beispielsweise auf Ibiza aber nicht gespielt, eher groovigen Tech-House, mit dem sie routiniert zum sensorischen Overkill hinleitete.
„Ich interessiere mich nicht für Politik. Ich verstehe und verfolge sie nicht, weil das einfach nichts für mich ist.”
„Immer um Erfahrung” gehe es in der elektronischen Musik, Letyago sucht die Herausforderung und versucht, in so vielen verschiedenen Settings wie nur möglich zu spielen. Deshalb stehen in ihrem ganz eigenen Kosmos das Tomorrowland, auf dessen Compilation United Through Music von 2020 sie übrigens mit dem erwähnten „So Good” auftaucht, EDM und Underground gleichberechtigt nebeneinander anstatt unvereinbar gegenüber. Wollte man sie künstlerisch einordnen, steckte man die gebürtige Russin wohl in die Big-Room-Schublade. Kleine, intime Clubs finden sich nicht mehr auf ihrem Tourplan, dagegen vor allem einschlägige Sommerfestivals, Openairs, von denen Letyago fleißig Foto- und Videomaterial in den sozialen Medien postet.
Unpolitische Musik, ungefällige Fragen
Ohne die geht, so man sich denn einen DJ-Lifestyle wie Letyago erträumt und nicht schon seit Dekaden szeneweit bekannt ist, heutzutage nichts mehr. Zwar könne sie sich eine erfolgreiche Karriere auch ohne Social Media vorstellen, wie sie sofort betont, erwähnt besonders ihren Instagram-Kanal aber laufend. Ihre Fans wenden Zeit auf, um sie im Club zu sehen oder mit ihr in Kontakt zu treten, warum also sollte sie das nicht auch tun? Letyago steht zu ihrem Mitteilungsbedürfnis: Ob Sets oder Momente aus dem „normalen Leben”, wie sie es nennt: Sie postet schlicht gerne Content. Das Wichtigste dabei sei, man selbst zu sein und nicht alles zu filtern, was man tut. Was andere DJs über sie denken, wenn sie bestimmte Bilder teilt, sei ihr egal, immerhin zeige sie ihr wirkliches Ich.
„Die gegenwärtige Situation ist surreal. Surreal! Ich bin so traurig und besorgt deswegen.”
Das Gespräch kommt schließlich auf ein Bild, das sich von den anderen in ihrem Feed elementar unterscheidet. Am 26. Februar dieses Jahres postete sie mit dem Hashtag #nowar ein Bild der Flaggen dieser Welt, am 24. Februar begann der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Letyago schätzt den Frieden, so viel ist sicher. Auf die Frage hin, ob sie, gebürtige Russin, diese Aktion nicht etwas vage findet, antwortet sie: „Ich interessiere mich nicht für Politik. Ich verstehe und verfolge sie nicht, weil das einfach nichts für mich ist.” So weit, so gut.
Der Krieg aber, der schon ihre ebenfalls russische Kollegin Nina Kraviz in ein szeneweit beachtetes Dilemma beförderte, gehe ihr durchaus nahe. „Die gegenwärtige Situation ist surreal. Surreal! Ich bin so traurig und besorgt deswegen.” Sie habe alles, was in ihrer Macht stand, getan, um Spenden zu sammeln. Ihre Stiefmutter trat einer Organisation bei, die in Neapel Nahrungsmittel für ukrainische Familien verteilt. Auf ihrem Instagram-Kanal, der knapp 900.000 Follower zählt, habe sie dafür nicht geworben. „Das ist Privatsache”, sagt sie entschieden. Für Künstler:innen sei die Situation sehr schwer, sie habe sich dafür entschieden, positiven Content zu verbreiten.
„Politik und Musik sollten also getrennt voneinander stattfinden?” „Komplett”, antwortet Letyago auf die Nachfrage und bekräftigt damit, was angezweifelt werden darf: Kunst und Politik haben nichts miteinander zu tun. „Was man als Künstlerin in schwierigen Zeiten tun kann, ist, gute Musik zu produzieren, Leute glücklich machen und sie zum Tanzen zu bringen, eine gute Energie zu transportieren.” Die zynische Nachfrage sei erlaubt: Ob das der ukrainischen Bevölkerung hilft? Vor allem elektronische Musik sei doch so oder so politisch, weil sie von marginalisierten Gruppen erfunden wurde, die sie als Zufluchtsort sahen. Es sei schwer, das zu trennen, oder nicht? „Die Frage gefällt mir nicht besonders”, lächelt Letyago.
Sie wünscht sich positivere Fragen. Welche das wohl sein könnten? Wahrscheinlich etwas zu ihrer Musik, etwas Unpolitisches. Ihre letzte Single heißt Haze, erschien im Juni und enthält einen Original- und einen Club Mix. Ersterer fährt Bicep-artige, poppige Breaks auf, im Club-Stück ertönt ein ziemlich fixer Four-to-the-Floor-Beat mit Trance-Arpeggios, die was von Kate Ryan haben. Irgendwie meint man in beiden Nummern auch, ein Cher-Sample zu erkennen. Über all das haucht Letyago Reime, die von Transzendenz und Träumerei handeln. Dieser Mix funktioniert für tausende Raver:innen makellos und transportiert eine gute, positive Energie, wie Letyago es wohl formulieren würde.
Bedingungslos positiv
Die Eiszeit, die noch vor wenigen Minuten zwischen Interviewer und Interviewter herrschte, scheint nun wie weggeschmolzen. Die Positivität, die Letaygo mit ihrer Musik verbindet, strahlt offenbar eine Wärme aus, die die politische Realität hinter einem wohligen Dunstschleier zurücktreten lässt. Letyago liebt Mobys Klassiker „Go”, den sie für die Deutsche Grammophon remixte – erneut im Breakbeat-Korsett, allerdings deutlich luftiger als in „Haze”.
Sie ist eine extreme Vinyl-Liebhaberin. Mit einer Begeisterung, wie sie Kinder früher auf dem Pausenhof für Yu-Gi-Oh!–Karten aufbrachten, holt sie die Go-Platte vor die Kamera. „Die ist von 1991! Ich war da erst ein Jahr alt”, äußert sie ungläubig. Trotz ihres reichen Fundus spiele sie Vinyl aber vor allem zuhause, im Club agiert sie digital. Dieses Jahr setzt auch sie wieder mehr Trance ein, etwa Kid Pauls Remix von Energy 52s „Café del Mar”. Am Ende ihrer Sets, wenn die Menge nach den letzten Kicks giert, darf es gerne mal ein Klassiker aus den Neunzigern sein. Zum Beispiel „Amenity” von Mark Pritchards Projekt Link.
Anfisa Letyago hat viel über Musik zu sagen und sich ihren privilegierten Platz im Techno-House-Zirkel beharrlich, ausdauernd, hingebungsvoll erspielt. Sie steht zu Recht dort, wo sie steht. Gleichzeitig verkörpert sie manches, was an sogenannten Superstar-DJs vor allem in den letzten Jahren immer stärker kritisiert wird: Eine ziemlich lückenlose Selbstinszenierung auf Social Media, die übrigens geschlechterunabhängig vonstatten geht, ein sauberes Image, das an Konturlosigkeit grenzt, und eine politische Teilnahmslosigkeit, die sich definitiv auch aus einem künstlerischen Selbsterhaltungstrieb speist.
Ob man ihr das zum Vorwurf machen kann? Schwierig, schließlich hat sie die Regeln, nach denen das Szene-Ökosystem und die gegen es arbeitende Empörungskultur funktionieren, nicht gemacht. Gut finden muss man diese fröhliche Apathie aber noch lange nicht – das wäre dann vielleicht doch ein My zu viel der Positivität.