DJ Gigola (Sämtliche Fotos: Lara Ohl)

Ein Bild ergibt sich durch die Summe seiner Fragmente. Bei DJ Gigola scheint es gegenteilig, oberflächlich wirkt sie wie eine Art Lichtgestalt. Viel gebucht, viel beschäftigt. „Genrefluid”, nennt sie ihre Musik, die Produktionen changieren zwischen Breakbeat, Techno, Trance und Pop, die Sets klingen noch weitaus vielseitiger. Ihr Instagram wirkt so schillernd, wie die Ästhetik der frühen 2000er eben sein kann, ihre übrige Internetpräsenz hingegen ist zurückhaltend.

Blickt man hinter die kühle Distanz professioneller Fotos, finden sich Selbstironie und nicht zuletzt eine zugewandte Stimme, mit der sie als Moderatorin im Podcast Our House hinter die Kulissen deutscher Clubs blickt. Unser Autor Ben-Robin König wollte das Wesen der DJ Gigola ergründen – ein Gespräch über Rekontextualisierung, Pop-Elemente und die Dialektik des Erwachsenwerdens.


Dreihundertsechzig Grad. Das ist der Anspruch an Verfügbarkeit, den unsere Zeit an Künstler*innen habe, sagt Paulina Schulz, besser bekannt als DJ Gigola. Allumfassend könnte man diesen Anspruch auch nennen – und bemerken, dass sich Kunstfigur und vor allem Privatperson dem trotz starker Internetpräsenz irgendwie entziehen. Dieses Irgendwie entschlüsselt sich nach und nach beim Gespräch in der GROOVE-Redaktion, zu dem sie ein klein wenig zu früh erscheint: etwa 360 Sekunden.

Zuallererst werden Formalitäten besprochen, welche Interviewdauer veranschlagt sei, ob sie etwas trinken wolle. Blaue Millenialbrause lehnt sie dankend ab, sie bleibe bei Wasser. Und entschuldigt sich sogleich für ihren vollen Terminkalender: „Ich glaube, das ist jetzt Erwachsenwerden, nicht speziell der DJ-Lifestyle.” Aber was genau ist das, dieses Element des Erwachsenwerdens? Festgemacht an Werten wie einer eigenen Wohnung, selbst verdientem Geld oder Steuererklärungen sei sie ziemlich erwachsen, stellt Schulz schmunzelnd fest – „und du kriegst eine Identifikationsfläche mit anderen Erwachsenen, die aber [immer noch] Teil einer anderen Altersgruppe sind.”

Bestimmte Stigmata des Erwachsenendaseins jedoch verbinde sie nicht mit sich – dass man nicht mehr cool sei, keinen Spaß mehr habe, zumal stets ernst und unausgeruht. Meistens zumindest, ernst und unausgeruht dann doch, hin und wieder. Vielmehr habe sie erkannt, sagt Schulz, „dass in diesem Label ‚Erwachsen’ alle den gleichen Stress haben – aber vielleicht ist es auch Erwachsenwerden, wenn Arbeit anfängt, Spaß zu machen.”

Und dennoch borde der Stress manchmal in Überforderungsgefühle über, gerade da habe sie Respekt vor der Leistung ihrer Eltern, die im selben Alter weitaus mehr an Pflichten gehabt hätten. „Gleichzeitig”, so Schulz, „stecke ich in meinen beruflichen Werdegang und meine Passionen viel Liebe rein – und nichts davon konnte ich von Beginn an.” Sie sieht Überforderung als etwas Normales, etwas, das Zeichen von Fortschritt sei und sich mit Übung erübrige.


„Ich konnte aber auch nicht Techno spielen.” 

DJ Gigola

So ganz verwunderlich ist dieses Gefühl aber auch nicht, wenn man ihr Pensum anschaut. Live From Earth nimmt viel Platz ein, zusammen mit der Labelfamilie regelt sie die PR, macht Merchandise, verwaltet Bookings und Veröffentlichungen des Labels – „da bin ich so ein bisschen die Mama.” Dazu kommt die Karriere als DJ Gigola und zusätzlich die Arbeit an ihrer akademischen Karriere, über die sie aus DJ-Perspektive lieber nicht sprechen möchte. „Ich mag es gar nicht, als DJ aufs Podest gestellt zu werden”, erklärt sie, möchte im musikalischen Kontext ganz Gigola sein und nicht Schulz: „Ich will eigentlich nur gebucht werden, weil ich auflegen kann” – eine Definition über Abschlüsse oder Titel habe damit hingegen nichts zu tun.

Der Weg dorthin durchlief, wie bei so vielen, zahlreiche Nächte Berlins. Paulina wuchs mit der hiesigen Clubkultur auf. Das Tanzen zu Minimal Techno beim Ausgehen wurde von Breakdance und Hip Hop konterkariert. Im Studio, in dem Paulina Breakdance und Hip Hop getanzt hat, „hatten wir einmal die Woche einen Funk-DJ zu Gast, was mir nochmal einen ganz anderen Blick auf Musik gegeben hat”, erinnert sie sich. Wo andere auf Lyrics und Komposition achten, erschließt sich Schulz Musik nach wie vor primär aus Rhythmus, Tanzperspektive und Körpergefühl.

Die innere Ehrfurcht vor dem Abend

Was sie heute als „genrefluid” bezeichnet, speist sich aus diesem Aufwachsen zwischen Genres und Tanzstilen. Die Blaupause ihres Sounds war gleichzeitig ihr erster Gig als DJ Gigola am 1. Mai 2016 in Kreuzberg. Yung Hurn, Rin und Hayiti traten auf, Live From Earth wurde in der öffentlichen Wahrnehmung primär mit deutschem Hip Hop verbunden. Rapmusik verbot sich ihr also, konstatiert sie, „ich konnte aber auch nicht Techno spielen, weil am 1. Mai in jedem Laden Techno gespielt wird.” Es folgte ein Mix aus 80s, Italo, Gigi D’Agostino, Crystal Castles und, natürlich, auch Techno – „das war eigentlich die Geburt vom Sound von DJ Gigola, mein Set endete dann auf „Pop the Glock” von Uffie.” Das Momentum ihrer Sets speist sich aus den Hörgewohnheiten der jugendlichen Paulina, wo R’n’B auf Breaks und „verbotene Tracks” wie „Meet Her At The Loveparade” stoßen. Diesen Track spricht sie beispielhaft an und legt Wert darauf, zu betonen, dass er mittlerweile seinen ironischen Beiklang verloren habe.


„Paulina ist ziemlich ernst – und Gigola ist die spaßige Abspaltung davon.”

DJ Gigola

Oberflächlich betrachtet hat sich das Label extrem gewandelt in den letzten sechs Jahren, galt es ursprünglich doch als Deutschrap verlegendes Kollektiv. Schulz widerspricht und erklärt, dass Live From Earth eigentlich von Beginn an mit Charakteren wie Bauernfeind oder ihr für elektronische Musik standen. „Du hast ein Gefälle in Karrieren, weil das immer noch Subkultur ist, mehr als Deutschrap.” Die Hits von Hurn und Co. stehen dem diametral gegenüber, „eine elektronische Karriere baut sich anders auf als eine Rap-Karriere. Die braucht einfach etwas mehr Zeit.”

Das Label selbst steht eigentlich immer noch für die gleichen Werte wie ganz am Anfang, berichtet sie mit Anflügen von Stolz in den Augen: „Immer noch einfach Atzen, die zusammenarbeiten.” Atzen also, oder für Menschen außerhalb Berlins: Freund*innen, die Wert auf ihre Independent-Stellung legen, sich selbst treu bleiben, nicht überall sofort ja sagen. Das sei zwar mit reichlich Anstrengungen verbunden, aber „deshalb sind wir auch noch so, wie wir sind.”

Immerhin scheint es sich zu lohnen, einen Tag nach dem Gespräch feiert Schulz ihr Debüt in der Panorama Bar, Live From Earth wird mit einer Labelnacht geadelt. Ein späterer Blick auf Instagram zeigt: Die Plakate dafür klebt sie mit der Gang ihres Labels – natürlich – selbst über die ganze Stadt. Und die innere Ehrfurcht vorm Abend kann die Künstlerin noch gut kaschieren, bislang zumindest.

Was bringt dieses Label, und letztlich DJ Gigola in die Panorama Bar? Vielleicht gerade dieses Selbstverständnis, in dem sie in ihren Instagram-Storys die Labelnight ankündigt. Verschmitztes Grinsen, ein „Shout out an alle, die kommen”, als sei es eine Jam-Session unter Freund*innen. Ist es auf eine Art sicher auch, nur eben in einem der – immer noch – wichtigsten Clubs weltweit. Ihre Kommunikation, die Persona, ist das ernsthaft ironisch? Sie überlegt. „Ich würde sagen: verspielt. Ich will ja niemanden verarschen.”


“Der Stil der Spice Girls ist debattierbar, aber ein Kleid in deren Stil mit Anzugschuhen interessant.” 

DJ Gigola

Manchmal sei es dabei schwierig, abzutasten, wo zwischen dieser lockeren Haltung und Professionalität zu wechseln sei. „Ich hab’ das alles angefangen, weil’s mir extrem viel Spaß gemacht hat”, erinnert sie sich, „und wenn jetzt so ein Karrieremoment kommt, wird’s auf einmal so ernsthaft.” Was dann Teil DJ Gigolas sei und was nicht, findet sie durchaus schwierig zu verorten. „Ich glaube, Paulina ist ziemlich ernst und Gigola ist die spaßige Abspaltung davon. Gleichzeitig nehm’ ich aber ernst, was ich mache.” Dabei grinst sie.

Was aber macht DJ Gigola aus, was definiert das Verspielte? Eine Künstleridentität habe sie sich nicht erdacht, es sei vielmehr das, was sie fühle. „Das ist ein Teil von mir, bei dem ich mich selbst nicht so ernst nehme, bei dem ich versuche, Grenzen zu ertasten und aufzubrechen.” Aus ihr sprudeln jetzt Gedanken heraus, sie sucht nach dem richtigen Begriff. „Wenn ich DJ Gigola beschreiben müsste, würde ich am ehesten das Wort ‚Rekontextualisieren’ nutzen.”

Ein zusätzlicher emotionaler Layer

Rekontextualisieren bedeutet für sie, „Sachen aus ihrem originalen Kontext zu nehmen und in einen neuen reinzusetzen”, führt sie aus. „Ich liebe es, etwas neu zu positionieren und zu schauen, welche Gestalt es darin annimmt.” Dass sie dieses Konzept nicht nur musikalisch verfolgt, liegt beim Blick auf den leicht taillierten Ledermantel, das oversized Leinenhemd mit aufgestickten, stilisierten Blumen und die rosa vintage Prada Americas Cup auf der Hand. Allesamt Insignien der Jahrtausendwende, stehen sie doch für unterschiedliche Kulturen. Zwei Jahrzehnte später finden Neogoth, hippieeske Raveklamotte und Poshness plötzlich zusammen, ohne dass DJ Gigola im Kontext dieser Begriffe gelesen würde.

„Wenn ich etwas aus einem bestimmten Kontext kenne, dann aber woanders einfüge, kann das ‘ne ganz neue Dimension bekommen”, unterstreicht sie passenderweise. Und ergänzt: „Dem nachzugehen, musikalisch, da würde ich DJ Gigola einordnen.“

Das Gespräch springt nun zwischen verschiedenen musischen Referenzen, gewissermaßen erläutert Schulz ihre Inspirationsquelle, Hybridisierung, und ihr Verständnis davon. „Ich find’ ein striktes Minimalset nicht cool, aber „The Sky Was Pink” im James-Holden-Remix zwischen zwei klassischen Techno-Tracks, das wäre schon wieder cool. Einfach, um zu sehen, wie das wirkt”, befindet sie. Der Stil der Spice Girls ist debattierbar, aber ein Kleid in deren Stil mit Anzugschuhen interessant. David Guetta per se: schwierig. Ein Sample davon auf einem Breakbeat wiederum sei ungemein spannend.


„Ein Teil von DJ Gigola ist auch, wie ich mich visuell präsentiere – aber so präsentiere ich mich auch, wenn ich nicht DJ Gigola bin.” 


Menschen bräuchten Genres zum Einordnen, um sich zurechtzufinden, sagt die Künstlerin. „Gleichzeitig aber ist gerade die Clubkultur eine Szene, in der immer wieder Grenzen und Kategorien aufgebrochen werden. Ich find’, das ist das schöne an Musik, die repräsentativ dafür ist, wie Grenzen zerfließen.” Gerade die Vermischung mit Popmusik berge eine gewisse Magie in sich, könne im Mix mit reduzierter elektronischer Musik den Trance-Moment eines Raves um eine Portion Nostalgie bereichern. Frankie Knuckles’ Remix von Toni Braxton sei für sie das perfekte Beispiel; eigentlich die Musik ihrer Mutter, „kann es extrem schön sein, eine Erinnerung an seine eigene Vergangenheit zu bekommen. Das gibt einem Clubabend nochmal einen zusätzlichen emotionalen Layer.”

Einerseits widersprechen solcherlei Momente zum Mitsingen dem Ethos einer Clubkultur, die das Feiern verdammt ernst nimmt, zumindest theoretisch. Und andererseits sind da zahlreiche Gegenbeispiele, ob nun die zahllosen schnell zusammengeschusterten Edits von Popsongs der 2010er Jahre oder schlichtweg das Wörtchen „Theoretisch”. Die meistdiskutierten Momente in Berghain und Panorama Bar fallen dann doch oft auf Tracks wie „Blue Monday” – auch der dürfte mittlerweile auserzählt sein. Es dürfte kein Wunder sein, dass DJ Gigolas Karriere genau in Zeiten Fahrt aufnimmt, in denen genrebasierte Vielseitigkeit ein gefragter Faktor bei DJs ist.

„Wahrscheinlich kann ich nicht mehr auflegen, wenn meine Popreferenzen nicht mehr denen des jungen Publikums entsprechen”, skizziert sie ein mögliches Karriereende und beschwichtigt sogleich, dass es bis da noch weit hin sei. „Wir leben ja in einem Zeitalter des Wiederverwertens.” Die 15-Jährigen dieser Tage hören auch plötzlich Eminem, Apps wie TikTok beflügeln das Upcycling alter R’n’B-Hits mit EDM-Beats. Klassiker seien ohnehin zeitlos: „‚Like a Prayer’ von Madonna wird einfach immer Popmusik sein, egal wie alt die Leute sind.” Popkultur habe schließlich etwas Nostalgisches und Emotionales, „damit identifizieren sich viele Leute, das schafft was Verbindendes auf dem Dancefloor.”

Eigentlich geht das Gespräch in Richtung Produktion, Stichwort Hybridsounds, aber dreht noch einmal eine Schleife zu (Pop-)Referenzen, Kleidung und den frühen 2000ern. „Ein Teil von DJ Gigola ist auch, wie ich mich visuell präsentiere”, erklärt die Privatperson ihre Kunstfigur. „Aber so präsentiere ich mich auch, wenn ich nicht DJ Gigola bin.” Sie lacht. Die Grenzen sind, wieder einmal, fließend.

Das Spielen mit unterschiedlichen Stilrichtungen sei bei Kleidung für sie dasselbe wie bei Musik, führt sie noch mit an. Aber es ist nicht nur das bloße Vermischen verschiedener Stile: „Wenn man Teenager ist und anfängt, Kultur bewusst wahrzunehmen, gibt es vieles, das mag man, aber kann es sich nicht leisten. Das kann ich jetzt auf mein erwachsenes Ich übertragen.” Ein Nachholen, wenn auch ein bewusst selektiertes.


„Ich kämpfe noch mit mir, ob ich nen Vocaltrack mache.”

DJ Gigola

Und so findet der Exkurs von Kleidung, dem Einzug der Farbe Schwarz auf Berliner Tanzflächen und queere Einflüsse über Begehrlichkeiten wie Capri-Sonne zu musikalischen Wiedergängern. Crossover, Bubblegum-Punk und, wie Schulz grinsend prophezeit: „Ich glaub’, es geht jetzt Richtung 2005er. Um Gigolo Records und Ed Banger wird es ein großes Revival geben in den nächsten Jahren. Und dann mach ich Minimal Techno.” Als Beweislast führt sie das neue gemeinsame Album von Miss Kittin und The Hacker an sowie Uffies Comeback. „Ich warte nur auf The Cobrasnake”, meint sie noch. Unklar bleibt, ob es Prognose oder Wunsch ist.

Aber zurück zu Hybriden, zum Gigola-Sound, der immer noch im Ungefähren liegt. Ein Erklärungsversuch: „Wenn du viel Musik machst, merkst du gerade in Hybrid-Sets – da fehlt ein Song.” Ihr Sound definiere sich mehr über die Suche nach Leerstellen denn über Genres, und wenn, dann die Verquickung mehrerer. „Tender Trance”, ihre Debütsingle, entstand aus dem Interesse an der Kombination von Trance und den gebrochenen Rhythmen Breakbeats. Dazu kam ihre Liebe für spanische Vocals, nur lieferte der Markt „eher Uninspiriertes im Bereich Tech-House mit Gitarrensamples”.

Starke Meinungen und etwaige Unsicherheiten

Ihre ersten beiden Singles standen vergleichsweise im klassischen Clubkontext, Sueño mit etwas technoideren Noten. Allen drei Singles, inklusive der jüngst erschienenen No Es Amor ist die Zusammenarbeit mit Kev Koko gemein, der Gigola „viel beigebracht hat und mich immer wieder challenget.” Am meisten aber schätzt sie die gemeinsame Lust am Experimentieren: „Die letzte Platte stand unter dem Gedanken, wie viel Pop man eigentlich in elektronische Musik reinbringen kann.”

Der Arbeitsprozess verhandelte Fragen wie die Menge von mit Techno verträglichen Vocals oder welche Elemente einer Pop-Produktion in einem für den Clubkontext konzipierten Soundgerüst funktionieren. „Strukturell haben wir [die Single entstand in enger Zusammenarbeit mit Featuregast Perra Inmunda] dann eigentlich trotzdem einen klassischen Chorus-Verse-Popsong geschrieben”, sagt sie mit gewissem Stolz.

Ganz so klassisch ist der Titeltrack aber nicht, mit seinen 1:30 Spielzeit liest er sich auch wie eine Referenz an Spotify-Algorithmen und die aktuelle Verkürzung von Popmusik. Das sei nicht ganz unabsichtlich geschehen, gesteht Schulz, „aber wir wollten einfach mal richtig Pop machen. Wir haben auch lange diskutiert, ob wir den Track länger machen, und dachten dann, nee, der beginnt ja auch nur wieder von vorne. Eigentlich ist er genau so fertig.” Ein Club-Edit würde aber noch nachgeschoben.

Der Track stand zudem noch unter einem anderen Anspruch. In Zeiten von Kontaktbeschränkungen entstanden, war die Perspektive für den Clubgebrauch auf einmal gleichbedeutend mit Zuhause. „Wir fanden, der muss auf Kopfhörern genau so funktionieren wie auf ner Clubanlage.” DJ Gigolas erste Solo-EP, Erscheinungsdatum September, erste Auskopplung mitsamt Video im Juli, soll diesen Ansatz wieder brechen. Für den Dancefloor sei sie primär, sie wolle viel mehr mit Rhythmusstrukturen arbeiten, teasert sie an. „Ein bisschen gemischt mit 2005er-2010er-Sound und Popkultur-Referenzen. Ich kämpfe noch mit mir, ob ich ‘nen Vocaltrack mache.”


„Wenn ich verkultet werden wollte, wäre ich Schauspielerin geworden. Als DJ war man mal zurückgezogener.”

DJ Gigola

Das für Beginn 2023 geplante Debütalbum hingegen solle „mehr künstlerisch als musikalisch” werden, verspricht sie. „Ein Meditationsalbum, da kommen viel ASMR und Yoga mit rein.” Schulz schneidet noch eine weitere mögliche Single und ein Feature an, grinst ertappt und zügelt sich gleich wieder: „Vielleicht habe ich das aus der Pandemie mitgenommen, dass ich in die Dinge, die mir Freude bereiten, mehr Zeit reinstecken möchte. Und ich merke gleichzeitig: Wenn man damit unterschiedliche Bereiche abdeckt, ist das mit sieben Tagen in der Woche nicht so einfach.”

So viel sie von Populärkultur und der Zeit ihrer Teenagerjahre schwärmt, so schmallippig wird sie bei der Frage nach Idolen und Held*innen. Vermutlich spricht hier mehr die Privatperson, die immerhin anerkennt: „Ich finde es sehr bewundernswert, wenn Künstler*innen es schaffen, einen Sound für sich herauszubilden.” Darüber hinaus bewundert sie Frauen, die als Mutter eine DJ-Karriere schaffen, und erkennt an, dass „es inzwischen eine Plattform dafür gibt, wo Rücksicht auf so was genommen wird und Frauenkarrieren anders gefördert werden.”

Als DJ freue sie sich über Artists, die in einem bestimmten Bereich viel produziert haben, allein über die Auswahl an Tracks. „Auf der anderen Seite möchte ich nicht dem Sound anderer nacheifern. Deswegen finde ich es extrem schwer, andere Künstler*innen als Inspirationsquelle zu nennen”, erwidert sie und führt weiter aus: „Ich glaube nicht, dass man geile Musik macht, wenn man einen bestimmten Sound nachbaut, sondern mehr, wenn man einfach loslegt und etwas aus sich selbst herauskommt. Nur dann bildest du auch eine Identität und einen Signature-Sound raus.”

Die Motivation und Herangehensweise anderer, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Künstler*innenidentität inspiriere sie. Die Frage, wie Menschen sich auch in einer langen Karriere selbst treu bleiben können. Die Verkultung von Personen sei ihr generell zuwider, gesteht sie, „da habe ich auch Schwierigkeiten mit meiner eigenen DJ-Persona.” Genau wie das sprichwörtliche Podest, auf dem DJs stehen, die Booth – „Wenn ich verkultet werden wollte, wäre ich Schauspielerin geworden. Als DJ war man mal zurückgezogener.”


„Man ist nicht einfach nur eine Person, die Musik selektiert, man muss auch zugänglich und authentisch sein.”


Den Verfügbarkeitsanspruch der heutigen Zeit, jene 360 Grad, verstehe sie zwar, „aber ich habe immer noch Schwierigkeiten damit, auf Bühnen zu stehen. Ich fühle mich dann disconnected von denen, die tanzen.” Identifikation und Teilbarkeit seien die Idee einer Künstler*in im Jahr 2022, erörtert sie. „Man ist nicht einfach nur eine Person, die Musik selektiert, sondern muss auch zugänglich und authentisch sein. Das ist das, was ich mit 360 Grad meine.”

Was bleibe, ist die Aufregung vor jedem Gig. Zwar habe sie inzwischen eine gewisse Routine, aber „was ich nie voraussehen kann, ist, ob ich die Stimmung richtig lese – jede Stadt ist da ein bisschen anders.” Derlei Unwägbarkeiten und neue Clubs verlangen ihr Respekt ab. Die Decks böten aber auch eine gewisse Sicherheit. „Ich muss ja nicht live singen. Zwar stehe ich auf einer Bühne”, aber, meint sie lachend, „im Zweifel kann ich das Licht ausmachen.”

Oberflächlich betrachtet kann DJ Gigola schnell eine Aura der Makellosigkeit, der Unnahbarkeit, gar ein einschüchterndes Element anhaften. Dieses Bild wird im Gespräch durchbrochen von einer Frau, die sich gerade an dieser oberflächlichen Betrachtung stört. Die primär ihr künstlerisches Schaffen für sich sprechen lassen, als Artist aufgrund ihrer Arbeit bestehen möchte. Und gleichzeitig doch weitaus vielschichter ist als „nur” die Künstlerin, als die sie sich präsentiert; eben als Person mit unbändiger Schaffenskraft, starken Meinungen und etwaigen Unsicherheiten, die scheinbar nebenher enzyklopädisch anmutendes Rave-Wissen angehäuft hat.

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