Zvrra (Sämtliche Fotos: Presse)

Vor Kurzem veröffentlichte die aus Chicago stammende Musikerin Zvrra auf Shifteds Label Avian das Konzeptalbum Bizzaroland. Ihre Inspiration findet die passionierte Gamerin vor allem in der digitalen Welt. Zvrra, die mit bürgerlichem Namen Raven Mazique heißt, steht federführend für eine neue Generation von Produzent*innen, für die digitale Zusammenhänge mindestens ebenso selbstverständlich sind wie analoge. Sich über das Internet zu connecten, zu streamen und online gemeinsam Musik zu machen ist für sie fast normaler, als zusammen auszugehen und sich im Studio zu verabreden.

Unser Autor Vincent Frisch traf Zvrra im Zoom. Er wollte von der Musikerin wissen, wie ihr ungewöhnlicher Alias auszusprechen ist, wie ihre Leidenschaft für Videospiele und Science-Fiction ihre Musik prägt, wie in diesen nerdigen Kosmos elektronische Tanzmusik passt – und wie sie mit ihrem eigenen Know-How ihre diversen Einflüsse aufbereitet.


Es dauert ein wenig, bis Zvrra Zutrauen zu mir fasst, dann wird das Gespräch zunehmend persönlicher und lebendiger. Nach gut einer Stunde folgt dann eine kurze Unterbrechung: Ein Güterzug rast an Ravens Haus vorbei. Der ist so laut, dass wir das Gespräch kurz unterbrechen müssen. Obwohl sie im Anschluss an das Interview noch live einen Mix zu streamen hat, nimmt sie sich trotzdem zwei Stunden Zeit für unseren Austausch. 

Wer sich von Zvrras Soundcloud-Konto zu ihrem Bandcamp klickt, wird von ihrer gewaltigen Diskografie überrascht. Zvrra kommentiert dazu in ihrer Soundcloud-Bio: „Follow me on Bandcamp – there’s over 25 albums.” Hört man sich durch diesen enormen Output, schimmern die verschiedensten Genres durch. Neben Trap und Footwork oder Industrial liegt Zvrras momentaner Fokus auf multidimensionalem, hypnotischem Techno, der sich auf Bizzaroland mit Ambientstücken paart.

Der Neologismus Bizzaroland bezeichnet für Zvrra einen speziellen Moment, in dem sie auf etwas Ungewöhnliches, Neuartiges trifft: „Wenn ich etwas sehe, das auf besondere Art und Weise verrückt ist, frage ich mich oft: Wo bin ich eigentlich? Für mich ist das dann Bizzaroland.” Diese Situationen sind für Zvrra der geistige Überbau des Albums und waren entscheidend für die gemeinsam mit Labelhead Shifted kuratierte Auswahl der Stücke.

Die Tracktitel haben dabei oft unterschwellige Bedeutungen und greifen immer wieder gesellschaftliche Probleme auf. Für Zvrra ist das Album „ein Spiegelbild unserer Zeit, dem eine fiktive Erzählung hinzugefügt wurde.” Oft denkt die Künstlerin beim Produzieren an eine gewisse Szenerie oder hat eine spezielle Idee: „Manchmal ist das wie ein Film vor meinen Augen, den ich dann in Audioform bringe.” Der Track „Society” ist hingegen entstanden, als sie gerade im PC-Spiel No Man’s Sky Game einen abgelegenen Lost Place besuchte.


Steckbrief

Wohnort: Chicago
Seit wann am Produzieren: Erste Versuche im Alter von zehn Jahren 
Lieblingstrack: DJ Tatana – Spring Breeze
Lieblings-BPM: 120 oder 129
Liebster Videospiel-Soundtrack: Kingdom Under Fire Gold


Das Alias Zvrra hat Raven bereits 2015 kreiert. Seither fühlt sie sich damit wohl, obwohl der Name keine tiefere Bedeutung oder eine offizielle Aussprache hat. Als Inspiration diente ein Charakter aus dem Kultspiel The Legend of Zelda und das Genre Witch House, bei dem alle Vs im Namen durch As ersetzt werden. „Solange die Hörer*innen nicht Zebra sagen, finde ich es in Ordnung, dass er unterschiedlich interpretiert und ausgesprochen wird.”

Bereits zuvor, im Kindesalter, hatte sie begonnen, Musik zu machen. Damals saß sie vor einem PC mit Windows 95 und einer Demo von FL Studio. Heute benutzt sie noch immer diese Software, weil sie mit ihr durch jahrelange Praxis am schnellsten Ideen umsetzen kann – erst für das Mixing wechselt Zvrra zu Ableton Live. Ihre Musikinstrumente sind ausschließlich digital, sie bedient sie mit MIDI-Keyboards. Einer ihrer Lieblings-VST-Synthesizer ist der absynth 5, mit dem sie oft mit dem Randomizer spielt: „Dann entstehen Sounds, die zufällig generiert, einmalig und bislang ungehört sind.”

Startet sie mit einem neuen Stück, hat sie bereits ihr digitales Setup in FL Studio gespeist und kann direkt loslegen. Mit dabei sind gespeicherte Sounds, Effekte, ein eingerichtetes Drum-Rack und ein White-Noise-Generator, den Zvrra gerne benutzt, um ihre Werke ein wenig voller klingen zu lassen. Ihr tiefgreifendes Wissen über das Produzieren hat sich die Endzwanzigerin in den letzten 18 Jahren selbst angeeignet. Durch das stetige Experimentieren mit Klängen, den Konsum von Video-Tutorials und den Austausch mit Gleichgesinnten im Internet hat Zvrra ihren ganz eigenen, hochkomplexen Sound weiterentwickelt.

Feedback holte sie sich in der Vergangenheit bei ihrer Familie oder bei Fremden in Internetforen, beispielsweise auf Reddit. Durch ihre Familie lernte sie etwa, nicht zu viele Elemente in einen Track zu packen, weil Musik dann überwältigend wirken kann. Teilt man seine Tracks hingegen mit Fremden, habe das den Vorteil, dass sie oft genaueres Feedback liefern als vertraute Personen, die einen vielleicht nicht mit harscher Kritik verletzen wollen: „Feedback von Fremden kann dir helfen, dich weiterzuentwickeln. Aber auch deine Lieblingskünstler*innen um Feedback auf Social Media zu bitten, kann dir helfen.” So kam sie in den Kontakt mit Künstler*innen wie Kyle Geiger, A Thousand Details oder eben ihrem Labelboss Shifted.

Etwas Neues im eigenen Kopf erschaffen

Ihren Zugang zu elektronischer Musik hat Zvrra, statt in Clubs zu tanzen, über die ravigen Soundtracks von Videospielen gefunden. Wichtig war für sie war der des Autorennspiels Midnight Club II, das sie auf der Playstation spielte. Da waren House-Stücke wie A:xus’ „When I Fall In Love”, Acidbrecher wie Brain 30s „Brain Train (Psycho TB 303 Mix)” oder auch „Silver Screen” von Felix Da Housecat und Miss Kittin. Ein weites Spektrum an elektronischer Musik. Scrollt man durch die Kommentarleiste auf Youtube, fallen die vielen Kommentare auf, die genauso wie Zvrra erklären, wie der Soundtrack sie an Techno und House herangeführt hat.

Ihr künstlerische Vision und Inspiration zieht Zvrra aus der Beschäftigung mit Science-Fiction und Cyberpunk – seien es Games, Bücher oder Cartoons wie die Serie Space Angel oder die Dead-Space-Filme und -Spiele. Dabei hat sie ein besonderes Faible für Geschichten, die im Weltraum spielen und von der Entdeckung neuer Planeten erzählen. In den Videospielen Dead Space 1 und 2 agiert die*der Spieler*in in der Rolle eines Ingenieurs auf einem Raumschiff, in dem sich Menschen mysteriöserweise in Monster verwandeln. Der Gamer muss sich gegen diese Monster behaupten und die Ursache für die Verwandlung herausfinden.

Oft sind es die filmischen Soundtracks, die Zvrra dabei faszinieren und an ihre eigene Arbeit erinnern: „Ich mag diese dichten Stimmungen, in die man eintauchen kann. Gerne würde ich selbst Thriller und Horrorfilme vertonen.” Spricht man mit Zvrra über ihre Sicht auf die Zukunft der Menschheit, schwärmt sie einerseits von den Möglichkeiten der voranschreitenden Technologie. Zugleich hat sie aber eine dystopische Sicht auf die Gesellschaft der Zukunft.

Neben ihren eigenen Tracks produziert Zvrra auch Musik für Spiele, testet diese professionell oder codet direkt selbst. Gerade arbeitet sie an einem eigenen Shooter-Game. Was sie dabei reizt, sei die Möglichkeit, alles selbst mit dem eigenen Verstand zu kreieren: „Du startest mit Nichts, wie auch beim Musikmachen, und dann fängst du an, etwas Neues mit deinem Kopf zu erschaffen. Später kannst du anderen Menschen zeigen, was du erschaffen hast.”

Musik für die Seele auf 160 BPM

Dieser Bewusstseinszustand aus dem Gaming und vom Filme und Serien Schauen, gepaart mit musikalischen Einflüssen von Künstler*innen wie Nicole Moudaber, 400PPM oder Tadeo, lässt diesen hypnotischen, tiefgründigen Techno-Sound entstehen, wie er auch auf Bizzaroland an mancher Stelle durchschimmert. Neben Techno und House hört Zvrra Trap und besonders Footwork, der omnipräsent in Chicago ist und mit dem sie sich ebenfalls intensiv beschäftigt: „Footwork ist überall um mich herum. Früher habe ich mit einer Footwork-Legende abgehangen. Er hat mir gezeigt, wie ich in FL Studio diese Musik produzieren kann.”

Für Zvrra ist Footwork ein Weg für eine Community, schwierige Zeiten auf anderem Wege zu bewältigen. Dabei hat das Genre für Zvrra den gleichen Stellenwert wie beispielsweise Soul. Footwork kommt aus verschiedenen Städten im Bundesstaat Illinois, in dem auch Chicago beheimatet ist, und die Produzent*innen stecken ihre Leidenschaft und ihr Herzblut in die Tracks. Oft werden tatsächlich auch Soulplatten gesampelt und in die neuen Tracks eingewoben. Auch in Zvraas Diskografie finden sich unzählige Footwork-Tracks, etwa „Can I Just Relax”.

Neben ihrem Solo-Projekt engagiert sich Zvraa zudem im Kollektiv Eat Dis. Dabei sei sie eine derjenigen, die die 50 Künstler*innen umfassende Gruppe vorantreibt, sagt sie. Die meisten Künstler*innen definieren sich als trans oder genderqueer. Im Zentrum des gemeinsamen Austausches steht das spontane Erschaffen von etwas Neuem. So veranstaltet das Kollektiv zum Beispiel alle zwei Wochen zweistündige Sample-Challenges. Alle Teilnehmer*innen haben dann 120 Minuten Zeit, um einen Track zu produzieren. Später werden die verschiedenen Stücke vorgestellt, es wird abgestimmt und alles wird – wir bewegen uns wie eingangs erwähnt in einer durch und durch digitalen Musikkultur – via Twitch gestreamt.

Heute sagt Zvrra, dass Techno ihr gesamtes Leben ausmache und mit den unterschiedlichsten Stimmungen und Tempi sehr abwechslungsreich sein kann: „Eigentlich kann Techno heute alles sein. Das ist Musik für die Seele, die mit langsamem Tempo oder auch auf 160 BPM funktionieren kann, woran sich viele Amerikaner*innen gerade versuchen.”

Was Zvrra an Techno liebt, ist diese besondere Form von Hypnose, die die Hörer*innen an einen neuen Ort führt. Außerdem sei sie ein riesiger Fan des rolling bass, der heute oft in modernen Techno-Produktionen zu finden und von einem konstant durchlaufenden, repetitiven Bass-Rhythmus gekennzeichnet ist. Dabei sind ihr die Menschen genauso wichtig wie die Musik. Wenn Zvrra ihre DJ-Mixe zusammenstellt, versucht sie deshalb Künstler*innen zu pushen, die kaum jemand kennt: „Kleine Künstler*innen auf Bandcamp machen oft genauso gute Musik. Sie kennt nur niemand.”

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