Marie Montexier (Sämtliche Fotos: Presse)

2021 hat es Marie Montexier nicht nur in unserem GROOVE-Leser*innenpoll in die Top 10 der besten DJs geschafft und Platz 2 in der Kategorie Newcomer*in des Jahres belegt, sondern auch ihr eigenes Label Paryìa Records sowie ihr Kollektiv Précey gegründet. Ihre vielfältige Auswahl elektronischer Genres in Kombination mit messerscharfem Vinyl-Mixing hat der Künstlerin den Weg zu mehr und mehr internationaler Aufmerksamkeit geebnet.

Im Interview spricht Marie Montexier mit unserer Autorin Franziska Nistler über die Schattenseiten des DJ-Lebens, das Verschieben der eigenen Grenzen, ihren Wunsch, mehr lokale Künstler*innen zu unterstützen, wie aus einem illegalen Waldrave Residencys in Clubs wurden und wann sie sich bewusst für das Auflegen entschieden hat.


Marie Montexier betritt den Zoom-Raum und eine entspannt wirkende junge Frau lächelt in die Kamera. Allein 2022 hatte die DJ neben Veranstaltungen in Deutschland bereits Gigs in Ländern wie Ungarn, Belgien, Großbritannien und der Schweiz. Da stellt sich die Frage, wie die Künstlerin es innerhalb von vier Jahren geschafft hat, sowohl in ihrer Heimat Köln als auch international in der elektronischen Musikszene Fuß zu fassen. „Das ist zufällig passiert. Ich hatte meinen ersten Gig irgendwo im Wald und den zweiten dann direkt in Spanien.”

Montexier und ihr damaliger Freund veranstalteten bereits zuvor die illegale Open-Air-Serie Pas de futur – zu Deutsch: Keine Zukunft. Für die dritte Ausgabe fragte ihr Freund Montexier schließlich, ob sie selbst nicht auch auflegen möchte. „Ich habe mich überhaupt noch nicht bereit dazu gefühlt. Aber ich glaube, da musste ich einfach ins kalte Wasser geschmissen werden.” Alles nahm seinen Lauf, und die Kölnerin lernte über Freund*innen aus Berlin jemanden kennen, der in Spanien ein Festival veranstaltete und sie einlud, dort zu spielen.

Ihr eigener Sound wurde vor allem dadurch geprägt, dass Montexier und ihr bester Freund Jonny, auch bekannt als a.b.u.303, untereinander Musik austauschten. Gemeinsam suchten die beiden nach unterschiedlichen Labels und Künstler*innen und hörten oft ganze Diskografien durch. „Ich bin gerne offen, interessiert und neugierig. Bis heute liebt Montexier es daher, zwischen verschiedenen Musikrichtungen hin- und herzuspringen. In ihren Radioshows spielt sie mal Downtempo, mal Bass Music und manchmal auch breakigere Sounds. Ihre Sets dagegen dürfen gerne auch mal nur Electro oder etwas technoider sein. Montexier erwähnt außerdem ihre Liebe zu nischiger und alter Musik sowie untypischen und weirden Sachen. „Ich mag mich da auch gar nicht festlegen. Das ist auch Teil meines Images als Künstlerin.”

Ein Künstler, der die Kölnerin nicht nur damals, sondern bis heute inspiriert, ist Objekt. Vor allem seine Auswahl der Genres beeindruckt Montexier. Die heutige DJ lernte damals viel von seinen Sets, die sie als sehr ausgewählt, speziell und qualitativ hochwertig beschreibt. Neben Mor Elian, I$A „und natürlich allen Gästen, die ich in meine Radioshow einlade”, beeinflusste auch Kasra V ihren heutigen Sound. „Ich mag es, wie er seine Sets dramaturgisch aufbaut. Das ist für mich das Nonplusultra, da habe ich sehr viel für mich selbst gelernt – wie man beispielsweise breakigere Sachen mit tranceigeren kombiniert.”


„Die elektronische Musikszene kann einen durchaus einsaugen. Zwischen Reisen, Party und Alkohol bleibt manchmal nicht viel Zeit zum Ausruhen.”


Als die Musikerin kurz vor dem Lockdown immer größere Anfragen für Veranstaltungen bekam, bemerkte sie erstmals, dass das Auflegen mehr als nur eine Nebenbeschäftigung ist. Die DJ erinnert sich daran, wie jemand mal zu ihr sagte, dass sie sich bewusst dafür entscheiden muss. „Ich habe den Impact der Entscheidung und das, was die Person damals zu mir gesagt hat, erst viel später verstanden.”

Schnell begriff sie, dass alles Schöne auch seine Schattenseiten hat. Es stört sie, dass so wenig Künstler*innen aus der Szene über ihr Befinden reden. Als DJ reist sie jedes Wochenende am Freitag ab, ihre Freund*innen unternehmen etwas zusammen, sie arbeitet. Fast jedes Wochenende wird die Künstlerin aus ihrer Komfortzone gerissen. „Das ist nicht so wie bei einer Band, wenn man zusammen im Auto fährt oder als berühmte Sängerin mit einem Tourguide reist. Als DJ reist du halt oft alleine.”

Die Künstlerin erzählt davon, wie schwer es zu Beginn fiel, sich an die unterschiedlichen Rhythmen zu gewöhnen und daran, dass sie alleine war und das nur mit sich selbst teilen konnte. „Es gibt viele positive und schöne Seiten an dem Job, man reist viel, geht seiner Passion nach. Allerdings gibt es auch negative Seiten am Beruf des DJ, die oft nicht nach außen kommuniziert und damit sichtbar gemacht werden.” Vor allem aber musste sie lernen, ihre eigenen Grenzen zu ziehen und zwischen Privat- und Geschäftsbeziehungen zu unterscheiden, erklärt sie. „Wenn man sein Hobby zum Beruf macht, verschwimmen diese emotionalen Grenzen miteinander und man kann ausbrennen – das passiert, wenn selbst gesetzte Grenzen oft verschoben werden.”

Deshalb wünscht sich die DJ mehr Awareness für die mentale Gesundheit von Künstler*innen. In der elektronischen Musikszene werden Drogen und Alkohol konsumiert. Montexier selbst hatte Angst, in einen Strudel zu geraten. „Die elektronische Musikszene kann einen durchaus einsaugen”, sagt sie dazu. „Und zwischen Reisen, Party und Alkohol bleibt manchmal auch nicht viel Zeit zum Ausruhen. Ich bewundere jede*n Künstler*in, die*der diesen Job schon lange ausübt, dafür, dass sie oder er das bewältigt. Ich bin selbst immer nüchtern, dennoch bin ich nach so einem Wochenende auch erschöpft. Ich möchte auf der Bühne alles geben als Künstlerin.” Montexier spricht einmal mehr davon, wie schnell es gehen kann, dass sich die eigenen Grenzen verschieben, weil ihr auf Veranstaltungen häufig etwas zu trinken angeboten wurde. Da lernte sie, immer wieder Nein zu sagen.

Vinyl als Arbeit und als Leidenschaft

Montexiers erste Feiererfahrungen fielen wie bei den meisten minderjährigen Jugendlichen eher unspektakulär aus. Die erste Veranstaltung mit elektronischer Musik, die sie besuchte, fand im Jugendzentrum in Siegburg statt und war eine Goa-Party. Das Jugendzentrum befand sich gegenüber von ihrer damaligen Schule, und die Künstlerin beschreibt es als eine Art Safe Space, in den sie als 15-Jährige mit ihren Freund*innen fliehen konnte.

Eigentlich noch zu jung für den Club, verstand die heute 24-Jährige schon damals, dass elektronische Musik auch mit Drogenkonsum einhergeht. Die Musik an sich und das ganze Drumherum waren für sie aufregend und spannend, aber auch erschreckend. „Ich bin eben auch sehr neugierig gewesen. Was treibt die Leute an? Warum gehen die in Clubs? Wo ist der Zusammenhang zwischen der Flucht aus dem Alltag, dem Konsum und auf elektronische Musik feiern zu gehen?” Damals hörte die Kölnerin viel Hip Hop und befasste sich nicht mit bestimmten Genres, sondern ging mit Freunden auf Partys, „die irgendwie cool klangen.”

Richtig mit der Musik auseinandergesetzt hat die heutige DJ sich erst zwei oder drei Jahre später. Sie fing an, elektronische Musik nicht nur im Club, sondern auch zu Hause zu konsumieren, und beschäftigte sich mit einzelnen Künstler*innen. Zwei ihrer Freunde besaßen einen Plattenspieler und legten öfters bei sich zu Hause auf. Dort kam sie das erste Mal mit Schallplatten, Vinyl und dem Auflegen in Berührung. „Das habe ich nicht mit einem DJ verbunden, sondern eher damit, eine Schallplatte zu Hause aufzulegen und anzuhören. Da habe ich erst realisiert, dass das auch ein Medium ist, was tatsächlich in dem Metier benutzt wird.” Mit 19 begann sie dann schließlich selbst mit dem Auflegen und benutzte bei ihrem damaligen Freund das nötige Equipment. „Vinyl war das erste Medium, mit dem ich angefangen habe. Deswegen ist es für mich bis heute ein wichtiger Teil meiner Leidenschaft und meiner Arbeit.”


„Ich finde, in Köln könnten lokale und junge Künstlerinnen definitiv noch mehr unterstützt werden.”


In ihrer Heimat Köln, erzählt Montexier, habe besonders Kompakt den Sound geprägt. Speziell Minimal und Tech-House waren damals sehr beliebt, wohingegen breakigere Musik oder etwas, „das ein bisschen aus diesem Raster herausfällt”, eher weniger Anklang fand. Mittlerweile verändere sich die Clubkultur in Köln jedoch dadurch, dass viele junge Leute ein aktiver Teil der Szene sind und ihren eigenen Sound mitbringen. Dennoch haben es vor allem weiblich gelesene Personen nicht einfach in diesem Bereich. „Ich finde, in Köln könnten lokale und junge Künstlerinnen definitiv noch mehr unterstützt werden. Das ist leider nicht einfach so gegeben, man muss sich das sehr hart erkämpfen. Es ist sehr männerdominiert.”

Montexier spricht davon, wie schwer es sein kann, seinen eigenen Sound durchboxen zu müssen. „Es ist ganz anders als Berlin oder Leipzig. Diese Städte stellen schon ein bisschen das Mekka der Diversität für die deutsche elektronische Musikszene dar.” Jedoch bemerkt Montexier, wie sich nach und nach auch der Fokus von Promoter*innen und Clubbesitzer*innen, die schon länger fester Bestandteil der Szene sind, verschiebt. Dabei rückt die Wichtigkeit, junge Künstler*innen zu fördern, immer mehr in den Vordergrund.

Die eigene Reichweite für andere nutzen

Neben unzähligen nationalen wie internationalen Auftritten hat es die Künstlerin jedoch auch zu Residencys in zwei renommierten deutschen Clubs gebracht. Vor allem den Kölner Club Gewölbe beschreibt die 24-Jährige immer wieder als eine Art Zuhause.

Denis Stockhausen von Kompakt lud die DJ zu seiner Veranstaltung im Gewölbe ein. Dort fand ihr Sound Anklang, und sie wurde immer häufiger für Events gebucht. Stockhausen legte damals ein gutes Wort für die Künstlerin ein, und auch Montexier selbst suchte immer wieder den Kontakt zur Crew. „Irgendwann, als ich dann mehr in dem Bereich gearbeitet habe, hatte ich auch das Gefühl, dass ich selber eine stärkere Stimme entwickelt habe und wollte dort eine Veranstaltung machen.” Daraufhin führte eins zum anderen, und die Kölnerin wurde fester Bestandteil des Gewölbes. „Für mich war das aufregend, weil es einer der Clubs in Köln ist, die ich gut finde. Einer der wenigen Clubs, der sich mittlerweile für unterschiedliche Genres öffnet, was sehr erfrischend ist!”


„Wir möchten nicht, dass den Künstler*innen nach uns die Tür vor der Nase zugeschlagen wird.”


Auch Montexiers Residency beim Berliner Kollektiv Warning wurde über mehrere Ecken in die Wege geleitet. Sie erzählt von Jonas aus Mülheim an der Ruhr, der ihr Set im Callshop Radio in Düsseldorf gehört hatte und zufällig jemanden von der Warning-Crew kannte, dem er das Set schickte. Kurz darauf wurde die Künstlerin von Warning eingeladen, auf einer illegalen Party zu spielen, und im Anschluss an ihr Set gefragt, ob sie Interesse an einer Residency hätte. „Ich habe immer noch Momente, in denen ich in meinen Kalender gucke und erst mal verstehen muss, was da eigentlich passiert, weil alles so schnell geht und ich das alles noch gar nicht so richtig verarbeiten konnte.”

Trotz stetig wachsendem Bekanntheitsgrad oder vielleicht gerade deshalb sprach Montexier mit ihrer Freundin Philo viel darüber, wie es ist, als Frau in dieser Szene Fuß zu fassen. Sie erfuhr von dem noch immer steinigen Weg, den man als weibliche DJ gehen muss, und wollte ihrer Freundin die Tür zum Kölner Club Jaki öffnen. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Thilda Abena und Luisa alias Aino DJ entwickelte sich daraus das Kollektiv Précey. „Wir wollten den Fokus darauf setzen, lokale und vor allem weibliche und nicht binäre Künstler*innen zu unterstützen, weil das eben immer noch zu kurz kommt in der Szene in Köln.”

Die Künstlerin erklärt, dass der Name aus den beiden Wörtern „Present” und „Sarcey”, einer französischen Feministin, entstand. Geprägt von Erfahrungen, in Zuge derer die Künstlerinnen in der Szene sexualisiert wurden, flossen auch Teile ihrer Lebenseinstellung in das Projekt mit ein. Vor allem aber war es den vier Frauen mit französischem Background wichtig, anderen Künstler*innen ihren Support zu zeigen und ihnen die Kraft zu geben, die ihnen selbst an vielen Stellen fehlte. „Wir möchten nicht, dass den Künstler*innen nach uns die Tür vor der Nase zugeschlagen wird oder dass sie keinen Anklang finden und hierarchisch unter den Männern stehen. Wir wünschen uns eine offene und positive Haltung, faire Chancen und dieselbe Anerkennung für unsere Arbeit!”

Neben ihrem Kollektiv sowie diversen Auftritten in Clubs und auf Veranstaltungen träumt Marie Montexier, seitdem sie 15 ist, davon, ihr eigenes Label zu gründen. Im Interview mit der GROOVE betont die Künstlerin jedoch auch, wie viel ehrenamtliche Arbeit hinter Paryìa Records steckt. Mit der Anatolism EP ihres besten Freundes Jonny war der erste Release ihres Labels nicht nur aufregend, sondern auch eine Herzenssache. „Die erste Platte war harte Arbeit und ein langer Prozess, aber so langsam formt sich das Label und alles entsteht viel natürlicher. Ich merke, wie ich in die Labelarbeit hineinwachse und damit auch Erfahrungen sammle, die mich in anderen Zusammenhängen weiterbringen.”

Zusätzlich zu ihrem Label startete im Januar 2022 auch ihre gleichnamige Radioshow Paryìa FM bei HÖR. Nicht nur Montexier selbst, sondern auch die Künstlerin Small Crab ist hinter dem DJ-Pult in Deutschlands bekanntestem Badezimmer zu sehen. „Ich hatte schon davor meine Radioshow Pistache FM bei Radio 80000 und Lust, Künstler*innen einzuladen, die mich inspirieren oder dort noch nicht so oft zu hören waren.” Gemeinsam mit DJ Overland zählt Small Crab zu den neuen Gesichtern von Paryìa, deren Releases als nächstes auf dem Label erscheinen werden.

Die Wichtigkeit von Diversität spiegelt sich bei Marie Montexier in allen Lebenslagen wieder, so auch auf ihrem Label und in ihrer Radioshow. Die DJ sucht vor allem nach Musiker*innen, die noch nicht viel veröffentlicht haben, sowie nach nischiger, experimenteller und weirder Musik. Ihr liegt es am Herzen, dass sich die Künstler*innen in unterschiedlichen Genres ausprobieren können, dass auch neue Gesichter eine Plattform haben. „Ich möchte meine Reichweite auch für andere nutzen”, sagt sie. „Künstler*innen, vor allem Frauen, sollen sich kreativ ausleben können. Ich möchte, dass sie sich auf positive Weise gesehen fühlen.”

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