DVS1 (Foto: Salar Kheradpejouh)

Kaum einer der großen Techno-DJs setzt sich so sehr für die Integrität der Szene ein wie DVS1. Das hat auch mit seinen Ursprüngen zu tun: Zak Khutoretsky ist ein Kind der legendären Midwest-Rave-Scene der 1990er, in der Kollektive von der Technik bis zur Promotion alles selbst übernahmen. In der 2000ern betrieb DVS1 in seiner Heimatstadt Minneapolis den legendären Club Foundation, 2019 gründete er das Netzwerk SOS (Support. Organize. Sustain.), das sich gegen die Kommerzialisierung der Szene richtete. 

DVS1s neuestes Projekt heißt Aslice. Mit Aslice will er Producern ermöglichen, am finanziellen Erfolg der DJs teilzuhaben. Vincent Frisch und Alexis Waltz wollten von ihm wissen, wie er die ambitionierte Plattform, die eine Alternative zu den disfunktionalen Verwertungs bieten will, auf die Beine gestellt hat.


Was willst du mit Aslice erreichen? Wie bist du auf die Idee für das Projekt gekommen? 

DVS1: Zwischen meinen DJ-Gigs habe ich immer wieder mitbekommen, wie schlecht Musikproduzent*innen bezahlt werden – sei es durch die Streamingdienste oder durch Musikverkäufe. Tatsächlich ist das Ungleichgewicht in der Entlohnung zwischen DJs und Produzent*innen schon seit vielen Jahren ein Problem in unserer Szene. Ich kann von meiner Arbeit als DJ gut leben, während ich gleichzeitig beobachte, dass es Produzent*innen schwer haben und es für sie von Jahr zu Jahr schwieriger wird. 

Was war jetzt der Anlass, dich mit diesem Thema zu befassen? 

Die Corona-Pandemie war eine Gelegenheit, etwas gegen dieses Problem zu unternehmen. In der Szene wurde viel darüber gesprochen, dass die Pandemie der große Reset ist, dass nichts sein wird wie zuvor. Ich denke aber, dass sich tatsächlich kaum etwas verändert. Ich wollte diese beiden Jahre also nutzen, um etwas gegen die Ungerechtigkeit zu unternehmen, die nun schon so lange andauert.  

Wie bist du konkret vorgegangen? 

Ende 2019 realisierte ich, dass ich nicht genug tue, um die von mir geschätzten Produzent*innen zu unterstützen. Ich lebe von meiner Arbeit als DJ, indem ich ihre Musik spiele, aber ich nehme keine Podcasts auf und veröffentliche keine DJ-Charts. Deshalb fragte ich mich: Wie kann ich die Künstler*innen unterstützen? Schlussendlich habe ich meinen langjährigen Assistenten, Label-Manager, guten Freund [frühren GROOVE-Redakteur, d. Red.] Sebastian Weiß angerufen und gesagt: Ich kann über Rekordbox ziemlich genau nachverfolgen, welche Künstler*innen ich gespielt habe. Bei denen möchte ich mich bedanken. Ich bat ihn also, 200 Künstler*innen jeweils 50 Dollar zu überweisen. Sebastian erwiderte daraufhin, dass das zwar eine schöne Idee sei, es aber viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. So haben wir diese Idee erst einmal verworfen – bis uns die Pandemie überrollte und die Szene erst einmal stillstand. 

Was ist dann passiert? 

Im Juli 2020 saß ich dann in meinem Berliner Studio und dachte wieder an die Idee, mich bei Produzent*innen finanziell zu bedanken. Daraus wurde schließlich Aslice, das für a slice of the pie steht. Bald habe ich meinen engsten Partner*innen und Kolleg*innen von der Idee erzählt. Alle waren begeistert. Plötzlich wurde klar, dass so etwas möglich und gar nicht so schwierig umzusetzen ist. Als Nächstes holte ich mir Feedback und Inspiration aus einer Fokusgruppe, von 50 Menschen aus der Musikindustrie, DJs, Produzent*innen, Leute von der Presse. Sie gaben mir Tipps, wie Aslice tatsächlich funktionieren könnte. 

DVS1 (Foto: Presse)

Es gibt viele Producer und zahllose Tracks. Wie hast Du Dich daran gemacht, die alle zu erfassen?   

Ich habe ein Team von Entwickler*innen aufgebaut. Dabei habe ich kein Geld von Investoren genommen, stattdessen belastete ich mein Haus mit einer Hypothek, um das Projekt selbständig zu finanzieren. Dann kam Ethan Holben in der Rolle des CEO dazu. Ethan hatte bereits jahrelang als Global Head des Red Bull Radio mit Künstler*innen zusammengearbeitet. Schließlich stellten wir den Kontakt zu den Musiker*innen her, um die nötigen Kontakte für eine Beta-Phase zu haben. Nach dieser erfolgreichen Beta-Phase startet nun endlich das Projekt. 

Was waren die größten Hindernisse, die ihr bei diesem Projekt überwinden musstet?

Unser größte Hindernis war ein System zu entwickeln, das es schafft, mit hoher Verlässlichkeit DJ-Sets zu analysieren und die gespielten Tracks zu erkennen. Das ist eine Technologie, die es in unserer Branche nicht gibt. Wir wollten eine Technologie entwickeln, von der wir sagen können, dass sie die allermeisten Stücke richtig erkennt. 

Ein weiteres Hindernis war, einen Dienstleister zu finden, der Geld annimmt, verteilt und verschickt, ohne zu hohe Gebühren zu verlangen. Die meisten Anbieter sammeln entweder Geld oder sie zahlen es aus. Dass eine Firma beides zur gleichen Zeit übernimmt, ist hingegen selten. Nach einigen Versuchen haben wir schließlich einen Dienstleister gefunden, der alle drei Schritte ermöglicht ohne zu hohe Kosten zu verursachen. 

Was hältst du von der GEMA? Versucht die GEMA nicht, das umzusetzen, was ihr macht?

Die GEMA und die Verwertungsgesellschaften anderer Länder arbeiten nicht für unsere Community. Clubs wie das Berghain müssen nach deutschem Gesetz der GEMA Geld geben. Sie verspricht, dieses Geld an die Künstler*innen weiterzugeben, die im entsprechenden Club gespielt wurden. Sie behandelt aber DJs nicht als Live-Performer. DJs haben also gar nicht die Möglichkeit, ihre Setlists einzureichen und analysieren zu lassen. Die GEMA macht es für DJs in Deutschland also extrem schwer Produzent*innen zu unterstützen – in England sind DJs dagegen mit Live-Performern gleichgestellt. 

Hat die GEMA überhaupt einen Sinn? 

Verwertungsgesellschaften wie die GEMA sind eher für das Radio, große Festivals oder Bands gemacht, die festgelegte Playlists spielen. Die elektronische Musikszene und die DJ-Kultur funktionieren aber anders. Dabei ist unsere Kultur heute sehr populär und ein Milliardengeschäft. Es gibt von Seite des Gesetzgebers aber immer noch keinen Ansatz, die Producer*innen in unserer Szene fair zu entlohnen. 

Kannst du erklären, wie die Entlohnung der Producer mit Aslice dann abläuft? 

Über Aslice können die DJs ihre Sets analysieren lassen und die gespielten Künstler*innen über die erhobenen Daten direkt unterstützen. Für die Zukunft hoffen wir, dass die großen Verwertungsgesellschaften unseren Lösungsansatz zur Kenntnis nehmen, auf uns zukommen und mit uns zusammenarbeiten. 

Dabei weiß kaum ein*e Künstler*in in Deutschland, dass sie*er sich nicht unbedingt bei der GEMA registrieren muss. Darüber redet niemand, obwohl die GEMA keinen guten Job macht und das eingenommene Geld nicht gerecht verteilt wird. Produzent*innen oder DJs haben heute die Möglichkeit, sich auf der ganzen Welt bei einer Verwertungsgesellschaft zu registrieren, die sicherstellt, dass sie für ihre Musik entlohnt werden. Wir hoffen, dass wir als wachsende Gemeinschaft Druck auf die großen Verwertungsgesellschaften aufbauen können, um diese zum Umdenken zu bewegen und das Geld gerechter zu verteilen. 

DVS1 (Foto: Presse)

Was waren die Reaktionen anderer DJs auf Aslice? 

Interessant war, dass es bei manchen Kolleg*innen überhaupt kein Bewußtsein für die gesamte Problematik gibt. Wir haben das Projekt jeden Mittwoch 15 bis 20 Künstler*innen vorgestellt, dabei haben wir auch immer über die Verwertungsgesellschaften und ihre Rolle gesprochen. Da die meisten Künstler*innen kaum Geld von ihnen beziehen und die Arbeitsweise der Gesellschaften schwer zu verstehen sind, sehen sie darin auch kein Problem, das gelöst werden müsste. Wir haben ihnen erklärt, dass keiner von uns dieses Problem alleine lösen kann. Als Gemeinschaft können wir jedoch Druck aufbauen. 

Wenn ein DJ für einen Gig 1000 Euro bekommt – welcher Teil davon fließt mit Aslice an die Producer, deren Musik gespielt wurde?

Wir empfehlen unseren DJs fünf Prozent ihrer Gage an die Producer zu verteilen. Fünf Prozent ist ein Anteil, der niemanden wirklich belastet, der aber dennoch einen Unterschied macht. In unserer Beta-Phase waren wir in der Lage, 1,40 US-Dollar pro gespieltem Track auszuschütten, obwohl die DJ-Gagen in dieser Zeit, während der Pandemie, eher niedrig waren. Wenn die Clubs wieder im Normalbetrieb laufen, erwarten wir, wesentlich mehr Geld pro gespieltem Track ausschütten zu können. 

Zum Schluß noch eine persönliche Frage: Wie fühlt es sich für dich, an dem Ende der Pandemie der kommenden Saison entgegen zu fiebern? Was sind deine Pläne für den Sommer?

Dieses Mal fühlt es sich wirklich so an, als ob die Pandemie langsam vorbei ist. Die letzten zwei Jahre hatte ich bei den Club-Wiedereröffnungen ständig im Hinterkopf, dass es vielleicht doch noch nicht vorbei sein könnte. Das ist jetzt anders. Ich freue mich darauf, endlich wieder regelmäßig meiner DJ-Tätigkeit nachzugehen. Und was den Sommer angeht, wäre es schön, euch spannende Pläne mitzuteilen – aber ich werde wohl mit Aslice ziemlich ausgelastet sein. Meine gesamte Freizeit habe ich gerade diesem Projekt gewidmet. 

Wird es in Zukunft weitere Wall-of-Sound-Nächte geben? Besitzt du dein eigenes Soundsystem noch? 

Absolut. Während der Pandemie hatte ich mein 25-jähriges DJ-Jubiläum – das habe ich noch nicht gefeiert. Jetzt bin ich schon 27 Jahre lang als DJ aktiv, vielleicht warte ich aber auch noch auf meinen 30. Auflege-Geburtstag. In der zweiten Hälfte des Jahres werde ich mich auf meine DVS1-Projekte wie die Wall of Sound konzentrieren. 2023 wird es zum Beispiel eine Wall of Sound in Athen geben. Und zu deiner zweiten Frage: Natürlich besitze ich immer noch mein Soundsystem, das ist in einem geheimen Lagerhaus in Minneapolis eingelagert. In den letzten zwei Jahren war es still – aber im Mai werden wir es wieder zum Leben erwecken. 

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