Pete Namlook – Air (Silent State)

Pete Namlook – AIR 1 (Silent State)

Rückwärts buchstabiert ist Peter Kuhlmann alias Pete Namlook als Gründer des Frankfurter Labels FAX +49-69/450464, unter weiteren fünf Pseudonymen als Produzent von circa 135 teils großartigen Alben und wesentlich mehr EPs, Singles und für 69 Kooperationen mit Musiker-Kolleg*innen weltweit bekannt. Legenden wie Wolfgang Müller von der Band Tödliche Doris, der Berliner-Schule-Elektronik-Pioneer Klaus Schulze, aber auch der House-Produzent Move D saßen in Namlooks leicht schwebenden, jazzigen Ambient-Zeppelinen. 

Kuhlmanns 90s-Techno-Trance-Ambient wurde durch dystopische Cyber-Punk-Ideen á la Neal Stephenson und Filme wie Blade Runner oder Escape from New York genährt. Die Mensch-Maschine und Virtual Reality versus den XTC/LSD-Eso-Kitsch und die Quasi-Metaphysik des binären Codes zogen auf FAX +49-69/450464-Platten auch großartige Liner Notes nach sich. „= SEQUENTIAL = Der absolute Geist ist Urprinzip des Seins”, heißt es da zum Beispiel: „Das Sein entbirgt sich in Bewußtsein (sic!) und Materie. In der Musik vereinen sich Ideen und Klänge zum Abbild des absoluten Geistes. Sequential ist ein Teil davon.“ In Auslaufrillen gekratzte, ein wenig paranoide Texte konnten dann schon etwas anders klingen: „ARE WE LIVING IN A GLOBAL VIRTUAL REALITY SYSTEM? WHO IS ON THE OUTSIDE?!”

Nils Wortmanns Label Silent State Recordings veröffentlichte dieses Jahr 13 Werke des 2012 früh verstorbenen Musikers Peter Kuhlmann digital via Bandcamp. Planmäßig erschien im Juni 2021 im Wolke Verlag auch Wortmanns umfangreich recherchiertes Buch Alles so schön still hier – 100 Ambient-Alben, die man gehört haben sollte, während in der Covid-Pandemie die allgegenwärtige Ambient-Renaissance offensichtlich in der Luft liegt. Mit dem vorzüglichen Remaster von Air macht sich sein Reissue-Label nun auch an die Vinyl-Veröffentlichung des Kuhlmannschen Werks.

Peter Kuhlmanns Vinyl-Erstveröffentlichung aus der Air-Pentalogie zwischen 1993 und 2006 ist zu unrecht von der Zeit verweht, denn die Verbindung von elektronischer Musik aus den frühen Neunzigern mit Musikern wie Ralf Hildenbeutel oder Cosmic Baby und Kuhlmanns individuellem Interesse an einer immersiven räumlichen Tiefe im Klang treffen später nie wieder so unvermittelt aufeinander. Mirko Hecktor

Posthuman – Requiem For A Rave (Balkan Vinyl)

Posthuman – Requiem For A Rave (Balkan Vinyl)

Im Zurückblicken hat das UK-Duo Posthuman eine gewisse Routine entwickelt. Zum Markenkern der beiden Cousins Joshu Doherty und Rich Bevan ist ein niemals endendes Acid-Revival geworden. 2007 starteten die beiden ihre erfolgreiche Partyserie I Love Acid in den Londoner Corsica Studios. Seitdem existiert auch das gleichnamige Sublabel Balkan Vinyl, das Posthuman gemeinsam mit Luke Vibert betreiben. Daneben unterstützt Joshu Doherty immer mal wieder die Rave-Legende Mark Archer bei seinen Altern-8-Retro-Shows.

In Sachen Rave und Hardcore haben Joshu Doherty und sein Cousin Rich Bevan aber mehr Expertise vorzuweisen als nur ein paar absolvierte Kurse in der YouTube Academy. Womit wir denn auch beim Statement des neuen Posthuman-Albums Requiem For A Rave wären. Aufgewachsen sind die beiden in Schottland beziehungsweise dem Nordosten Englands. Rückblende in die frühen Neunziger: Doherty und Bevan waren seinerzeit Teenager. Wie so viele andere aus ihrer Generation waren sie Teil der Rave- und Hardcore-Szene. Wochenende für Wochenende waren sie in Autokonvois unterwegs zu Raves, die auf irgendeinem Acker oder in leerstehenden Lagerhallen stattfanden. Im Auto hörten sie Tape-Mitschnitte von Pirate-Radio-Shows oder Dreamscape-Raves.

Etwa 30 Jahre später halten Posthuman mit ihrem neuen Album nun eine Totenmesse für diese längst vergangene Zeit. Entsprechend omnipräsent sind hier Breakbeats, dazwischen immer wieder kleine Schnipsel von MCing sowie die ganze Palette der damals unverzichtbaren Effekt- und Synth-Sounds. Es sei ihnen nicht darum gegangen, die Vergangenheit musikalisch nachzubauen, erklären sie in den Infos zu diesem Album. Haben sie auch nicht. Rave, Jungle, Techno, Acid, Trance, Ambient und House mit entsprechender Patina sind zwar die Kernbestandteile der elf Tracks auf Requiem For A Rave, allerdings so gut wie nie in einer irgendwie puren oder originalgetreuen Version. Obendrein spielen die Stücke in Sachen Tempo im heute üblichen Rahmen.

Wie es das menschliche Gehirn mit Erinnerungen so anstellt, verschwimmt hier so einiges. Was zunächst mal eine der Stärken dieser Platte ist. Andererseits fehlt es manchen Tracks immer wieder an Lebendigkeit. Vieles wirkt wie am Reißbrett entworfen. Den jugendlichen Leichtsinn, Hunger und Wahnsinn von vor 30 Jahren sucht man vergeblich. Ein Paul Woolford hat das schon mal besser hinbekommen in letzter Zeit. Holger Klein

Priori – Your Own Power (NAFF)

Priori – Your Own Power (NAFF)

Der sphärische Deep-Techno-Sound der Musikstadt Montreal entwickelte bereits in den späten neunziger Jahren mit den frühen Produktionen von Fred Everything oder Akufen und Labels wie Bombay oder Turbo eine melancholische Weite. Und die trieb diesen Ansatz nochmal in ganz andere, ambiente Sonnenuntergänge mit trancig-eisigem Hauch durch die Straßenschluchten des Plateaus, dem damaligen In-Viertel Montreals.

Prioris Album Your Own Power klingt wie die etwas jüngere Granularsynthese des dubbigen Köln- und mittlerweile anscheinend auch Berlin-geschulten elektronischen Montreal-Klangs. Vor allem im Herbst, wenn sich die früher nach französisch- und englischsprachigen Einwohner*innen segregierte Stadt allmählich für den Winterschlaf eingrub („2-9-1”) oder sich die tödlich kalten Nächte in dampfenden Clubs mit Alkohol und chemischen Drogen erträglich machte („Color Me”), bekamen die endlosen Reverbs der Produktionen in morgendämmernden Taxifahrten unter den Hochhäusern der Rue Sainte-Catherine mit ihren italienischen 24-Stunden-Restaurants – die direkt aus Filmen wie Der Pate oder Saturday Night Fever kamen – einen Sinn („Oyl”).

Die vier Flakscheinwerfer des sich langsam drehenden Leuchtfeuers auf dem Wolkenkratzer am Place Ville-Marie tasteten über der Stadt das neblige Schachbrettmuster der Häuser ruhig und radarartig in konzentrischen Kreisen ab („The Tower”). Zur illegalen Afterhour-Warehouse-Party in der französischen Oststadt schob sich im Rotlicht-Viertel der Sauna-Club vorbei („The Village”). Und in den ersten Tautropfen („Winged”) der kühlen Aprilsonne des Jahres 2000 explodierte die Stadt und gebar neben unzähligen Sommer-Outdoor-Festivals das allererste Mutek („Your Own Power”).

Das Festival mit globalem Renommee lud Francis Latreille alias Priori letztes Jahr zum zweiten Mal als Live-Act ein. Der 30-Jährige veröffentlicht erst seit 2016 schön-verträumte Tracks. Die denken aber bereits die leichte Wehmut Montreals historisch wunderbar mit und entwickeln sich nun sanft in Richtung psychedelischen Shoegaze-Manchester-Rave weiter. Das Album erscheint auf Prioris eigenen Label NAFF, das er mit dem Produzenten Ex-Terrestrial führt. 2018 listete es Mixmag als Label des Jahres. Mirko Hecktor

Robert Görl & DAF – Nur Noch Einer (Grönland Records/GoodToGo)

Robert Goerl & DAF – Nur Noch Einer (Groenland Records GoodToGo)

Nur Noch Einer: Mit der ernüchternden Erkenntnis, wie es aktuell um die Besetzung der Band Deutsch Amerikanische Freundschaft bestellt ist, hat Robert Görl ein Album überschrieben, das zuallererst eines ist: ein Abschiednehmen von Gabriel „Gabi” Delgado-López.

Obwohl 1978 in Düsseldorf ursprünglich als Quintett angetreten, wird das Bild der dann oftmals als DAF abgekürzten Formation in der Wahrnehmung der größeren, auch internationalen Öffentlichkeit in erster Linie von der langen Duo-Phase geprägt, in der Görl und Delgado-López eine Art antagonistische Symbiose eingingen. Der unerwartete Tod des Sängers im März 2020 muss Görl hart getroffen haben, umso mehr, weil die Studioproduktion eines neuen DAF-Albums unmittelbar bevorstand. Doch die Arbeitsteilung der Vergangenheit – Görl produziert die Musik, Delgado-López improvisiert seine Text im Studio dazu – war damit Geschichte.

In die Lücke, die der charismatische Frontmann hinterlassen hat, hat sich Görl nun selbst vorgewagt, mit eigenen Lyrics. Thematisch und formal wollen diese ganz bewusst an den Duktus des verstorbenen Freundes erinnern, parataktische Reihung kategorischer Aussagen, dringlicher Ansagen und schroffer Imperative, doch sein Vortrag macht gar nicht erst den Versuch, Delgado-López’ dramatische Präsenz zu imitieren. Stattdessen findet Görl zu einem im künstlerischen Sinn authentischen, eigenen Ton zwischen Lebensfreude und schicksalhaften Abgründen – vielleicht am bemerkenswertesten auf „Holland Road“, in dem Görl als Crooner im Stil von Scott Walker reüssiert.

Dass vieles auf Nur Noch Einer dem Gedenken an Delgado-López gerecht wird, hat auch mit der musikalischen Quelle zutun, aus der die 15 Tracks geschöpft wurden: Auf vakuumierten Bändern aus den Achtziger Jahren fanden sich seinerzeit ungenutzte Sequenzen. Mithilfe der Produzentin Sylvie Marks hat Görl aus diesen Keimzellen Songs entwickelt, die in Form einer Retrospektive die verschiedenen Entwicklungsstufen des Duos Revue passieren lassen: In „Das Pur Pur Rot” hallen die DAF von „Der Räuber und der Prinz” nach, in „Wir Sind Wild” eher „Der Mussolini”. Ebenso, dass Görls Umgang mit Synthesizer-Sequenzen für EBM und in der Folge auch Techno stilbildend wirkte. Instant-Klassiker: „Das Geschenk”. Auch wenn Görl die Zukunft von DAF noch offen gelassen hat, wirkt Nur Noch Einer nicht nur wie ein Epitaph für den verstorbenen Freund, das letzte Monument einer in aufrichtiger Hassliebe verbundenen Partnerschaft, sondern markiert wohl auch deren Ende. Harry Schmidt

The Black Dog – Music For Photographers (Dust Science)

The Black Dog – Music For Photographers (Dust Science)

Die Frage, wie Musik für Fotograf*innen klingt, soll an dieser Stelle nicht beantwortet werden. The Black Dog haben unter dem Titel jedenfalls ein weiteres Ambient-Album herausgebracht. Klingt erst einmal wie gehabt, flauschig-metallische Akkordschleier, einige davon durchaus mit melodischen Konturen.

Leichte Überraschung kommt dann in der Nummer „Pho-kuss” auf, bei der Kollege Oliver Ho zu Gast ist und in der von fern gespensternde Klavierklänge sich mit den Tönen einer akustischen Gitarre zu einer Art Ambient-Americana verbinden. Orgelklänge sind an anderer Stelle ebenfalls gestattet, ebenso Anflüge von Beat, die dem Schweben einen gelegentlichen Schubs verleihen. Bevor es dann zu beliebig gerät, setzen The Black Dog mit ausgedehnten Nummern wie „Lightroom Lies, Darkroom Doom” etwas ungemütlichere Akzente im Stile von angerostetem Fabrikhallen-Ambient.

Sicher hat es sein Gutes, wenn bei Ambient nicht jeder einzelne Titel genauso klingt wie der andere, doch in diesem Fall fehlt der Platte ein bisschen das, was ihren eher formlosen Stücken eine übergeordnete Form geben würde, Fotograf*innen-Konzept hin oder her. Im Einzelnen ist vieles davon überzeugend, über die volle Länge (78 Minuten) bleiben noch Wünsche offen. Tim Caspar Boehme

Wolfgang Tillmans – Moon in Earthlight (Fragile)

Wolfgang Tillmans – Moon in Earthlight (Fragile)

Dass Wolfgang Tillmans gute Bilder macht, davon konnte man sich bisher in London, Tokio, Berlin oder New York überzeugen. Der Mann aus Remscheid bei Düsseldorf weiß schließlich, wie eine gscheide Party abläuft. Und hat sie über Jahre  immer wieder abgelichtet. Seine musikalischen Ausflüge klangen hingegen mitunter wie Ableton-Live-Eskapaden. Erst mal durch die Presets klicken und schauen, was dabei rumkommt. Kann man machen.

Nach einer Reihe von Maxis erscheint erscheint nun mit Moon in Earthlight Tillmans’ Debütalbum auf seinem Label Fragile. Und, holy shit, das Ding ist eine Platte des Jahres. Man weiß zwar nicht so ganz, ob man damit zur Finissage in den White Cube stolpert, plötzlich auf einem Popkonzert landet, einen Termin beim Logopäden wahrnimmt oder einfach nur das Mikro aus dem Fenster hängt. Aber genau das macht dieses Brimborium aus 19 Songs und Sketches aus. Manchmal knittert und knattert es hinterm Samtvorhang, schon prackt sich der Mann hinter die schwarzen Tasten.

Tillmans, der Clubretter und Hobby-Astronom blickt mit fragilem Auge gen Schein des Mondes – und säuselt zwischen Klangschalen und Depeche Mode wie Bargeld. Das führt wie im Falle von „Insanely Alive” oder dem Abschlussbanger „Give Me a Shadow” zu Synth-Pop-Songs, bei denen Martin Gores linkes Ohrläppchen vor Neid zu zucken beginnt. Enjoy the silence, fly to the moon! Christoph Benkeser

Vorheriger ArtikelEin kurzer Spaß: Warum die Clubs wieder schließen müssen
Nächster ArtikelBerliner Senat: Clubs sollen zeitnah schließen