DJ MELL G (Foto: Obi Blanche)

Pandemie hin oder her, die letzten eineinhalb Jahre liefen ganz passabel für DJ MELL G. Zwar konnte die in Hamburg lebende DJ und Producerin kaum Sets vor Publikum absolvieren, vertrieb sich die Zeit aber mit diversen Auftritten bei HÖR, etlichen weiteren Mixen und Eigenproduktionen, die größtenteils ein Markenzeichen eint: Geschwindigkeit.

Als Teil einer Welle junger Künstler*innen, die Electro und Breaks priorisieren – für gewöhnlich stilloffener und ruppiger denn je –, zeigte sie sich anfangs vor allem von Hip Hop, Trap und Ghetto-Tech der DJ-Deeon-Schule beeinflusst, ließ sich aber ohnehin nie auf eine Spielart festnageln.

DJ MELL G by Obi Blanche
Foto: Obi Blanche

Ihre Electro-Platten für den Sommer hingegen betonen das Aufgekratzte an Electro, schielen allesamt auffallend gen Weltall. Bedrohliche Pads, die von DJ MELL G so geschätzten 303-Basslines und sogar Trance spielen eine prominente Rolle. Eine peitschende Auswahl für eine Künstlerin, die im Zuge ihrer Reviews angibt, seit Beginn der Pandemie weniger elektronische Musik zu hören. Freut euch auf Musik zwischen Breaks und Four-To-The-Floor, auf den Track für den perfekten Übergang und auf eine Selektion, die Russland als Fixpunkt auf der Electro-Landkarte mitdenkt.


Manao X Soft Grunge – Unknown Sequence EP (NO SERVICE)

Manao X Soft Grunge - Unknown Sequence EP

Ihr habt zwar nach meinen fünf Lieblingstracks gefragt, allerdings muss ich hier direkt mit einer meiner Lieblings-EPs des Sommers anfangen. Welcher Track davon am besten ist, kann ich nicht sagen, weil einfach einer besser als der andere ist. Manao habe ich erst Anfang des Jahres entdeckt. Er hatte mir im Frühjahr mal ‘nen fetten Ordner mit unveröffentlichten Tracks geschickt, und jeder Track ist der Wahnsinn. Meiner Meinung nach ist seine Musik sehr von Dagga inspiriert, was ich liebe. Ich bin auch ein sehr großen Fan von den Collaborations der beiden. Manao ist diese Saison auf jeden Fall zu einem meiner Lieblingskünstler geworden, und ich habe in jedem Set oder Podcast etwas von ihm mit dabei. Er produziert so Electro, wie ich ihn liebe (obwohl jeder Track mindestens fünf BPM hochgepitcht wird, haha): Wilde 303-Basslines, maximale Percussion, die Switches von Breakbeat und Viervierteltakt. Besonders stark find’ ich auch die Features mit der lieben DJ Fuckoff.  Veröffentlicht wurde die EP via NO SERVICE am 4. Juni. Einfach nur gelungen und viel zu underrated. Also: Anhören!

DJ Swagger – Bass Hysteria EP, Track: B2. Noseblunt (Nerang)

DJ Swagger - Bass Hysteria EP Track- B2. Noseblunt

Schon immer bin ich DJ-Swagger-Fan und jedes Mal aufs Neue von seiner musikalischen Vielseitigkeit begeistert. Seit Jahren verfolge ich ihn, und letztes Jahr konnten wir uns endlich mal im Studio in Berlin kennenlernen. Ich war geflasht davon, wie er sagte: „So, Schluss mit der Electro-Schelle, ich geh’ rüber und spiele Klavier.” Was ich außerdem auch von DJ Swagger gelernt habe, ist, dass es egal ist, wie und wo du Musik produzierst. Die Hauptsache ist das Endergebnis und dein Gefühl dabei. Die 12-Inch kam über Nerang Recordings im April. „Noseblunt” passt immer und überall, und das in fast jeder Geschwindigkeit. Um ehrlich zu sein, hat dieser Track schon das ein oder andere Mal meine Sets gerettet. Eine super einfache, aber sehr gute Produktion.

Viikatory – 808 Error (Crazed Behaviour)

Viikatory - 808 Error (Crazed Behaviour)

„808 Error” ist Teil der Various-Artists-Compilation COUNTER ATTACK von Crazed Behaviour aus dem April. Das war tatsächlich auch der erste Track, den ich von der Produzentin und DJ aus Belarus gehört habe, und ich dachte mir: Damn girl, sexy! Ich selbst höre seit Beginn der Pandemie weniger elektronische Musik als sonst, weshalb ich logischerweise weniger Musik finde, die mich persönlich inspiriert und die ich spielen würde. Bei diesem Song hat es mich daher umso mehr gefreut, die Frauenpower dahinter zu spüren. So ein harter Electro in so einer schnellen Geschwindigkeit mit 4/4-Switch zur Mitte hin, fiesen Pads und 303-Bassline. Genau das einfach. Wahnsinn. Viikatory plant dieses Jahr noch eine EP zu veröffentlichen, und es ist mir eine Ehre, einen ihrer Songs remixen zu dürfen. Women up!

Alex Ranzino – Delusion (Everyone On Acid)

Alex Ranzino - Delusion (Everyone On Acid)

Ahhh, „Delusion”. Ich muss ehrlich sagen, ich brauchte mehrere Anläufe, bis ich verstanden hatte, wie komplex dieser Track ist. Bei jedem Mal Hören und Spielen gefiel er mir immer und immer mehr, und mittlerweile gehört „Delusion” auf jeden Fall zu den von mir am liebsten und am meisten gespielten Tracks. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie man es bloß schaffen kann, einen Song so zu produzieren, dass wirklich jeder Übergang mit einem Track nahezu perfekt wird. Alex Ranzino hat genau das geschafft. Es baut sich so unfassbar viel in diesem Song auf: Er beginnt ganz einfach, nach 56 Sekunden denkt man sich, dass es nun knallt, und zehn Sekunden lang passiert dann wirklich alles. Und genau andersrum baut „Delusion” auch wieder ab. Wie Achterbahn fahren. Veröffentlicht wurde der Track ebenfalls im April auf einer Sechs-Track-VA namens Acid Cyborgs Are Sick 02 via Everyone On Acid. Geniale Produktion.

DJ KARAWAI – GoaTekk (urwaxx)

DJ KARAWAI - GoaTekk (urwaxx)

Unter anderem hat für mich mit DJ KARAWAI die Welt des schnellen Electros begonnen, und damit geht’s auch weiter. Von der ganzen EP, die von urwaxx veröffentlicht wurde, kann ich ebenfalls keinen Lieblingstrack benennen, weil alle ihren eigenen starken und ausgeprägten Charakter haben. Der Sound aus Russland inspiriert mich jedes Mal aufs Neue: Schnelle Electro-808s mit bösen Acid-Lines, Memphis-Vocals, Reverse-Kicks vor dem Drop, zitternden Hi-Hats, zappigen Snares und pannenden Arps. Und das Faszinierende an der ganzen EP ist für mich die Mischung mit Trance. Obwohl ich Trance gar nicht leiden kann, um ehrlich zu sein. Funktioniert hier allerdings wahnsinnig gut, Karawai kann’s, und ich hoffe, noch viel von ihm lernen zu können.

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