Mr. G – The Forced Force Is Not The True Force (Childhood)

Sein halbes Leben verbrachte Colin McBean in London, vor einigen Jahren kehrte der unter dem Namen Mr. G bekannte Engländer mit jamaikanischen Wurzeln wieder in die Midlands zurück. In der mittelgroßen Industriestadt Derby ist er aufgewachsen, Anfang der Achtziger zog es ihn nach London. So sehr er London liebt, die Lautstärke und Hektik der Stadt stressten ihn zuletzt. Market Harborough heißt der kleine Ort, in dem er nun in einem alten Haus lebt und arbeitet. Nur noch selten ist Colin McBean seit Beginn der Pandemie von dort weggekommen. In seinem früheren Leben tourte der inzwischen 60-Jährige gerne um die Welt, geliebt wird er für seine Live-Gigs, in deren Mittelpunkt stets die Akai MPC2000XL steht. Missus nennt er sie liebevoll.

Dieses Gerät ist wenig überraschend auch der Dreh- und Angelpunkt seines neuen Albums The Forced Force Is Not The True Force, erschienen auf Childhood, einem Label, das während der Pandemie von Muallem, dem Macher des Münchner Clubs Blitz, gegründet wurde. Der neue Longplayer von Mr. G entstand nicht nur in genau dieser Zeit, er handelt auch von ihr. Reflexhaft denkt man: Oh nein, nicht schon wieder eine Corona-Platte mit einer Überdosis an Selbstreflexion, die von sozialer Isolation handelt – und all dem anderen Kram, den die Welt scheinbar nicht mehr abschütteln kann.


So introspektiv und grummelnd die Grundstimmung dieses Longplayers sein mag, pessimistisch ist sie nicht.


The Forced Force Is Not The True Force ist aber genau so ein Album geworden, einer der Tracks heißt denn auch „New Normal”. Trotzdem ist diese Platte so außergewöhnlich wie gut geraten. Dieser Party-Vibe, der Mr.-G-Platten sonst auszeichnet, er ist nicht weg, aber so richtig gegenwärtig auch nicht. Das Tempo ist durchweg gedrosselt, über den öfter mal reduzierten MPC-Beats grummeln nicht allzu euphorische, aber umso mächtigere Basslines. Manchmal scheint alles stillzustehen. „Fizzy” etwa tritt zwischen Ambient und Dub beinahe auf der Stelle, das Fundament bildet eine grimmige Reggae-Bassline in Endlosschleife.

Immer wieder hat Colin McBean in Interviews betont, dass er stets ein Soundboy geblieben ist. Damals in Derby verkabelte er die Speaker für ein Reggae-Soundsystem. So introspektiv und grummelnd die Grundstimmung dieses Longplayers sein mag, pessimistisch ist sie nicht. Im Zentrum des Openers „Still Life Talkin’ v1” steht ein Soul-Sample: „We’re gonna make it better”. Es folgt der zeitlupenhafte Track „Meditative State (Mantra)”: „Let it be alright” wird mantraartig wiederholt, auch hier hat sich McBean bei einer Soul-Platte bedient. Das Stück klingt wie eine Erinnerung an den Notting Hill Carnival, die zu einer zähflüssigen Masse geronnen ist.


Mr. G bleibt auf der Suche und ist auch hier nicht der Museumsdirektor seines eigenen Lebens.


Auf „Future World” hört man Mr. G über die künftige Welt sinnieren, seine halb gesprochenen, halb geflüsterten Worte sind jedoch so in den Hintergrund gemischt, dass man nur Bruchstücke versteht. Im Zentrum steht eine Rave-Bassline, die sich jedoch nie in Ekstase auflöst. Beinahe unerwartet betritt mit „Basement Jam 9” ein Uptempo-Electro-Stück die Bühne. B-Boy-Moves als Erlösung. Man schaut aufs Tracklisting: Später wird noch eine Nummer folgen, die „Tropical Hifi” heißt. Kommt da etwa noch etwas karibische Leichtigkeit ins Spiel? Nicht ganz, es sei denn, man empfindet darken Ambient Dub irgendwie ganz anders.

Der meditative, loopige Charakter von The Forced Force Is Not The True Force wird nicht zuletzt durch diese Basslines bestimmt, die halb Rave, halb Dub sind. Verstärkt wird dieser Eindruck, wenn gegen Ende der Platte die Tracks „Meditative Mantra” und „Still Life Talkin’” in abgewandelten Versionen erneut auf- und wieder abtauchen. Bis am Schluss mit „Search” die Welt ganz still steht. Eine beeindruckende Platte eines Produzenten, der erneut nicht der Versuchung erliegt, seine glorreichen Zeiten in Form eines Reenactments abzufeiern. Mr. G bleibt auf der Suche und ist auch hier nicht der Museumsdirektor seines eigenen Lebens. Holger Klein

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