Access 58 – Another Civilisation EP (Pacific Records) (Reissue)

Access 58 – Another Civilisation EP (Pacific Records)

21 Jahre war das Londoner Techno-Label Pacific weg, nun ist es wieder da. Zwischen 1994 und 1999 konnten die beiden Macher Justin Deighton und Stuart McLellan mit Platten von unter anderem Hot Lizard, Ian O’Brien und dem Techno-Duo Access 58 durchaus ein paar Akzente setzen. Von einer irgendwie legendären Aura war der Katalog dieses Labels aber eher nicht umweht. Daher überrascht das Wiederauftauchen von Pacific Records ein wenig. Aber egal, Justin Deighton und Stuart Mclellan wollen es wieder wissen. Es soll Neuerscheinungen geben, daneben werden Highlights aus dem Katalog wiederveröffentlicht. Ein paar dieser Highlights kommen von Access 58. Paulo Nascimento hat portugiesische Wurzeln, Philippe Quenum kommt ursprünglich aus der Schweiz. Getroffen haben sie sich in London, zusammengeführt hat die beiden ihre Begeisterung für No-Nonsense-Techno im Sinne von Jeff Mills oder Claude Young. Sie waren nicht die einzigen, die damals auf diese knapp angedeutete Jazzigkeit und einen sehr zackigen Funk mit verschachtelter Polyrhythmik setzten. Aber diese Neuauflage ihrer EP Another Civilisation verfolgt diesen Weg auf eine extrem stringente Art und Weise. Man dichtet ja vielem, was repetitiv ist, eine hypnotische Wirkung an. Aber Tracks wie „Funky Thursday” oder „Spark” lösen genau dieses Versprechen wirklich ein. Erstaunlich gut gealtert sind diese vier Tracks. Gute Platte. Holger Klein

Jerome Hill – Twenty Twenty EP (Super Rhythm Trax)

Jerome Hill – Twenty Twenty EP (Super Rhythm Trax)

Wer Jerome Hills Twenty Twenty EP nur nebenbei hört, wird sie eventuell lediglich als solide Stilübung im 90er-Acid- und Electro-Kontext wahrnehmen. Klar, wo auch sonst sollte man seine Tracks einordnen, der Brite ist mittlerweile eine Institution in diesem Bereich und sein Label Super Rhythm Trax befruchtet diesen seit 2014 regelmäßig auf verlässlich hohem Niveau. Wer nun aber genauer hinhört, wird feststellen, dass alle Tracks immer das nötige Quäntchen Mehr mitliefern, das aus einer gelungen Fingerübung ein wirklich gutes Stück mit Eigencharakter und künstlerischer Relevanz macht. Ob die harmonisch in diesem Genre ungewöhnliche Dopplung der Bassline in „Mind Goes Blank”, die nach etwa drei Minuten einsetzende melancholische Synthie-Fläche in „Knock Knock”, die den vorher hyperaktiven, durchgeknallten Track unerwartet wunderbar emotionalisiert, oder die freischwebende, psychedelische Synthesizer-Figur zur klassischen Acid-Sequenz in „A Million Ways To Get Ill” – in den Tracks gehen spätestens beim Einsetzen dieser Elemente immer die Mundwinkel (respektive Arme) nach oben und auch der Nörgel-Nerd nickt wissend und ehrfürchtig mit dem Kopf. Mathias Schaffhäuser

Kilbourne – Seismic (Evar)

Kilbourne - Seismic (Evar)

Gute, wenngleich nicht unerbittliche Härte hier von der New Yorker Produzentin Kilbourne. Rattert von Null auf ICE-Vollfahrt in „Gore Tex”, in dem bei angeblichen 100 BPM (Zählzeit natürlich das Doppelte, ist doch selbstverständlich!) gleich der Gabba abgeht. Dieses Kopfnicken reißt die härteste Brücke ein. „Tinsel Teeth” beginnt mit diversen Drum-Becken im Vergleich dazu schon virtuos. Doch auch hier hantiert Kilbourne mit ausschließlich metallenen Klangfarben. Das Verzichten auf eine Bassspur gibt diesem Gerüst sogar noch mehr Härte. Die Brooklyner Produzentin arbeitet mit zwei weiteren Namen für diese EP: The DJ Producer legt mit Kilbourne gemeinsam einen Gabber-Mix in sechs Minuten an, und „Seismic Cross” macht mit Intro, Vorbereitung, Luftholen, Abfahrt einen Heidenspaß, bevor es über die letzten zwei Minuten richtig was zum Durchdrehen gibt. Mit dem Brooklyner Nachbarn Buzzi geht die EP vergleichsweise weich weg. Auf diesen 150 BPM entwickelt sich sogar so etwas wie ein Groove, wenn auch ein schneller. Christoph Braun

Longhair – Ja Wie? (Permanent Vacation)

Longhair - Ja Wie (Permanent Vacation)

Lange Haare, kurze Haare, keine Haare. Ja, wie jetzt? Wer bei der Frisurenwahl verzagt, wird in der Dunkelkammer glücklich. Longhair – ein Mann, der seinem Friseur in die Augen blickt – dreht für das Münchner Label Permanent Vacation am Kaugummiautomaten. Schwups, drei bunte Kugeln flutschen raus. Party! Statt Laser blinken selbstgebastelte Laternen, die Bassbox quält sich, Glitzer is nicht. Hat hier jemand Trance geflüstert? Klaro. Longhair schüttet auf Ja Wie? drei Dosen Bohnerwachs über den Dancefloor. Dat Ding muss glänzen wie die Augen kleiner Kinder, wenn sie ihre Mäuler zum ersten Mal in Zuckerwatte stecken. Longhair gibt den Affen zwar kein Sugar, aber drei Gründe zum Leben. Techno, Trance und gute Laune. Irgendwo zwischen 80 Beats in der Minute und so viel Tränen in den Augen, dass man vor lauter Ekstase schon mal dem DJ alles Gute wünscht. Aber Achtung, Vorsicht ist geboten: Wer einmal vom Kaugummiautomaten nascht, wird morgen wieder naschen wollen. Bis es irgendwann in weiter Zukunft passiert. Der Haaransatz wandert, lichte Flecken bilden sich. Und nur Trance überbleibt. Für immer. Und ewig. Amen. Christoph Benkeser

Quadratschulz – One Week (Altered Sense)

quadratschulz - One Week (Altered State)

Carsten Schulz aus Hamburg meldet für das IDM-Label Altered Sense: alles wirkt wie beiläufig mitgeschnitten, die Tracks lediglich benannt nach Wochentag und Uhrzeit. „Die 01:23” macht schön Drum-Machine-Einkicken. Hier hört man Schulz die kolportierte Hip-Hop-Vergangenheit an. Bald schon darüber legt sich eine krautig-süße Melodie, wie ein Wiegenlied von Vögeln für Apparate. „Mit 01:45” legt im Breakbeat los und übersteuert die Brüche. Hier wiegen sich die Synthesizer in Sicherheit und bleiben ganz bei sich. „Fre 19:45” mit seiner langstehenden Snare könnte sich in einen Footwork-Loop ergießen, wählt jedoch den moderaten Strom mit prägnanter Zwo und Vier hinter munteren Keyboard-Dialogen. In „Son 23:45” wählt Schulz ein Orgel-House-Intro, variiert es zunächst ohne Bass durch, dafür mit Traummelodien des Lächelns. Handclaps und gespiegeltes Lächeln fächern diesen tollen Track nur auf, noch mehr, noch weiter und in die Deepness. Christoph Braun

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