Es ist schon absurd. Hätten Miles Whittaker und Sean Canty, besser bekannt als Demdike Stare, im Jahr 2014 einfach die Suche nach dem mysteriösen japanischen Producer Shinichi Atobe aufgegeben, hätten wir nie erfahren, wie bereichernd und belebend seine Idee von House Music wirklich ist. Bis dahin war der in Saitama-City, der jüngsten Millionenstadt des Landes, lebende Künstler einzig und alleine durch seine Veröffentlichung Ship-Scope, die im Jahr 2001 auf dem legendären Label Chain Reaction veröffentlicht wurde, bekannt.

In Zeiten des gängigen Irrglaubens ständig erreichbar sein zu müssen, der konstant von sozialen Medien, TV und News verstärkt wird, wirkt auch die von Demdike Stare verifizierte Art des Kontakts zwischen Label und Künstler wie ein herzerwärmendes Relikt längst vergangener Tage. So gesehen positionieren sich beide Seiten als notwendiger Gegenpol eines hektischen 24/7-Lifestyles. Alle ein oder zwei Jahre schlendert Atobe also ganz gemütlich zum Postamt in seinem Bezirk und schickt ein Paket ins 5800 Kilometer entfernte Manchester. In diesem befindet sich dann eine schlichte CD-R und ein Blatt Papier mit den Track-Titeln. Und obwohl Yes sein nunmehr schon fünftes (Erfolgs-)Album auf DDS ist, lässt Atobe auch hier noch immer die Musik für sich sprechen, anstatt einen zirkusartigen Public-Relations-Marathon abzuziehen.


„Schon auf seinen vergangenen Alben spielte Atobe oft mit Piano-Sounds, die eine langjährige Tradition in der Geschichte der House Music haben.”


Yes beginnt ganz anders, als man es aufgrund des optimistisch anmutenden Titels erwarten würde. Das Album eröffnet mit mächtigen Synth-Wellen, deren Hüllkurven Atobe auf subtile, aber hörbare Weise moduliert. Wüsste man nicht, wem man hier zuhört, würde man wohl auf Dopplereffekt tippen. Doch je tiefer man in den Arpeggiator-Sounds versinkt, umso mehr wird klar, dass „Ocean 7” trotz der sich gemächlich aufbauenden Spannung keinen stürmischen Tag auf See symbolisieren kann. Dafür ist der Sound nach kurzer Eingewöhnung dann doch viel zu warm, wohltuend und enthusiastisch. Das könnte mitunter auch am Mastering von Rashad Becker liegen, der auf dem ganzen Album phänomenale Arbeit liefert, indem er die Höhen geschickt akzentuiert und es gleichzeitig schafft, die Bässe ihren pumpenden Job machen zu lassen. 


„Die Grooves diktieren ohne große Anstrengung das Geschehen und zeigen genau, wie Atobe sich ein gelungenes Track-Arrangement vorstellt.”


Hinter den sechs Minuten und 54 Sekunden von „Lake 2” verbirgt sich weitaus mehr, als es den Anschein hat. Schon auf seinen vergangenen Alben spielte Atobe oft mit Piano-Sounds, die eine langjährige Tradition in der Geschichte der House Music haben. Dieser Ursprung liegt in Marshall Jeffersons Song „Move Your Body”, der die Geburtsstunde des Piano-House darstellt. Diese, beim Japaner jedoch minimalistisch eingesetzten Piano-Elemente, schleudert er durch Reverb, Delay oder Hall und arrangiert sie so geschickt, dass sie, und hier differenziert er sich eindeutig vom Genre, nur eines von vielen Bauteilen seiner Werke darstellen. Nie, und auch nicht bei „Lake 2”, beanspruchen einzelne Elemente die ganze Aufmerksamkeit für sich alleine. Vielmehr ist dieses Stück ein lobenswertes Beispiel dafür, wie man zahlreiche Spuren harmonisch mischen kann, statt Hörer*innen mit einzelnen Baustücken zu erdrücken. Getragen wird der Song zusätzlich noch von sanften Bleeps und in sich stimmigem Drum-Programming. So unglaublich schmooooooof!

Der rote Faden des Albums, nämlich die Piano-Chords, spielen auch im Title-Track „Yes” eine essenzielle Rolle. Ohne sich übermäßig profilieren zu wollen, kommen sie gemächlich zu den kontrastierenden, nämlich gefährlich spitz angefeilten 4/4-Hi-Hats und den etwas arbiträr wirkenden Rimshots hinzu. Die Grooves diktieren ohne große Anstrengung das Geschehen und zeigen genau, wie Atobe sich ein gelungenes Track-Arrangement vorstellt. Die Kombination der in sich geschlossenen Kreisläufe (Loops), wird nur dann zu einem stimmig Track, wenn man ihnen die nötige Zeit gibt, sich einzugliedern beziehungsweise wieder von dannen zu machen. Und das tut er wie kein Zweiter.


„Denn wie schon beim ganzen Album zeigt sich auch hier, dass die einzelnen Elemente nur so gut sind wie ihre Summe. Und die ist bei Atobe ziemlich hoch.”


Künstlich forciert wird auch bei „Lake 3” und „Rain 3” nichts, wobei das eine ein perkussives Workout mit Neo-Trance-Einflüssen, das andere ein ebenso abstrakter wie verspielter House-Tune ist, der durch seine jazzigen Einflüsse glänzt. Trance-Vibes gibt’s dann auch gleich nochmal in Form des kurzen Interludes „Loop 1”, aber nach kurzem Arme in die Höhe reißen ist man dann doch zu gespannt darauf, wie die Reise wohl enden wird.

Sie endet genau dort, wo sie auch begonnen hat. Bei den Wellen, ganz weit draußen im Meer. „Ocean 1” bringt allerdings keine zugige Meeresbrise mit sich, sondern die volle Ladung Pazifik-Funk. Die extrem gelungene Bass-Line kommt so unverfroren und direkt daher, dass man entweder nur den Kopf schütteln oder ihr aber einen dicken Kuss auf die Wange drücken will. Tendenziell eher Letzteres! Denn wie schon beim ganzen Album zeigt sich auch hier, dass die einzelnen Elemente nur so gut sind wie ihre Summe. Und die ist bei Atobe ziemlich hoch.

So bleiben eigentlich nur zwei Dinge zu hoffen: Dass sich Künstler*innen am zurückhaltenden Japaner ein Beispiel nehmen und wieder vermehrt ihre Arbeiten statt ihre PR-Agenturen und Instagram-Profile für sich sprechen lassen. Und dass es Atobe bald wieder mit einem Päckchen zur Post verschlagen wird.