Der See wurde eigens für das Festival aufgeschüttet. Foto: Roman Selezinka.

Samstagnacht, 22 Uhr, in einem Außenbezirk Kiews: Wir steigen aus dem Taxi aus. Die Straße ist voller Schlaglöcher, vor uns reihen sich Autos in einer Schlange aneinander. Wir legen die letzten Meter bis zum Gelände des Brave Factory Festivals zu Fuß zurück. Ich höre Wortfetzen auf Ukrainisch oder Russisch, unterscheiden kann ich es nicht. Neben, vor und hinter uns: Raver. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Leute haben sich zurechtgemacht für dieses Ereignis. Sie tragen ausgefallene Sportklamotten, klobige Turnschuhe, kurze Shorts, viel bunt. Die Männer lange Haare oder kahlrasierte Köpfe. Die Fotoreportagen über die Partyszene im Osten Europas, sie scheinen zu stimmen. Meine Erwartungen an dieses Festival, das von der Crew hinter dem international bekannten Club Closer in Kiew organisiert wird, steigen. 

Gespannt trete ich durch ein Tor hindurch, auf dem das Zeichen der Kiewer Metro prangt. „Metrobud” heißt dann auch das Gelände, hier werden wohl die Züge der Kiewer U-Bahn gewartet. Vor uns erstreckt sich ein langer Weg, an dem entlang ich das kommende Wochenende noch oft auf und ab marschieren werde. Es wird noch in letzter Minute an Details gearbeitet; Wegweiser auf die Gebäude gemalt, atmosphärische Lichter platziert. Zwei Bühnen befinden sich entlang des Weges, vier weitere im hinteren Teil des Geländes, Musik wird non-stop laufen. Die Reizüberflutung setzt jedoch in Schritten ein. Zunächst lassen wir zwei Bühnen hinter uns, um zum Herz des Geländes zu laufen. Die ukrainische Rapperin Alina Pash tanzt, singt und rappt zu Trap-Beats auf der Cement-Stage, die Tanzfläche umrahmt von massiven Silos. In ihrer Heimat ist sie sehr bekannt: Am Tage hat sie noch auf den Straßen Kiews bei den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag performt. Nun steht sie hier, inmitten des Undergrounds. 

x Die ukrainische Künstlerin Alina Pash. Foto: Roman Selezinka.

Ich muss daran zurückdenken, was ich selbst am Morgen auf dem Maidan gesehen habe: Menschen in traditioneller Kleidung flanierten über den Platz, die Nationalflagge war omnipräsent, eine Gruppe Veteranen machte eine kleine Kundgebung. Immerhin die Militärparade hatte der neue ukrainische Präsident, Wolodymyr Selenskyj, abgesagt. Dennoch war es eine befremdliche Portion Nationalismus, von der man in der Metrobud glücklicherweise weit entfernt ist. 

Klassisch, im Sinne davon wie man sich die Neunziger vorstellt, wirkt hier einiges: Genauso wie ich ist das Publikum generell zu jung, um diese Zeit erlebt zu haben. Sie inszenieren jedoch die perfekte Rekreation. Neben den Outfits sind es vor allem die Drogen: Ecstasy und MDMA sind hier sichtbar das Mittel der Wahl, Lollipops das Accessoire dazu und sogar geshuffled wird nicht selten. Nicht zuletzt die Hingabe. Es ist (erst) Viertel vor zwei in der ersten Nacht, als auf dem locker gefüllten Topka-Floor ein peitschendes Live-Set mit Kusshand von den Tanzenden empfangen wird. Der Ukrainer Clasps schlägt mit Schlagzeugstöcken auf ein Drumpad ein, macht ab und zu kurz was am Laptop und ist die ganze Stunde lang hochkonzentriert. Sein Industrial-geprägter, langsamer Techno entwickelt einen intensiven Sog. Um mich herum wird mit vollem Körpereinsatz getanzt – nein, gehüpft – und gejubelt. Der Floor an sich wird schnell zu einem meiner Favoriten: Eine mittelgroße Halle, zwei Booths  – eine für Live-Acts und eine für die DJs – an ihrem langen Ende, eine Galerie am hinteren Ende der Tanzfläche und eine Bar direkt darunter. Wäre das ein Club, es wäre ein verdammt geiler. Später in der Nacht wird hier Solar eine EBM-iges und rauhes Set spielen, sein Mixing on point, die Atmosphäre tribalistisch bis trippy. Dem Publikum jedoch sind wohl die BPM nicht genug, zumindest springt der Funke nicht vollständig über. 

x Red Axes auf der Tokar Stage. Foto: Roman Selezinka.

Doch eigentlich bin ich ja noch im Erkundungsmodus, noch habe ich nicht alle Bühnen gesehen. Die Tokar-Bühne in einer industriellen Halle mit offenen Seiten ist nichts für mich, das beschließe ich schnell. Bei meinem kurzen Abstecher spielt eine russische Band namens Poexxxali. Der Sänger hat sein Gesicht rot angemalt und brüllt auf einem wavigen Instrumental Metal-mäßig ins Mikro. Im hinteren Teil der Bühne steht ein Krankenbett, auf dem sich eine Person halbtot dem Exorzismus hinzugeben scheint – alles Teil der Performance. Auf der Bühne finden die meisten Konzerte statt. Sie beweist die Vielfalt des Brave Factory Festivals. Das Publikum scheint sich mühelos zwischen den musikalischen Gegensätzen bewegen zu können. Der Technojournalistin fällt das schwerer, also mache ich mich daran, die mir noch unbekannten beiden Floors zu erkunden. 

Die Angar-Stage ist der Bigroom-Techno-Raum des Festivals. Eine langgezogene, unglaublich hohe Halle aus Stein, deren tunnelartige Anmutung von Paneelen an der Decke noch verstärkt wird. Über dem DJ-Pult erstreckt sich eine LED-Wand in die Höhe. Generell sind die Lichter auf dem Festival sehr durchdacht. Als ich ankomme, pulsiert auf der LED-Fläche gerade das Bild einer Qualle zu Dubfires effektvollem, aber eher stumpfem Techno. Ich beobachte das Geschehen aus sicherer Entfernung und suche den einzigen Housefloor in dieser Nacht auf: Das Depo. 

Die Depo-Stage. Foto: Roman Selezinka.

Ich bin sofort hin und weg. Auch das könnte an und für sich ein extrem guter Open-Air-Club sein. Am Rande des Geländes gelegen säumen Bäume das Blickfeld, der Boden ist aus Holz, die DJ-Booth kaum erhöht. Steht man auf der Tanzfläche, fühlt sich alles genau richtig an. Vermutlich liegt es auch am Sound; während alle anderen Bühnen mit PAs arbeiten und latent ein wenig zu laut sind, kommt hier eine Funktion One zum Einsatz, deren Lautstärke die DJs offensichtlich richtig einschätzen. Hier kann die Art von House glänzen, für die das Closer bekannt ist. Ein reduzierter, grooviger Sound. Nicht ganz Minimal, aber vielleicht als Micro-House zu labeln. 

Die ganze Magie dieser Ecke des Festivals wird jedoch erst in der zweiten Nacht für mich zum Tragen kommen. Vorerst ist das Dreier-B2B der Closer-Residents Vova KLK, SE62 und Roman K aus einem Guss und beinhaltet mit perlenden Melodien und bösen Basslines genau die richtige Portion Abwechslung. Als mich der Mann neben mir jedoch fragt, ob er mir mein Wasser abkaufen kann, obwohl in meiner Flasche nur noch ein Rest Wodka-Cola schwappt, erwache ich gewissermaßen aus meiner Trance und stelle erheitert fest: Ganz schöne Freakshow, in der ich mich hier befinde. Den Gesichtern ist jegliche Kontrolle entglitten. Ich frage mich dabei, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. 

x Viele Ecken luden zu einem Chill – oder einem Nickerchen – ein. Foto: Roman Selezinka.

Als es hell wird, beginnen sich die Chillecken nach und nach zu füllen. Von denen gibt es hier sehr viele. Seien es kleine Holzverschläge, Sitzsäcke oder Räume mit Kunstinstallationen – das Publikum ist eingeladen, sich irgendwo hinzufläzen und vielleicht sogar zu schlafen. Anders als in Berlin wecken hier keine aggressiven Securities schlummernde Menschen. Man braucht hier aber wohl auch nicht zu befürchten, dass die Leute auf GHB abschmieren. Die Chillareas sind jedoch Ausdruck einer Motivation hinter dem Festival: Nach Hause gehen ist nicht. Ab und zu sieht man sogar Menschen mit Isomatte im Rucksack. 

Für mich gilt das jedoch nach einem Tag Sightseeing in Kiew und einer Nacht Festival nicht: Nachdem Marcel Dettmann mit einem stabilen Set für einen der wenigen bisherigen Hände-hoch-zum-Himmel-Momente gesorgt hat, beginnt die Lokalheldin Nastia um acht Uhr morgens mit 150 bpm. Es dröhnt durch die Halle. Obwohl manche Polyrhythmen durchaus interessant sind, gibt mir das den Rest. Ab ins Bett. 

Auf dem Festivalgelände waren zahlreiche Kunstinstallationen zu finden. Foto: Roman Selezinka.

Am nächsten Nachmittag finde ich das Festival wie ausgewechselt wieder. Nicht, was die Frische des Publikums angeht, aber doch die Atmosphäre. Waren in der Nacht zuvor noch alle konzentriert und individuell am Raven, ist nun entspannte Feierstimmung. Im am Sonntag eröffneten Gartenfloor spielen Krossfingers unter Apfelbäumen Disco. Balsam für die technogepeitschte Seele. Das Festivalgelände wirkt nun völlig anders: Nachts hatte atmosphärische Beleuchtung es weiter wirken lassen. Eine Installation, die im Dunkeln aussah wie ein Mond, stellt sich nun als simples Netz heraus. 

Die Zenker Brothers auf der Topka Stage am Sonntagmorgen. Foto: Roman Selezinka.

Das Depo erstrahlt nun in der Nachmittagssonne. Tini und Bill Patrick spielen als Rolls’N’Do ein wirklich rollendes, aber eher monotones Set. Ich kehre lieber später zurück und schaue mir den Topkar-Floor nochmal an. Am Abend zuvor war das der Band-Floor. Nun spielt Evan Baggs knallenden Nineties Acid Techno. Nicht ganz das was man von ihm erwartet hätte, aber es funktioniert. Wenn das Publikum johlt, lacht er schüchtern. Auf die Bassboxen neben ihm hat sich eine kleine Armee an Ravenden geschwungen, zu der auch ich mich kurz zähle. 

x Das Gelände bei Nacht. Foto: Roman Selezinka.

Später, auf dem Floor mit den Silos, ist es nur eine Frau, die auf der Box tanzt. Doch sie ist die Heldin der Crowd, als Detroit In Effect wieder zu einer Ansage ansetzt: „This girl knows how to party!” Die Ansagen markieren immer wieder Highlights in einem Set, das sowieso schon voller Ghetto House-Hits wie „Ass N Titties” oder seinem eigenen „R U Married” ist. „If you didn’t come to party, then you can go home!”, „Anybody celebrating their birthday this week?” – Detroit In Effect weiß, wie man Stimmung macht. Dabei überzieht er so lange bis ich denke, dass Juan Atkins mit seinem Model 500-Live-Set ausfällt. Der fängt letztlich aber nur 40 Minuten später an. 

x Das Festivalgelände im Vordergrund, im Hintergrund die Stadt. Foto: Roman Selezinka.

Ich bin trotzdem schon wieder weg und auf dem Depo. Jane Fitz und Carl H werden den Floor schließen. Fitz hatte ihre Vorfreude bereits auf Social Media bekanntgegeben. Das Duo setzt tatsächlich zu einem enorm smoothen Set an. Tech-housey in einer Form, die einen vergessen lässt, dass das Genre manchmal wie ein Schimpfwort gebraucht wird.  Loopige Melodien implizieren ein „immer weiter”, die Drums treiben jedoch. Auch mich, obwohl mir inzwischen hüftabwärts alles wehtut. Es setzt das Gefühl ein, das man beim Ausgehen jagt und doch nicht oft genug bekommt: Eine angenehme Leere, die nur von der Musik ausgefüllt wird. 

Nicht nur mir scheint es so zu gehen: Nach einer rauhen ersten Nacht, wird das verbliebene Publikum nun taumeliger und ruhiger. Am nächsten Morgen erfahre ich, dass die Musik rund sechs Stunden länger als geplant ging, fast bis zwölf Uhr mittags. Irgendwie wundert es mich nicht. Denn streicht man das „B” aus dem Namen, hat man die Essenz dieses Festivals: Rave.