Hast Du das Gefühl, auf deinem Debütalbum Space Is Only Noise viele verschiedene Sachen ausprobiert zu haben?
Ja. Ich realisiere das erst jetzt, aber die Stücke auf dem Album haben völlig neue Türen für mich geöffnet, sie stellten eine Art emotionale Blaupause für weitere Projekte dar. „Too Many Kids Finding Rain In The Dust“ hat zum Beispiel eine Tür für Darkside geöffnet. Es gab Elemente in diesem Song, die ich einfach weiterverfolgen wollte und daraus entstand dann das Darkside-Album. Und „Être“, das erste Stück des Albums, war der Auslöser für Pomegranates [den Soundtrack zu Sergei Parajanovs Avantgarde-Film The Colour of Pomegranates aus dem Jahr 1969, Anm. d. Red.], den ich im letzten Jahr gemacht hab. Als ich Space Is Only Noise produzierte, war mein Kopf voller verschiedener Ideen. Ich wollte Ambient machen und House und Disco-Edits. Und ich wollte singen – mit tiefer Stimme, aber auch mit Falsetto. All dieses unterschiedliche Zeug. Das war nicht beabsichtigt, aber wenn ich mir das Album jetzt wieder anhöre, klingt es, als wenn ich damals ein Stück zu jeder dieser Ideen gemacht habe, fast wie eine Compilation.

Auf Pomegranates sind vor allem Ambient-Stücke zu hören. Was bedeutet Ambient dir?
Diese Ambient-Stücke, die auf Pomegranates zu hören sind, fallen mir am leichtesten. Das ist die Musik, die ich jeden Tag mache. Aber zu der Zeit fühlte ich mich etwas verloren. Ich machte all diese Ambient-Tracks, aber ich wusste nicht, wie ich sie den Leuten am besten präsentieren sollte. Als ich dann den Film sah, hab ich die Musik darüber gelegt und sie hat gepasst. Das hat mir geholfen, aber ich glaube heute würde ich diese Stücke als Album herausbringen, weil ich weiß, dass es Leute da draußen gibt, die diese Musik mögen. Sie brauchen nicht unbedingt einen Kontext wie diesen Film dazu, um sie zu hören. Aber erst jetzt fühle ich mich mit diesem Gedanken wohl. Ich betrachte Pomegranates und Nymphs [eine Sammlung von Clubtracks, die Jaar ebenfalls vergangenes Jahr herausbrachte; Anm. d. Red.] jetzt auch als Alben von mir. Genauso wie mein neues Album Sirens gehören sie für mich zu einer Phase. Und ich habe das Gefühl, diese Phase jetzt abgeschlossen zu haben.

Was für eine Phase ist das, die jetzt abgeschlossen ist? Kannst du das erläutern?
Ich hab viel Glück gehabt. Glück, weil Leute meine Musik anhören und sie mögen. Man braucht wahnsinnig viel Glück, damit das passiert. Es gibt so viel großartige Musik, die kein Publikum findet. Ich sehe das ja auch immer wieder bei den Sachen, die ich von anderen Leuten auf meinem Label Other People herausbringe. Ich hab mich mit meiner Musik auch anfangs gegen Widerstände durchgesetzt. Als ich Leuten meine ersten Tracks vorgespielt habe meinten sie: „Mach es schneller, das ist viel zu langsam!“, oder „Pack da noch eine Kickdrum runter!“. Aber ich hatte das Gefühl, dass das die Musik ist, die am besten widerspiegelt, wer ich bin. Mit all der Musik, die ich seitdem gemacht habe, habe ich sozusagen meine eigenen Grenzen ausgelotet. Ich hab mich zunächst immer gefragt, ob ich in der Lage bin Musik in einem bestimmten Stil zu machen und dann versucht eine Antwort darauf zu finden. Und auf gewisse Art fühlt es sich so an, als wenn dieser Prozess jetzt abgeschlossen ist. Ich hab nicht mehr das Gefühl völlig im Dunkeln zu tappen, ich kann die Werkzeuge benutzen. Was jetzt folgt ist wie ein neuer Start.

Was hast Du versucht, auf deinem neuen Album Sirens herauszufinden?
Da ging es mir um Storytelling. Ich wollte schauen, ob ich in der Lage bin, mit meiner Musik eine Geschichte zu erzählen.

Um was geht es in dieser Geschichte?
Ich bin mir nicht sicher wie genau ich das erklären soll [lange Pause]. Ich fang mal mit einem Detail an: Vergangenes Jahr saß ich mit Familie und Freunden in Chile beim Abendessen zusammen. Auf einmal sagte meine Tante zu meiner Mutter: ‚Ständig erfindest du Geschichte‘. Sie sagte Geschichte und nicht Geschichten. Und da wurde mir nochmal klar, wie stark eigentlich Geschichte immer bis zu einem gewissen Grad konstruiert ist. Dieser Gedanke hat mich so stark beschäftigt, dass ich mich genauer mit der Herkunft von Wörtern und der Konstruktion von Ereignissen beschäftigt hab. Ich hab die Welt um mich herum mit anderen Augen gesehen. Deshalb war mir wichtig, dass der erste Sound den man auf dem Album hört doppeldeutig ist: Entweder kann man ihn für eine Fahne halten, die im Wind weht oder für ein Boot, dessen Segel sich bewegt. Im ersten Fall steht Sirens, für Alarmsirenen, im zweiten Fall für die mythologische Bedeutung von Sirenen. Als nächstes hört man Glas das zerbricht. Ist es eine Fensterscheibe die zersplittert oder ist es ein Schiffswrack? Um diese verschiedenen Bedeutungsebenen geht es mir auf dem ganzen Album. Die Platte endet mit den Worten „Oh, but don’t you decide it“. Man entscheidet immer selbst, wie man Geschichte sieht.

Ich war mir beim Hören der neuen Stücke nicht immer sicher, wovon sie handeln, habe aber den Eindruck, dass Du mit jedem Stück eine eigene Geschichte erzählst, die Privates mit politischen Ereignissen verbindet. Ist das so?
Ja, für jedes Stück gab es einen anderen Anlass. Auslöser für den ersten Song „Killing Time“ war zum Beispiel die Geschichte des 14 Jahre alten Schülers Ahmed Mohamed, der letztes Jahr verhaftet wurde, weil er einen Wecker in seine Schule in Texas mitgebracht hatte, den seine Lehrerin für einen Zeitbombe hielt. Der Junge, dessen Eltern aus dem Sudan stammen, hatte zu Hause einen Digitalwecker auseinandergebaut und neu zusammengesetzt und wollte mit dem Ergebnis seinen Sachkundelehrer beeindrucken. Etwa zur gleichen Zeit hatte Angela Merkel die Entscheidung getroffen, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Ich sah Ahmeds Wecker plötzlich als ein Symbol für Zeit, dafür das wir darauf warten, das diese alten, rassistischen Gedanken, die zu seiner Verhaftung führten, endlich ein Ende haben. Ich wollte der Ohnmacht meiner Generation Ausdruck verleihen angesichts der aktuellen weltweiten, politischen Entwicklungen. Über so ein Thema hatte ich vorher nicht mal annähernd einen Song gemacht. Bislang hatte ich immer nur an Sound in meiner Musik gedacht. Ich achte ja auch bei Musik von anderen Leuten nicht auf die Texte. Das ist also ein großes Experiment für mich.

Dir hat es also nicht mehr gereicht, dich nur mit Sounds auseinander zu setzen?
Genau. Ich wollte versuchen auch mit Wörtern zu arbeiten, mit Geschichten, mit Doppeldeutigkeiten. Ich habe nicht unbedingt das Gefühl, das mir das gelungen ist, aber selbst wenn es sich als ein Fehler herausstellen sollte, habe ich doch viel daraus gelernt. Für mich war es ungleich schwerer mit Worten zu arbeiten. Es fällt mir viel leichter Musik zu machen, als Dinge zu sagen. Die Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe, ist in wieweit kann instrumentale, elektronische Musik politisch sein? Natürlich kann sie das, aber ich hatte das Gefühl das Sound manchmal einfach nicht genug ist, nicht wenn scheinbar jeden Tag eine neue Gräueltat auf der Welt passiert. Ich wollte schauen ob ich mich auch anders ausdrücken konnte, als nur über Klang. Ich wollte es zumindest versuchen.

Sirens ist auf Other People erschienen.