DIVERSE This Ain’t Chicago – The Sound Of Underground UK House & Acid 1987-1991 (Strut)

Dafür, dass man bei Strut einst die Waffen streckte, weil sich die ambitionierten Compilations des englischen Labels nicht mehr kostendeckend an den Mann bringen ließen, feuert man nach der Auferstehung aus allen Rohren – sogar aus abseitigen. Die von Richard Sen (Padded Cell, D.C. Recordings) zusammengestellte Retrospektive befasst sich sozusagen mit einer Laune der Natur. „The Sound Of Underground UK House & Acid“ bezieht sich auf die Gründerzeit, als man im Mutterland des Felder-Ravens anfing, auf die verschlüsselten Codes aus Detroit und Chicago eigene Antworten zu finden. Anders als hierzulande gelang es im Vereinigten Königreich schon in der Frühphase von House und Techno bzw. Acid House und Rave immerwährende und idiosynkratrische Klassiker zu schaffen. This Ain’t Chicago ist allerdings kein hochnäsiger Abgrenzungskomplex, sondern ein Sittengemälde dessen, was begeisterte Teenager, abgehalfterte Musiker und Typen wie der „Man With No Name“, die später zu trauriger Progresseive-Berühmtheit gelangen sollten, aus den US-amerikanischen Blaupausen herauslasen.

Und Richard Sen kennt sich damit bestens aus. Ein obskurer Andrew-Weatherall-Remix, Tony-Humphries-affines Material von Bang The Party und ihrem lasziven Garage-Klassiker „Bang Bang You’re Mine“ oder der Wermutstropfen „Jealousy & Lies“ von Julian Jonah findet hier ebenso statt wie die ewige Baby-Ford-Hymne „Crashing“, die MDMA auch für Jungfrauen verständlich machte, der Clash von Jah Shaka mit Deephouse bei Ability II, Bizarre Inc. oder die Hacienda-Leuchtrakete „Dream 17“ von Annette. Acid-Sirenen und Yamaha-DX-Bassläufe sind dabei ebenso wichtig wie Pianos, Frauenstimmen, die Versicherung ewiger Liebe und ein gewisser Straßengeruch.

Neben diesen zeitlosen Klassikern, gibt es natürlich auch Albernheiten wie „Born In The North“ oder „Cuba Jakkin’“ der Rio Rhythm Band. Aber genau diese Mischung aus Naivität und Emotion, Noveltyplatte und Zeitlosigkeit führt noch einmal eindrucksvoll vor Augen, warum Rave dort noch viel stärker eine bereits multikulturelle Einwanderergesellschaft aufrüttelte, die von Rassen- und vor allem Klassenschranken zerfurcht war: plötzlich trank man aus der gleichen Wasserflasche. Und nicht zuletzt bestätigt der Sound of Underground UK einmal mehr die Tatsache, dass Rave dort, wo Northern Soul landauf und landab eine ganze Elterngeneration prägte und zunächst auf den erbitterten Widerstand der Rare-Groove-Szene traf, auch immer Soulmusik war und ist.

 


Download: Richard SenThis Ain’t Chicago Promo Mix

Trackliste:
 
1.  Ability II – Pressure Dub
2.  Window Smashers – Free To Be
3.  Exocet – Safety Zone
4.  Return Of The Living Acid – Twin
5.  Colm III – Take Me High (Mansion mix)
6.  S.L.F. – Show Me What You Got
6.  Paul Rutherford – Get Real (Happy House mix)
7.  Bizzare Inc. – Technological
8.  Rio Rhythm Band – Cuba Jakkin‘
9.  Playtime Toons – Shake Song
10. Julie Stapleton – Where’s The Love Gone (Remix)
11. Baby Ford – Crashing

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