Kaum ein Produzent hat in den vergangenen zwanzig Jahren das britische Rave-Kontinuum derart entscheidend mitgeprägt und ist dennoch so sehr im Hintergrund geblieben wie Steve Gurley. Als Mitglied von Foul Play war er an der Transformation von UK-Hardcore zu Jungle beteiligt und gehörte zum festen Kern des einflussreichen Labels Moving Shadow. Als Ende der Neunziger mit 2-Step wieder ein neuer Stil entstand, war Gurley ebenfalls beteiligt und produzierte in der Folge unter einer Vielzahl von Künstlernamen vor allem Remixe (für Basement Jaxx, Artful Dodger und andere) sowie R’n’B-Bootlegs. Dabei war es vor allem Gurleys unverwechselbare Kombination von „harten“ Bässen und leichtfüßigen Beats und Melodien, die ihn für einen Teil der Produzenten aus der nachfolgenden Dubstep-Generation zu einem Vorbild machten. Nach längerer Funkstille meldet sich Gurley jetzt wieder zurück, und zwar an der Seite von Dave Jones alias Zed Bias – einem weiteren Veteranen aus 2-Step-Zeiten. Das Stück „Roll“ (Keysound) ist nach Angaben des Labels die erste direkte Zusammenarbeit von Bias & Gurley, das Ergebnis des Treffens der beiden Schwergewichte ist jedoch eher ernüchternd. Zwar sind die Beats fein und detailliert gefertigt, wie von Gurley nicht anders zu erwarten. Darüber klingt das Stück, in dem eine verzerrte Stimme üner einem immer wieder auftauchenden Loop „This is how we roll!“ verkündet, ziemlich uninspiriert. Interessant ist jedoch, dass Jones und Gurley nicht das Tempo von 2-Step und Dubstep (circa 140 BPM) gewählt haben, sondern mit 130 BPM eher die Geschwindigkeit von UK-Funky anpeilen, die sich im Augenblick als verbindendes Element für die stilistisch breit gefächerte britische Post-Dubstep-Tanzmusik herausbildet.

Ebenfalls fast durchgehend in diesem Tempo liegen die Stücke auf dem Debütalbum Routes (Keysound) von LV feat. Joshua Idehen. Das dreiköpfige Produzententeam und der Spokenword-Poet setzen damit ihre Zusammenarbeit fort, die sie im vergangenen Jahr mit der „38“-EP (Keysound), auf der Idehen Geschichten aus der Londoner Buslinie 38 erzählte, begonnen hatten. Wieder geht es in den Reimen um die Themse-Metropole, ihre Verkehrswege, Stadtviertel und die Menschen, die sie bevölkern. Doch während auf der Vorgängerplatte die Stimme Idehens im Vordergrund stand, wird sie dieses Mal von den Produzenten manipuliert, verändert und verstärkt als Rhythmuselement verwendet. Bei vielen Tracks sind nur Satzfetzen oder einzelne Wörter zu hören, manchmal erzählt oder singt Idehen jedoch auch vollständige Geschichten. Die Musik von LV, die dadurch stärker in den Vordergrund rückt, ist ein Kaleidoskop der Stile, die auf den Londoner Piratensendern zurzeit gespielt werden: Es tauchen Elemente von UK-Funky, Dubstep, Grime sowie – weil ein Mitglied der Band in Kapstadt geboren wurde – südafrikanischem House auf.

Etwas härter geht Damon Kirkham die 130er-Tempozone an: Unter dem Pseudonym Jon Convex folgt der Produzent seinem Instra:mental-Partner Alex Green (alias Boddika) auf Solopfaden. Die drei Stücke auf seiner Debüt-EP „Convexations“ (3024) sind ähnlich stark von Electro beeinflusst wie die letzten gemeinsamen Veröffentlichungen von Instra:mental. Im Vergleich zu Green, dessen Boddika-Platten auch Referenzen an UK-Funky und Achtzigerjahre-Pop aufweisen, ist der Soloklang von Kirkham jedoch druckvoller und näher an Techno. Vor allem das Titelstück der Convex-EP hat einen verschwitzten und düsteren Sexappeal. Im Spannungsfeld zwischen Post-Dubstep, UK-Funky und House operiert dagegen das Label Deep Teknologi, dessen Macher gerade eine Compilation mit Remixen der bisherigen Veröffentlichungen (Deep Teknologi: The Remixes) veröffentlicht haben. Stücke wie J. Bevins „When It Comes“ in der Neubearbeitung des Label-Mitbetreibers T. Williams schlagen eine Brücke zur klassischen Houseästhetik, ohne die gewisse Londoner „Ruffness“ preiszugeben.