Gqom

Bruch mit den Vorvätern

Fotos: Chris Saunders

Dieser Artikel erschient in der Groove 160 (Mai/Juni 2016). Mit besonderem Dank an Matias Aguayo, der für dieses Feature die Rudeboyz interviewt hat.

Revolution in Afrika: In den Townships rund um die südafrikanische Stadt Durban ist in den vergangenen Jahren Gqom entstanden – die erste vorwiegend maschinell klingende elektronische Clubmusik Afrikas. Der apokalyptische, grimmige Sound ließe sich mit Grime, Trap oder Footwork vergleichen – nur dass diese Genres vor Ort niemand kennt. Jetzt kommt Gqom auch im globalen Norden an.

Eigentlich sollte Ruhe herrschen, hier unten am Wasser. Draußen auf dem Meer warten die Sambesi-Haie geduldig auf Surfer, an Land wiegen sich die Palmen, eine Brise trägt den meisten Autolärm davon. Es ist subtropisch entspannt hier an der Uferpromenade von Durban, der südafrikanischen Sonnenstadt am Indischen Ozean mit ihren 3,4 Millionen Einwohnern. Aber da rollen beständig diese Beats herab. Sie sind eher langsam, sie haben es nicht eilig, aber sie lassen sich nicht aufhalten. Und sie kommen von dort oben, von den runden Hügelchen rund um die Innenstadt, wo sich die Townships entlangschlängeln, die Vorstadt-Ghettos: mit lockerer Hand gestreute Wellblechhütten in allen Farben des Regenbogens, dazwischen gemauerte Sozialbau-Schachtelhäuschen, meist eng aufgereiht und oft schon wieder trostlos bröckelnd. Von den Hügeln also. Dann rauf da. Denn unten, das ist nur das Strand-und-Geld-Durban, oben aber, das ist das afrikanische Durban.

Hier oben sind die Beats dann auch nicht mehr zu überhören. Kein Wunder, denn sie sind in den vergangenen drei, vier Jahren in den Townships der Stadt entstanden, und sie sind die Basis einer Musik, die ziemlich sicher die erste elektronisch klingende Clubmusik des gesamten afrikanischen Kontinents ist. Die Musik nennt sich Gqom, manche sagen auch Gqomu oder Igqom. Es ist ein lautmalerischer Ausdruck in der lokalen Sprache Zulu für das Geräusch, das entsteht, wenn ein schwerer Stein auf eine Fliese prallt: Bumm. Das Wort steht außerdem für einen Trommelschlag. Und ist für Nicht-Zulus nicht gerade leicht auszusprechen, denn es beinhaltet einen Gaumenschnalzer, bei dem man zugleich das G und das Q intoniert. Gqom!

Spannungsaufbau ohne Erlösung

Die Tracks dazu klingen wie unerbittlich dahinwalzende Panzerketten aus hohlen Trommeln, deren Offbeats immer wieder zu verrutschen scheinen. Darüber legen sich in stets neuen Schichten metallisch hallende Samples, etwa Schreie, Schüsse, Hundebellen, dazu Reihen von auf- und absteigenden Tomdrums. Es ist eine Form von Bassmusik, aber es gibt keine Basslinien, nur Bassdrums. Das Rückgrat bildet meist ein stehender Streicher-Dronesound. So entsteht ein nicht endender Spannungsaufbau – ohne Erlösung. In seiner Stoik ist das ziemlich aufpeitschend. Und bis auf monoton hingegrunzte Monstervocals, die sie in Durban „Ghost Chants“ nennen, oder vielleicht mal einen Zulu-Rap ist das Ganze überwiegend instrumental. „Fast keiner hat das Equipment, das nötig wäre, um Stimmen aufzunehmen“, sagt der Durbaner Julian Jude Smith, 19, der unter dem Namen Julz da Deejay Gqom-Tracks veröffentlicht.

DJ Lusiman
DJ Lusiman

Gqom ist ein apokalyptischer, grimmiger Sound von und für jene jungen (ausschließlich dunkelhäutigen) Südafrikaner wie Smith, die auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Rassentrennung nicht sonderlich von der Weiterentwicklung des Landes profitiert haben. Inoffiziell sind zurzeit satte 40 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, der Frust wächst. Zugleich spiegelt sich in der Musik auch die Düsterkeit, die sich nachts über die Townships legt, weil es häufig keine Stromversorgung gibt. Dann sieht es hier, in den Vorstädten von Südafrikas Glitzer-Metropolen, aus wie auf dem platten Land: ziemlich finster. Wie auch guter Techno destilliert Gqom aus dieser Finsternis Euphorie – nur dass hier statt Futurismus Nihilismus herrscht. Ästhetisch hat das mit nichts außerhalb des Landes zu tun, auch wenn man Parallelen zu Genres wie Trap, Footwork, UK Funky oder Grime ziehen kann. Diese westlichen Genres aber kennt vor Ort niemand. Groß im schwarzen Südafrika sind stattdessen HipHop, britisch getrübter Remmidemmi-Trance sowie jener opulente Post-Masters-At-Work-Deephouse, den der Superstar-DJ Black Coffee so gern auflegt.

Endlos-Sessions im Keller

„In Durban kannst du aber keinen Deephouse spielen“, sagt Massive Q, „da schlafen alle ein.“ Der 20-Jährige mit der, ähm, massiven Figur ist der Kopf des Gqom-Produzententrios Rudeboyz. Zusammen mit seinen gleichaltrigen Bandkollegen Andile-T und Menchess wohnt er in den Townships von Durban, die drei sind Quasi-Nachbarn. Früher kam Andile immer auf dem Schulweg an Massives Haus vorbei und hörte Loops dort herausdonnern. „Eines Tages hab ich mal reingeschaut und ihn gefragt: Was machst du da eigentlich die ganze Zeit? Das ist ja immer dasselbe“, sagt Andile. Der angehende Produzent, mit dem Billiglaptop auf den Knien, habe dann geantwortet, er mache Musik. „Für mich konnte das nicht sein, denn Musik muss man doch in einem richtigen Studio aufnehmen. Dachte ich damals“, sagt Andile und lacht. Dachte er damals.

„Ich produziere meine Tracks über die Lautsprecher des Fernsehers meiner Eltern“ – Citizen Boy

Inzwischen treffen sie sich immer bei Menchess, dessen Haus einen Keller hat. Sie bringen dann ihre Laptops mit und produzieren die ganze Nacht. Wie die meisten Gqom-Produzenten hauen auch die Rudeboyz mit der Software Fruity Loops quasi im Stundentakt neue Tracks zusammen. Manche tun es in Kellern, die meisten aber in ihren Schlafzimmern oder auf dem Sofa der Eltern, denn viele sind noch Schüler. So wie der 17-jährige Sboniso Brandon Luthuli alias Citizen Boy, der im Township Avoca Hills wohnt: „Ich produziere meine Tracks über die Lautsprecher des Fernsehers meiner Eltern“, berichtet er. Er besitzt keine Stereoanlage. Es ist wie 1997 beim ersten Album von Daft Punk: Was auf solchen Lautsprechern gut klingt, klingt überall gut. Wenn ein Track fertig ist, geht er darum an DJs zum Praxistest.

Es gibt in Durbans Innenstadt auch reguläre Clubs nach westlicher Vorstellung, die Gqom-Partys veranstalten, etwa die kleine Club 101 Skhokho Music Lounge mit Bartresen, Lichtanlage, DJ-Booth. Eigentlich aber lebt die Musik in leer geräumten Sozialbauten in den Townships, ein paar Plastikstühle, Leuchtschlangen, schrottiges Soundsystem, los geht’s. Das nennen sie hier „Bang Houses“, und die sind manchmal nonstop geöffnet. Hier nehmen die Leute Ecstasy, das auf Zulu „Qoh“ heißt. Tracktitel wie „Mitsubishi“ oder „Mercedes“ huldigen den Einprägungen beliebter Pillen. Die Leute tanzen dazu einen wiegenden Gummiknietanz namens Bhenga.

04GQOM-MUSIC

Wenn neue Tracks den Praxistest mit Qoh und Bhenga im Bang House bestanden haben, kommen die Minibusse ins Spiel: Kleinbus-Taxis, wie sie überall durch Afrika brettern, mit motzigen Slogans, Breitreifen, Alufelgen, vor allem aber dicken Lautsprechern. Es sind quasi Sitzdiskos. Die Produzenten stecken den Fahrern auf USB-Sticks neue Stücke zu. „Die Taxis haben einen enormen Einfluss“, erklärt Massive Q. „Sie fahren den ganzen Tag dieselbe Route, immer hin und her, und wenn die Passagiere jeden Tag dieselben Stücke hören und die dann mögen, dann fragen sie irgendwann, was das denn ist.“ Auf der anderen Seite versuchen die Fahrer, mit fetten Beats Kunden anzulocken. „Inzwischen spielen alle Fahrer Gqom-Beats, weil sie wissen, dass ihr Taxi dann in einer Minute voll ist“, sagt Massive Q. Nur ältere Mitreisende meckerten vielleicht mal, dass es zu laut sei im Gqom-Mobil.

Steht dann endlich die Veröffentlichung an, speisen die Produzenten ihr Stück als Kostenlos-Download in labyrinthartige Online-Netzwerke ein. Dazu gehören Facebook- und Whatsapp-Gruppen, Soundcloud oder diverse Filehoster. Im Zentrum aber steht der Server Kasimp3.co.za. „Kasi“ ist ein Kosewort für die in der Apartheid angelegten Township-Ghettos. Auf dem Server finden sich riesige Berge von kostenlosen Gqom-MP3s. Sie sind meist auf niedriger Bitrate kodiert, was den Download erleichtern soll. Denn das Internet ist lahm in Durban und die meisten hören die Stücke sowieso nur auf ihren Smartphones. Stimmt die Nachfrage, gibt es für die Produzenten DJ-Bookings – und vielleicht irgendwann mal einen Sponsorenvertrag von einem Mobilfunkanbieter oder einem Softdrinkhersteller.