RÜCKSCHAU Tauron Nowa Muzyka (Katowice, August 2015)

Fotos: Radoslaw Kazmierczak, Naomi Clair

Ein ausrangiertes Fördergerüst aus Stahl überragt das Gelände, auf dem im August das Festiwal Nowa Muzyka stattfand. Ähnlich wie in Ferropolis in der Nähe von Dessau sieht man auch in Katowice auf dem Areal eines ehemaligen Steinkohlebergwerks noch Spuren der einst wichtigen Industrie. Heute ist es ein sogenannter Kulturbezirk, in dem unter anderem das Schlesische Museum sein Zuhause hat – und einmal im Jahr auch das Musikfestival.

Das stillgelegte Bergwerk ist nicht die einzige Spur der Geschichte in Katowice, das 80 Kilometer westlich von Kraków liegt. In der Innenstadt erinnern vereinzelte Häuser mit ihren von Kohlestaub geschwärzten Fassaden an die Vergangenheit als Bergbau-Zentrum. Die Stadt feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen, die Kohle- wurde von der Elektro- und IT-Industrie abgelöst. Passenderweise feierte auch das Tauron Nowa Muzyka, das seinen Vornamen von einem großen Energieversorgungs-Unternehmen hat, mit seinem zehnten Geburtstag ein Jubiläum. Vor allem das vielseitige Booking überzeugte in den letzten Jahren, bei dem neue Musik genauso für Pop wie für elektronische Musik in einer Breite von Electronica über House zu Techno und Noise steht. Vom raren Live-Auftritt von Autechre in der lichtlosen Tent Stage über den höflichen Entertainer Ghostpoet zu den Post-Rockern von Vessels und den erschütternd vibrierenden elektronischen Beats unter der Rap-Lyrik von Dels blieben dieses Jahr kaum Wünsche offen – obwohl auch hier wie bei vielen anderen Festivals und Veranstaltungen Frauen auf dem Line-up in der Minderheit waren.

 

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Apparat

 

Die Klammer bildeten zwei besondere Konzertabende. Den Auftakt am Donnerstagabend machte Apparat im Saal des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks. In der Aufführung seiner Soundtracks brachte Sascha Ring mit Band und zusammen mit beeindruckenden Visuals von Transforma – die dem Wort Overheadprojektor mit ihren live erzeugten Bewegtbildern aus Licht, Glas und Objekten eine ganz neue künstlerische Bedeutung gaben – eine mächtige Klangwand in das moderne Konzertgebäude. Am Sonntag beendete Jeff Mills zusammen mit dem vor Ort beheimateten Orchester und der Aufführung seiner Techno-Klassik-Komposition „Light From The Outside World“ das Festival.

Die Welt außerhalb des Festivals brach nicht erst mit Jeff Mills ein. Das ausrangierte Kohlebergwerk war fußläufig in einer halben Stunde vom Bahnhof zu erreichen und ein Ausflug zum Plattenladen oder dem Markt, auf dem von Antiquitäten bis zum Schmalzbrot alles mögliche zu finden war, leicht gemacht. Nötig war eine außerfestivalweltliche Versorgung nicht unbedingt. Die Auswahl an Essen von fleischig bis vegan, von Pirogge bis Falafel und Fleischbällchen war vielseitig und im Vergleich zu Festivalverhältnissen in Deutschland mit Preisen von umgerechnet drei bis fünf Euro relativ günstig. Bier oder Limo waren für um 1,60 Euro zu bekommen. Getränke führten hin und wieder aber auch zu Irritationen. Beispielsweise wenn das Betreten der Tent Stage, der zweitgrößten Bühne, generell wegen eines Bechers in der Hand verwehrt wurde, zu unerklärlichen Zeitpunkten dann aber wieder erlaubt war. Oder wenn die Security-Angestellten Menschen mit Getränkebechern nicht den Weg vom Hauptfestivalgelände über eine Brücke zum Internationalen Kongresszentrum gehen ließen, in dem die Hauptbühne stand. Das lag wohl daran, dass in der Halle eine andere Biermarke den Ausschank übernommen hatte als auf dem restlichen Gelände und damit keine Becher mit dem Schriftzug der anderen Brauerei zuließ. Dazu kam, dass an der Bar der Hauptbühne bar oder mit Kreditkarte bezahlt werden musste, während an den übrigen Ständen gekaufte Papiercoupons als Zahlungsmittel dienten.

 

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Nils Frahm

 

Nicht zur Biermarke und Zahlungsart unterschieden die Hauptbühne vom Rest des Festivals. Sobald man die dunkle Konzerthalle betrat, ließ man hinter den geschlossenen Türen auch die Festival-Atmosphäre hinter sich. Richtige Konzertstimmung kam durch die dynamischen Zu- und Abläufe von Menschen selten auf. Bei dem ruhigen und entspannten Auftritt von Rhye wurden die wenigen, etwas kraftvolleren 4/4-Kickdrums trotzdem begeistert aufgenommen, die die Soul-R&B-Arrangements in Richtung Disco verschoben. Nils Frahms hypnotische und ausgedehnte Jams mit langsam stampfenden Drummachine-Beats, in die er die Klänge verschiedener Tasteninstrumente einwob, hielt die Leute in der vollen Halle und ließ einen Moment vergessen, dass der Auftritt Teil eines Festivals war.

Festivalstimmung im Sinne eines Open-Air-Gefühls kam auch auf dem eigentlichen Gelände schwer auf. Das mag daran gelegen haben, dass alle Bühnen bis auf die Carbon Central, auf der unbekanntere Acts aus Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei spielten, in fast komplett geschlossenen, weißen Zelten standen. Auf der anderen Seite boten sie bei dem einzigen Regenschauer des Wochenendes soliden Schutz und halfen auch, einen durchweg guten Klang auf die Tanzflächen zu bringen. Entdeckungen ließen sich vor allem auf der erwähnten Carbon Central-Bühne machen. Hier lief Sci-Fi-inspirierter Footwork von Rhythm Baboon, dubbige Wave-Elektronik von Sister Body, dystopischer Noise von Souvenir De Tanger oder industriell pumpender Techno von Synus0006. Den Weg auf diese Tanzfläche fanden leider nur wenige, dabei lohnte sich ein Besuch bei der kleinen Bühne immer.

 

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Sister Body

 

Auch wer Rave mit größerer Hausnummer suchte, wurde fündig. Ellen Allien startete nach einem von Electro geprägten Set von Objekt mit einer Reminiszenz an die 1990er, in denen Breaks auf stramme 4/4-Kicks, vibrierende Bässe und euphorische Synths prallten und ein energetisches Feuerwerk zündeten. Auf der unübersehbar von Red Bull gesponserten dritten Bühne gab Naphta mit einer abwechslungsreichen Sample-sprühenden Mischung aus Polyrhythmen, House, Breaks, groovenden Subbässen und spacigen Synthesizern den Startschuss. Den glorreichen Abschluss des Festivals übernahmen Samstagnacht an gleicher Stelle DJ Koze und Robag Wruhme, die mit gewohnter Lässigkeit, Abwechslungsreichtum und guter Laune glückbringende Stunden brachten. Und auch wenn die Verbindung von Stadt- und Open-Air-Festival hin und wieder hakte, ist die Kombination von treffsicherem Booking und guter, preisgünstiger Versorgung ein starkes Argument, dem Festiwal Nowa Muzyka einen Besuch abzustatten.