Text: Alexis Waltz
Erstmals erschienen in Groove 152 (Januar/Februar 2015)

2011 war Eats Everything (Dan Pearce, 34) kurz davor, das Auflegen nach 19 Jahren als Local Hero in seiner Heimatstadt Bristol und in Liverpool aufzugeben. Dann begannen DJs wie Justin Martin und Claude VonStroke, seine Tracks „Entrance Song“ und „The Size“ zu spielen. Ein Jahr später erschien er auf Platz 13 von Resident Advisors Top-DJ-Liste. Tatsächlich hatte er einen Nerv getroffen. Dem deepen, verhaltenen und ein wenig melancholischen Deep House aus Deutschland und dem monotonen, von Bass Music infizierten House-Sound aus London setzte er einen anderen Blick auf den House der Neunziger entgegen. Der Sound von Eats Everything nahm die unkontrollierte Euphorie von Hardcore, Jungle und Progressive House mit. Zu seiner Auswahl sagt der DJ, der mit USB-Sticks auflegt, aber mehr als 10.000 Platten besitzt: „Ich hätte auch Paul Simon oder die Chemical Brothers nennen können. Aber diese sechs Platten haben mir in Schlüsselsituationen meines Leben etwas Neues eröffnet.“

 

Felix - Don't You Want MeFelixDon’t You Want Me (Hooj Choons, 1992)

Das war die erste elektronische Musik, die mich als Kind berührte. Da war ich elf Jahre alt. Die Pet Shop Boys hatten 1990 und ’91 eine Sendung auf BBC Radio 1, einmal im Monat an einem Sonntagabend von 20 bis 22 Uhr. Sie spielten Acid House und House. Ich erinnere mich bis heute, wie ich dieses Riff zum ersten Mal hörte. Das traf etwas in mir. Damals begeisterte ich mich für Wrestling, ich hatte meine Wände mit den weißblau-roten Seilen des WWF dekoriert. „Don’t You Want Me“ war meine Hymne, zu der ich in meinem Zimmer einmarschierte, um gegen ein Kissen zu wrestlen.

 


Stream: FelixDon’t You Want Me (Original Mix)

 

Naughty Naughty - Volume 8 A (Never Felt This Way)Naughty NaughtyVolume 8 A (Never Felt This Way) (Naughty Naughty, 1994)

Dieser Hardcore-Track von DJ Vibes und Wishdokta ist ein Bootleg oder eher ein Edit von „Never Felt This Way“ von Jem 77. Er ist auf meinem Lieblings-Hardcore-Tape, das ich mit 13 oder 14 hörte: „Dreamscape 11“ von Ellis Dee, mein Lieblings-Hardcore-Stück überhaupt. Es spricht einfach total zu mir. Es ist simpel: Es besteht aus einem Piano, einer dicken Sub-Bassline und einem Jungle-Break. Das war Hardcore für mich: die absolute Euphorie. Musik, um alles zu vergessen, die Arme in die Höhe zu reißen und die Nacht durchzutanzen. Ich höre heute noch viel Hardcore, ich finde das sehr entspannend.

 


Stream: Naughty NaughtyVolume 8 A (Never Felt This Way)

 

Andy C & Shimon - QuestAndy C & ShimonQuest (RAM Records, 1996)

Mit 13, 14, 15 ging ich auf viele Hardcore-Raves, mit weißen Handschuhen und Trillerpfeife. Ich nahm Speed und tanzte. Niemand dort war aggressiv oder gewalttätig. Das Einzige, was passierte, war, dass einer zusammenbrach, weil es im Warehouse mit viertausend Leuten ohne Klimaanlage viel zu heiß wurde. Aber jeder kam wieder auf die Beine, es gab keine Toten oder so. Diese Platte habe ich zum ersten Mal auf einem Jungle-Rave namens „Amazon“ gehört. Micky Finn spielte sie. Das war im Winter 1994/95. Wie mir und ein paar Tausend anderen dieser Bass in den Körper fuhr – daran erinnere ich mich, als sei es gestern passiert.

 


Stream: Andy C & ShimonQuest

 

Todd Terry - The Todd Terry Unreleased Project, Part 4Todd TerryThe Todd Terry Unreleased Project, Part 4 (TNT, 1993)

Das ist für mich die House-Platte überhaupt. Ich hörte sie zuerst auf einem Danny-Rampling-Tape. House und Techno entdeckten meine Freunde und ich erst ab Mitte 1994. Da gingen wir ins Lakota in Bristol. Ich produziere heute viele Edits und in über 40 Prozent der Fälle lege ich den Drumloop eines dieser Tracks darunter. Wenn du irgendein Stück in meinem Set hörst, denkst du vielleicht, dass es sich etwas größer, bulliger anhört. Das liegt wahrscheinlich daran, dass dieser Drumloop mitläuft, wenn auch nur ganz leise. In seiner Härte hob er damals jedes New-York-House-Set auf ein anderes Niveau.

 


Stream: Todd TerryOn and On Again

 

Gat Decor - PassionGat DecorPassion (Effective, 1992)

Es gibt kein Piano-Riff in einem House-Track, das ich so liebe wie dieses sehr, sehr gut ausgeführter, euphorischer House. Es klingt bis heute toll und ist nie fehl am Platz. Wegen der Drums passt es in ein Techno-Set, wegen des Pianos in ein House-Set und es ist auch ein wenig proggy. Das Stück ist sehr britisch, aber die Amerikaner spielten es auch. Eine Platte, die sogar meiner Mama und meinem Papa gefällt. Von der meisten Musik aus dieser Zeit denken sie, dass sie bloß Geballer ist. Aber die hat schöne Melodien, sie baut sich fast auf wie ein Stück klassische Musik.

 


Stream: Gat DecorPassion (Naked Mix)

 

Audio Bullys - Way Too Long (Switch Remix)Audio BullysWay Too Long (Switch Remix) (Source, 2003)

Ein Game-Changer für mich. Sein Fidget-House-Sound hat Dave Taylor alias Switch zum einzigen Produzenten gemacht, dem es gelungen ist, House komplett zu verändern. In seiner Musik gibt es keine Regeln, bloß verrückten Lärm hier und eine verzerrte Kickdrum da. Für die anderen neuen Stile gilt das nicht: Electro House hatte man irgendwie auch schon früher gehört, ebenso Minimal Techno. Deep-Dish-Platten klingen durchaus wie Deep-Dish-Platten, sind aber nicht das totale Gegenteil anderer Produktionen dieser Zeit. Das gilt letztlich für alle Producer – außer für Switch.

 


Stream: Audio BullysWay Too Long (Switch Remix)

 

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