1996 fing alles an. Mit lediglich dreißig Kopien eines Tapes, aufgenommen in einem Studentenzimmer und voller Musik, für die sich kein Label begeistern konnte. Aus dieser Not wurde schließlich eine Tugend. Und Delsin-Boss Peel Seamus dürfte seine Entschepopung nicht bereut haben. Denn während man mit großen Schritten auf die hundertste Maxisingle zuläuft, genießt das von ihm damals gegründete Label Delsin heute den Ruf, eins der wichtigsten, wahrhaftigsten und tüchtigsten Label überhaupt zu sein. Gelegentliche Blicke auf Feedback-Listen von DJs, die sich wie Liebesbriefe lesen, reichen zur Bestätigung. Und das in einer Zeit, in der Promo-Agenturen um verwertbare Zitate kämpfen wie der Teufel um die armen Seelen. Langer Atem zahlt sich eben aus. So ist eine der positiven Eigenschaften von Delsin, dass sich das Label stets mit einer kohärenten Veröffentlichungspolitik um den Aufbau eines persönlichen und ausgesuchten Künstlerstamms – um nicht von „Familie“ zu sprechen – gekümmert hat, anstatt dem oft sinnlosen Versuch nachzugehen, vermeintliche Hits aufzuspüren.
Aroy Dee, Newworldaquarium, Steve Rachmad, Shed, Redshape und Vince Watson gehören zu den prominentesten Vertretern und Wiederkehrern auf Delsin. Mit dem Amsterdamer Label verbindet sie nicht zuletzt das schwer anzutretende Erbe von Detroit-Techno. Ganz gleich, ob es sich um den Schrittgeschwindigkeits-House von Newworldaquarium, die schwelgerischen Melodien von Vince Watson oder den gebrochenen Beat von Shed handelt – über jeder Veröffentlichung schwebt der Geist der maroden Autostadt. Der anfängliche Schwerpunkt auf Experimentelles ist seit der Jubiläumsnummer 50 und einer daran gekoppelten erfolgreichen Tour zwar nicht ausschließlich, aber immer häufiger einem dezpopierten Willen zur Tanzflur-Destruktion im großen und kleinen Technoclub gewichen.
Genau hier setzt auch Delsin 2.0 an. Jovial auf zwei CDs verteilt und mit einem herrlichen Faltblatt versehen, das neben innigen Linernotes des Musikjournalisten René Passat Interviews mit allen beteiligten Künstlern enthält, dominiert die DJ-Set-Tauglichkeit der Stücke. Hits von Redshape und D5 stehen neben dem barocken Vince Watson, dem Spartaner Shed, dem Geheimtipp Yoav B. oder Quince. Technosoul steht neben opulenten Pianostücken, asketische House-Musik neben der Evolution einer Musik, die irgendwann mal in Detroit ihren Anfang genommen hat, deren Fackel aber längst woanders weitergetragen wird. All das fasst die Bedeutung des Labels konzise zusammen: Techno als musikalisches Überlebensmodell, das sich weder an stumpfe Kirmes, noch an die Direktive Ibiza anlehnen muss. Da ist Delsin nicht so weit weg von Ostgut Ton, welches ebenfalls frei von allen Gimmicks operiert. Bleibt nur zu hoffen, dass nachfolgende Generationen das ähnlich sehen und Delsin 2.0 mit demselben Respekt behandeln wie dessen Protagonisten es beispielsweise mit alten Retroactive-Compilations tun. Willkommen auf dem Planeten Delsin.

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