Die Kuratorin von Heroines of Sound 2026 im Gespräch: „Von echter Geschlechtergerechtigkeit sind wir noch weit entfernt”

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Das Berliner Festival Heroines of Sound rückt in seiner 13. Ausgabe die japanische und asiatische Diaspora in den Fokus. Was vom 9. bis 11. Juli im Radialsystem passiert, hat uns Kuratorin Bettina Wackernagel ausgeführt. Sie zeigt auch auf, wie aus langjährigen künstlerischen Verbindungen neue Programmschwerpunkte wachsen und warum die Aufarbeitung historischer Marginalisierung – etwa von Pionierinnen wie Akiko Yano – untrennbar mit der aktuellen Musikszene verknüpft ist.

Trotz seines internationalen Renommees bleibt das Heroines of Sound ein unabhängig organisiertes „Bottom-up-Format”, das sich jedes Jahr neu gegen Planungsunsicherheit und strukturelle Hürden behaupten muss. Angesichts aktueller gesellschaftlicher Backlashs positioniert sich das Event klar: als „Raum für Sichtbarkeit, Austausch und die nachhaltige Stärkung von FLINTA*-Künstlerinnen im Musikbetrieb”, wie Wackernagel im GROOVE-Gespräch sagt.

GROOVE: In diesem Jahr rückt Heroines of Sound die japanische und asiatische Diaspora ins Zentrum. Wie hat sich dieser Fokus ergeben? 

Bettina Wackernagel: Unsere Programme entstehen im Austausch und aus der Beobachtung dessen, was um uns herum passiert. Ideen verdichten sich nach und nach zu Schwerpunkten. Dabei beziehen wir auch frühere Programme mit ein, um eine Kontinuität zu entwickeln. Heroines of Sound nimmt seit Langem außereuropäische Positionen in den Blick und hat Künstler:innen wie Mieko Suzuki, Pan Daijing oder Ying Wang präsentiert. Ein Beispiel dafür ist auch unsere diesjährige Gast-Kuratorin Midori Hirano, die vor einigen Jahren im Mentoring-Programm wichtige Impulse gesetzt hat. Aus solchen gewachsenen Verbindungen entsteht ein sensiblerer Blick für Perspektiven, die bislang zu wenig Sichtbarkeit erfahren haben. So entwickelte sich die Idee, die asiatische Diaspora stärker in den Fokus zu rücken.

Im historischen Kontext zeigt sich die Marginalisierung: Etwa die Elektronikpionierin Akiko Jano, die in Europa kaum bekannt ist und bis heute im Schatten des Yellow Magic Orchestra sowie ihres ehemaligen Ehemanns Ryūichi Sakamoto steht. Ihr Beitrag zur Entwicklung des Techno-Pop-Sounds wird gemeinhin dem Yellow Magic Orchestra zugeschrieben. Oder Yoko Ono, der in der Vergangenheit extreme Misogynie entgegenschlug und deren Werk erst in den letzten Jahren breitere Anerkennung erfahren hat.

Vor diesem Hintergrund fügen die geladenen Künstler:innen der westlichen Musikpraxis neue Impulse hinzu und rücken insbesondere die Verbindung von Körperlichkeit, elektronischem Klang und erweiterten Wahrnehmungsräumen in den Mittelpunkt.

So präsentiert die renommierte Elektronikerin Kyoka zum Festivalauftakt die Uraufführung von Motion Scapes, in der sie genetische Spuren aus der Umwelt in klangliche Prozesse überführt. Yoko Konishis Motus Umbra richtet den Fokus auf dynamische Kontraste zwischen brutaler Geräuschhaftigkeit und feinsten Texturen. Mit Nova Atlantis entfalten Miako Klein und Jia Lim ein Musikerlebnis im Spannungsfeld von Barock, Elektronik und Improvisation. Am zweiten Tag präsentiert Midori Hirano ihr neues Album Otoma, in dem sie Texturen zwischen digitalen Synthesizern, Klavier und Elektronik verdichtet. Weiter im Programm sind Komponist:innen und Musiker:innen wie Nina Fukuoka und prägnante Elektroniker:innen wie Miki Yui und Tomoko Sauvage.

Miako Klein und Jia Lim treten am ersten Festivaltag auf.
Miako Klein und Jia Lim führen Nova Atlantis am ersten Festivaltag des Heroines of Sound auf (Foto: Alice Baldwin)

Traditionell arbeitet Heroines of Sound stark mit dem Dialog zwischen Pionierinnen der elektronischen Musik und jüngeren Künstlerinnen. 2026 scheint der Fokus stärker auf aktuellen Arbeiten, Uraufführungen und neuen Live-Performances zu liegen. Wie kam es zu dieser Verlagerung?

Es gibt hier eigentlich keine Verlagerung: Unsere Agenda ist feministisch, genre- und generationsübergreifend. Ein Höhepunkt des diesjährigen Programms ist ein abendfüllendes Porträtkonzert, eine Hommage an Iris ter Schiphorst zu ihrem 70. Geburtstag. Iris ter Schiphorst ist eine herausragende Komponistin und Autodidaktin, die sich aus dem Bandkontext heraus ihren eigenen Weg erarbeitet hat und später selbst als Professorin für elektronische Musik und Mediengestaltung wirkte.

Ihre Musik ist geprägt von einer vielschichtigen, hoch verdichteten Klangsprache, in der performative Intensität und körperliche Präsenz ins Zentrum rücken – insbesondere in der Interpretation durch die Stimmkünstlerin Anna Clementi und das ensemble mosaik. Dabei werden gesellschaftspolitische Fragestellungen in Klang, Geste und Spannung verhandelt und dabei konsequent als feministische Programmatik eingeschrieben. Dazu gehört auch die Uraufführung von Transformationen III (2022/2026), ein Auftragswerk von ter Schiphorst, die dem Festival seit seiner Gründung eng verbunden ist.

Flankiert wird das Porträtkonzert von Arbeiten junger Künstler:innen, die sich ebenfalls auf intensive körperliche und vokale Präsenz konzentrieren: Marie Delprat mit ihrer Uraufführung What Remains After Desire und die neue multimediale Filmoper Em-Body-Ment der Komponistin Leah Muir aus der langjährigen Zusammenarbeit mit der Sopranistin Irene Kurka.

Iris ter Schiphorst bringt das Auftragswerk Transformationen III zur Aufführung (Foto: Astrid Karger)

Heroines of Sound wurde gegründet, um vergessene Pionierinnen sichtbar zu machen. Zwölf Jahre später ist das Festival selbst eine Institution. Worin besteht 2026 da noch die kuratorische Herausforderung?

Das Festival ist gerade einmal ein Teenager – international renommiert und bis heute nicht institutionalisiert. Es ist – ebenso wie CTM oder die Klangwerkstatt – ein aus der Berliner Szene heraus entstandenes Bottom-up-Format. Institutionalisierte Formate wie Pop-Kultur oder MaerzMusik können unter völlig anderen Bedingungen auftreten und planen.

„Institutionalisierte Formate wie Pop-Kultur oder MaerzMusik können unter völlig anderen Bedigungen auftreten.”

Fakt ist: Für jede Ausgabe müssen wir zahlreiche Anträge stellen und Fördermittel beantragen, was erhebliche Ressourcen bindet und mit einer ständigen Planungsunsicherheit einhergeht – sowohl für Künstler:innen als auch für uns selbst. Ohne ein belastbares Netzwerk und ein engagiertes Team wäre das Festival nicht denkbar. Dafür braucht man gute Nerven.

Die Sichtbarmachung von Pionier:innen und verschütteten Rezeptionsgeschichten versteht sich nicht als rückwärtsgewandter Blick, sondern als aktive Verbindung mit aktuellen künstlerischen Positionen. Von daher ist noch lange nicht alles gesagt und getan. Über Jahrzehnte hinweg wurden FLINTA- und außereuropäische Positionen marginalisiert. Und auch heute ist mitnichten alles erreicht: Von echter Geschlechtergerechtigkeit sind wir noch weit entfernt.

Am zweiten Tag präsentiert Midori Hirano ihr neues Album Otoma.
Am zweiten Festivaltag präsentiert Midori Hirano ihr neues Album Otoma (Foto: Markus Wambsganss)

Zuletzt: Wo liegen für dich heute, in Zeiten von Ikkimel und metoodjs, die Aufgaben einer feministischen Perspektive auf die Musik und ihre Kulturen?

Rapper:innen wie Ikkimel und Ebow mischen die Szene mit expliziten, sexualisierten und queeren Bezügen deutlich auf. Sie halten einer nach wie vor stark von Chauvinismen geprägten Szene einen Spiegel vor und verschieben kontinuierlich, was im öffentlichen Raum sagbar ist. Dabei sind sie zugleich erfolgreich und anschlussfähig.

Angesichts des gegenwärtigen Backlashs werden Gender- und Gleichstellungsdiskurse zunehmend infrage gestellt. Sprache wird normiert, emanzipatorische Errungenschaften geraten unter Druck. Das bleibt nicht abstrakt: Auch die Kultur- und Musikszenen stehen zunehmend unter Druck, wenn Diversität, Sichtbarkeit und queere Perspektiven politisch angegriffen werden.

Die Initiative MeTooDJs leistet zentrale Arbeit: Sie schafft Awareness für Sexismus und Gewalt gegen FLINTA-Personen, unterstützt Betroffene und stärkt Prozesse der Selbstermächtigung. Die Problematik ist längst nicht verschwunden – sie zeigt sich als Alltag vieler Künstler:innen, auch in der elektronischen Musik.

Es bleibt die strukturelle Unterrepräsentation von FLINTA im Kunst- und Musikbetrieb, sei es auf der Bühne, als Komponist:innen oder Produzent:innen. Genau hier setzt Heroines of Sound an: als Festival, das die Position von FLINTA-Produzent:innen ins Zentrum rückt und genderspezifische Themen in begleitenden Panels verhandelt. Als Festival schaffen wir gemeinsam mit den Künstler:innen und unserem Publikum einen Raum für Austausch, Zuhören und Erfahrung – und damit die Möglichkeit, dass Neues entstehen kann. Dabei geht es immer auch darum, den Sound selbst zu feiern.

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