Max Jurisch & Ralf Schmerberg über Sanctum of Sound im Berliner MaHalla: „Hört die Musik auf das, was um sie herum passiert?”

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Das Sanctum of Sound ist eines der mutigsten Angebote in diesem Festivalsommer. MaHalla-Betreiber Ralf Schmerberg und Kurator Max Jurisch geben einen Einblick in Philosophie und Programm der dreitägigen Veranstaltung.

Zum einen werden in der Industrie-Kathedrale in Berlin-Schöneweide Post-Minimal-, Ambient- und Modular-Klänge von den Rändern der Clubkultur zu hören sein. Dazu kommt etwa mit dem Jazz-Core von Bohren & der Club of Gore, dem Instrumentenethnologen Stephan Micus, den Berliner-Schule-Erben Star Sounds Orchestra oder dem US-Pop-Produzenten Carmen Rizzo und vielen anderen ein selten erlebtes klangliches Spektrum, das auch eine außermusikalische Brisanz entwickeln soll.

GROOVE: Was erwartet uns vom 3. bis 5. Juli beim Sanctum of Sound im MaHalla?

Max Jurisch: Drei Tage, 52 Stunden, 68 Musikerinnen und Musiker, dazu Kunstschaffende aus den Bereichen Installation, Skulptur, Licht und Bildende Kunst. Sechs Räume, die alle gleichzeitig aktiv sind, aber auf völlig unterschiedliche Weisen. Das Festival läuft von Freitagabend bis Sonntagabend ohne Unterbrechung. Kein Countdown, keine Pause, kein Moment, in dem alles endet und neu beginnt. Man kann kommen, gehen, schlafen, wiederkommen.

Das Programm reicht von großen Live-Performances im Hauptsaal über intime Listening-Formate und Klanginstallationen, die den ganzen Tag laufen, bis hin zu Lichtarbeiten, die erst in der Nacht ihre volle Wirkung entfalten. Es ist kein Musikfestival im klassischen Sinne, sondern ein gesamtkünstlerisches Ereignis, das den Raum als Medium begreift.

Ralf Schmerberg: Was uns erwartet, ist schwer zu sagen, weil ein Teil davon noch nicht existiert. Es entsteht in dem Moment, in dem die ersten Menschen ankommen und das Gebäude anfängt zu atmen. MaHalla tut Dinge gut, die ich nicht geplant habe. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt. Die Architektur, die Geschichte der Mauern, die Akustik dieser Industriehalle – das sind eigenständige Kräfte. Das Festival ist der Rahmen. Was darin passiert, ist offen.

Sanctum of Sound 2025 (Foto: MaHalla)

Ein Sanctum ist ein Heiligtum, aber auch ein Zufluchtsort, ein Safe Space. Wie kommen auf eurer Veranstaltung beide Bedeutungen zusammen?

Ralf Schmerberg: Das Wort Sanctum haben wir nicht gewählt, weil es religiös klingt, sondern weil es präzise ist. Ein Sanctum ist ein Ort, der eine andere Qualität von Aufmerksamkeit verlangt. Man betritt ihn nicht gleichgültig. Man kommt mit dem, was man ist, und geht mit etwas, das noch keinen Namen hat.

Der Schutzraum entsteht nicht durch die Programmierung. Er entsteht durch die Dauer. Wenn du 52 Stunden von Klang umgeben bist, der nicht auf Stimulation aus ist, sondern auf Tiefe, dann verändert sich etwas in dem Raum zwischen den Menschen. Leute, die sich nicht kennen, sitzen irgendwann nebeneinander auf dem Boden und reden. Das passiert nicht, weil wir das organisiert haben. Es passiert, weil der Rahmen es erlaubt. Das ist das Sanctum als Schutzraum vor der Beschleunigung draußen.

Wie seid ihr beim Booking vorgegangen? Wie kuratiert man ein Sanctum of Sound?

Max Jurisch: Das Booking beginnt nicht mit einer Liste von Namen. Es beginnt mit einer Frage: Was soll um 4 Uhr morgens in diesem Raum passieren? Was soll Samstagmittag passieren, wenn die ersten Menschen nach einer Nacht wiederkommen? Du baust eine Reise über drei Tage, und jede Künstlerin und jeder Künstler bildet einen Moment innerhalb dieser Reise. Manche setzen etwas in Bewegung. Andere lassen es zur Ruhe kommen. Dieses Gleichgewicht ist das eigentliche kuratorische Werk.

Wir haben uns sehr bewusst nicht auf ein Genre festgelegt. Die einzige Frage war: Hört diese Musik auf das, was um sie herum passiert? Reagiert sie auf den Raum, auf die Zeit, auf den Zustand der Zuhörenden? Wenn ja, gehört sie dazu.

Ralf Schmerberg: Ich habe von Anfang an gesagt: keine Kompromisse bei der künstlerischen Integrität. Niemand spielt hier, weil es praktisch war oder weil es einen Slot zu füllen gab.

Sanctum of Sound 2025 (Foto: MaHalla)

Ihr bringt eine außergewöhnliche Mischung von Künstlern zusammen. Viele von ihnen bewegen sich an den Rändern der Clubkultur, in Post-Minimal-, Ambient- und Modular-Kontexten. Gleichzeitig stehen mit Bohren & der Club of Gore, dem Instrumentenethnologen Stephan Micus, den Berliner-Schule-Erben Star Sounds Orchestra oder dem US-Produzenten Carmen Rizzo sehr unterschiedliche Positionen auf dem Programm. Was verbindet diese Künstler in euren Augen?

Max Jurisch: Geduld. Das ist das ehrlichste Wort dafür. Alle diese Künstlerinnen und Künstler haben sich geweigert, schneller zu werden, als sie sind. Bohren spielen Jazz so langsam, dass die Zeit selbst zum Instrument wird. Stephan Micus reist seit 50 Jahren durch die Welt, um Instrumente zu finden, die die westliche Musikgeschichte vergessen hat. Carmen Rizzo arbeitet mit Klang als Architektur. Das sind keine stilistischen Verwandten. Aber sie alle haben eine bestimmte Haltung gegenüber der Zeit. Und genau das ist es, was Sanctum of Sound braucht. Was sie außerdem verbindet: Sie haben keine Angst vor Stille. Die meisten Musiker füllen Stille. Diese hier lassen sie stehen. Sie wissen, dass der Moment nach dem Klang genauso viel trägt wie der Klang selbst.

Spiritus Breathwork von Tim Morrison (Foto: MaHalla)

Was ist eure Vision des Ereignisses, das sich über 52 Stunden hinweg entfalten soll?

Ralf Schmerberg: Kein Ereignis. Das ist die Vision. Ein Ereignis hat einen Anfang, einen Höhepunkt, ein Ende. Was wir bauen wollen, ist eher ein Wetter. Du bist darin, mal intensiver, mal stiller, aber es hört nicht auf und es wartet nicht auf dich. Das ist eine andere Beziehung zwischen Mensch und Musik als alles, was ein normales Festival anbietet.

Max Jurisch: Ich denke in Schichten. Die erste Schicht ist die Musik selbst. Die zweite ist der Raum und die Art, wie die verschiedenen Räume des MaHalla unterschiedliche Zustände erzeugen. Die dritte Schicht sind die Menschen: wie sie sich über 52 Stunden verändern, wie aus Fremden Vertraute werden, wie Erschöpfung in eine andere Art von Wachheit übergeht. Diese drei Schichten zusammen, das ist das eigentliche Ereignis. Die Musik ist der Auslöser, nicht das Ziel.

Das MaHalla Totenpicknick lädt die Teilnehmenden ein, ihre Geschichten, Erinnerungen und Emotionen in einem gemeinschaftlichen Rahmen zu teilen. (Foto: MaHalla)

Wie beziehen sich diese unterschiedlichen Klangphilosophien und Soundstrategien auf die verschiedenen Räume des MaHalla?

Max Jurisch: Jeder Raum hat eine andere Funktion im dramaturgischen Bogen des Festivals. Große, raumgreifende Performances finden im Hauptsaal mit seinen zwölf Metern Deckenhöhe und der industriellen Akustik statt. Die Stille nach einem Konzert dort hat eine Wucht, die du nirgendwo sonst findest. Die Black Hall mit 18 Metern Höhe und komplett schwarzen Wänden erzeugt eine Dunkelheit, die absolut ist. Das ist ein Raum für Klang, der aus der Tiefe kommt, nicht von einer Bühne. Und dann gibt es intimere Räume, in denen einzelne Künstler oder kleine Formationen ein ganz anderes Verhältnis zu den Zuhörenden eingehen.

Ralf Schmerberg: Das Gebäude hat seine eigene Meinung. Ich sage das nicht metaphorisch. Die Raumresonanz, die Temperatur, die Art, wie Schall in dieser monumentalen industriellen Kathedrale zurückkommt – das sind keine neutralen Eigenschaften. Ich programmiere nie gegen ein Gebäude. Ich frage zuerst: Was will dieser Raum verstärken? Was will er dämpfen? Die Antworten bestimmen das Booking genauso wie mein eigener Geschmack.

Noch einmal das MaHalla Totenpicknick (Foto: MaHalla)

Ihr arbeitet mit maßgeschneiderten Soundsystemen. Warum habt ihr euch dafür entschieden? Wie sind diese Systeme entstanden, und wie werden sie in den unterschiedlichen Räumen des MaHalla eingesetzt?

Max Jurisch: Wir haben die Systeme nicht entwickelt. Wir haben die Menschen ausgewählt, die sie bauen: Restless Audio, die Junoon Community, Mariami Kurtishvili und Alvaro del Toro. Das ist eine kuratorische Entscheidung, genauso wie das Booking. Wir setzen auf ihr Know-how, auf ihre Ästhetik, auf ihr Gespür für Klang und Raum. Jedes dieser Teams hat eine eigene Philosophie davon, wie Sound sich im Raum verhalten soll, und diese Philosophie ist Teil dessen, was das Festival klanglich ausmacht.

Das ist auch eine Haltung gegenüber dem Markt. Wir wollen weg von den großen Brands, die alles dominieren. Wir wollen lokalen Systembauern die Möglichkeit geben, sich auf größeren Bühnen zu zeigen, zu wachsen und gehört zu werden. Jemand muss der Erste sein, der sagt: Ihr gehört auf diese Bühne.

Contre Jour im MaHalla im Herbst 2025 (Foto: MaHalla)

Dahinter steht etwas Tieferes. Die Soundsystem-Kultur, angefangen beim Dub und Reggae der jamaikanischen Diaspora, ist der eigentliche Ursprung dieses ganzen Movements. Die Idee, dass ein System nicht nur Musik überträgt, sondern Klang als körperliche Erfahrung im Raum erzeugt, dass Bass etwas ist, das man fühlt, bevor man es hört – das wurde in den Yards von London und Kingston entwickelt, von Menschen, die ohne Konzertsäle eine Klangreligion gebaut haben. Was wir hier machen, ist eine Weiterführung davon. Wir bauen auf dieser Kultur auf, nicht über sie hinweg.

Ralf Schmerberg: Von Anfang an war mir klar: kein Kompromiss beim Klang. Es wäre ein Kompromiss gewesen, ein anonymes Industriesystem in dieses Gebäude zu stellen. Die Menschen, die hier arbeiten, kennen diesen Raum, sie haben ihn gehört, sie verstehen, wie Klang sich in dieser monumentalen industriellen Kathedrale verhält. Dieses Wissen kann man nicht kaufen. Es entsteht durch Beziehung.

Contre Jour im MaHalla im Herbst 2025 (Foto: MaHalla)

Ralf, du kommst aus Kunst und Film, Max, du arbeitest als Musikkurator. Wie gestaltet sich eure Zusammenarbeit? Wie sieht euer Dialog aus? Was verbindet euch, und worüber diskutiert ihr?

Ralf Schmerberg: Max redet über Musik nicht wie jemand, der sie verkaufen will. Das hat mich sofort überzeugt. Er redet über sie wie jemand, dem sie etwas bedeutet – persönlich, biografisch. Das ist selten. Die meisten Menschen in der Kulturindustrie haben gelernt, Begeisterung zu simulieren. Bei Max ist sie echt, und das spürt man in jeder kuratorischen Entscheidung, die er trifft. Wir diskutieren viel. Manchmal heftig. Er kommt von der Musik, ich komme vom Raum. Manchmal sagt er: Dieser Künstler muss auf das Festival. Und ich frage: Was macht er mit dem Gebäude? Das ist kein Konflikt, das ist der richtige Dialog.

Max Jurisch: Mein Vater war Konzertveranstalter. Nicht der glamouröse Teil davon, sondern der echte: Hallen, die halb leer blieben, Künstler, die trotzdem spielten, als wären 1000 Menschen da, Abende, an denen er hinterher nicht wusste, ob er die Kosten decken kann. Er hat Chet Baker gebracht, kurz vor dessen Tod, einen Mann, den damals kaum noch jemand sehen wollte. Er hat Screaming Jay Hawkins gebracht, Bohren, LTJ Bukem, Thievery Corporation. Nicht weil es kommerziell klug war, sondern weil er glaubte, dass diese Musik in einen Raum gehört, dass Menschen sie live erleben müssen, dass irgendjemand das Risiko eingehen muss, damit das passiert. Damit bin ich aufgewachsen. Nicht mit dem Erfolg, sondern mit der Haltung. Mit dem Wissen, dass Kulturarbeit bedeutet, auf etwas zu setzen, das die Welt noch nicht verlangt. Dass man manchmal der Erste ist, der sagt: Das hier ist wichtig – auch wenn der Saal noch leer ist.

Und nochmal Sanctum of Sound 2025 (Foto: MaHalla)

Als ich das erste Mal im MaHalla stand, habe ich meinen Vater gespürt. Nicht weil Ralf mir alles erklärt hat, sondern weil der Raum mir etwas gesagt hat, das ich schon kannte. Diese Verbindung zwischen dem, was er mir mitgegeben hat, und dem, was dieses Gebäude vorhat, ist der Kern unserer Zusammenarbeit. Wir vertrauen beide dem Raum mehr als dem Plan. Und wir sind beide bereit, das Risiko einzugehen.

Zum Schluss noch einmal zum Festival selbst: Was sollten Besucher mitbringen? Wie kann man sich auf diese Tage und Nächte vorbereiten?

Ralf Schmerberg: Kommt ohne Erwartungen. Das ist das Einzige, was ich mitgeben kann. Wer mit einer Liste von Künstlern ankommt, um sie abzuhaken, wird das Wesentliche verpassen. Das Wesentliche passiert meistens dann, wenn man nicht darauf wartet. Es passiert um 4 Uhr morgens, wenn man eigentlich schlafen wollte und dann doch noch jemanden hört, den man nicht kannte. Es passiert in der Stille nach einer langen Performance. Es passiert, wenn zwei Menschen, die sich nicht kennen, plötzlich das Gleiche fühlen. Sanctum of Sound ist ein Ort, um sich aufzuladen und um endlich anzukommen.

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