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David Muallem vom Blitz in München: „Es gibt nicht viele Orte für das, was wir machen”

Rund um das Ende des Blitz in seinen aktuellen Räumlichkeiten herrschte Verwirrung. Eine Münchner Boulevardzeitung vermeldete im Februar, dass der Münchner Vorzeigeclub der letzten Dekade schließt, es aber Hoffnung auf einen neuen Standort gebe. Im Artikel bedauerte der Vermieter, das Deutsche Museum, diesen Vorgang öffentlich – ein Angebot zur Verlängerung des Mietvertrags habe schließlich vorgelegen.

Wir haben mit David Muallem, dem Mitbetreiber des Blitz, gesprochen und ihn nach seiner Version der Ereignisse gefragt. Wie es um das Blitz steht, welche Bedeutung es für die nationale und internationale Clubkultur hat und welchen Rückhalt der Club genießt, lest ihr im Folgenden.

GROOVE: Mitte Februar hat die Münchner Abendzeitung einen Artikel über das Aus des Blitz am Standort im Deutschen Museum veröffentlicht. Hat euch das kalt erwischt?

David Muallem: Dass uns aus der Hand genommen wird, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen, hat sich nicht gut angefühlt. Wir konnten nicht mal unserem Team vorab Bescheid geben. Die Münchner Lokalpresse hatte schon von Gerüchten gehört. Wir haben ihr ausdrücklich erklärt, dass wir an einem Statement arbeiten und noch etwas Zeit brauchen. Dass wir nicht über ungelegte Eier reden wollen, weil wir noch nicht wissen, wann das Closing sein wird. Wie der Beitrag dann zustande kam, weiß ich nicht. Entweder ist die Presse aufs Deutsche Museum zugegangen oder das Deutsche Museum auf die Presse. Wir wurden jedenfalls überrascht, als wir das lesen mussten.

Wieso genau müsst ihr aufhören?

Weil unser Mietvertrag de facto nicht verlängert wurde. Wenn man uns nicht mehr haben will, sollte man auch dazu stehen.

David Muallem (Foto: Josha Lohrengel)
David Muallem (Foto: Josha Lohrengel)

Das Deutsche Museum habe sich laut dem Artikel in der Abendzeitung immer gefreut, euch als Mieter zu haben. Man habe euch „angeboten, den Mietvertrag unter den veränderten baulichen Bedingungen fortzuführen”, ihr hättet abgelehnt.

Natürlich hat man in den vergangenen neun Jahren immer wieder miteinander geredet. Aber seit es konkret um diese Vertragsverlängerung geht, war die Position des Deutschen Museums klar: Uns wurde bereits im April 2025 per Mail mitgeteilt, dass man eigentlich nur noch über Auszug und Rückbau sprechen kann. Dass die Frage nur noch ist, wann genau das stattfindet. Im Raum stand, dass wir maximal bis Ende 2026 weitermachen können. Zu keinem Zeitpunkt gab es ein ernsthaftes Interesse, nicht mal eine Überlegung, geschweige denn ein Angebot, das längerfristig war. Das gab es nicht.

Ihr wärt aber gerne in den Räumlichkeiten geblieben.

Natürlich. Was wir da reingebaut haben, die Anlage, die Akustik,  da stecken viel Liebe zum Detail und viel Geld drin. Warum sollten wir da raus? Wir haben einen gut laufenden Club, der weltweit bekannt ist. Der, wie man auch am Feedback auf unsere Meldung zum Closing gesehen hat, ein sehr hohes Ansehen genießt. Es gibt überhaupt keinen Grund, wieso wir da freiwillig rausgehen sollten. Wenn man nach zehn Jahren aus Langeweile die Segel streicht, fände ich das der Kultur und der Szene gegenüber sehr verantwortungslos. Es gibt nicht so viele Orte für das, was wir machen. Wir wurden von Leuten angesprochen, wieso wir denn da raus wollen. Das ärgert mich.

Die Booth des Blitz (Foto: Simon Vorhammer)
Die Booth des Blitz (Foto: Simon Vorhammer)

Und das Deutsche Museum hat euch keinen triftigen Grund für die Kündigung genannt?

Man bekommt durch die jahrelange Zusammenarbeit ein Gefühl dafür. Ich kann mir vorstellen, dass das zu laut ist, dass die eine Belebung wollen, die nicht schmutzig ist. Wenn aber sehr viele Leute kommen, wird es auch mal schmutzig. Dann macht man danach einfach sauber.

Gab es denn konkrete Vorfälle, die den Vermieter gestört haben könnten?

Ich glaube, dass die unseren Wert nie wirklich erkannt haben, im Gegensatz zu allen um sie herum, in der gesamten Stadt. Denen war nicht ganz klar, welche Strahlkraft dieser Ort über die Stadtgrenzen hinaus hat.

Der Hauptfloor des Blitz (Foto: Simon Vorhammer)
Wird nach Einsatz sauber gemacht: Der Hauptfloor des Blitz (Foto: Simon Vorhammer)

Wurde euch gegenüber kommuniziert, dass man die Räumlichkeiten als Kulturort weiterbetreiben will?

Nein. Ich glaube, dass es eine Gastronomie wird. Mir fehlen da die Infos, ich weiß es schlichtweg nicht.

Zuvor wurde euer Vertrag aber schon mal verlängert, oder?

Wir waren fünf Jahre da, dann haben wir eine Mietvertragsverlängerung bekommen. Die wussten genau, was das ist und was wir machen.

2022?

Genau. Unser Fokus ist nun, das Ding anständig und erhobenen Hauptes zu Ende zu bringen, unseren Verpflichtungen nachzukommen. Und dann den Fokus auf die Zukunft zu legen. Der Brane [Mitbetreiber Branimir Peco, Anm.d.Red.] und ich, wir verspüren nach wie vor eine große Verantwortung gegenüber der Kultur und der Szene.

So viele andere Standorte für Clubkultur gibt es in München ansonsten nicht.

Ich denke, wir decken in ganz Süddeutschland und mit einem großen Einzugsgebiet eine Nische ab, die sonst fehlen würde, vor allem inhaltlich. Wir wollen die Fahne für Music Culture hochhalten.

Der zweite Floor des Blitz, das Plus (Foto: Simon Vorhammer)
Ebenfalls Schauplatz von Music Culture: Der zweite Floor des Blitz, das Plus (Foto: Simon Vorhammer)

Es gibt eine Diskrepanz zwischen Hochkultur und elektronischer Musik, Techno wird oftmals ein Schmuddel-Image angedichtet.

Ich mache das jetzt mein Leben lang, gehe auf die 50 zu, bin 35 Jahre im Nachtleben. Du wirst älter, machst den ersten Laden, machst den zweiten Laden. Das Blitz ist ein großes Unternehmen geworden, mit vielen Mitarbeitern – in der Spitze sind es schon mal 120. Das sind viele Arbeitsplätze, viel Verantwortung, eine hohe Miete. Eigentlich arbeitest du total sauber und professionell, wirst aber behandelt wie ein Schuljunge, der eine illegale Party schmeißt. Ich habe mich aber damit abgefunden, meinen Frieden geschlossen.

Würdest du nicht sagen, dass sich das im Laufe deiner Karriere gebessert hat?

Wir versuchen gerade an einem Nachfolger zu arbeiten, geben unser Allerbestes, um unsere Geschichte weiterschreiben zu können, und ich muss sagen: Der Zuspruch, den wir von allen Behörden und aus der Politik bekommen, ist wirklich enorm. Das zeigt uns, dass man den Wert unserer Arbeit für die Stadt anerkennt. Das fühlt sich gut an.

Ihr erfahrt momentan Unterstützung aus der Politik?

Wir wurden von allen kontaktiert, die wollten Unterstützung zeigen. Man darf das nicht überbewerten, es ist gerade Bürgermeisterwahl. Da will sich jeder mit Kultur schmücken. Wir werden uns natürlich niemals parteilich engagieren oder Wahlkampf betreiben, das wäre lächerlich. Nichtsdestotrotz scheinen wir eine gewisse Aufmerksamkeit und eine gewisse Unterstützung zu genießen. Das gibt uns das Gefühl, dass die Arbeit, die wir leisten, wertgeschätzt wird.

Hätte es diese Unterstützung deiner Meinung nach auch schon vor dem Blitz gegeben, oder glaubst du, dass ihr nun von dem profitiert, was ihr geschaffen habt?

Ich glaube, dass das Blitz auf jeden Fall dazu beigetragen hat, weil es diese internationale Strahlkraft hat. Aber um ehrlich zu sein: Weißt du, wer meiner Meinung nach am meisten dazu beigetragen hat?

Wer denn?

Das Berghain. Man sieht am Beispiel Berlin, was für ein Wirtschaftsfaktor die Nachtgastronomie und das Nachtleben für eine Stadt sein können. Man sieht es auch an Städten wie Amsterdam. Weil das Berghain medial so ausgeschlachtet worden ist, glaube ich, dass es gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es gibt zwei Faktoren: Einmal den Wirtschaftsfaktor, der in einer Stadt wie München natürlich niemals auf dem Niveau wie in Berlin sein wird. Trotzdem: Es kommen Leute, es kommen Touristen, es werden Hotelzimmer gebucht, das hat eine Anziehungskraft. Zweitens: München, und ich glaube, das ist der Politik mittlerweile bewusst, hat zwar eine sehr hohe Lebensqualität, ist aber arschteuer und konservativ und deshalb immer unattraktiver für junge Menschen. Einen international bekannten Club zu haben, trägt zur Attraktivität für diese Gruppe bei. Wer sitzt denn jetzt in der Politik? Klar, es gibt auch Ältere, aber ich bin in einem Alter angekommen, in dem viele in der Politik 15 Jahre jünger als ich sind. Das ist eine Realität. Und die verstehen diesen Faktor für die Lebensqualität.

Die Bar im Blitz (Foto: Simon Vorhammer)
Die Bar im Blitz (Foto: Simon Vorhammer)

Plant ihr für das zweite Kapitel, an dem ihr arbeitet, einen nahtlosen Übergang?

Nahtlos ist der kaum zu machen. Wir wünschen uns, dass nicht zu viel Zeit zwischen den Läden vergeht, auch um das Momentum nicht zu verlieren. Wir haben wahnsinnig viel Personal, ein ganz außergewöhnliches Team, wo wir auf jede einzelne Person extrem stolz sind. Vor zehn Jahren hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass man mal so eine Club-Familie schafft. Es wäre todtraurig, wenn das alles zerfällt, weil’s zu lange dauert. Einen Club zu machen, ist nicht das Allereinfachste, dafür müssen viele Faktoren stimmen. Wir geben unser Bestes und hoffen, dass aufgeht, was wir gerade vorantreiben.

Spruchreif ist noch nichts?

Noch gar nichts. Wäre dem so, würden wir hier drüber reden. Wir arbeiten dran, aber es kann auch sein, dass alles ins Wasser fällt.

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