Modeselektor stehen für elektronische Musik aus Berlin, obwohl Gernot Bronsert und Sebastian Szary mit dem für die Stadt typischen Techno-Sound wenig am Hut haben. Seit den frühen Zweitausendern saugen sie die Entwicklungen im globalen Breakbeat-Kontinuum auf und verarbeiten sie zu einem überraschend pop-affinen Sound. Ihr Fokus also: Niemals – oder kaum – reine Club-Funktionalität, sondern breakbeat-lastiges, elektronisches Storytelling im Langspielformat.
Auf ihrer neuen Platte Classics Vol.1 (We tried hard and failed again… enjoy!) richten die beiden Berliner den Blick erstmals nicht nach vorn oder auf aktuelle Breakbeat-Trends, sondern bedienen sich an der eigenen Diskografie. Doch obwohl hier ausgewählte alte Tracks neu aufgenommen werden, ist das Album kein bloßes Remaster, sondern vielmehr eine Reimagination der Vergangenheit. So wird beispielsweise aus dem 2007 erschienenen „The Black Block” „Blockchain” – das die Energie des Originals zwar beibehält, das schrille 8-Bit-Korsett allerdings durch ein puristisches Techno-Arrangement ersetzt.
Im Vorfeld der Veröffentlichung auf dem hauseigenen Label Monkeytown sprach GROOVE-Autor Jakob Senger mit Gernot Bronsert und Sebastian Szary über das Recovern alter Rechner, über die Aura-Musik ihrer Kinder und über Gründe, warum die Szene einen Bürstenschnitt vertragen könnte.
GROOVE: Auf Classics Vol. 1 nehmt ihr alte Tracks und gebt ihnen einen zeitgemäßen Anstrich. Wie kam es zu der Entscheidung, alte Tracks neu aufzunehmen, statt etwas Neues zu machen?
Gernot Bronsert: Wir hatten einfach Bock, so ein Classics-Live-Act-Ding zu machen, wo man die ganzen alten Dinger wieder abfeuert. Also: Laptop, MIDI-Controller, Kaos-Pad. Keine Soundkarte, keine Crew – stattdessen lieber mit Mini-Klinke. Irgendwie hat es sich in dem Augenblick für uns richtig angefühlt, mal auf alten Festplatten zu wühlen, statt ein neues Album zu liefern.
Wie sah der Prozess aus?
Gernot: Wir haben uns mit mit Johannes Wagner alias J.Manuel aus dem Spandau20-Umfeld zusammengetan. Er ist ein absoluter Studio-Nerd, also genau der Richtige für den Job. Wir haben dann Rechner recovert, die 15 Jahre nicht mehr an waren, und haben mit macOS9, Logic Silver und der zweiten Ableton-Version alte Sessions vom Happy Birthday-Album wieder aufbekommen. Der darf natürlich nie ans Netz angeschlossen werden, denn sobald er sich updatet, ist es vorbei.
Wieso habt ihr die Tracks nicht so gelassen, wie sie waren?
Gernot: Wir haben bei der Arbeit relativ schnell gemerkt, dass das nicht genug für uns ist. Also haben wir ein paar Tracks im alten Geiste gelassen und den Rest neu gemacht. „Kill Bill” war der Erste, bei dem war das vermeintlich am einfachsten, hat aber letzten Endes am längsten gedauert. Aber so ist das eben: Die auf den ersten Blick einfachen Sachen sind meistens die komplizierten. Im Endeffekt haben wir also eine neue Platte gemacht, die aber nicht als neue zählt. Oder halt: We tried hard and failed.
Fühlt es sich für euch trotzdem wie eine neue Platte an?
Gernot: Im Grunde schon. Klar, ein Album hat nochmal eine rohere Energie: Es gibt etwas Neues, du hast deine Features, gehst damit auf Tour und bekommst so ein Freshness-Feeling. Das haben wir mit der Classics Vol.1 auch bekommen, aber die Zeitlinie war eine andere. Die kommt eben aus einer anderen Dimension.


Seid ihr nostalgische Menschen?
Sebastian Szary: Ich glaube, das ist bei der Arbeit an so einem Projekt gar nicht anders möglich. Plötzlich bewegt sich die ganze Zeit in einer Retro. Du gehst in die alten Files rein, die sind alle mit Datum versehen, und klar gehen dir dann direkt Erinnerungen durch den Kopf. Und diese Tracks aus ihrer Zeit zu holen und in die Gegenwart zu versetzen, war eine ziemlich interessante Aufgabe – gerade weil wir Musik sonst eher aus dem Bauch heraus machen. Diesmal war das alles sehr technisch, aber eben auch nostalgisch.
Habt ihr die gleichen Tools wie damals genutzt?
Szary: Damals sind wir wie die Axt im Walde rangegangen. Aus technischer Sicht haben wir kaum darauf geachtet, wie die Kickdrums getunt sind. Dieses Mal haben wir ziemlich viel analoges Equipment, vor allem den Udo DMNO, benutzt. Aber wir haben auch den alten Fuhrpark teilweise angeschlossen und unsynchronisierte Sessions aufgenommen. Wir haben vieles ausprobiert, haben geschaut, was dazu passen könnte. Vieles ist wieder rausgeflogen. Im Endeffekt war es ein ziemliches Trial and Error – das hat sich seit damals nicht geändert.
Gibt es einen musikalischen roten Faden auf der Platte?
Gernot: Die Dramaturgie ist bei Modeselektor eigentlich immer die gleiche. Genres interessieren uns nicht, es geht vielmehr um den Gesamt-Vibe und darum, dass er einheitlich bleibt. Aber sonst sind das eher unsere persönlichen Favoriten. Mit „Blockchain” ist einer unserer massiveren Techno-Tracks dabei. Der steht für sich, weil Funktionalität für uns nie im Vordergrund stehen sollte. Das ist, was man auf der Platte erwarten kann: Kein extremer Glow-up oder artifizielle Hochglanzpolitur, dafür lieber dieses Back-to-the-Roots-Feeling einfangen, mit Bierchen-Geruch und Tabakkrümel-Textur. Aber trotzdem kamen auch neue, unerwartete Sachen raus: „Tekk Pack” ist so ziemlich unser stoner-mäßigster Song – da kommt nicht mal unser Zeug mit Tikiman ran, das wir produziert haben, als wir wirklich stoned waren.
Euer Sound war schon immer eine Gratwanderung zwischen den Genres. Was hat euch besonders geprägt?
Gernot: Wir waren schon immer ziemlich close mit der ganzen UK-Schiene. Also Dubstep, Grime und generell basslastige Musik. Bengas Diary Of An Afro Warrior ist ein Classic, wie fast alles, was dieser London-Croydon-Connection entspringt. Das hatte einen ziemlich starken Einfluss auf unsere Musik. Bei den Beatport-Awards 2008 wurden wir plötzlich zum besten Dubstep-Act des Jahres gekürt, wir haben einen Remix auf einer Tempa, die heute als Klassiker gilt, und waren damals die Ersten, die Hessle Audio in Berlin gebucht haben. Man kann also sagen, wir stecken da ziemlich drin. Wir selbst haben den einen Tag in der Londoner fabric auf einer Plastician-Party gespielt und sind am nächsten Tag nach Frankreich geflogen, um im Centre Pompidou mit Justice und Pedro Winter aufzulegen. Und in dem Spannungsfeld hat sich unser Sound geformt.


Ein Blick in die Vergangenheit ist immer auch ein Abgleich mit der Gegenwart. Gab es während der Rückschau etwas, dem ihr wehmütig hinterhergeschaut habt?
Gernot: Nicht wirklich. Ich finde Veränderung grundsätzlich gut. Klar gibt es immer ein paar Sachen, die man gerne vor dem Verschwinden bewahrt hätte. Dafür hast du aber richtig viele neue und spannende Sachen und Enthusiast:innen, die die Szene nach vorne treiben. Einfach geile Kollektive und Communitys, die wirklich viel Herzblut reinstecken. Das Einzige, was ich mir manchmal wünschen würde, wäre ein bisschen mehr Freundlichkeit.
Inwiefern?
Gernot: Die musikalischen Camps, die sich sehr über Look and Feel definieren, wirken manchmal sehr verbissen. Klar hattest du damals auch deine Hardcore-Veteranen mit 180er-Nikes und strammem Bürstenschnitt und die Leute, die eher zu House oder Techno feiern gegangen sind. Das kam mir da aber irgendwie eklektischer vor. Subkultur existiert heute eben auf eine andere Art. Und ist an andere ökonomische Faktoren geknüpft.
Wie verfolgt ihr aktuelle Trends?
Szary: Wir haben beide Kinder – deswegen bekommt man manche Sachen ganz automatisch mit. Also keine definierten Trends, mehr so „Aura-Musik? Spiel doch mal vor!”
Die Wendung habe ich noch nie gehört. Wie klingt das?
Du hörst dann plötzlich einminütige Tracks, die alles drin haben: Möglichst wenig Beat, Memphis-Rap, Bonk und immer diese verzerrte 808-Cowbell. Also eine etwas obskure musikalische Fläche, die sich gut in Reels macht. Das ist wohl die angesprochene Aura, mit der sich auf Social Media schnelles Geld verdienen lässt.


Wie sucht ihr denn bei der Menge an neuer Musik Musik aus, die auf eurem Label Monkeytown Records erscheint?
Gernot: Im Grunde haben wir die Devise: Wenn wir etwas geil finden, wird es veröffentlicht. Das ist total Genre-unspezifisch. Wir bringen bald eine Pop-Platte auf Monkeytown raus, die uns beim ersten Hören total umgehauen hat. Es muss Liebe drinstecken, und oft gibt es einen direkten oder indirekten Berlin-Bezug. Das wollen wir uns aber nicht auf die Fahnen schreiben, das übernehmen schon die Leute. Aber diese Speckgürtelbindung ergibt sich meist ganz organisch und fällt uns erst in der Nachbetrachtung auf. Das ist halt so, wenn du seit dem Mauerfall hier bist und den ganzen Quark mitbekommst. Aber ja: Es muss vorrangig gefallen, vom Trendsetzen und Akkordreleasen sind wir mittlerweile geläutert.
Szary: Generell haben wir die Frequenz ziemlich runtergeschraubt. In der Kernzeit von Monkeytown, also 2010, 2011, hatten wir alle vier Wochen ein Album draußen, da gab es wirklich keine Zeit zum Durchatmen. Da ist alles voll im Rush passiert. Das war auch geil und erfolgreich, aber irgendwann merkst du die Erschöpfung.
Gernot: Klar, ein Label zu führen ist eine waghalsige Nummer, und seit der Gründung gab’s auch noch einige Knicke in der Ökonomie. Und dann fragen dich die Leute auch: „Digga, warum machst du das eigentlich noch?” Die Bottom-Line war schon immer: Weil wir Musik feiern. Es geht um die Plattform, um feed the underground und nicht darum, mit einem Release die neue Ibiza-Residency zu promoten.
Hängt ihr privat noch häufig in Clubs ab?
Gernot: Wenn Freunde irgendwo auflegen, gehen wir gerne mal vorbei. Ansonsten wirklich selten. Sonst halt, wenn was Besonderes läuft: Mala beim letzten Atonal zum Beispiel. Und Wir freuen uns jetzt vor allem auf unsere eigenen Shows im RSO. Mal sehen, was da abgeht. Früher hatten die Leute Angst, nach uns zu spielen, weil wir so schnell und hart waren. Das ist jetzt anders. In Läden wie dem RSO läuft halt noch der reale Shit, und da stehen wir drauf. Wenn wir merken, es wird zu mainstreamig und geht so in Richtung Wuhlheide-Style mit Crew und Truck, machen wir lieber einen U-Turn und gehen back to the roots.
