Im 21. Jahr des Flow Festivals reihen sich wieder große Pop-Artists wie Charli xcx und Burna Boy neben DJs wie DJ FUCKOFF oder okgiorgio auf, um in der finnischen Hauptstadt zu performen. GROOVE-Autor Tom-Luca Freund war vor Ort, um herauszufinden, wie das Premium-Festival den Spagat zwischen diesen Polen meistert.
Wenn man in einem unbekannten Land ist, spielt zu Beginn Neugier eine große Rolle – auf Land und Leute, Kultur und Eigenarten. Ähnliches gilt bei einem Festival in einem fremden Land: Beim Flow Festival lösen vor allem finnische Artists auf mich eine besondere Faszination aus. Erster Act ist folgerichtig der finnische Rapper Turisti. „Der finnische Stormzy”, ist von manchen aus der Crowd zu hören, was gar nicht so verkehrt ist. Er schafft es, ähnlich wie sein britisches Pendant, Gefühl in den ach so harten Rap zu bringen. Trotz Sprachbarriere berühren seine Songs durch die authentische und nahbare Art der Präsentation, die einen guten Balanceakt zwischen emotionalen und härteren Songs schaffen.
Nach dem finnischen Pflichtact kann man sich ganz der internationalen Kür hingeben, in diesem Fall folgt der US-amerikanische Sänger Montell Fish, der unter anderem durch virale TikTok-Sounds berühmt geworden ist – typische Reaktion: „Ach, DER steckt dahinter”. Insgesamt ist er mit seiner Musik Frank Ocean nicht unähnlich und qualifiziert sich mit seinen gefühlvollen R’n’B-Balladen für den Aufstieg aus dem Social-Media-Morast in den Musik-Olymp.
Erster DJ-Act des Tages ist der Brite Joy Orbison. Sein Set ist gespickt mit vielen seiner Tracks, scheint aber trotz einer soliden Struktur, die nicht nur auf bekannte narrative Pfade a là Spannungsaufbau, Drop, neuer Song setzt, nicht den Nerv des Publikums zu treffen und bleibt insgesamt vergleichsweise blass.

Hauptact des ersten Tages ist der britische Art-Pop-Star FKA Twigs. Ihr Auftritt ist in drei Akte unterteilt, dessen Aufteilung und Sinnhaftigkeit zumindest in der internationalen Pressegruppe mir niemand plausibel erklären kann. Das Konzert erinnert über weite Teile eher an performance art und enttäuscht mich rein musikalisch durch Playback-Einlagen, die über weite Strecken Verwendung finden.
DJ FUCKOFF beschließt den ersten Tag. Mit diesem Berliner Import begrabe ich meine Ambitionen, finnische Artists am Festival-Freitag zu entdecken, endgültig. Sie bietet ein gewohnt schnelles und eklektisches Set, das durch geschwinde und gekonnte Songwechsel sehr kurzweilig daherkommt. Zu diesem Anlass möchte ich die relativ niedrige Dichte an Handy-Filmer:innen positiv herausstellen. Bei vergleichbaren Events in Köln oder London zücken viel mehr Leute ihr Handy, um für ihre Social-Media-Profile Content zu produzieren. In Helsinki braucht es noch nicht mal eine breit kommunizierte No-Photo-Policy, damit die Leute im Moment bleiben.
Der zweite Tag beginnt mit einem heißen Tipp aus der finnischen Clubszene, den mir eine finnische Begleiterin des Pressetrips mitgegeben hat – „der heiße Scheiß in Finnland” – und somit meine Neugier auf die finnische Szene wieder weckt. Mir wird mit dem B2B von Justus Valtanen und Daniel Kayrouz nicht zu viel versprochen. Die beiden sind ihres Zeichens Residents der Post Bar und des Clubs Kaiku, zweier Institutionen in Helsinki. Ihr Tech-House-Set, das Club-Klassiker mit neueren, schnelleren Tracks verbindet, ist sehr gut. Genützt hat es leider nichts: Das Set am Nachmittag ist relativ schlecht besucht. Das verwundert vor dem Hintergrund, dass das Festival an den ersten beiden Tagen schon um 1 Uhr seine Pforten schließt. Eine Verschiebung der Primetime nach vorne, um möglichst viel für die in der günstigsten Stufe 240 Euro teuren Tickets zu bekommen, scheint nicht stattzufinden.

Der zweite Tag auf der X-Garden-Stage wird von der finnischen DJ Joseysradios gehostet, die auch selbst einen Slot spielt. Was als Amapiano-Set angekündigt ist, stellt sich als wilder und beeindruckender Hybrid aus Konzert, DJ-Set und Tanzstunde heraus. Vor dem Hintergrund der aktuellen Amapiano-Schwemme zeigt dieses Set, was in dem Genre an Potenzial steckt. Besonders hervorzuheben an dieser Stage ist das hervorragende Sounddesign. Trotz der Tatsache, dass andere Stages, die ebenfalls basslastige Musik im Repertoire haben, in Sichtweite sind, überlagern sich die einzelnen Bühnen soundmäßig nicht. Der X Garden ist auch der einzige Ort, der mit Palästinaflaggen einen direkt ersichtlichen Bezug zum aktuellen Krieg in Nahost herstellt. Große Diskussionen, wie vor dem Sonar, sind aufgrund der gleichen Konzernstruktur im Hintergrund des Flow Festivals zu befürchten, bleiben aber in meiner Beobachtung größtenteils aus.

Zwei weitere Acts mit Heimspiel sind die DJs CEB und Lara Silva, die mit hypnotisch-schnellem Techno vor dem hell erleuchteten Vollmond ein fast schon magisches Set präsentieren. Hier tut auch das Stage-Design des Front Yards sein Übriges: Zwischen Containern und vor dem Gebäudekoloss des ehemaligen Stromkraftwerks Suvilahti gelingt es den Macher:innen, eine einzigartige Kulisse zu erschaffen. Von diesem Setting profitiert auch der kolumbianische DJ Funk Tribu, der an die beiden anschließt. Der Übergang gelingt nahtlos, sein retro-futuristisches Trance-Set tut der Stimmung keinen Abbruch.
Letzter Act des zweiten – bisher sehr finnlandlastigen – Tages sind die britischen Dance-Ikonen Underworld, die eine perfekt auf das Set abgestimmte Lichtshow darbieten. Die hohe Energie, die ihr Set musikalisch transportiert, nehmen Lasershow-artige Scheinwerfer auf der Bühne und an der Decke auf. Auch die Bespielung der Screens unterstützt. Das entschädigt auch für einen Platz relativ weit hinten in der länglich gezogenen Silver Arena, die als eine der Hauptbühnen immer schnell gefüllt ist. Schon am Vortag beeindrucken Bicep mit einer ähnlichen AV-Show zu ihrem Projekt Chroma auf der gleichen Stage.

Der letzte Festivaltag ist fest in den Händen der Fans von Charli xcx und Fontaines D.C., zumindest wenn man nach den Fanshirts auf dem Festivalgelände geht. Das damit einhergehende jüngere Publikum findet sich vor den Auftritten ihrer Idole aber auch auf den anderen Stages des Festivals ein. Profitieren kann unter anderem Katvyl, eine finnische DJ, die mit ihrer hochenergetischen, manchmal dekonstruierten Clubmusik die jüngere Zielgruppe einfängt. Vielleicht liegt es aber auch an den Charli xcx-Remixen, die Katvyl spielt.
Tapetenwechsel: Das Flow zeichnet sich durch eine genremäßige Vielfalt aus. Rund die Hälfte des Line-ups entspringt der relativ breit definierten elektronischen Musik, der Rest stammt aus Hip-Hop, Rap, Pop, R’n’B oder, wie im Falle von Hermeto Pascoal und seiner Grupo, dem Jazz. Die 89-jährige Ikone aus Brasilien bringt eine ganz andere Stimmung auf die sehr besondere Balloon-360°-Stage, die sich unter anderem durch ihre runde Form und zahlreiche Sitzplätze auszeichnet. Hier wird das Publikum mit mehrmaligen „Olé”-Rufen Teil der Musik, hier kann man an der Entstehung von Jazz in einer improvisierenden Band teilhaben. Die Show ist schön anzuschauen, auch weil die Band sich in- und auswendig kennt und nur mithilfe von Blicken untereinander kommuniziert. Eine willkommene Abwechslung in dem Wust an häufig perfekt durchchoreographierten Live-Shows, die auch auf dem Flow Festival zu finden sind.

Zurück auf dem Front Yard gehe ich mit großen Erwartungen in das Set des Mailänder DJs okgiorgio, der als nichts Geringeres als der „interessanteste Künstler der italienischen Musikszene” angekündigt wird. Mit seinem glitchigen, Sample-basierten Set trifft er aber nur bedingt die Stimmung des Publikums und enttäuscht vor dem Hintergrund der hohen Erwartungen. Die wertschätzende Fankultur der jüngeren Generation ist auch hier zu beobachten: Vor der DJ-Booth stehen zwei Fans, die über das gesamte Set Schilder mit Bezug auf die Nomenklatur von okgiorgios Songs hochhalten, die allesamt mit der Doppeldeutigkeit des Wortes „ok” spielen, auf einem steht zum Beispiel „okfinlandia”.
Mit Khruangbin kommt die Silver Arena noch einmal auf das Radar des Festivals. Von manchen als Fahrstuhlmusik diffamiert, zeigt sich hier, was passiert, wenn eine gut aufeinander abgestimmte Band ein Set aus vibiger Gitarrenmusik spielt, die auf lockere Art Bezüge aus dem Iran, den USA und Thailand kombiniert. Ein Moment zum Runterkommen, bevor es zum unangefochtenen Highlight des Tages kommt.

Der Tag gipfelt in der anderthalbstündigen Show der britischen Sängerin Charli xcx. Mittelpunkt ist ihr Album brat aus dem letzten Jahr, das eine umfangreiche Bühnenshow erhält, die alleine auf Charli zugeschnitten ist. Diese überzeugt durch einen modularen Aufbau, in dem einzelne Säulen wahlweise als Begrenzungen oder Scheinwerfer fungieren. Gepaart mit minutiös geplanten Einlagen, inklusive der Performance von track 10 im Regen, kann die Sängerin dem Label Festival-Höhepunkt zweifelsohne standhalten.
Nach diesem intensiven letzten Auftritt leert sich das Gelände schnell und zeigt, was es eigentlich ist: eine riesige Industrie-Brachfläche, die in den letzten drei Tagen von Musikfans jeglicher Couleur neues Leben eingehaucht bekommen hat. Nach dem ganzen Lärm und Stress der letzten Tage legt sich das Festival nun wieder schlafen – und freut sich auf die nächste Ausgabe im August 2026.
