Die Macher:innen des Good2U zum Spendenaufruf: „Ein Zuhause entsteht nicht durch perfekte Konzepte, sondern durch gelebte Praxis”

Der Trend in der elektronischen Tanzmusik ist ein eindeutiger: Kollektive und Communitys prosperieren, die Hegemonie über Jahre etablierter kommerzieller Strukturen wird nach und nach aufgebrochen. Auch das Good2U ist seit einigen Monaten als gemeinnützige UG organisiert und setzt noch stärker als zuvor auf seine leidenschaftliche Besucher:innenschaft: Anfang des Jahres rief man zu Spenden auf, um seine Pläne von einem autarken Festivalerlebnis mit Liebhabergeist verwirklichen zu können. Wir haben mit den Macher:innen des Good2U über den Transformationsprozess, Ideale und das Veranstalten im angespannten gesellschaftlichen Klima gesprochen.

GROOVE: Zuallererst: Ihr seid im letzten Jahr eine gemeinnützige UG beziehungsweise ein Non-Profit geworden. Was hat euch zu dieser Entscheidung bewogen?

Good2U: Eigentlich war Good2U von Anfang an kein Projekt, das auf Gewinn ausgerichtet war. Es ging uns immer darum, Räume für Musik, Austausch und Gemeinschaft zu schaffen, nicht darum, das kommerziell zu verwerten. Über die Jahre wurde immer deutlicher, dass unsere Arbeitsweise und unsere Werte nicht wirklich zu einer klassischen kommerziellen Struktur passen.

Die Entscheidung für die Gemeinnützigkeit war deshalb weniger ein Richtungswechsel als eine Konsequenz. Viele Menschen arbeiten seit Jahren ehrenamtlich am Festival mit, übernehmen Verantwortung und tragen das Projekt. Uns war wichtig, dafür eine Struktur zu schaffen, die dieses Engagement offiziell anerkennt und langfristig absichert. Überschüsse können bei einer gemeinnützigen Rechtsform nicht privat entnommen werden, sondern fließen zurück in Kunst, Kultur und die Weiterentwicklung des Festivals. Zudem eröffnet sie den Zugang zu Förderungen, die notwendig sind, um ein unabhängiges Projekt dieser Größenordnung nachhaltig weiterzuführen.

Der Floor Heatworks (Foto: Yannik Berger)
Der Floor Heatworks (Foto: Yannik Berger)

Vor einigen Wochen habt ihr eure Community um Spenden gebeten. Wie läuft die Kampagne bislang?

Die Resonanz auf den Spendenaufruf war für uns sehr ermutigend! Gleichzeitig löst das nicht alle finanziellen Herausforderungen auf einmal. Was für uns besonders wichtig ist: Viele Menschen aus der Community haben durch den Aufruf überhaupt erst verstanden, dass Good2U jetzt gemeinnützig arbeitet und was das konkret bedeutet. Dadurch sind Gespräche entstanden, die es vorher so nicht gab. Neben sehr viel persönlichem Feedback haben uns auch zahlreiche Angebote erreicht, das Projekt zu unterstützen – durch ehrenamtliches Engagement, Sachleistungen und längerfristige Hilfe über einzelne Spenden hinaus. Das zeigt uns, dass Good2U für viele nicht nur ein Festival ist, sondern ein gemeinschaftliches Projekt.

Wenn man es in Zahlen fasst: Über Spenden konnten wir bislang rund 15.000 Euro sammeln. Gleichzeitig stehen wir aus den letzten Jahren noch vor finanziellen Verpflichtungen von etwa 70.000 Euro. Die Spenden sind also kein Schlussstrich, aber ein wichtiger Anfang und vor allem ein starkes Signal aus der Community.

„Wir erleben gerade, dass viele Menschen nach Orientierung suchen. Vieles ist in den letzten Jahren größer, schneller und verwertbarer geworden.”

Könnt ihr konkrete Beträge nennen, die ihr benötigt, um eure Vision eines unabhängigen Festivals umzusetzen?

Eine einzelne Zahl würde unserer Arbeitsweise nicht gerecht werden. Wir arbeiten nicht nach einer klassischen Gewinnlogik. Entscheidend ist weniger eine Summe, sondern ob die grundlegenden Rahmenbedingungen und die inhaltliche Arbeit gemeinsam abgesichert sind. Konkret brauchen wir vor allem Planungssicherheit für die Grundkosten. Alles darüber hinaus hängt davon ab, wie viel zusätzliche Unterstützung aus der Community dazukommt.

Die Location des Good2U (Foto: Chiara Kem und Lagomonte)

Könnt ihr eine grobe Übersicht darüber geben, wie viele Personen in welchen Anstellungsverhältnissen momentan am Festival mitarbeiten und während des Festivals im Einsatz sind?

Aktuell hat Good2U keine fest angestellten Mitarbeiter:innen. Das gesamte Organisations- und Planungsteam arbeitet ehrenamtlich am Projekt und besteht inzwischen aus rund 20 Personen, die sich über das Jahr hinweg in sehr unterschiedlichem Umfang einbringen.

Auch die Festivalproduktion selbst wird zum überwiegenden Teil von Ehrenamtlichen getragen – teils auch in leitenden Funktionen bis hin zur Produktionsleitung. Das ist nur möglich, weil viele dem Projekt seit Jahren verbunden und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig gibt es klare Grenzen. In sicherheitsrelevanten Bereichen arbeiten wir mit externen Fachkräften auf Rechnung zusammen, weil wir hier keine Kompromisse eingehen können und dürfen.

Uns ist bewusst, dass dieses Modell anspruchsvoll ist und nicht beliebig skalierbar. Mittelfristig wollen wir durch die Gemeinnützigkeit Strukturen schaffen, in denen Engagement fairer verteilt und perspektivisch auch besser abgesichert werden kann.

Auch nicht beliebig skalierbar: Die Atmosphäre auf dem Open-Air-Floor Loading Bay, hier bespielt von Bennet (Foto: Janine Kuehn)

Den Spendenaufruf begleitet eine Erklärung mit der Überschrift Warum braucht Techno wieder Gemeinnützigkeit? Unser Beitrag mit dem Good2U Festival. Nicht nur beim Good2U geht der Trend zur Gemeinnützigkeit und nicht-profitorientierten Strukturen. Welche Gründe macht ihr dafür aus?

Wir erleben gerade, dass viele Menschen nach Orientierung suchen. Vieles ist in den letzten Jahren größer, schneller und verwertbarer geworden. Sichtbarkeit, Reichweite und Markenlogiken stehen oft stärker im Fokus als die Musik selbst und das Miteinander, von dem diese Kultur eigentlich lebt. Gleichzeitig wird sie strukturell kaum getragen. Nicht profitorientierte Projekte können aus eigener Kraft kaum überleben, obwohl sie aktuell wichtiger denn je sind. Die Gemeinnützigkeit eröffnet hier überhaupt erst die Möglichkeit, kulturelle Arbeit langfristig abzusichern und Verantwortung auf mehr Schultern zu verteilen. Menschen suchen wieder Orte, an denen Musik Ausgangspunkt für echte Begegnungen und Gemeinschaft ist.

„Good2U soll ein Ort sein, an dem man nicht nur zu Gast ist, sondern Teil einer Community.”

Ihr sagt, dass Techno „wieder ein Zuhause für alle sein soll”. Wie erfüllt das Good2U diesen Anspruch?

Wenn wir sagen, dass Techno ein Zuhause für alle sein soll, meinen wir damit vor allem eines: Räume, in denen Menschen sich sicher fühlen können – unabhängig davon, woher sie kommen, wie sie aussehen oder wie viel Geld sie haben. Wir versuchen, Hürden so niedrig wie möglich zu halten: mit solidarischen Ticketmodellen, Volunteering als echter Form der Teilhabe und einer Community-Struktur, in der Engagement nicht unsichtbar bleibt. Gleichzeitig investieren wir viel Arbeit in Awareness, klare Haltung und gegenseitigen Respekt, weil Gemeinschaft nur funktioniert, wenn Grenzen ernst genommen werden.

Musikalisch verstehen wir Techno als verbindende Kraft. Als etwas, das Menschen zusammenbringt, auch wenn sie im Alltag wenig Berührungspunkte haben. Ein Zuhause entsteht nicht durch perfekte Konzepte, sondern durch gelebte Praxis. Good2U soll ein Ort sein, an dem man nicht nur zu Gast ist, sondern Teil einer Community.

Idealerweise auch Teil einer Community: Gegenseitige Rücksichtnahme (Foto: Daniela Da Cruz)
Idealerweise auch Teil einer Community: Gegenseitige Rücksichtnahme (Foto: Daniela Da Cruz)

Ihr nennt verschiedene Spendenbeträge und ordnet diese ein. 10.000 Euro eröffnen demnach „die Chance, eine Legende wie Jeff Mills nach Görlitz einzuladen”. Wie moderiert ihr den Balance-Akt zwischen derart großen Bookings und eurer Zielsetzung, ein Community-fokussiertes Festival zu veranstalten?

Ein Booking dieser Größenordnung war und ist für uns eher eine Vorstellung davon, was möglich sein könnte, als ein konkreter Plan. Beim Spendenaufruf wollten wir uns diesen Gedanken bewusst erlauben, weil Träume und Visionen Teil dessen sind, was Kultur antreibt. Gleichzeitig ist uns wichtig, sichtbar zu machen, wo diese Musik herkommt. Unsere Community ist sehr musikorientiert und interessiert sich nicht nur für aktuelle Hypes, sondern für die Geschichte, die Einflüsse und die Menschen, die diese Kultur geprägt haben. Eine Figur wie Jeff Mills steht für genau das. Nicht als Statussymbol, sondern als Bezugspunkt.

Für uns schließen sich ein starkes musikalisches Booking und ein Festival mit klarem Community-Fokus nicht aus. Entscheidend ist der Kontext. Große Namen stehen bei Good2U nicht über allem, sondern sind Teil eines kuratierten Gesamtzusammenhangs, der von Gemeinschaft, Haltung und Atmosphäre getragen wird. Am Ende geht es nicht darum, möglichst spektakulär zu sein, sondern darum, Musik erlebbar zu machen und ihre Bedeutung spürbar werden zu lassen. Wenn ein besonderes Booking dazu beitragen kann, ohne den Charakter des Festivals zu verschieben, dann ist das für uns kein Widerspruch.

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