Seit Mitte der Neunziger prägt Chris Liebing die deutsche Techno-Szene als DJ, Produzent und Radiomoderator. Sein musikalischer Ansatz: Drive statt Harmonie, das heißt: Distortion, Overdrive, Kompression – schroffes und direktes Dancefloor-Material.
Neben regelmäßigen Auftritten in den Frankfurter Traditionsclubs U60311 und Omen und der Arbeit mit seinem Label CLR, dessen Katalog bei jenseits der hundert Releases liegt, hat der gebürtige Gießener nebenbei ein ganzes Genre hervorgebracht: Schranz. Dabei ist die Idee hinter Schranz weniger ein eigenständiges Genre als eher eine musikästhetische Orientierungshilfe: Es soll wrummen, schreddern und vor allem: dreckig klingen.
Mit seinem aktuellen Album entfernt sich Chris Liebing aber ein Stück weit von diesem Distortionszentrismus und dem Fokus auf Club-Funktionalität. Evolver ist eher die atmosphärische Dampfwalze für Zuhause mit variablem Groove. Neben Features mit Charlotte de Witte, Speedy J oder Luke Slater findet man darauf rhythmische Varianz, Produktions-Fanatismus, aber auch schranzige Reminiszenzen.
GROOVE-Chefredakteur Alexis Waltz und Autor Jakob Senger haben mit Chris Liebing im Vorfeld der Veröffentlichung des Albums via Videocall gesprochen, für den er sich aus dem Café Abalona in Venice Beach in Los Angeles zugeschaltet hat.
GROOVE: Evolver ist das erste Album, das du komplett in Eigenregie produziert hast. Wie war der Entstehungsprozess?
Chris Liebing: Vieles war so wie immer, gerade bei den Features. Aber im Gegensatz zu sonst hatte ich dieses Mal das letzte Wort. Klar, jeder Track hat seine eigene Identität, aber trotzdem musst du am Ende schauen, dass das Album konsistent klingt. Die zwei letzten Alben auf Mute habe ich noch mit Ralf Hildenbeutel gemacht. Ich war auf seine magischen Fähigkeiten angewiesen. Dieses Mal hatte ich den Anspruch an mich selbst, das Projekt komplett alleine anzugehen, von der Produktion übers Abmischen bis hin zum Mastering.


Warum hast du diesen Schritt gerade jetzt gemacht?
Ich wollte schon immer auf eigenen Beinen stehen. Mein erstes Studio habe ich mir 2004 in Frankfurt zusammengeschraubt.
Davor hattest du mit deinem Studiopartner André Walter zusammengearbeitet.
Dieser Ort war für mich von Anfang an ein Laboratorium, von der initialen Idee bis hin zum gemasterten Track. Und an irgendeinem Punkt in der Produktionskette musst du immer einen Kompromiss eingehen. Das sollte mit dieser Platte anders werden. Hinzu kommt, dass ich ein kompletter Spätstarter bin.
Inwiefern?
Im Bezug auf das gesamte Karriere-Ding. Ich habe erst mit 25 oder 26 regelmäßig im Omen gespielt, und das ist, gerade im Vergleich mit Sven Väth oder Richie Hawtin, schon ziemlich spät. Und das löst ein Gefühl aus, ständig etwas Neues anfangen zu müssen.
Hast du das Gefühl, alles was du machst, wäre etwas Neues?
Nein, das wäre vermessen. Früher war es so, dass du dir beim Zusammenbauen von Kicks, Hi-Hats und Chords denkst: Das wurde schon tausendmal gemacht – jetzt muss ich mir was Neues einfallen lassen. Das ist ein Punkt in der Produktion, der frustrieren kann, an dem ich oft hängengeblieben bin. Auch deswegen bin ich irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass ich das Rad nicht mit jeder Aufnahme neu erfinden muss. Das war der Ansatz beim neuen Album. Ich wollte es so machen, wie ich es schon tausendmal gemacht habe.


Also hat die Platte auch etwas Nostalgisches?
Es ist eher so, dass ich versucht habe, den Techno auf die Platte zu bringen, den ich seit 30 Jahren gut finde. Das war eine Entwicklung seit der Pandemie, dass ich wieder voll auf diesen Mittneunziger- und Beginnende-Zweitausender-Sound abgegangen bin und mich ganz engstirnig in dieses Genre reingekniet habe. Das war der Ausgangspunkt: Total unbefangener Techno, der mir selbst Spaß macht.
Das war also die Initialzündung. Und wie sah der Schaffensprozess aus?
Ich bin da ziemlich fanatisch rangegangen. Diese Obsession mit Sounddesign ist aber auch ein Produkt davon, dass ich meine neuen Tracks jedes Wochenende auf guten Club-Monitoren höre und sie danach im Studio weiterentwickle. Daher kommt auch der Fokus auf Druck und Club-Funktionalität – ich will den Sound für die Leute greifbar machen. Und dafür ziehe ich mir im Studio Unmengen an Tutorials rein und fummle an irgendwelchen Reglern rum. Das Ziel ist immer: Das Rohe vom Techno beizubehalten, ihn aber bestmöglich klingen zu lassen.
Es gibt auf dem Album aber auch Features mit Künstler:innen wie Charlotte de Witte oder Luke Slater. Wie kam es dazu?
Die meisten haben sich einfach so ergeben. Mit Cisco Ferreira alias The Advent, zum Beispiel: Ich habe einen Sound aus seinem Track „The Subjective / Tremmer” gesampelt, ihm die Nummer rübergeschickt und insgeheim gehofft, dass er mir die Original-Samples retourniert. Er schickte sie mir dann zu, ich baute sie ein und sendete ihm die neue Version, an der er noch ein bisschen rumgebastelt hat. Die Spuren sind noch ein paarmal hin- und hergewandert, und plötzlich hatten wir einen fertigen Track. So ist die Collab ziemlich organisch gewachsen.


Gibt es auch eine Geschichte zum Feature mit Charlotte de Witte?
Ich wollte sie unbedingt dabei haben. Sie ist eine absolute Techno-Heldin für mich. Mir kam die Idee: Ich hatte einen Acid-Track parat, den ich ihr mal geschickt hatte. Dazu kam, dass ich parallel in einem YouTube-Rabbithole war, von sogenannten Trip-Reports.
Also Reiseberichte?
Fast. Da schreiben Leute, die gerade von Acid- oder Ayahuasca-Trips runterkommen, auf, was sie erlebt haben, wie sie sich fühlen und was das mit ihnen gemacht hat. Auf YouTube gibt’s verschiedene Kanäle, etwa von Vivec, wo die Berichte vorgelesen werden. Die Leute benutzen das zum Teil zum Einschlafen. Ich hatte die Idee, dass Charlotte so einen Trip-Report über den Track liest. Ich habe ihr das erzählt und eine Transkriptions-Collage von meinen Lieblingsausschnitten rübergeschickt.
Was kam zurück?
Im Grunde ein komplett neuer Track. Die Acid-Line, die ich geschickt hatte, war noch rudimentär zu erkennen – und dazu dann ihre Vocals. Das war wirklich der Hammer. Ich habe die Nummer noch ein bisschen auf den Album-Sound hin angepasst.
Und was verbirgt sich hinter dem Alte Stuben Modular Ensemble, mit dem du „Entangled Circuits” aufgenommen hast?
Das ist eine Gruppe von Leuten, mit denen ich einmal im Jahr zum Skifahren nach Oberlech fahre – meistens im Januar. Da sind unter anderem Daniel Miller, Miss Kittin und Terence Fixmer dabei. Die bringen nicht nur ihre Ski-Ausrüstung, sondern auch ein bisschen Modular-Equipment mit, und dann wird in der alten Skihütten-Stube mit Synthesizern und Drum-Machines ordentlich moduliert und herumexperimentiert. Ein paar der Aufnahmen habe ich mir später im Studio angehört und sie zu einem Track weitergedacht. Der ist auf dem Album gelandet.
Es ist also eine Art musikalisches Tagebuch?
Das kann man so sagen. Die Albumproduktion hat locker zwei Jahre in Anspruch genommen. Es ist gewissermaßen ein Report all der kleinen Geschichten, die in dieser Zeit zusammengekommen sind. Am Anfang hatte ich noch nicht mal eine Idee, wie viele Tracks auf der Platte landen würden. Dass das am Ende so konsistent klingt, ist echt der Wahnsinn.


Dir war aber von Anfang an klar, dass es ein Album werden soll?
Total. Ich wollte ein Oldschool-Album machen, das man von vorne bis hinten durchhören kann. Es macht einfach Spaß, an der Tracklist zu arbeiten und langsam an den Punkt zu kommen, an dem es musikalisch Sinn ergibt.
Das Album-Cover stammt vom Fotografen Anton Corbijn, der mit seiner Arbeit für Depeche Mode bekannt geworden ist.
Das ist auch eine verrückte Geschichte, die ich selbst nicht glauben würde, wenn sie mir jemand erzählen würde.
Wieso nicht?
Na ja, der erste Impuls war: Lass‘ doch einfach Fotos mit dem iPhone machen. Komm‘, wir fragen jemanden auf der Straße. Daraufhin meinte mein Manager Roland Leesker zu mir, ob es nicht geil wäre, wenn Anton Corbijn die Fotos machen würde. Ich bin natürlich ein großer Fan von ihm, als Fotograf und Art Director von Depeche Mode. Mir schien das ziemlich hoch gegriffen.
Aber offenbar ist es doch zustande gekommen.
Innerhalb von zwei Wochen hat Roland Kontakt hergestellt und ein Angebot für einen Shoot vorliegen. Das war der Wahnsinn.


Wo habt ihr die Fotos gemacht?
Wir waren zwei Tage in Antwerpen, und dann waren die im Kasten. Ich wollte die Fotos nicht als Trophäe über das Album stülpen. Eher ging es um den Moment, in dem ich realisierte, durch was für einen Prozess ich in den letzten zwei Jahren gegangen bin. Diese ganzen kleinen Momente, die zu diesem Punkt geführt haben.
Anton Corbijn war auch für Joy Division oder Front 242 tätig. Er hat die Pop- und Cold-Wave-Ästhetik der Achtziger mitgeprägt.
Absolut. Ich bin der allergrößte Gary-Numan-Fan, also diese ganze Industrial-80s-Schiene, das ist genau mein Ding.
Du hast vorhin erwähnt, dass du dich 2004 mit deinem Studio unabhängig gemacht hast. Davor hast du mit André Walter zusammengearbeitet. Achtziger-Industrial scheint ein Sound gewesen zu sein, den ihr beide gemocht habt. Wo habt ihr euch ergänzt, wo vielleicht auch gerieben?
André war eher so der introvertierte Typ, der viel Zeit im Studio verbracht hat und nicht so Bock hatte, neben seinen Stigmata-Live-Acts noch regelmäßige DJ-Gigs zu spielen. Ich war in Clubs, habe aufgelegt und kam mit frischen Ideen und Anreizen. Wir hatten irgendwann ein gutes Verständnis füreinander. Ohne ihn wären zum Beispiel die Alben Evolution und Early Works auf Fine Audio Recordings und CLR überhaupt nicht zustande gekommen.


Auf denen stand ja nur dein Name.
Die Denke war schon, dass da mein Name allein steht, damit ich die besseren Bookings bekomme. Die damaligen Entscheidungen waren ziemlich businessorientiert. Das würde ich heute nicht mehr so machen. Da war eine Menge Ego im Spiel, was ich damals nicht wirklich reflektiert habe. Das Projekt war von mir und André und hätte auch so betitelt sein sollen.
Wo wir dich gerade unterwegs sprechen: Arbeitest nur in deinem Studio oder auch unterwegs?
Für Evolver habe ich überall gearbeitet. Ein Track ist zum Beispiel nach der Brooks Avenue in Venice Beach in Los Angeles benannt. (hält die Handykamera in die Straßenflucht, auf dem Straßenschild steht „Brooks Ave.”) Die Assets für den Track sind dort entstanden, aber für die Essenz und den Feinschliff gehe ich in mein Studio in der Schweiz. So viel hat sich an meiner Arbeitsweise also gar nicht geändert. Die Inspiration hole ich mir außerhalb, und im Studio wird das Lineal gezückt.
Dein Auflegen und deine Produktionen werden überschattet von deinem äußerst produktiven Label CLR. Wie bringt man das alles unter einen Hut – DJing, Produzieren, Kuratieren, Radio?
So was kriegst du alleine gar nicht hin, dabei hatte ich immer riesige Unterstützung. Gleiches gilt für meine Radiosendungen und Podcasts.
Bei Label und Radio kommt wahrscheinlich kaum Geld rum.
Nein, das läuft alles über Mischkalkulationen – ohne das DJing würde nichts davon funktionieren. Aber um den maximalen ökonomischen Outcome ist es mir sowieso nie gegangen. Ich sehe das vielmehr als Plattform für Sachen, die ich gut finde und an denen ich Spaß habe. Da bin ich total von Daniel Miller und Mute geprägt worden – ein gesunder Mix aus cheesigen Sachen und meinem engstirnigen Techno also.
Chris Liebings Album Evolver erscheint am 27.März auf CLR.