Doudou MD – Nachtipod live from NACHTI 25 (Nachti)
So, die Wintersonnenwende ist mittlerweile auch schon vorbei – die Minustemperaturen gehen notorischen Festivalgänger:innen wohl langsam auf die Nerven. In den letzten Sommer zurückversetzt zu werden, ist bei steigender Wintermelancholie der einzige Wunsch. Wie wär’s denn mit, äh, Campingplatz-Ästhetik, viel zu warmem Dosenbier und, genau, richtig schweren House-Tunes bei drückender Hitze?
In diese Zeitkapsel bittet Doudou MD mit der Aufnahme ihres Sets vom Nachti 2025, einem geballten dreistündigen Mix: Warme Basslines, rollende Percussions und ein raffinierter Sweetspot zwischen House und Techno. Manches wirkt vertraut wie Tracks vom Label Kalahari Oyster Cult oder gewisse US-House-Klassiker, ohne dabei zu generisch im Klang zu sein. Einzelne UK-Grooves fügen sich natürlich in den Mix ein. Der perfekte Zufluchtsort, um eine kurzen Ausbruch aus der Winter-Normalität zu wagen. Michael Sarvi

Flœr – NYE Selecta
A guads neichs, ein schönes Neues! Also, äh, Jahr. Hat ja schon ganz gut angefangen. Sofern man sich nicht sektkorkenbeduselt zum Radetzkymarsch abgeklatscht und stattdessen zwei Häuserzeilen weiter ein bisschen Party gemacht hat. Was soll man sagen? Der Wiener Musikverein ist nicht das Wiener Funkhaus, aber das Funkhaus ist ein Musikverein. Der Unterschied: Die Pfeifen bleiben daheim. Und der Dirigent ist DJ. Mit Flœr hat außerdem jemand das allerbeste Neujahrskonzert gegeben, das man sich so gegen spät und gut eingestellt vorstellen muss. Irgendwann war trotzdem alles vorbei. Und das war es also, mit dem schönen neuen Jahr. Christoph Benkeser
Der Mix lässt sich hier anhören.

Reptant – Recorded at Houghton (2025)
Einmal neben Klonkriegern und mit Jango Fett Party machen: Näher als mit Reptant auf dem Houghton wird man dem erst mal nicht kommen. Das Festival ist zwar nicht der Wasserplanet Kamino, dafür aber ein Fixpunkt für all jene, die elektronische Musik nicht nur konsumieren, sondern erleben wollen. Gerade einmal fünf Sets des letzten Jahres wurden offiziell veröffentlicht.
Der Australier sticht mit seiner Live-Performance heraus, die sich wie grüne Laser(schwerter) im nebligen Wald des Festivals in die Synapsen einbrennen. Es wird deutlich, warum man Reptant, bürgerlich Lucas J. Hatzisavas, auch „Lizard” nennt: Wie eine Echse im feuchten Dschungel windet er sich mit Deep Acid, Minimal Techno und Break-Infusionen in den Körper und sorgt für einen veränderten Bewusstseinszustand. Die fluiden Breaks und Acid-Sounds führen einen Dialog: So machen Aliens also Party. Die wahre Transformation zu Jabba The Hutt beginnt in der zweiten Hälfte des Sets. Reptant wandelt seinen Live-Sound in etwas Direkteres, Treibenderes. So flüssig, dass man es nur mit analytischem Gehör erfasst, gleiten die Breaks in einen Four-to-the-Floor-Rhythmus. Ein Track wie „Beat Seeker” von Ulo S., Reptants Tech-House-Alias, ist eines der Stücke, die sich im Universum aus unveröffentlichten IDs erkennen lassen. Reptant liefert ein Live-Set, das die Ästhetik der dunklen Seite der Macht in Perfektion hörbar macht. Paul Sauerbruch

RIZ LA TEEF – ITPS123 (Ilian Tape)
Mixe werden gerne mit schlauen Wörtern beschrieben, und dieser Text soll keine Ausnahme darstellen: RIZ LA TEEF liefert in zwei Stunden einen kaleidoskopischen Überblick über allerlei UK-Genres. Das heißt: Es erklingen Dubstep, UK Funky, Garage und auch der ein oder andere gerade Beat. Jungle und Drum’n’Bass bleiben außen vor, was dem Fluss des Ganzen guttut: Zu wilde Breaks hätten aus der Bahn geworfen und die geschmeidige Mischung aus Halftime, House und Gunfinger-Momenten torpediert.
RIZ LA TEEF, bürgerlich Alex Patrick, ist das, was man gemeinhin Selector nennt. Der DJ und Labelbetreiber aus Südlondon mischt in seinen Vinyl- und Dubplate-Sets mitunter selbst geschnittene Raritäten mit prominenten Ankerpunkten wie Skreams „If You Know” und zeigt Kontinuitätslinien britischer Clubmusik auf. Das liest sich möglicherweise arg didaktisch, dabei macht dieser Mix von Anfang bis Ende Spaß. In der ersten halben Stunde führt er durch perkussive Wirrnis, dazu erklingt klassisches MCing wie in „Juicy Patty”. Dann nimmt Patrick die Abbiegung in Richtung UK Garage und UK Funky, nun gehen klar definierte Basslines und sehnsüchtige Vocals auf Tuchfühlung. „Too Late (M J Cole Remix)” von 1998 sticht mit seiner Sorgenfreiheit besonders heraus und klingt, um mal einen Berlin-Vergleich zu ziehen, nach einer Mother’s-Finest-Afterhour in der alten Griessmuehle. In diesem Four-to-the-Floor-Abschnitt kommt das unaufgeregte, gönnerhafte Mixing am besten zur Geltung. Tracks verschmelzen butterweich ineinander, behalten dabei aber ihre Autonomie, sporadische Fader-Flicks wirken einerseits abgeklärt, andererseits lebhaft. Nach einer Stunde markiert Dizzee Rascals und D Double Es „Give U More” eine Zäsur, hinter den prägnanten Vocals schleicht sich Skreams bereits erwähnter und zu oft vergessener Nullerjahre-Dubstep an. Wahrscheinlich der schönste Übergang – und das heißt einiges – in einem Mix, der die widerborstige Musiklandschaft des Vereinigten Königreichs in einen beeindruckend stimmigen Ablauf bringt und Reibungspunkte verschiedener Genres fruchtbar macht. Maximilian Fritz

Tim Reaper – Kid Lib’s Jungle Rush 1&2 (NTS Radio)
Wenn’s für die Panorama Bar um 6 Uhr morgens nicht mehr reicht, dann doch zumindest für einen NTS-Mix on demand. Der Vorteil: das Leitungswasser aus dem Hahn ist vertrauenswürdig. Die Nachteile: alle anderen. Ohne Partyschnupfen, einen umgeknickten Knöchel und fremden Schweiß im Gesicht macht Jungle eben nur halb so viel Spaß. Immerhin: zwei Monate nachdem Tim Reaper den oberen Berghain-Floor auseinandergeschraubt hat, während ich gerade mein Garderobenticket gesucht habe, kommt diese Langspielmischung der Erfahrung ziemlich nahe. Das ist: verspielt und dennoch schnörkellos. Schwitzig, synkopisch und treibend, wie ein verirrter Ellbogen in der Rippe. Aber auch: atmosphärisch, rekursiv und irgendwie bedächtig. Die versammelten Tracks stammen alle aus der Feder von Kid Lib. Heißt, wenig kuratorischer Aufwand, dafür große musikalische Kongruenz. Die akzentuierten Sci-Fi-Pads klingen retro, gleichzeitig futuristisch, teilweise wie von Tape gemixt, an anderer Stelle auf Hochglanz poliert. Also: das Gefühl von damals nochmal spüren, musikalische Postmoderne, Verpassen schafft Begehren – nach diesem Mixtape. Jakob Senger
