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Mixe des Monats: Dezember 2025

Apartment Acht 10 | Foxloe (Apartment Acht)

Meistens gut: Mix anmachen, durchklicken, alles gleich. Also, gleich schnell und gleich wenig und eigentlich: gleich alles. Das ist dann so ein bisschen wie Fußballschauen. Da kann man sich locker einreden, dass man eigentlich zwei Stunden was anderes hätte machen können – einen Baum fällen, Kinder zeugen, einfach mal vor dem Berghain anstehen zum Spaß. Aber dann hockt man doch immer wieder auf der Tribüne und weiß auch nicht wieso. Foxloe hat jedenfalls im schönen Wiener Kaffeehausplattengeschäft Apartment Acht ein Set gemischt, das heißt: Minimal Techno aufgelegt. Eine Seite läuft durch, und dann die nächste. Immer so weiter. Bis vier, fünf Platten eine Stunde ergeben und es null zu null ausgeht. Aber das muss man ja auch erst mal gehört haben. Christoph Benkeser

Rachel Noon – SEVEN Mix 055 (SEVEN)

Die goldene Stunde, begleitet durch das Tänzeln verschiedener natürlicher Tonfrequenzen. Wie gefesselt verfolgt man die verschiedenen avantgardistischen Geräuschquellen und verliert sich in einem weitverzweigten Rhythmus-Geäst. Doch mit dem fortschreitenden Sonnenuntergang ändert sich auch die Klangfarbe: Aus einem warmen Orange-Rot-Ton wird ein dunkles Indigo. Im Verbund mit dem dunklen Regenwald-Grün der Bäume mystisch! Fast wie aus einem Studio-Ghibli-Film.

Wo zuvor verstreute Rhythmuselemente keine klare Richtung vorgaben, offenbart sich jetzt ein Weg. Prägnante Percussions erklingen als Marschmusik. Progressive Soundpads halten den verwunschenen Charakter des Sets aufrecht. Auch die Trackauswahl ist sorgfältig – die verschiedenen Songs repräsentieren unterschiedliche Etappen einer Reise. Es stimmt wohl, was über Rachel Noon erzählt wird: Bodenständigkeit als DJ gegenüber der Zuhörerschaft. Man merkt, da ist richtig Rave-Spirit drin! Michael Sarvi

Mala – RA.1016 2000-2025: The Listening Session (Resident Advisor)

Mein Mix für diesen Monat sollte ursprünglich subtiler und pointierter sein: ein Drone-Ambient-Mix, der als alternatives Klangschalenritual in einem mit Teppichen ausgelegten Listening-Space aka LSD-Microdosing-Retailer in Kreuzkölln aufgenommen wurde. Ich grüße meine Freunde aus der 7B. Alternativ ginge auch ein Dub-Techno-Fusion-Mix, der nach 15 Minuten schon die Abfahrt bei 150 BPM nimmt und mich wundern lässt, warum ich beim Spülen einen Herzkasper bekomme. Dann vielleicht doch die zweieinhalbstündige Session mit südkoreanischem Shoegaze aus den frühen Neunzigern. Oder ein Mix, dessen erste zwei Minuten aus einer von Autohupen orchestrierten Version der amerikanischen Nationalhymne bestehen. Sorry, Lee Gamble.

Schöne Pläne, die ich jetzt beherzt in die Tonne treten kann, nachdem Mala seinen 25-Jahre-Heritage-Mix veröffentlicht hat. Das ist, wie wenn ich an Weihnachten überlege, ob ich mich jetzt der sechsteiligen Jodorovsky-Retrospektive aussetze, nach 20 Minuten aber die Geduld verliere und mir am Ende doch wieder die Herr der Ringe-Trilogie B2B reinziehe. Jedenfalls: Kode9, Burial, Skream, Pinch, Appleblim, Quest, Mala x Coki, Gantz, Commodo – alle Gefährten an einem Ort versammelt. Dubwize-Pressure trifft Stone-Cold-Dancefloor-Heaters, ein paar neuere Tunes und das obligatorische „Anti War Dub” am Ende. Eine schöne, bedächtige Reise zurück in eine Zeit, in der ich mir noch Platten leisten konnte und mein Clubmusik-Kosmos eigentlich nur aus Dubstep und Drum’n’Bass bestand. Deswegen pack‘ ich mich jetzt auf meinen 2×2-Meter-IKEA-Perser, zieh mir einen Kamillentee mit zwei (!) Beuteln rein und lasse das Jahr ausfaden. Jakob Senger

RA.1017 Unai Trotti

Unai Trotti liefert einen Mix, der gleichzeitig euphorisiert und schmerzt – Euphorie über die rohe Energie dieses vollständig auf Vinyl gespielten Sets, Schmerz darüber, nicht live dabei gewesen zu sein. Denn was hier passiert, lässt sich nur bedingt über Kopfhörer erfahren. Peaktime-Momente, die eigentlich nach einem schwitzenden Clubfloor verlangen. Trotti bewegt sich souverän zwischen Leftfield-Sounds, Tech-House, Techno und Acid, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen. Vielmehr wirkt der Mix wie ein organischer Spannungsbogen, der konstant vorantreibt, ohne unnötige Haken zu schlagen oder belehrend zu wirken.

Anlässlich des 15. Jubiläums des Labels Cartulis Music tritt Trotti eine Reise an, die Druck und Groove miteinander verschränkt. Die Trackauswahl bleibt fokussiert, das Mixing präzise und körperlich, immer getragen von einem tiefen Verständnis für Dramaturgie und Timing. Statt reiner Funktionalität steht hier das Gefühl im Vordergrund: ein Set, das Erinnerungen an lange Nächte wachruft und gleichzeitig zeigt, wie zeitlos und lebendig Vinyl-Kultur sein kann. Paul Sauerbruch

STAUB #135 (STAUB)

Die STAUB steht seit über zehn Jahren zuvorderst für stabilen Techno – und löst das Anonymitätsgebot des Genres ohne zwanghaftes Coolness-Gehabe ein. Wer spielt, ist unklar, viel Geheimniskrämerei gibt’s trotzdem nicht. Wer Lust hat, kommt, wer nicht, nicht.

Und wer auf der letzten STAUB zur ersteren Fraktion gehörte, darf sich glücklich schätzen: Dieser Mitschnitt voller ungezähmtem Techno fängt den Geist einer guten Nacht im Club ein. Logisch, ist ja auch vor Ort passiert. Los geht’s mit Dub-Chords, die dem Set noch so etwas wie eine melodische Struktur geben. Nach knapp 25 Minuten poltert eine aggressiv gemixte Kick in den Vordergrund, und die Abtastphase endet abrupt. Nun regiert acht Minuten das Chaos. Acid, Abnutzung, Geschrabbel. Und just, als sich das Set selbst aufzufressen droht, beweist der:die enigmatische DJ das so vielgepriesene Gefühl für den richtigen Track zur richtigen Zeit und hält mit einer geradlinigen Dub-Techno-Peitsche Kurs. Diese Wellenbewegungen kennzeichnen das Set: Immer wieder schlägt das Atzigkeitsbarometer bis in den roten Bereich aus, gen Ende platzt es dank muskulöser Digitalbässe und strapaziöser Synths beinahe. Man wäre gern dabei gewesen. Maximilian Fritz

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