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Jay Haze: Erinnerung in fünf Tracks

Im August verstarb der US-amerikanische Produzent, DJ und Labelbetreiber Jay Haze. Während der Nullerjahre zog er von Pennsylvania nach Berlin und wurde mit der Gründung seiner Labels Contexterrior und diverser Sublabels wie Tuning Spork oder Future Dub zu einem der Vorreiter der Post-Minimal-Bewegung. Zudem gründete er das inzwischen eingestellte Textone – ein nichtkommerzielles, digitales Onlinemagazin für elektronische Musik.

Jay Haze war ein Ausnahmemusiker, dessen Produktivität und Kreativität seinesgleichen sucht. Er agierte unter diversen Aliassen, zum Beispiel Dub Cord oder The Architect, in Gruppenkonstellationen als Fuckpony, Sub Version oder Bearback. Veröffentlichungen finden sich auf größeren Plattformen wie BPitch, Cocoon oder Get Physical, er arbeitete auch mit Stars DJ Hell oder Ricardo Villalobos zusammen. Sein letztes Album veröffentlichte er 2014 mit ESB.

Heute ist nicht mehr so leicht nachzuvollziehen, wie ein derart diverses musikalisches Erbe entstehen konnte, das zwischen Post-Minimal, Dub und Pop changiert. Die nachgeborene GROOVE-Autorin Lea Jessen hat Discogs-Seiten und Youtube-Rips durchwühlt, um euch in fünf Tracks einen Einblick in Jay Hazes Schaffen zu geben.

VA – Tuning Spork 01 (Tuning Spork) (2000)

Various – Tuning Spork 01 (Foto: DaveUnderground / YouTube)

Schiere Endlos-Loops werden auf der ersten Tuning-Spork-Platte mit Tech-House-Fäden von Someone Else, bürgerlich Sean O’Neal, zu clubtauglichen und unfallsicheren Tech-House-Fallhöhen verstrickt. Auch Jay Haze macht seinem Alias The Architect auf der Platte alle Ehre: Mit minimalistisch-dubbigen Chords und einem technoiden Charakter baut er gemeinsam mit Producer Bjoern Hartmann alias B. ein House-orientiertes Konstrukt, das den Grundstein für das Label legt. 2003 zieht das Büro des bis dato in den USA verorteten Labels seinem Mitbegründer Haze hinterher und feiert sein Bestehen unter anderem in der Berliner Bar 25.

Tuning Spork wurde 1999 von Jay Haze, Sean O’Neal und Bjoern Hartmann in Philadelphia gegründet und markierte den Beginn der Ära des post-minimalistischen House. Geboren als Partyserie, haben die beiden Tuning Spork zu einem Label mit avantgardistisch-funkigem Charakter entwickelt.

Jay Haze – Untitled (Contexterrior) (2002)

Jay Haze – Contexterrior 01

Jay Haze versteht das minimalistisch Abstrakte und macht es sich auf vier Tracks seiner ersten Contexterrior-Vinyl zu eigen. Diese ist zweifelsohne ein wichtiges Fragment seines künstlerischen Daseins. Den roten melodisch-melancholischen Faden des finalen Tracks „Squirt” bringt gelegentlich eine glitchy Prise zum Vibrieren, durchschneidet ihn aber nie. Ein bisschen verträumt, ein bisschen aufbruchsicher.

Contexterrior ist die Mutter der Haze’schen Labels, zu denen auch die Sublabels Future Dub, ineedsuperfreak.fr, Junion, Textone und Tuning Spork gehören.

Jay Haze – Love For A Strange World (Kitty-Yo) (2005)

Jay Haze – Love For A Strange World

Mutig. Unkonventionell. Deep. Das Solo-Debütalbum Love For A Strange World von Jay Haze lässt sich nicht in einem Viervierteltakt-Rahmen abstecken. In Vocal-lastigen Sound-Experimenten vereint der Künstler teils düsteren Downtempo und Minimal und bewegt sich dabei über die Grenzen der Tanzmusik hinaus. Pop-, Hip-Hop- und Dubstep-Elemente bestimmen das Eigenleben der 18 Tracks. Den Hip-Hop-Touch bietet beispielsweise „Make My Dream” mit Featuregast D:Exter.

Love For A Strange World ist auf Kitty-Yo erschienen. Entscheidend für das Album sind laut Haze „die eigene Herkunft und die fordernden Reisen”. Haze stammt aus einem Dorf im Nordosten von Pennsylvania, in dem „ständig schlimme Sachen passieren”. Mit 16 Jahren ging er von zu Hause weg und war zeitweise wohnungslos. Die Tracks stehen für die Gefühlswelt dieser Zeit. „Es ist nicht notwendigerweise negativ, aber sehr emotional”, so der Produzent. „Es handelt davon, endlos viel Scheiße zu durchleben und im Leben trotzdem so viel Liebe zu finden, um irgendwas mit Engagement machen zu können.”

Fuckpony – Children Of Love (Get Physical) (2006)

Fuckpony – Children of Love

Fast möchte man sich in Children of Love zwischen den Sequenzen einer Berliner Nullerjahre-Doku verlieren. Ein szenischer Einstieg in Bildern, die aus illegalen Afterpartys, den baumelnden Beinen am Holzmarktufer und der in die bunten Club-Fenster einfallenden Sonne gegossen wurden. Dazu Low-Waist-Jeans und Seitenponys unter irrwitzigen Hüten, die zu nicht enden wollenden Vocals in die Mittagshitze tanzen. Dieses Album schreit nach vergangenen Sommern und bleibt dabei klassisch und experimentierfreudig zugleich.

Fuckpony war ein Duo, bestehend aus Jay Haze und Samim, das sich 2005 gründete. Der minimale Sound von Fuckpony ist das Erbe legendärer House und Minimal-Musik und bricht zugleich zu etwas Neuem auf. 2007 stieg Samim ohne mediale Ankündigung aus – vielleicht weil er mit „Heater” einen Welthit produzierte. Haze machte daraufhin solo weiter.

Jay Haze – Fabric 47 (2009)

Jay Haze – Fabric 47 (Foto: fabric / Instagram)

Wir werden mit jazzy Sounds und warmer Atmosphäre empfangen, spazieren an housigen Flächen entlang und bekommen dabei einen Discotech-Energieschub von Fuckpony und D:exter. Eine Pause ermöglichen afro-perkussive Elemente neben Proto-Rap. Alles wird schneller, wir nähern uns dem Endspurt, blicken in „Ancient Blessing” noch einmal melancholisch zurück, schließlich der Abschied: ein geschlossener Zirkel. Ein erstaunlich gelungenes Experiment: Jazz, Hip-Hop und der abgewogene Einwurf von Klavierfolgen.

Jay Haze hatte circa sechs Jahre eine Residency in der Londoner fabric inne, bevor diese mit seinem Rückzug aus dem europäischen Nachtleben um 2010 zu Ende ging. Er mixte die 47. Ausgabe der Compilation-Reihe des Clubs, dieser bekundete nach Jay Hazes Tod, froh zu sein, einen Teil seines Genies auf dem Mix dokumentiert zu haben. Auch Freunde und Bekannte von Jay Haze betitelten seine Musik als „unsterblich” und „einzigartig”.

Unser Interview über sein Leben und die Anfänge seiner Musiklaufbahn findet ihr hier – ab Seite 24.

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