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Lorrain de Silva über Best Nights VC: „Technologie muss Leute im echten Leben zusammenbringen”

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Mit „Best Nights VC” hat Jägermeister den ersten Venture-Capital-Fonds gegründet, der sich mit seinem Kapital auf Start-ups im Nachtleben konzentriert. Der Kräuterlikörhersteller ist bekannt für sein innovatives Marketing, das statt auf Werbung auf szenenahe Projekte setzt, wie etwa die Trinkgeldkampagne während Corona. Kopf von „Best Nights VC” ist Lorrain de Silva, der selbst seit über 20 Jahren im Nachtleben aktiv ist, der euch die Arbeit des Fonds vorstellt. 

Lorrain de Silva arbeitete als Runner und Barkraft in Frankfurter Clubs, organisierte die legendären Freitag-den-13.-Partys im Tanzhaus West, verantwortete auf Agenturseite Markenauftritte auf Festivals, arbeitete bei MTV Networks in Berlin und war selbst einige Jahre Gründer eines eigenen Start-ups, bevor er bei einer Bank im Investment & Innovation Management tätig war. 

Entsprechend erfüllt es ihn nun, dass seine bisherigen Karrieren im Nachtleben, im Start-up-Umfeld, als Berater und Banker nun in einem Job zusammenkommen. Denn mit seiner jetzigen Rolle habe er sich und seinem gesamten Team echten Traumjob aufgebaut, erklärt er im „Best Nights VC”-Office in Berlin-Mitte. 

Geld ist für sich genommen erstmal grau. Wie bringt ihr mit „Best Nights VC” Farbe ins Nachtleben? 

Lorrain de Silva: Unser Ziel ist die Zusammenführung von Partnern an der Schnittstelle zwischen Kultur und Technologie in einer frühen Phase der Unternehmensgründung. Wir sprechen beide Sprachen, wir sind in beiden Welten ziemlich authentisch zu Hause, sowohl in Bezug auf unseren Hintergrund als auch in Bezug auf unsere Thesen. Wir bringen Kulturaktivist:innen und Finanzkapitalist:innen zusammen, um gewinnbringende Allianzen zu schmieden, die viele Menschen anziehen. 

Inwiefern ist es attraktiv, Musiker:innen im Investorenpool zu haben? 

Auf den Investorenlisten unserer Start-ups stößt man immer wieder auf Namen von Künstler:innen, so ist zum Beispiel Carl Cox ein früher Unterstützer unserer Festival-App, Mr Eazi aus Nigeria ist Co-Investor bei unserer Musik-Marketing-App und bei unserer Künstlerplattform sind es verschiedene independent artists

Weniger Dopamin und dafür mehr Serotonin. Das ist die Mission von Best Nights VC. (Foto: Presse)
Weniger Dopamin und dafür mehr Serotonin. Das ist die Mission von Best Nights VC. (Foto: Presse)

Was bringen sie ein? 

Es ist ein großartiger Beweis für die Notwendigkeit und Qualität der Unternehmen, wenn Künstler:innen mit einem expliziten Verständnis ihrer Branche in Start-ups investieren, bei denen sie einen direkten Mehrwert für ihre Branche sehen. Gleichzeitig eröffnen diese namhaften Investoren wertvolle Netzwerke. Damit „Best Nights VC” als Matchmaker für beide Seiten vorteilhaft sein kann, wollen wir natürlich wissen, welche Künstler:innen sich für welche Themen interessieren.

Wie wählt ihr die Start-ups aus, in die ihr investiert? 

Wir identifizieren spannende Unternehmen, investieren frühzeitig und begleiten langfristig mit dem Ziel, dass das Unternehmen später profitabel wird. Damit zahlt sich unser Investment dann aus. Dabei analysieren wir weit mehr Unternehmen, als wir tatsächlich investieren. Letztes Jahr haben wir 600 Firmen analysiert, aber nur drei finanziert. In der Außenwahrnehmung müssten wir also ein böser, elitärer VC sein, der nur ablehnt, aber nicht investiert. Tatsächlich ist es aber so, dass wir mit Blick auf unser Portfolio und mit Blick auf die Start-ups nachvollziehbar sind. Wir sind sehr selektiv und darauf bedacht, unsere Authentizität und Reputation zu bewahren. Für uns muss es in erster Linie immer einen Impact für die Szene, für die Industrie und für die Künstler:innen geben. 

Welche Rolle spielt Jägermeister? 

Da es hier nicht um Marketing zur Positionierung von Jägermeister geht, sondern um die gezielte Stärkung der nächtlichen Infrastruktur, treten wir mit einer eigenständigen Marke, aber einer gemeinsamen Vision auf. Unser Ziel ist die Stärkung des Umfelds, in dem Jägermeister getrunken werden kann, aber nicht getrunken werden muss. Dabei wird Jägermeister über das Produkt hinaus eine Relevanz verliehen, die einem Gütesiegel im Kontext des Nachtlebens gleichkommt. Ermöglicht wird dies durch das inhaltliche und nachhaltige Engagement von „Best Nights VC”, das sich in dieser wichtigen Phase eines jungen, innovativen Unternehmens nicht als Sponsor, sondern als substanzieller Investor engagiert.

Wie ist „Best Nights VC” entstanden? 

Während der Pandemie wurden wir Zeuge, wie es ist, wenn ein Industriezweig von einem Tag auf den anderen zum Erliegen kommt. Viele Menschen – vom Barkeeper über die Lieferanten bis zu den Künstler:innen – hatten plötzlich kein Einkommen mehr. Das Erste, was wir gemacht haben, war die Trinkgeld-Kampagne von Jägermeister. Dann haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir die Infrastruktur unterstützen können. Wie das gesamte Geschäftsfeld nachhaltig und langfristig erfolgreich sein kann. Dabei sind unsere Werte Quality, Quantity, Diversity und Sustainability entscheidend, die wir bei den Start-ups abfragen. Wir wollen wissen, welche Produkte eine kulturelle Relevanz haben und tatsächlich Menschen zusammenbringen und „Best Nights” ermöglichen. Dann investieren wir.

„Weniger Dopamin, dafür mehr Serotonin. Das ist unsere Mission.”

Dabei investiert ihr in Technologie, nicht etwa in Veranstaltungen.

Das ist richtig. Denn Technologie ist aus Investorensicht leichter skalierbar. Wir bemessen die kulturelle Relevanz einer Technologie daran, ob sie tatsächlich in der Lage ist, Interaktionen im realen Leben zu erzeugen, indem sie Menschen online anspricht und sie offline miteinander in Kontakt bringt. Wir messen auch, wie viele Interaktionen im realen Leben, also „Best Nights”, durch unsere Investitionen erzeugt werden. Im Jahr 2022 waren es insgesamt 17,9 Millionen junge Menschen, die durch unsere 14 Start-ups zusammengebracht wurden, und im Jahr 2023 hatten wir 20,9 Millionen „Best Nights”. Unser Ziel ist es, unser Portfolio auf 30 Start-ups und deren Impact auf 50 Millionen „Best Nights” pro Jahr auszubauen.

Wie steht ihr zum Thema Venture Capital

Risikokapital ermöglicht es Unternehmern, ihre innovativen Geschäftsideen zu verwirklichen, wenn beispielsweise Banken nicht bereit sind, sie zu finanzieren. Das letzte Jahrzehnt hat viele VC-finanzierte Plattformen für soziale Medien, Dating-Apps und andere technologische Innovationen hervorgebracht. Gleichzeitig ist es aber auch zu einem massiven Anstieg von Hate Speech gekommen – und zu einem Verlust von Safe Spaces. Obwohl immer mehr Menschen nun tausende Follower auf ihren Profilen haben, haben sie immer seltener jemanden zum Reden. Es ist paradox, wie wir heute durch die sozialen Medien so gut vernetzt sind wie nie zuvor. Studien zeigen dennoch, dass 60 Prozent der jungen Menschen unter dem Gefühl der Einsamkeit leiden. Einsam zu sein, ist so ziemlich das Traurigste, was man sich vorstellen kann. Aus diesem Grund ist es uns ein wichtiges Anliegen, die Menschen weg von den Bildschirmen und hin zu realen Begegnungen zu bringen. Weniger Dopamin, dafür mehr Serotonin. Das ist unsere Mission.

BNVC Managing Director Lorrain de Silva (Foto: Presse)
BNVC Managing Director Lorrain de Silva (Foto: Presse)

Wie ist „Best Nights VC” aufgestellt und wie funktioniert ihr? 

Ein Venture-Capital-Fonds ist vergleichbar mit einem Topf, in dem Geld von einem oder mehreren Geldgebern gesammelt wird, um es dann gezielt in junge Geschäftsmodelle zu investieren. In unserem Topf befindet sich ausschließlich Geld von Jägermeister, sodass wir ideal und im Einklang mit der Unternehmensphilosophie in die Zukunft der Nightlife-Industrie investieren können. Wenn wir aktiv werden, investieren wir als Co-Investor gemeinsam mit anderen Investoren in ein Start-up. Wenn in dieser Investorengruppe ein Künstler ist, ist das ein gutes Signal für ein Start-up, das im Nachtleben aktiv ist. Auch wenn unser Budget im Venture-Capital-Kontext vergleichsweise klein ist, haben unsere Investments dennoch eine signifikante Bedeutung für die Branche, weil wir die Nachtleben-Kompetenz verkörpern, während andere Tech- oder Scalability-Kompetenz einbringen.

Wie arbeitet ihr mit Jägermeister zusammen? 

Wir sind ein Tochterunternehmen von Jägermeister, mehrere hundert Kilometer von der Mutter entfernt. Dadurch haben wir weniger damit zu tun, wie die Kampagnen geplant werden. Wir sehen uns dafür jedoch in der Rolle des strategischen Matchmakers. Jägermeister ist in mehr als 150 Ländern auf der ganzen Welt aktiv. Wenn wir mit einem Start-up zusammenarbeiten, das in einem Teil dieser Märkte aktiv ist, versuchen wir, die Teams miteinander in Kontakt zu bringen, um Synergien zu schaffen. In meiner Zeit bei Jägermeister ist mir aufgefallen, dass Jägermeister weitaus mehr als klassisches Marketing betreibt. Vielmehr bringt Jägermeister auf der ganzen Welt Menschen zusammen – zum Beispiel über das Lesbian Bar Project in den USA oder die weltweit agierende Night Embassy. Diesen Spirit versuchen wir nun auch in den Kontext von VC zu übertragen. Denn wir sind der einzige Player, der sich ganz auf das Nachtleben und seine Industrien konzentriert.

Das Nachtleben steht infolge von Pandemie und Krieg unter Druck, insbesondere die Festivals. Wie helfen die Firmen da, die ihr unterstützt? 

Das Nachtleben war immer eine underbanked, under digitized und eine closed economy, also ein unterfinanzierter, unterdurchschnittlich digitalisierter und geschlossener Wirtschaftszweig. Die Pandemie hat jedoch die Akzeptanz digitaler Tools stark erhöht, zum Beispiel hat sich die Kartenzahlung auch an Orten durchgesetzt, an denen sie vor der Pandemie undenkbar war.

Was ist da eure Rolle? 

Die Leute, die wir finden, sind Leute, die seit Jahren in der Industrie arbeiten und wissen, was fehlt. Sie kennen ihre Vision. Diese Vision bringt uns zusammen. Wir arbeiten zum Beispiel mit der App Woov aus Amsterdam, die auf 1500 Festivals in Europa eingesetzt wird. Über die App ist jeder Gast, jeder Verkäufer, jede Security eingeloggt. Auf Heatmaps wird angezeigt, wo sich gerade zu viele Menschen versammeln, während sich die Festivalbesucher über die App connecten können.

„Vielmehr bringt Jägermeister auf der ganzen Welt Menschen zusammen – zum Beispiel über das Lesbian Bar Project in den USA oder die weltweit agierende Night Embassy.” (Foto: Presse)

Ein anderer Partner von euch ist Soundboks

Das junge Team aus Dänemark wollte die lauteste, geilste, langlebigste und robusteste mobile Box bauen. Sie ist so gebaut, dass du mit deinen Freunden eine ganze Nacht im Freien feiern kannst. Wenn das Bier mal auf der Box umkippt, schadet das nicht. Ebenso die Nightlife Discovery- und Ticketing-Plattform Xceed aus Barcelona. Sie ist ein zweischneidiges Schwert, das Nachtschwärmern und Veranstaltern gleichermaßen dient. All das sind Use Cases unserer Investment-Thesis, deren Produkte und Services Menschen im realen Leben zusammenbringen und „Best Nights” ermöglicht.

Wie wählt ihr die Start-ups aus, mit denen ihr zusammenarbeitet? 

Letztendlich bauen wir mit unserem Portfolio die komplette Wertschöpfungskette des Nachtlebens mit ineinandergreifenden Geschäftsmodellen auf. Das beginnt bei Messaging Services, geht über Nightlife Discovery zum Ticketing und schließlich über das eigentliche Event bis zu den Tagen danach, mit Streaming und Dokumentation. Das sind alles Touchpoints, die wir mit verschiedenen Investments abdecken.

Zuletzt: Wir funktioniert eure Dating-App „Thursday”? 

Dating und Nachtleben passen ideal zusammen, allerdings gibt es inzwischen so viele Dating-Apps mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Mit „Thursday” haben wir eine App gefunden, die nur einen Tag die Woche funktioniert. Und wenn sie funktioniert, soll auch nicht nur geswipt werden, sondern ein real-life-date für denselben Tag initiiert werden. An diesem Tag treffen sich alle Dates in einem bestimmten Pub. Das Ergebnis ist eine Single-Party, bei der du eine tolle Nacht hast – egal, wie gut dein Date ist.  

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