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Open Ground: Das Gefühl, in den Sound hineinzutreten

Heute eröffnet in Wuppertal das Open Ground in einem Weltkriegsbunker. Unser Autor Friedemann Dupelius hat das Soft Opening am vergangenen Wochenende besucht und gibt einen Einblick in den spektakulären Club-Neubau.

Wuppertal ist eigen. Nicht so recht Ruhrpott, nicht so recht Rheinland, irgendwo dazwischen eingeklemmt in die Hügel des Bergischen Landes im Norden und Süden. Mangels Breite baut man hier daher in die Länge und in die Höhe: 13,3 Kilometer lang schlängelt sich die berühmte Schwebebahn über der Wupper durch die Stadt. Parallel dazu reihen sich die S-Bahnhöfe der einzelnen Stadtteile wie eine Perlenkette aneinander – von einem Schmuckstück ist Wuppertal in der allgemeinen Wahrnehmung aber weit entfernt. 

Abhilfe von diesem Vorurteil könnte der neue Club Open Ground schaffen. Wie der Name schon andeutet, erschließt dieses Projekt, typisch Wuppertal, eine weitere städtebauliche Dimension: Diesmal wurde in die Tiefe gebohrt. Sieben Meter unter der Erde liegt der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine fast zwei Meter dicke Betonplatte musste herausgesägt werden, um den Eingangsbereich gestalten zu können.

Das Open Ground in Wuppertal kurz vor der Eröffnung im Dezember 2023 (Foto: Open Ground)
Das Open Ground in Wuppertal kurz vor der Eröffnung (Foto: Open Ground)

Bevor ich dort ankomme, steige ich in die RB48. Laut Fahrplan bringt sie mich in 36 Minuten vom Kölner Norden zum Wuppertaler Hauptbahnhof, in dessen unmittelbarer Nähe das Open Ground liegt. Vom Hauptbahnhof der Domstadt wäre es eine gute Dreiviertelstunde – Strecken, die man je nach Wohnort auch in Köln mal zurücklegen kann, um zu einer Off-Party zu gelangen. Der Regio ist voller glühweinbeduselter Weihnachtsmarktgäste, die allmählich in Leverkusen und Solingen heraustorkeln. In Wuppertal angekommen, geht alles ganz schnell: Durch die Bahnhofsvorhalle mit ihren abgerundeten neuen Designelementen auf den Vorplatz, vorbei an Primark und der Touristinfo, und noch vor dem Schwebebahnhof tut sich schon die Bunkerpforte auf. Fußweg: keine fünf Minuten vom Gleis. Praktisch.

Das Gefühl, in den Sound hineinzutreten, ist hier noch krasser: Von der Bar zum Floor sind es vielleicht fünf Meter.

Von Musik ist hier noch nichts zu hören. Keine wummernden Bässe, keine scheppernden Metallelemente. Wäre da nicht die lange Schlange in die Tiefe, einen Club würde man hier nicht vermuten. Auch die ersten gesichteten Leute deuten noch nicht zwingend auf Clubkultur hin. Menschen jenseits der 50 und 60 in Hemden und feinen Lederschuhen steigen aus der Tiefe empor.

Angenehme Lichtstimmung, Ecken zum Verstecken, freundlicher Staff, moderate Barpreise

Zur Pre-Opening-Party waren viele Akteur:innen aus der Wuppertaler Kultur, Politik und Wirtschaft eingeladen. Die Älteren und/oder Clubfernen gehen schon gegen Mitternacht. Wie es so ist, fragt jemand aus der neugierigen Schlange einen Gast, der schon drin war. „Super!” Arg viel mehr geben die bereits Eingeweihten nicht preis. Es bleibt spannend. Das Einlasspersonal ist supernett – ein Eindruck, der sich auch später an der Bar bestätigt.

Angekommen im Untergrund fällt neben dem dezenten, warm-gelblichen Licht auch hier die ungewohnte Ruhe auf. Selbst im großzügig gestalteten Foyer des Clubs hört man noch keine Musik, keine verräterischen Bassdrums. An der Bar lässt es sich entspannt und ohne Stimmbandverrenkungen unterhalten. Dabei müsste der kleine Floor doch nur ein paar Meter um die Ecke liegen. Ich versuche für einige Momente, konzeptuell abzuwägen, ob ich erst den Hauptfloor („Freifeld”) oder den kleinen („Annex”) aufsuchen will, was die bessere Dramaturgie sein würde.

Der Beton ist komplett mit kleinen dunklen Platten verkleidet, die sich halb wie Gummi, halb wie Kunststoff anfühlen, zugleich rau und glatt.

Das wird mir zu verkopft, ich lasse mich treiben und lande in einem Gang, der mich zum Annex führt. Und was ich da höre, lässt mich staunend zurück: Einmal im Gang ist die Musik plötzlich ganz deutlich wahrnehmbar, und das schon ziemlich klar – als wäre sie einfach an diesem Punkt getriggert worden, wie in einem Game. An der Bar des „Annex” kann ich aber noch ohne zu schreien bestellen. Nur drei Meter weiter, und plötzlich stehe ich mitten im Sound. Agnes Stark spielt schroffen Techno. Der Bass landet dort im Bauch, wo er landen soll. Es fühlt sich alles erst mal richtig gut an. Und das meine ich auch buchstäblich: Auf der Suche nach dem Klanggeheimnis taste ich die Wände ab. Der Beton ist komplett mit kleinen dunklen Platten verkleidet, die sich halb wie Gummi, halb wie Kunststoff anfühlen, zugleich rau und glatt. Schallabsorption, state of the art.

Weiter geht es, dreimal abgebogen, auf den Mainfloor, das „Freifeld”. Hier spielt zunächst Don Williams klassischen Deep House, um im Lauf der Nacht an den etwas discoideren Soundstream zu übergeben – das hätte so auch in der Panorama Bar stattfinden können. Das „Freifeld” nutzt die Größe des Raums gut aus. LED-Bahnen können Licht in flexiblen Stimmungen und Tempi über den Floor schicken. Dort fliegt gerade eine inbrünstig-sehnsüchtige Männerstimme über einen Chicago-Beat. Sie klingt so klar und eindringlich, als wäre der Sänger selbst vor Ort. Das Gefühl, in den Sound hineinzutreten, ist hier noch krasser: Von der Bar zum Floor sind es vielleicht fünf Meter.

Das Open Ground in Wuppertal kurz vor der Eröffnung im Dezember 2023 (Foto: Open Ground)
Foto: Open Ground

Ich schließe die Augen und gehe den Weg langsam im Deep-Listening-Modus. Wie ein ausgefuchst programmierter Filter interpoliert der Sound zwischen Bar-Lautstärke und sattem Dancefloor-Boost ohne Qualitätsverlust. Auch das hat etwas von einem Computerspiel, an dessen Soundabstufungen liebevoll gearbeitet wurde. Es gibt Theorien zur Wechselwirkung zwischen Games und Realität. Mir gefällt der Gedanke, dass der Sound im Open Ground auf die technologischen Fortschritte und Utopien in der Gamingwelt reagiert – auch wenn das so nicht stimmen muss. Ich tanze zwischen mehreren Generationen der Wuppertaler Kulturszene, Männern im Hemd, Kids im TikTok-Fishnet und Rave-Dudes mit Goldkette.

Und das alles nicht zu prätentiös, nicht überdesignt, eher mit Understatement im Statement – das dieser Club auf jeden Fall macht.

Nochmal zurück in den „Annex”. Hier spielt mittlerweile die Kölnerin Sedaction einen Mix aus Jungle, Drum’n’Bass und anderer verschachtelter Bass Music. Die Anlage des kleinen Floors kann hier noch besser zeigen, was sie kann. Während die Bässe meine Organe und Faszien entlang wandern, fliegen Hi-Hats und hohe Synthies wie Vogelschwärme über den Köpfen, von links nach rechts, zickzack, stereo, „super!” (Der Mann am Eingang hatte recht.) 

Ohne jegliches Pathos: Soundtechnisch ist der Open Ground das Beste, was ich je in einem Club gehört habe. Und auch sonst macht der Club Spaß. Die Betreiber:innen wissen neben dem Sound, was es braucht: angenehme Lichtstimmung, Ecken zum Verstecken, freundlichen Staff, moderate Barpreise. Und das alles nicht zu prätentiös, nicht überdesignt, eher mit Understatement im Statement – das dieser Club auf jeden Fall macht.

Zurück auf dem Boden hat der Beton die Musik längst verschluckt. Oberhalb des Open Ground ist es still. Nur die Wupper rauscht leise durch die Nacht.

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