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Magnet Festival: Jazz jenseits der Genrezuschreibung

Von Experimentell bis Populär: Mit dem Magnet Festival entsteht diesen Frühling ein neues, internationales Kulturevent in Wiesbaden, das innovativer Musik eine Plattform bieten und Menschen mit Neuem in Berührung bringen möchte. Vom 12. bis 14. Mai 2023 geben insgesamt 18 aufstrebende und etablierte Acts aus 13 Ländern im Kulturpark am Schlachthof Wiesbaden einen umfangreichen Überblick über gegenwärtige Strömungen genreübergreifender, innovativer Musik – von aktuellem Jazz bis hin zu elektronischer Musik und avantgardistischer Fusion.

Neben einer vom Kollektiv Is This Darkness Or The Dawn ko-kuratierten Clubnacht mit DJ-Sets von Dorian Concept, Will Hofbauer und Patagonia Boys kommen auch Konzerte von US-Größen der Experimentalmusik wie Peter Evans (Trompete) und Luke Stewart (Kontrabass) im Kesselhaus, der Kreativfabrik und der Skatehalle Wiesbaden zur Aufführung.

Mit Raimund Knösche, der viele Jahre das Just-Music-Festival in Wiesbaden geleitet hat, das 2021 in den Ruhestand geschickt wurde, und Leo Wölfel aus dem Produktionsteam des Jazzfest Berlin bringt das Organisationsteam des Magnet umfassende Erfahrungen aus der Jazzmusik mit. So gestaltet Knösche die hessische Kulturlandschaft bereits seit über 15 Jahren maßgeblich mit und ist daher auch als JazzArchitekt bekannt. Nun mit Wölfel als Vater-Sohn-Duo vereint, ist die Festivalorganisation des Magnet beiden eine Herzensangelegenheit, die einzigartige Perspektiven unterschiedlicher Generationen kombiniert.

Wir haben uns mit den Festival-Initiatoren unter anderem über die Berührungspunkte von Jazz und elektronischer Musik unterhalten. So seien es insbesondere „die rauschhaften und bisweilen spirituellen Züge, die gleichermaßen in improvisierter, aus dem Free Jazz geborener Musik und auch im Techno zu finden sind.” Darüber hinaus haben wir gefragt, ob Techno in einigen Jahren vermehrt wie Jazz klingen wird, und geklärt, wann ein musikalisches Werk das Kriterium der Innovativität erfüllt.

GROOVE: Was waren eure Beweggründe dafür, gemeinsam als Vater-Sohn-Team die Magnet Kulturproduktion und schließlich das Festival ins Leben zu rufen? Welchen Mehrwert leistet das Festival für die Kulturlandschaft und Menschen in Wiesbaden?

Raimund Knösche und Leo Wölfel: Wir beide haben eine Leidenschaft für Kultur und Musik und führen mit dem Magnet Festival zusammen, was wir in unterschiedlicher Form in den vergangenen Jahren schon unabhängig voneinander gemacht haben. Das Festival soll ein Ort sein, an dem Menschen einen Überblick über gegenwärtige Strömungen innovativer, experimenteller und genreübergreifender Musik geboten bekommen. Das Spektrum ist von aktuellem Jazz, Experimentellem aus elektronischer Musik bis hin zu avantgardistischen Fusion-Projekten breit gesetzt. Wir wollten eine Plattform schaffen, die sowohl etablierten als auch aufstrebenden Künstler:innen die Möglichkeit gibt, ihre Werke vor einem genauso heterogenen Publikum zu präsentieren. So werden sowohl auf künstlerischer Seite als auch im Publikum Menschen zusammengebracht und neue Perspektiven eröffnet.

Als Vater und Sohn kommt ihr aus zwei unterschiedlichen Generationen, die unterschiedliche musikalische Sozialisationen erfahren haben. Wie beeinflusst dieser Hintergrund eure Zusammenarbeit und schließlich das Festival als solches?

Das beeinflusst die Gestaltung des Festivals unmittelbar! Wir bringen beide unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und nicht zuletzt auch Vorlieben mit und haben uns in den letzten Jahren mit viel Freude der Aufgabe gewidmet, all das zu einem schlüssigen Festivalprogramm zusammenzuführen. Das war ein langer, nicht immer einfacher Prozess, aber wir sind mit dem Ergebnis für die Debüt-Ausgabe sehr zufrieden und darüber hinaus froh, auch von Seiten der Künstler:innen Zuspruch für die Programmgestaltung zu bekommen. Viele von ihnen bleiben auf eigenen Wunsch über ihre Performances hinaus dort und nutzen die Chance, sich zu vernetzen. Das steht auch sinnbildlich für die Erfahrung, die wir auch auf persönlicher Ebene gemacht haben. Das Festival hat uns näher zusammengebracht.

Das Magnet Festival schreibt es sich auf die Fahne, innovative Musik zu präsentieren. Wie seid ihr bei der Auswahl der Acts diesbezüglich vorgegangen? Wann erfüllt ein:e Künstler:in mit seinem Werk das Kriterium, innovativ zu sein? 

Der Fokus liegt auf individuellen Besonderheiten der einzelnen Projekte und Künstler:innen. Das können andersartige technologische Werkzeuge und Instrumente, kompositorische Ansätze oder auch ein unerwarteter Brückenschlag zwischen völlig verschiedenen Genres sein. Bei der Auswahl der Projekte ist uns die Dramaturgie der einzelnen Festivaltage ebenso wichtig wie die des Festivals in seiner Gesamtheit. Wir verzichten auf Stars, um dem Fokus auf der musikalischen Vielfalt zu belassen und ein Gleichgewicht zwischen aufstrebenden und etablierten Künstler:innen herzustellen, die die Gemeinsamkeit teilen, eine eigene kreative Stimme zu haben, neue Klanglandschaften zu erkunden und einzigartige musikalische Konzepte zu präsentieren.

Das Magnet soll Menschen mit Neuem in Berührung bringen und unerwartete Verbindungen knüpfen. Ihr habt beide einen Jazz-Hintergrund – du, Raimund, in langjähriger Führungsrolle beim Just Music in Wiesbaden, und du, Leo, im Produktionsteam des Jazzfest Berlin. Inwiefern ist der Jazzmusik diese Offenheit für Innovation und Unerwartetes inhärent und fördert diese Attitüde?

Die improvisatorische Natur des Jazz hat in der Tat eine Offenheit für Innovation und Unerwartetes. Daraus entsteht permanent Neues, es entwickelt sich immer weiter, und das ist vermutlich auch die Ursache, warum es mittlerweile so viel Musik gibt, die Elemente des Jazz in sich trägt, der wir aber mit dieser Genrezuschreibung allein nicht gerecht würden. Viele der Acts beim Magnet Festival fallen genau in diese Kategorie.

Im Festival-Line-up ist von Jazz bis hin zur Elektronik alles dabei. Einige behaupten sogar, dass Techno aus dem Jazz hervorging. Bereits Mitte der Neunziger nutzten DJs und Produzent:innen Jazz-Samples, um ihrem Sound mehr Tiefe zu verleihen. Heute kollaborieren sie immer öfter mit Jazz-Musiker:innen. Wie schätzt ihr die Berührungspunkte der beiden Genres ein? Wie spiegelt sich das auf dem Festival wider?

Die Vermischung und gegenseitige Inspiration verschiedener Genres ist etwas, das wir mit großem Interesse beobachten. Oft war es ein Grund, einen Act zum Magnet einzuladen, wenn diese:r über ein simples Kombinieren zweier Genres hinaus eine eigenständige künstlerische Position kreiert hat, die sich einer Beschreibung durch konventionelle Genrezuweisungen entzieht. Es finden sich aber auch Programmpunkte, die eindeutig dem Free Jazz oder eben dem Techno zuzuweisen sind. Solche Positionen dienen auch als Referenzrahmen, innerhalb dessen sich die unterschiedlichen Künstler:innen bewegen. Und selbst bei diesen beiden Genres sind noch Parallelen erkennbar, wie die rauschhaften und bisweilen spirituellen Züge, die gleichermaßen in improvisierter, aus dem Free Jazz geborener Musik sowie auch im Techno zu finden sind. Darüber hinaus fordern wir das jeweilige Stammpublikum solcher Genres natürlich auch dazu auf, sich mit dem jeweils anderen zu beschäftigen und das Festival als Anlass zu nehmen, sich auf Neues einzulassen.

Könnt ihr euch vorstellen, dass Techno und insbesondere experimentelle elektronische Musik in einigen Jahrzehnten immer mehr wie Jazz klingen wird? Oder ist das sogar heute schon der Fall?

Ja, Jazz ist die Zukunft. Spaß beiseite – Wir hoffen, dass die unterschiedlichen Genres und deren Akteur:innen auch über Techno und Jazz hinaus weiterhin ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Ursprünge und Traditionen ihrer jeweiligen Musik haben und gleichzeitig immer wieder neue Stränge und musikalische Identitäten daraus hervorgehen, die uns mit neuem, spannenden Material versorgen. Da kann und wird sich wahrscheinlich viel vermischen, unser Interesse gilt aber vor allem jener Musik, die sich einer einfachen Kategorisierung entzieht.

GROOVE präsentiert: Magnet Festival
12. bis 14. Mai 2023

Tickets: Festivalpass ab 50 Euro, Tagestickets ab 23 Euro

Line-up: Astrid Sonne · Dan Nicholls · Dorian Concept · Evi Filippou & Jim Hart · Elias Stemeseder  Elvin Brandhi & Ludwig Wandinger · Farida Amadou · Is This Darkness Or The Dawn · Julian Sartorius / Dan Nicholls / Lou Zon · Kirke Karja · Luis Vicente Quartet · Mette Rassmussen Trio North · Peter Evans · Ruth Goller: Skylla · Still House Plants · The Great Harry Hillman · Will Hofbauer · Y-Otis

Kulturpark am Schlachthof Wiesbaden 

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