burger
burger

Nicole Moudaber: Eine Parallelwelt voller Liebe, Energie und Freiheit

- Advertisement -
- Advertisement -

Sie saß für ihre Partys im Beiruter Gefängnis und produzierte sich mit minimalistischem Tech House ins Herz von Carl Cox. Inzwischen gilt Nicole Moudaber als eine der beliebtesten DJs der Welt. Ihre so effektiven wie lebendigen Radio-Sets hören über 20 Millionen Menschen. Auf Instagram folgen der in Nigeria geborenen Libanesin fast 600.000 Menschen rund um den Globus. Was viele nicht wissen: Nicole Moudaber mischte die Technoszene über Jahre als Promoterin auf, bevor sie erst vergleichsweise spät zum Produzieren und Auflegen kam. Welche Geschichte hinter der 46-jährigen DJ steckt, hat sie GROOVE-Autorin Wencke Riede erzählt.

Während Nicole Moudaber in einem sonnendurchfluteten Hotelzimmer in Buenos Aires sitzt und in die Laptop-Kamera lächelt, dämmert es in Berlin bereits in den dunklen Winterabend hinein. Moudaber spricht leise und mit tiefer, rauer Stimme. Es lässt sich schwer ausmachen, ob unsere wacklige Internetverbindung oder ihr gestriger Gig der Grund dafür sind. Nach einem kurzen Ping-Pong-Gespräch über stockende Videobilder und unzufriedenstellende Lautstärke-Tests entschieden wir uns, die Kameras auszuschalten. Ein altvertrautes Verfahren aus der pandemischen Meeting-Kultur.

Nicole Moudaber (Foto: Anastasiya Otkidach)

Zurück bleiben die zwei grauen Kacheln auf meinem Display und Moudabers Stimme aus der Ferne. Ihre Südamerika-Tour hat sie nach Argentinien geführt. Gestern stand Moudaber noch in Kolumbien hinter den Decks, morgen wird es Chile sein. Trotz des vollen Tour-Kalenders beschreibt sie das Gefühl des Auflegens wie eine große Meditation. „Sobald ich Musik spiele, gleite ich in eine Parallelwelt voller Liebe, Energie und Freiheit. Dort gibt es keine Grenzen, und genau darin besteht die Schönheit meines Jobs.” Auf meine Frage, wie sie sich auf einen Gig vorbereitet, verrät sie mir dreierlei Hacks: Viel Ruhe, eine Handvoll sprudelnder Vitamine, abgelöscht mit einem Shot Tequila, und dann „Boom – los geht’s”, lacht sie.  

„Ans Auflegen habe ich nie gedacht.”

Nicole Moudaber

Eine halbe Million Menschen schauen zu, wenn Moudaber Videoschnipsel vergangener Gigs auf Instagram postet. Man sieht, wie sie konzentriert und zielsicher ihre wuchtigen Signature-Basslines droppt, wie die Leute tanzen, jubeln und applaudieren. Alles wirkt perfekt, als hätte Moudaber nie eine andere Berufung gehabt. Tatsächlich sei es keineswegs ihr Plan gewesen, als DJ tätig zu sein: „Das kam mir mit Anfang 20 gar nicht in den Sinn. Vielmehr liebte ich es, feiern zu gehen. Als ich damals nach London ging, um dort Sozialwissenschaften zu studieren, nahm die ganze Technoszene Fahrt auf. Ständig war ich feiern – Clubbing war sowas wie mein Lebenselixier. Ans Auflegen habe ich aber nie gedacht.”

Raves und Politik, Politik und Raves

Nachdem sie ihr Studium in London abgeschlossen hatte, zog sie zurück nach Beirut. Die Euphorie des Feierns nahm sie mit in ihre Heimat, stets darauf bedacht, diese auch dort unter den Menschen zu verbreiten. Der Krieg hatte seine Spuren hinterlassen, und inmitten dieser aufgeladenen Zeit lud Moudaber die Menschen zum Feiern ein. Trashy Renaissance hieß eine dieser Partys, auf der über 1000 Menschen zusammenkamen. Damit habe die heute 46-Jährige heftige Debatten ausgelöst und sei öffentlich in der Kritik gestanden. Insbesondere queere Menschen hätten auf Moudabers Partys gefeiert, weshalb ihr vorgeworfen worden sei, Homosexualität in Beirut zu fördern, so die DJ.

Nicole Moudaber (Foto: Anastasiya Otkidach)

Nach einer Halloween-Party in den späten Neunzigern wurde Moudaber inhaftiert. Acht Stunden später kam sie durch ihre Schwester – eine Anwältin – frei. Moudaber verließ Beirut und ging zurück nach London, wo sie weiterhin als Promoterin tätig war. „Ich liebte es, Clubnächte zu organisieren, wodurch ich auch ein Gespür für guten Techno entwickelt habe. Das hat mir später geholfen, als ich begann, meine eigene Musik zu produzieren”, erklärt sie.

Mit Bedacht reiht Moudaber die Worte aneinander und wirkt dabei fast ein wenig nachdenklich. Von 2000 bis 2006 veranstaltete sie Partys im Londoner Szeneclub Turnmills. „In diesen Jahren habe ich Hunderte von DJs gebucht. Darunter sogar Paco Osunas ersten London-Gig.” Die Szene kannte ihren Namen. Dass dieser bald die Line-ups etlicher Festivals zieren würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand – nicht einmal Moudaber selbst.

Insel-Nostalgie 

Obwohl Moudaber bis heute in London lebt, fiel der Startschuss für ihre DJ-Karriere auf der balearischen Insel Ibiza. „Während ich in London als Promoterin arbeitete, kaufte ich ein Haus auf Ibiza. Drei Jahre habe ich für die Renovierung benötigt, sodass ich viel Zeit auf der Insel verbrachte”, so Moudaber. Damals habe sie sich in die Insel und deren Strände verliebt, die bis heute einen besonderen Platz in ihrem Herzen tragen. „Als das Hausprojekt dann fertig war, wollte ich mich wieder voll und ganz der Musikindustrie widmen. Aber nicht als Promoterin, wie ich es zuvor tat. So habe ich mich schließlich ins Studio gestellt.”

„Meinen ersten Gig habe ich auf Carl Cox’ Album-Release-Party gespielt.”

Nicole Moudaber

2007 erschien mit „I Got Cash” ihr erster Track auf dem britischen Label Azuli Records – damals eine trendige Adresse in Soho zur Zeit des Minimal-Heydays. Ihre darauffolgenden Veröffentlichungen schwappten auf Amsterdamer und Augsburger Labels mit housig-frisch an die Öffentlichkeit und verschafften ihr erste Fans, unter ihnen: Carl Cox. Bald tauchten Moudabers Tracks in den Sets des britischen DJs auf. Es dauerte nicht lange, bis sie selbst hinter den Decks stand – auf Cox’ Einladung hin. „Meinen ersten Gig habe ich auf seiner Album-Release-Party gespielt”, erinnert sie sich – der Beginn einer engen Freundschaft, die von unzähligen gemeinsamen Shows befeuert wurde. Sieben Jahre residierte Moudaber im Space auf Ibiza, wo sie gemeinsam mit Cox dessen Partyreihe Music Is Revolution bespielte. 

Nicole Moudaber (Foto: Anastasiya Otkidach)

Seither haben sich nicht nur ihre Sets, sondern auch ihr Produktionsstil verändert. Während ihre ersten Tracks sich am Zeitgeist orientierten, das Ambiente sonniger Strände und zuckersüßer Cocktails untermalten, wummern ihre aktuellen Veröffentlichungen im rauchigen Techno-Keller. Spätestens seit ihrem Debütalbum, das 2013 auf Drumcode erschien, produziert Nicole Moudaber das, was man als housigen Big-Room-Techno charakterisieren kann. Der bestimmt auch ihre Sets. Es sind Tracks, die oft zehn Minuten oder länger dauern, sich Zeit zur Entfaltung nehmen und nicht stur auf den nächsten Drop abzielen. Erst im vergangenen Jahr erschien mit „How It Makes You Feel” so ein Stück, für das sich die Künstlerin Unterstützung ihres Wegbegleiters Cox einholte. Das Ergebnis: ein Ausflug in Big-Room-, Dub- und Acid-Techno.

Techno-Sets für 98 Radiofrequenzen

Seit 2013 betreibt Moudaber ihr eigenes Label MOOD Records. Außerdem hostet sie eine wöchentliche Radio-Show, die mittlerweile über 450 Episoden zählt. „Eintönigkeit langweilt mich, weshalb ich ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen bin. Das war damals auch der Antrieb für meine Show In The MOOD, so Moudaber. Auf 98 Frequenzen in der ganzen Welt läuft ihre Sendung, allein in Deutschland übertragen neun Radios. Insgesamt 20 Millionen Menschen schalten ein, wenn Moudaber einstündige Sets zwischen House, Minimal, Electro und Acid auflegt. „Das Radio ist ein wunderbares Medium, um die Tracks zu spielen, die ich nicht in meine Festival- und Club-Gigs integriere”, meint sie.

„Die Musik hat viele meiner Wunden geheilt.”

Nicole Moudaber

Bei all dem Lärm, der Moudaber täglich umgibt, bleibt wenig Zeit für Ruhe. Zwischen den Shows probiere sie, ihre Reisetage so zu koordinieren, dass hin und wieder etwas Zeit zum Luftholen bleibt. Das sei wichtig für ihre „physische sowie mentale Gesundheit.” Jettet sie ausnahmsweise nicht um die Welt, umgibt sie sich mit ihren Liebsten, fährt Motorrad und arbeitet mit diversen Charity-Organisationen, darunter der Lower Eastside Girls Club in New York. Im Rahmen des Projektes stellt Moudaber DJ-Equipment und Instrumente zur Verfügung. Es sei ihr eine Herzensangelegenheit, junge Frauen in Sachen Musikproduktion und das damit einhergehende Selbstbewusstsein zu fördern.

Nicole Moudaber (Foto: Anastasiya Otkidach)

In Moudabers wohltätiger Arbeit zeigt sich Dankbarkeit dafür, dass sie mit Musik ihren Lebensunterhalt verdient. „Die Musik hat viele meiner Wunden geheilt und umso glücklicher bin ich nun, mit meinem Beruf genau das wiederzugeben”, erklärt sie. Welche Wunden das sind, lässt sie offen. Die politischen Hürden, die Nicole Moudaber auf ihrem Weg zur Superstar-DJ überwinden musste, sprechen jedoch für sich. Bevor wir uns verabschieden und sie nun endlich einen ihrer wenigen freien Tage zelebrieren kann, den sie später im Fitnessstudio beginnen wird, wagen wir es, unsere Kameras einzuschalten: „For a nice goodbye”, lacht sie und strahlt dabei zwischen ihren tiefschwarzen Locken hervor.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

konkrit #13: Musikjournalismus – endlich wieder totgesagt!

Wir müssen darüber reden, wie wir über Musik und Kultur reden. Oder besser noch darüber, wer sich das überhaupt noch leisten kann.

Im Studio mit Luke Slater: Die Wahrheit, die es gar nicht gibt 

Luke Slater hat zuletzt seinen Alias L.B. Dub Corp für ein neues Album revitalisiert – und uns durch sein Studio geführt.

Speedy J & Surgeon: „Sich darauf vorbereiten, unvorbereitet zu sein”

Groove+ Im Improvisationsprojekt Multiples treffen zwei Titanen der Technoszene aufeinander. Wir haben mit Speedy J. und Surgeon gesprochen.