Michel Baumann (Foto: Archiv Familie Baumann)

Am 22. Mai verstarb Michel Baumann im Alter von 52 Jahren an einer Krebserkrankung. Mit ihm verliert die hiesige House-Szene einen ihrer konsequentesten und glaubwürdigsten Musiker. Von Anfang an stand Baumann mit seinen Produktionen unter den Pseudonymen Jackmate und Soulphiction ganz und gar für sich. Er wollte keine eigene, europäische Spielart wie Minimal oder Tech-House entwickeln, sondern operierte vom ersten bis zum letzten Tag an auf Augenhöhe mit den US-amerikanischen Helden.

Wo andere auf Verfeinerung und Verkomplizierung setzten, ging es ihm um eine punkige Rohheit. Bei jedem seiner Tracks springt der Funk(e) schon beim ersten Takt über. Aber Baumann war nicht nur Producer und DJ, sondern auch eine Persönlichkeit, die die Szene durch ihre Empathie und Loyalität trug. In unserem Beitrag erinnern sich Wegbegleiter*innen und Freund*innen aus verschiedenen Zusammenhängen und Lebensphasen an den Musiker, der uns so viele einzigartige Tracks geschenkt hat.


C/Rock

Der DJ, Producer und Labelmacher C/ Rock aus Frankfurt am Main. Foto: Daniel Woeller

Michel hab’ ich Anfang der Neunziger über einen gemeinsamen Freund aus Stuttgart kennengelernt. Schon damals hat er alles mit der MPC gemacht, und das hat seinen Produktionen von Anfang so einen eigenen rohen Charme verliehen. Das hat sich auf eine sehr angenehme Art vom aufkommenden ersten Digital-Hype und dem seidigen Spät-Trance-Sound hier in Deutschland sehr unterschieden. Das hat mich gleich gepackt, und genau diese Sound-Ästhetik verfolge ich ja auch heute noch. Michel hatte das einfach im Blut und ist auch oft sehr unkonventionell an seine Produktionen rangegangen. Da waren mal Breakbeats drin, mal Hip-Hop-Elemente, mal ein verstrahltes Techno-Element, es war schon fast eine Art Fusion House.

Der oft gezogene Vergleich zu Moodymann hinkt für mich ein wenig – das, was mir bei Moodymann manchmal als fast bewusst gebrochen und trotzig anders rüberkommt, hat Michel einfach so aus dem Bauch heraus gemacht. Er war quasi eine Art „Instinktfußballer” – das hat sich immer durch seine Produktionen gezogen, bis zum Schluss. Für mich ist er da eher in der Nähe von DJ Koze und daher auch zu Recht bei ihm auf dem Label gelandet. Gerade in der heutigen Zeit, in der diese musikalischen „Typen” immer weniger werden, in der es um Likes und Follower und diesen ganzen Selbstmarketing-Hype geht, fehlt so ein Charakter wie er umso mehr. Diese Typen, Gabor, Michel, Koze, Luke Una und viele andere, die sind es, die mich an dieser Musik immer wieder packen. Und die sind es auch, deren Verlust doppelt und dreifach schmerzt. Es ist aber schön zu sehen, dass die Szene, sowohl national als auch international, ihn nicht vergisst. Dieser große Respekt ist beeindruckend, und dadurch bleibt er hier, bei uns, in den Clubs und auf den Floors der Welt. Er hat definitiv etwas hinterlassen, das bleibt.

Cloudy

Michel Baumann und Cloudy (Foto: Privat)

Mein Lieblingsherz,

in Gewissheit, bedingungslos geliebt zu werden und gel(i)ebt zu haben, bist Du über den Regenbogen gesaust und feuerst mit den vorausgeeilten Schmusikanten im Sky so high sicher schon die Raketen ab! Party on, bis wir uns endlich wiedersehen! I just wait and miss u, Superman!

Can you feel it? Du hast diese verrückte Welt mit Deiner Soulpower so viel deeper und hoffnungsvoller gemacht. Keine Buchstaben können ausdrücken, was Du bist und bedeutest! It’s a love thang! Die Art und Weise, wie Du Musik gel(i)ebt hast, ist so heilsam wärmend und durchflutet von resolutem Seelentiefgang, dass sich die Herzen der loving people von Dir magisch umarmt gefühlt haben. Sunshine people, shine on! DU bist der Resonanz(t)raum: Der phreaky MF – Lovemaker and Soulshaker, der mind and body in seelige Schwingungen versetzt und zu einem state of euphoria verbindet! Deine Passion, Vision und Mission war es, die Welt in Soul Love einzutauchen. All das bleibt: jus’ listen! In Ohren und Herzen wirst Du ewig dirty hot weiterFUNKeln! Happy people, we are!

Whizzdom and Understanding: In Deine Musik- und Herztöne schockverliebt, haben wir auf dem Cucuma smiling faces gezaubert und unserem Seelen(ein)klang – laut wie leise – immer vertraut. Slow glow! Deep flow! Wir haben uns die dunklen Days of feeling sad mit Sonnenstrahlen zur Feeling-good-Version gemalt; Lieblingsmenschen und ein zu House gefunden! So happy to feel loved! Danke, dass Du mir Dein wunderschönes Herz anvertraut, meines eingefangen und mit so viel Licht und Liebe erfüllt hast! Meine Seelenschnuppe, ich bin Dir für alles, was wir erleben und fühlen durften, unendlich dankbar! Purple Rain! Purple love! Schon immer und für immer!

All Lights go off: Das Leben ist unfair! Wir vermissen Dich so sehr. Aber Deine purple family hält sich tapfer aneinander und an dem riesigen soul print fest, den Du uns dagelassen hast! Die schmerzlichen black holes werden von der grenzenlosen Dankbarkeit und Liebe für Dich regenbogenbuntschillernd überstrahlt! DANKE für ALLES, was DU bist! May the funk be with ya, Mr. Supersoul!

Good night and sweet Dreams, mein Michelherz! See and feel you!

Purple rain of love, Deine Cloudy <3

Koze

Koze im Sommer 2021 (Foto: Koze)

Ich weiß gar nicht, wann ich Michel kennengelernt hab’. Ich habe ihn kontaktet, weil ich Fan war von seiner Musik. Dann hat er auch relativ früh einen Remix gemacht für International Pony. Das erste Mal gesehen haben wir uns in Hamburg im Mojo Club. Da war auch Soffy O dabei in der Nacht, das war die Zeit von TokTok versus Soffy O

Der Abend war supernett und wild. Dann haben wir uns Musik hin- und hergeschickt und Ideen ausgetauscht. Meine Festplatte ist noch voll davon, aber vieles ist auch veröffentlicht worden. Wir haben oft telefoniert, ich habe zwei-, dreimal Partys gespielt in Stuttgart und verrückte Nächte gehabt. Wir haben eine Liebe zur schwarzen Musik geteilt, zu Soul und Detroit, zu Moodymann und Theo Parrish und dem ganzen roughen Zeug, tief und leer und sperrig und warm. Keiner konnte das so gut wie er – und so schnell: Der hat die Dinger rausgeschissen, das war unglaublich.

Während ich wochenlang rumgeschraubt hab’ an irgendwelchen Beats, hat er wahnsinnig fette, punchige, unglaubliche Dinger in einer Nacht rausgehauen. „Ich schick’ dir mal drei, vier, fünf Sachen, die ich gestern gemacht hab’”, hat er immer gesagt, das weiß ich noch. Ich war immer total baff. Ich war viel mehr Fan von seiner Musik als er von meiner. Er hatte diese Gabe, so unerklärliche, geile Stimmungen zu kreieren in seiner Musik, die aber nicht auf einzelnen Noten oder Harmonien beruhen, die eine komische Zwischenwelt sind mit Industrial-Geräuschen.

Michel Baumanns Nord Lead Modular im Studio von Koze (Foto: Koze)

Die richtigen Momente eines Loops finden, die zu einer Fläche ummorphen und sie manisch durch einen Track laufen zu lassen, mit genau dem richtigen Grad von roughness. Wissen, was man tut,und gleichzeitig dieses punkig Hingerotzte, was House-Musik auch immer ausgezeichnet hat. Das war sein Übertalent.

Michel hat viele mutige Entscheidungen getroffen. Frank Zappa zu sampeln und irgendwelche Chöre. Das klang alles völlig anders als bei allen anderen, sehr international, sehr amerikanisch, sehr, sehr weit weg. On top war er natürlich der liebste, süßeste Typ, niemals schlecht gelaunt, aggro oder böse, immer nur goldig. Man hat ihn einfach geliebt. Ich habe noch ein Nord Lead Modular von ihm, da steht „Fuck you all” drauf.

Obwohl das gar nicht meine Feng-Shui-mäßige Richtung ist, wollte ich den nie abmachen, diesen Aufkleber, weil ich das immer so cool fand. Ich habe mir immer vorgestellt, wie Michel da gesessen hat, sich einen schönen Spliff angezündet hat und fünf solche Bretter rausgehauen mit dieser punkigen Attitude. Ich zwirbel’ jetzt hier so den Sägezahn auf eine shuffelnde Hit – und das reicht. Dann kann ich auch schon das nächste Lied machen. Das habe ich immer noch in meinem Studio-Setup – und werde es in Ehren halten.

Iron Curtis

Iron Curtis mit seinen liebsten Platten von Jackmate und Soulphiction (Foto: Mareike Gleisbau)

„The Jacker”, „Copa Melba” und „Cheerleader”: Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich verstand, dass diese ganzen Platten in meinem Schrank von einem einzigen Typen stammen. 2000 kam Moodymanns Forevernevermore raus und ich versank immer tiefer in der Detroiter Dance-Unendlichkeit. In irgendeiner Radiosendung hatte der Moderator damals gesagt, dass Soulphiction der Kenny Dixon Stuttgarts wäre. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Aber damals kam mir das als Fanboy nur richtig vor, hat Michels Musik doch vieles für mich zusammengebracht, was ich vorher nicht so klar als Ganzes gesehen hatte: Reduzierte, rollende Technostücke, Sauna-warme, mysteriöse House-Tracks, Playhouse und Sound Signature, Freude Am Tanzen, DJ Koze und KDJ, Broken Beats, Dub und krude, knochentrockene MPC-Experimente. 

Und dann kam „Times And Senses”: Die 12” wird wohl nur noch durch meine Fingerabdrücke zusammengehalten, so oft habe ich sie gespielt: Wenn ich beim Warm-Up die Platte reinmischte, wusste ich, dass jetzt etwas passieren wird – beziehungsweise muss! Die Leute reagieren, der Abend läuft voll an und es gibt kein Zurück mehr. Wer fühlt sowas nicht? Dann lieber Musik aus und alle raus. Wie oft war es genau die richtige Platte! Der Break mit den Drums, die Vocals kommen rein, „Alright!”, und dann wieder dieser Bass.

Dann morgens im Rauch und Nebel die Dub-Version spielen. Ich habe gerade wieder Gänsehaut.

Danke, Michel.

Nik Reiff

Nik Reiff und Michel Baumann im Magazin Partysan 1998 (Foto: Presse)

Wir haben uns irgendwann ’97 oder ’98 kennengelernt, genau kann ich mich an unser erstes Treffen leider nicht erinnern. Dafür umso mehr an das Zweite. Das war dann direkt im Studio. Wir teilten auf Anhieb denselben Geschmack, was Detroit-Vinyls angeht, und das vertraute Gefühl, das dabei unmittelbar entstanden ist, hat bis heute angehalten. Ich wusste sofort, dass ein Sampling-Genie vor mir sitzt.

Seine Fähigkeit, Samples und Sample-Startpunkte oder Loops schon beim ersten Anhören von jeglicher Art von Musik herauszuhören und seine funky Beats dazuzumischen, war und ist einzigartig. Schon bei unseren ersten Sessions hat er in der Zeit, in der ich bloß mein Studio hochgefahren habe, oft schon einen fertigen Track in seine MPC reingedrückt.

Anfang der Nullerjahre haben wir mit Bende Lieten einen weiteren Vinyl-Junkie aus Stuttgart ins Boot geholt und das Trio Manmade Science ins Leben gerufen. Wir wollten seinen deepen Soulphiction-Style um Orchestermusiker und viele eigene Samples erweitern. Allerdings hat es sich als schwierig bis unmöglich herausgestellt, diesen Sound als Live-Act auf die Bühne zu stellen. Freunde sind wir trotzdem bis zuletzt geblieben.

Nik Reiff und Michel Baumann (Foto: Privat)

In den letzten Jahren nach seiner Diagnose hat er den unglaublichen Mut aufgebracht, sich trotz der Krankheit auf die Bühne oder hinter die Turntables zu stellen und seine Brötchen selbst zu verdienen. Ich war oft auf Reisen mit dabei und durfte ihn technisch und menschlich unterstützen.

Ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit und für fast ein Vierteljahrhundert Freundschaft. Niemand hat mich musikalisch und menschlich so sehr beeinflusst wie Michel. Seine Musik wird bleiben. Und genauso die Verbindung der Menschen, die er zusammengebracht hat.

Ripperton

Ripperton (Foto: Presse)

I certainly think that Michel would not want to be talked about other than through his music and all the love and devotion he put into it throughout his life. I had never met someone so mentally strong, positive and focused. He had this magic at his fingertips, a black music soul, all the evenings we did together these last three years were really, really special.

He played with elegance and with a lot of depth to catch the heart of every dancer on the dancefloor. We had a sincere and honest friendship since then, he was a true music genius and a really honest person who really couldn’t stand the hypocritical world that our scene has become lately. I will miss him dearly and all our conversations. I don’t know where he is now but what I do know is that  he’ll be chopping it up, warming it, and funk it up.

Selecter Manitu (Lucky Punch Soundsystem)

Selecter Manitu, Michel Baumann und eine unbekannte Person. (Foto: Lucky Punch Soundsystem)

Wir haben uns im legendären Inner Rhythm Club kennengelernt. Die gemeinsame Liebe zu Reggae-Beats hat uns gleich verbunden. Gemeinsam mit Bigg G (Catch A Fire) starteten wir als Lucky Punch Soundsystem die erste regelmäßige Reggae- und Dancehall-Partyreihe in Stuttgart: Die Rewind-Party. Um den Flyer zu machen, mussten wir uns noch heimlich in die Kunsthochschule schleichen, um dort im Computerraum, mangels eigenem Rechner, den Flyer zu entwerfen. Michel war für mich ein guter Freund und ein genialer Musiker, DJ und Produzent, der es schaffte, aus seinen verschiedenen musikalischen Einflüssen so zu schöpfen, dass unvergessliche Musik-Kunstwerke entstanden. Rest in peace. ❤️

Suzana Rozkosny

Suzana Rozkosny und Michel Baumann (Foto: Privat)

Ich habe Michel 2003 in Hamburg zum ersten Mal getroffen. Wir waren damals ein Frauentrio, das in der St.Pauli-Tanzhalle einmal im Monat seine Residency hatte. Wir luden Soulphiction als Gast ein. Es wurde ein fantastischer Abend. Später holte er mich zum Musikmachen nach Stuttgart – und ich blieb. Der Michel war für mich der Eins-und-Mann. 

Während alle bei der Eins im Takt in die Knie gingen, hob er sich. Bei Live-Gigs waren für mich nicht unbedingt Text oder Melodie das Problem, sondern meinen Einsatz zu finden. Das konnte sich dann gut 32 Takte hinziehen und schließlich auch noch auf Einsund beginnen. Oft habe ich innerlich Blut und Wasser geschwitzt und hinter dem Rücken mit Fingern abgezählt. Aber vielleicht war das der Grund, warum Michels Beats einen derart guten Schub von hinten haben.

Obwohl Michel in den letzten Jahren hauptsächlich House und Techno produziert hat, war sein Musikspektrum immens. Bis zum Schluss konnte er immer wieder etwas Neues ausgraben und sich dafür begeistern, obwohl er brutal kritisch sein konnte. Auch mit sich selbst.

Abgesehen von seinem unerschöpflichen Musiktalent ist aber vor allem ein gescheiter, unglaublich lustiger und lieber Mensch gegangen, der es immer wieder geschafft hat, Leute zusammenzubringen, sich um sie zu kümmern – und natürlich, sie in den Musikhimmel zu bringen. Ich habe noch nie jemanden gekannt, der so loyale Freunde hatte, auch als er schon lange krank war. It’s a Love Thang.

Duan Wasi (Massive Töne/Künstlerkollektiv Kolchose)

Duan Wasi in seinem Studio (Foto: Privat)

Wir haben in Feuerbach hin und wieder zusammen gechillt. Er war einer der ruhigen, angenehmen Beatmaker mit dem richtigen Mindset. Bevor ich ihn besser kannte, war er immer auch so eine Art Bindeglied zu den extrovertierten House-Leuten. Das macht seinen Output auch so interessant. Viele wissen gar nicht, welchen Einfluss er auf die gesamte Musikgeneration unserer Zeit hatte, in der frühen Entstehungszeit von Freundeskreis zum Beispiel, aber ich denke auch weit über Stuttgart hinaus.

Mich macht sein Tod auch deshalb traurig, weil wir erst letztens noch geschrieben haben.


Michel Baumann (Foto: Archiv Familie Baumann)
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