Andy Weatherall 2017. Foto: Presse. Dieses Interview erschien ursprünglich in GROOVE #107 im Juli/August 2007.

Wie Danny Rampling oder Paul Oakenfold gehört Andrew Weatherall zu den Londoner DJs der ersten Generation, die aus der Szene um den legendären, weltersten Technoclub Shoom hervorgegangen sind. Während die meisten dieser DJs irgendwann ihren Ausverkauf betrieben haben, bewahrte Weatherall seine künstlerische Integrität bis heute. Seine hochverdichtete, unberechenbare Musik hat ihn zu einer legendären Persönlichkeit der Clubmusik gemacht. Als Produzent und Remixer arbeitete er mit den Indie-Bands Primal Scream, My Bloody Valentine oder den Happy Mondays und war einer der wenigen Musiker*innen, die das Versprechen von Manchester Rave – einer Fusion von Indie-Pop und Dance Music – tatsächlich einlöste. Sein Ambient-Dub-Projekt Sabres of Paradise war Anfang der Neunziger stilbildend, nach dessen Auflösung gründete er mit Keith Tenniswood Two Lone Swordsmen, deren siebtes Album gerade erschienen ist.

Wie bist du in deiner Kindheit mit Popmusik in Kontakt gekommen?

Als ich zehn oder elf war, fand in Großbritannien mit Bands wie T-Rex oder Slade Glamrock statt: Gleichzeitig gab es in dieser Zeit zwischen Anfang und Mitte der siebziger Jahre ein Rock’n’Roll-Revival. Als ich T-Rex im Fernsehen sah, wurde mir bald klar, dass es sich bei Marc Bolans Gitarren-Riffs um alte Rock’n’Roll-Riffs handelte – allein der Klang der Instrumente und die Mode war anders. So lernte ich, Musik zu entdecken und zu begreifen. Gleichzeitig war Popmusik für mich immer damit verbunden, anders zu sein: Die Vorstadt, in der ich aufwuchs, war nicht grau oder beklemmend, aber es gab keine Freiheit, sich auszudrücken und darzustellen. Als ich mit zwölf ein Bild von David Bowie mit der Augenklappe und dem unglaublichen Anzug sah, ging für mich alles los. Als ich vierzehn oder fünfzehn war, passierte Punk. Punk hat mich zur elektronischen Musik gebracht, zu Cabaret Voltaire und zu Throbbing Gristle.

Wie bist du zum Musikmachen gekommen?

Mit sechzehn oder siebzehn habe ich allein Musik gemacht. Ich hatte einen Hitlerjugend-Haarschnitt und eine perfekt sitzende Bundeswehr-Uniform. Ich habe auf eine Militärtrommel eingehauen und gesungen. Später war ich Teil verschiedener Bands, aber um Musik zu machen, ist Disziplin notwendig, und die hat mir damals gefehlt. Ich hatte gerade die Drogen entdeckt und mein Leben geriet außer Kontrolle. Ich jobbte, machte harte körperliche Arbeit, auf Baustellen etwa. Das gab mir eine enorme körperliche Kraft. Ich wurde nicht gewalttätig, habe Prügeleien nicht gesucht, bin ihnen aber auch nicht aus dem Weg gegangen. Bis ich achtzehn war, war ich gegen Drogen. In dieser Zeit fühlte ich mich unbesiegbar, das forderte mich heraus, Drogen zu nehmen: Speed und Whiskey. Ich war besessen von Kleidung und Musik.

Andy Weatherall 2007. Foto: Presse.

Wie hat man damals gefeiert?

Ich bin schon mit dreizehn oder vierzehn auf Parties gegangen, gleichzeitig mit Punk passierte Britfunk. Viele Punks kamen ursprünglich aus der Szene der Soul-Clubs. Man ging extrem herausgeputzt aus. Ich färbte mein Haar, trug einen Kamelhaar-Damenmantel mit Schulterpolstern – es war wie New Romantic, bevor das Phänomen zum Stil wurde. Gleichzeitig ging ich auf Punk-Konzerte. Wegen meiner Kleidung bin ich in meinem Vorort oft verprügelt worden. Mir gefiel das, dass ich mit meinem Aussehen jemanden so außer sich bringen konnte, dass er mich durch die Straßen jagte.

Wie entwickelte sich daraus die elektronische Tanzmusik?

Dann ging ich auf Warehouse-Parties, auf denen alle mögliche Musik lief: Northern Soul, Disco, Punk oder Reggae. Den DJs standen damals nicht hunderte von House-Platten zur Verfügung, vielmehr spielte man, was man in die Finger kriegte. Jedes Wochenende fuhren wir am Freitag ins Zentrum von London. Am Sonntag oder Montag kehrten wir in unseren Vorort zurück. Einmal nahmen wir Acid, als wir in unserem Vorort losfuhren, und das Acid begann schon unterwegs zu wirken. Wir hielten an und irrten auf der Autobahn herum, bis die Polizei auf uns aufmerksam wurde. Wenn ich jetzt zurückschaue, war das wirklich gefährlich, aber wenn man jung ist, ist einem das egal. Erst wenn man älter wird, entwickelt man ein Gespür für die Gefahr. Jetzt nehme ich keine psychedelischen Drogen wie LSD, Ectasy oder Ketamin mehr, weil ich diesen Kontrollverlust nicht mehr will.

Wie hat sich aus dem Ausgehen deine Tätigkeit als DJ entwickelt?

Als Teenager spielte ich auf privaten Parties, in Clubs hatte ich zunächst keinen Erfolg, weil mein Sound zu experimentell war. 1988/89 explodierte Acid House in London. Zunächst gab es nur zwei oder drei Clubs, die hundert bis zweihundert Leute fassten, der beste war das Shoom. Da lief House und Techno, aber auch New Beat, Front 242 oder Liaisons Dangereuses. Diese Musik überraschte mich kaum, weil ein Jeff Mills nicht so weit von Throbbbing Gristle entfernt ist. Ich begriff, wie meine Musik im Club funktionieren könnte. Ich habe dann zunächst auf Afterparties meinen weird shit gespielt und gelangte so zum Ruf, der Typ mit der ausgefallenen Schallplattensammlung zu sein. Weil ich mit der Geburt von Acid House verbunden wurde, buchte man mich auch auf normalen Parties und ich begann experimentellen House und Techno zu spielen.

Wie gelang dir der Sprung zum professionellen DJ?

Ein Jahr war das sehr schwierig, weil ich mehr Geld für Platten ausgab, als ich verdiente: Ich kriegte 50 Pfund und kaufte für 200 Pfund Platten. Ich betätigte mich eineinhalb Jahre lang kriminell und war mehrmals kurz davor, im Gefängnis zu landen. Eine Zeit lang suchte mich die Polizei, überall, wo ich hinkam, sagte man: die Polizei war hier, sie suchen dich. Ein Freund wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Ich begriff: so konnte ich nicht weiter machen. Tatsächlich wurde ich häufiger gebucht, Bands wollten mit mir ins Studio gehen.

„Als ich zum ersten Mal in ein Studio kam, wusste ich nicht, wie das funktioniert – und das weiß ich immer noch nicht.”

Wie bist du mit den Bands in Kontakt gekommen?

Als Acid House groß wurde, bin ich viel in Manchester ausgegangen. Primal Scream, die Happy Mondays oder My Bloody Valentine gingen in dieselben Clubs wie ich. Später fragten Bands nach Remixen, die ich nicht kannte, die meine Musik gar nicht verstanden. Aber ich arbeitete nur mit Leuten zusammen, zu denen ich einen persönlichen Kontakt hatte, mit denen ich im Club gefeiert habe, die mich als DJ schätzten. So ergab es sich ganz selbstverständlich. Wir waren alle Musikfans, die Musiker der Bands hatten nichts Überlegenes oder Snobistisches.

Wie kamst du im Studio zurecht?

Als ich zum ersten Mal in ein Studio kam, wusste ich nicht, wie das funktioniert – und das weiß ich immer noch nicht. Ich habe nie Manuals von Geräten gelesen, sondern bin stattdessen ausgegangen, habe gefeiert und Musik gehört – deshalb wurde ich ins Studio eingeladen: für meinen Enthusiasmus, für die interessanten Ideen. Primal Scream gaben mir absolute Freiheiten, es herrschte absolutes gegenseitiges Vertrauen. Bei der Produktion von Screamadelica kamen sie nur ganz selten ins Studio, nachdem sie die Basic-Tracks aufgenommen hatten. Wenn ich eine Demo von Primal Scream höre, dann weiß ich genau, was für Musik sie davor gehört haben. Bei Screamadelica hörte ich aus den Demos die Stooges und Miles Davis heraus, und das spielte ich Hugo, dem Engineer, vor. Wir kopierten nichts, wir kifften und hörten uns diese Musik an, um uns dessen Feeling einzuverleiben.

Die Andy Weatherall-Produktion „Higher Than The Sun” vom Primal Scream Album Screamadelica

Als ich als Teenager „Loaded” und Screamadelica hörte, konnte ich das zu nichts Bekanntem in Beziehung setzen.  

Magie ist nicht erklärbar. Es war ein absolut unkontrollierter Sound. Was die frühen Primal-Scream-Tracks auszeichnet, ist das bedingungslose Vergnügen an der Musik – und das, obwohl es auch ein melancholisches Moment gab.

Trotzdem klingen alle deine Remixe sehr unterschiedlich, der von „Soon“ von My Bloody Valentine etwa geht ganz anders vor als der von „Only Love Can Break Your Heart“ von Saint Etienne.

Weil ich über keine Formel verfüge, habe ich bei jedem Remix wieder ganz neu angesetzt. Heute ist es etwas anders: es gibt bestimmte Sounds, Techniken, Geräte, die sich wiederholen. Meine aktuelle Musik ist organisierter, nicht mehr so spontan zusammen geworfen. Damals hatte ich kein eigenes Studio, habe immer wieder neu angefangen, weil jedes Studio anders ausstattet war und anders klang.

Die ersten Alben von Two Lone Swordsmen klingen wie eine absolute Verdichtung dessen, was in der elektronischen Musik in den zehn Jahren zuvor passiert ist.

Das ist weird, das hören wir immer wieder. Als From The Double Gone Chapel erschien, sagten die Leute, die Tracks klingen wie die gesamte Musik der letzten zwanzig Jahre in meiner Plattensammlung. Natürlich kann man den Einflüssen nicht entgehen. Viel Musik, die ich schätze, ist die gescheiterte Nachahmung von etwas anderem. Deshalb liebe ich etwa die Cramps, sie machen eine upgefuckte Version von Rockabilly. Bei unserer Musik spürt man, woher ein Element kommt, aber die Musik geht nicht darin auf. Für eine Sekunde denkt man: „Das ist es“. Und in der nächsten: „Nein, es ist das.“ Diese Logik gefällt mir. Von den frühen Alben gefällt mir Swimming not Skimming heute am besten, es ist Minimal-House, bevor es diese Musik als Stil gab. Die Tracks klingen wie Basic Channel, tatsächlich haben wir Tonnen von Skunk geraucht und Reggae gehört.

Andy Weatherall 2007. Foto: Presse.

Wie kam es zur Auseinandersetzung mit der Rockmusik auf From The Double Gone Chapel?

Das frustrierte Rock-Ding kam durch meine Midlife-Crisis auf. Ich hatte die Wahl zwischen einem Sportwagen, einer jungen Freundin – oder zu singen: ich habe mich für das Singen entschieden. (lacht) Nein, so war es nicht. Vielmehr sind immer wieder Leute auf uns zugekommen und haben uns Sänger*innen für unsere Tracks vorgeschlagen, die meistens sehr bekannt waren. Ich wäre heute ein wesentlich wohlhabenderer Mann, wenn ich vor zehn oder fünfzehn Jahren Bobby Gillespie oder Liam Gallagher gebeten hätte, zu meiner Musik zu singen. Aber dann hätte ich nicht mehr das Gefühl gehabt, dass es meine Musik ist.

Also musste es deine eigene Stimme sein.

Mit meiner Stimme zu arbeiten, war eine echte Herausforderung, ich hatte seit meiner Jugendzeit nicht mehr gesungen. Es ist auch eine persönliche Sache: Als Undergrond-Artist kann man auf alles andere herabblicken und sich verstecken. Heute will ich mich aber nicht mehr verstecken. Sich der Kritik auszusetzen ist etwas Gesundes. Die Spannung vor den Auftritten ist mittlerweile keine Angst mehr, vielmehr eine nervöse Energie, die mich antreibt. Gestern haben wir auf einem Technofestival gespielt, da erwarten die Leute immer noch Musiker mit Laptops. Es tut gut, das Publikum vor den Kopf zu stoßen. Nichts anderes haben Bands wie Throbbing Gristle getan.

Nun veröffentlicht ihr gleich zwei Alben.

Das erste Album, Wrong Meeting, kommt zunächst nur als Vinyl heraus. Es erscheint in einer Box mit einem von mir gestalteten Druck, einem Buch und einem T-Shirt – von dem wird es nur 1000 Exemplare geben. Im Sommer wird ein zweites Album erscheinen, das erste wird im Herbst auch als CD erhältlich sein. Die Box soll etwas konkreteres, greifbareres, physischeres sein als etwas, dass man auch herunterladen kann. Das zweite Album entspricht mehr der modernen Welt, denn ich bin kein kompletter Technikfeind. Die Songs auf From The Double Gone Chapel haben wir zunächst als Instrumentals aufgenommen und danach erst die Vocals hinzugefügt. Diesmal ist beides gleichzeitig entstanden, deshalb ist das Songwriting wesentlich gelungener.

„Nostalgie ist gefährlich: sie ist der Grund, warum Menschen drogenabhängig werden. Sie wollen den Moment wieder erleben, als sie zum ersten Mal Drogen genommen haben – das ist unmöglich.”

Warum erscheinen Wrong Meeting I & II nicht mehr auf Warp?

Warp haben ihr ganzes Geld Maximo Park gegeben.

Würdest Du sagen, dass die elektronische Tanzmusik heute an Risikobereitschaft eingebüßt hat?

Heute ist es viel einfacher, Musik zu machen, und es gibt unfassbar viel. Jeder will seine Produktionen sofort veröffentlichen, dabei würde es ihnen oft gut tun, wenn die Musiker*innen ihre Tracks noch ein halbes Jahr liegen ließen. Ich selbst liebe die elektronische Tanzmusik noch immer. Ich habe Techno und House nicht hinter mir gelassen. Im Moment macht es mir aber manchmal mehr Spaß, die Platten anderer Leute zu spielen.

Welche aktuelle Clubmusik gefällt dir?

Ich mag Tracks, die nicht bloß Rhythmus sind, die auch eine Musikalität in sich haben. Für eine Zeit war mir Techno zu loop-bezogen. Ich mag Switch, Dubsided, einiges auf Get Physical – dreckige, sleazy, sexy Musik, wie Rockabilly und Dub früher. Musik, die tough genug ist für die Jungs und sexy genug für die Ladies. Minimal Music höre ich gerne, wenn ich früh in den Club komme oder ganz spät, wenn sich der Floor beruhigt hat – aber keinesfalls die ganze Nacht. Auf Ketamin mag diese Musik eine tolle Wirkung haben, aber für mich klingen viele Platten langweilig und unfunky.

Wie stehst Du zum zwanzigsten Jubiläum von Acid House, das im nächsten Jahr ansteht?

Ich bin kein Nostalgiker. Nostalgie ist gefährlich: sie ist der Grund, warum Menschen drogenabhängig werden. Sie wollen den Moment wieder erleben, als sie zum ersten Mal Drogen genommen haben – das ist unmöglich. Ich liebe mein musikalisches Erbe, aber ich will nicht davon leben. Ich könnte auf eine 20-Jahre-Acid-House-Tour gehen und viel Geld verdienen, aber kein Geld der Welt kann es einem vergelten, auf einer Bühne zu stehen und keinen Spaß an der eigenen Musik zu haben. Wenn ich gelangweilt oder blasiert werde, muss ich bloß ins Robert Johnson oder in die Panorama Bar gehen, dann ist die Energie sofort da.