Foto: James Elaine (Presse) William Basinski war vierzig Jahre alt, als er sein Debütalbum veröffentlichte. Nur kurze Zeit später machte ihn die Veröffentlichung der Disintegration Loops weltbekannt. Heute ist der US-amerikanische Komponist aktiver denn je. Und doch greift er immer wieder in die eigene Vergangenheit zurück, wenn sein musikalisches Material nicht sogar 1,3 Milliarden Jahre alt ist. Kristoffer Cornils hat den Berufsmelancholiker zum Gespräch getroffen. Als William Basinski fünf Jahre alt ist, wird er von seiner Klavierlehrerin überfahren. Es ist eine bizarre Szene, in tiefes Sepia getaucht: Sie, die er sowieso nicht leiden kann, trägt eine Nazi-Uniform und fährt auf einem Motorrad mit Beiwagen. Sie starrt ihn an, gibt Gas und rast von hinten in ihn rein. Das passiert nicht nur einmal, sondern immer wieder, Nacht für Nacht. Es ist ein Traum, der Basinski als Kind verfolgt. Heute lacht er, wenn er davon erzählt, laut und schallend. So wie er überhaupt so unfassbar fröhlich ist, hier und heute, in seinem kitschig dekorierten Zimmer in einem Berliner Konferenzhotel über fünf Jahrzehnte später. Er bietet Bier an, schwärmt von Zugfahrten durch den italienischen Frühling und springt in Windeseile von einem Gedanken zum nächsten. Jeder Erwähnung seiner Wegbegleiter*innen wird eine liebevolle Lobrede vorangestellt. Der Room40-Mitbetreiber Lawrence English: „a polymath“. Die Produzentin Jlin: „Such a doll! My little girl“. Die Musik Basinskis scheint das exakte Gegenteil der überschwänglichen Person dahinter zu sein: langsam, getragen, melancholisch. Die ausufernden Ambient- und Drone-Stücke des US-Amerikaners schweben durch den Raum, sie dehnen die Zeit. Und entlarven nebenbei die Tragik aller Träume, weil sie immer auch von deren Scheitern erzählen. Auflösungserscheinungen und der Tod sind in seinem Schaffen stetig präsente Konstanten, auf jedem Album wieder, seit spätestens 1998. Ich wollte Bowie sein  Es ist wohl kein Zufall, dass eine andere Kindheitserinnerung Basinski direkt in die St. Anne-Kathedrale in seiner Heimatstadt Houston im US-amerikanischen Bundesstaat Texas führt. Das Licht, der Raum, die Musik katholischer Messen – das alles fasziniert ihn, bläut ihm Ehrfurcht ein. Genauso aber verfällt er der Popkultur, genauer dem Sound der sogenannten British Invasion: „Wir haben die Beatles bei der Ed Sullivan Show gesehen. Das hat eine ganze Generation ruiniert!“ Es sind aber nicht nur in popkultureller Hinsicht aufregende Zeiten, in die der 1958 geborene Komponist hineinwächst. Denn die Familie wohnt nicht ohne Grund in der Stadt: Sein Vater arbeitet bei der NASA, Basinski bekommt das space race der sechziger Jahre hautnah mit. Wenn die Familie die imposante Kathedrale besucht, dann sitzen auch Astronauten und ihre Familien im Kirchenschiff. Vater Basinski darf mit seinen Söhnen nicht über die Arbeit sprechen, die beiden erliegen dennoch dem Weltallfieber. Als die Familie der Arbeit des Vaters wegen zwischenzeitlich in den Bundesstaat Florida umzieht, beobachten sie nachts vom Strand aus die Raketentests. Der junge William träumt dieselben Träume seiner Generation, von unendlichen Weiten und unerforschten Gebieten. Stream: William Basinski – „Watermusic II“ Vielleicht also ist es kein Zufall, dass Basinski später als Teenager im „Starman“ David Bowie seinen größten musikalischen Helden finden sollte. „Er war mein Idol. Mein Lehrer wollte, dass ich die erste Klarinette bei den New York Philharmonikern werde – doch ich wollte Bowie sein! Ich liebe seine Musik. Er war ein spektakulärer Mensch und Künstler“, sagt er heute. Bowie wird für den Teenager auch deswegen eine wichtige Bezugsperson, weil er in den siebziger Jahren mit seinem dezidiert androgynen […]

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Kristoffer Cornils war zwischen Herbst 2015 und Ende 2018 Online-Redakteur der GROOVE. Er betreut den wöchentlichen GROOVE Podcast sowie den monatlichen GROOVE Resident Podcast und schreibt die zweimonatliche Kolumne konkrit.