Mathew Jonsons Album Agents Of Time erscheint am Ende eines Techno- Jahrzehnts, das ihm einige der schönsten Tracks und Momente reinster, exzessiver Abfahrt verdankt. In dieser Zeit konnte er seine Persona als Produzent, DJ und Liveact mit großem Erfolg entwickeln. Was offenbar geplant war, denn schon seine erste Maxi von 2001 hatte er prophetisch „New Identity“ genannt. Von seiner jetzt erscheinenden ersten LP als „Debüt“ zu sprechen, fällt angesichts der vergangenen Dekade und dabei den zahlreich entstandenen Nebenprojekten (Cobblestone Jazz, The Modern Deep Left Quartet) schwer. Vielmehr könnte sie als ein neuer Werkabschnitt, ein neuer Aspekt des Phänomens Mathew Jonson verstanden werden. Andererseits weiß Jonson aber auch um den Reflex der Geschichtsschreibung und ihre Liebe zum Kontinuum und stellt daher eine seiner erfolgreichsten Veröffentlichungen neu bearbeitet ins Zentrum: „Marionette (The Beginning)“, ein Edit seines Hits von 2005, fordert den Vergleich zwischen Gestern und Heute provokativ heraus. Der bekannte Pianoloop ist deutlich in den Vordergrund gerückt und sein psychotisches Zirkulieren ultimativ verstärkt. Die Drums klingen insgesamt reduzierter, verhaltener, was den neuen Sound glättet, seine analoge Materialität weniger ausstellt und ihn so tendenziell entkörperlicht. Auch die Stücke „Girls Got Rhythm“, „Thieves In Digital Land“ und „Sunday Disco Romance“, die in bekannter Manier prägnante Melodiefiguren mit unnachahmlichen Grooves verschalten, befinden sich in dieser Spannung: Sie haben gegenüber den früheren Produktionen nichts von ihrer Intensität verloren, und doch erscheinen sie seltsam fern, fast entrückt.

In diesem Sinne ist es nur konsequent, dass sich Jonson das Albumformat auch für langsamere, synthetische Down- und Breakbeats zunutze macht. Hier zeigt sich aufs Neue sein Gespür für Melodieführung und Harmonie, mal romantisch-schwelgerisch („Love In The Future“, „When Love Feels Like Crying“), aber auch mal unheimlich und drängend („Night Vision“, „New Model Robots“). So spielt er auch ein bisschen auf den Electronica-Allgemeinplätzen, deutet in Richtung ihrer Pioniere, entgeht dennoch jedem Ambientklischee und damit auch der Lounge-Area. Und das titlestück am Ende des Albums steuert sowieso ins Jenseits aller Kategorien, ist eine elektronische Fantasie der Jetztzeit.

Agents Of Time zielt ganz offenbar weniger auf das direkte, physische Miterleben, als vielmehr auf die Imagination einer stillgestellten Gegenwart, die zwischen Vergangenem und Zukünftigem Bestand hat. Die Abkehr von der Unmittelbarkeit bringt dem Album ein genuines, sehnsuchtsvolles Popmoment ein, ist Abglanz der Erinnerung wie ungewisse Vorahnung und macht es so zum retrofuturistischen Soundtrack der Gegenwart.