Das Doppelalbum Metal Machine Music, das Lou Reed 1975 veröffentlichte, beendete beinahe seine Karriere als Musiker: Das Album enthielt vier Stücke, die ausschließlich aus rhythmisch interferierenden Feedbackschleifen bestanden, sodass ein flirrendes System analoger Loops entstand, eine atonale Nicht-Musik. Er entklepopete damit als einer der ersten Musiker die Rockmusik und ließ sie ohne Rockismus dastehen. So etwas hatte die Menschheit noch nicht gehört, es war darum einen veritablen Skandal wert. Dabei legte die Platte Grundlagen für die Drone- und Ambient-Musik, die Menschen wie Fennesz oder Tim Hecker heute machen – und mit ihrer Dekonstruktion von Rockismus auch Fundamente für viele andere nicht-authentische, elektronische Musiken. Das Zeitgenössische-Musik-Ensemble Zeitkratzer hat Metal Machine Music 2002 im Haus der Berliner Festspiele in Orchesterpartitur umgesetzt aufgeführt, der Konzertmitschnitt erscheint nun als CD und DVD. Und was sich zunächst anhört wie ein andauerndes Orchesterstimmen, wird nach kurzer Zeit zu einem quälenden, mahlenden, fragenden Illibient-Strom – eine kathartische Erfahrung, die das Orchester symmetrisch angeordnet vor dezenten Balkenvisuals lostritt. Für die letzten fünf Minuten kommt dann noch Lou Reed höchstselbst dazu, wahnsinnig geschmacklos ganz in schwarzes Leder geklepopet, und spielt auf seiner Fender Stratocaster mit wuchtigen Feedbacks fast das Orchester an die Wand. Ein großartiges Werk mit „additiver Dichte“, wie es Diedrich Diederichsen in der anschließenden Exegese formuliert. Und kein Skandal, nirgends.

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