Hausbesuch bei SEVEN in Berlin: „Unser Wunsch ist es, Menschen über die Musik zusammenzubringen”

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Im Frühling eröffnete mit dem SEVEN Community Record Store das neueste Projekt des jungen Berliner House-Labels SEVEN. Hinter dem Laden verbirgt sich jedoch weit mehr als nur ein Ort zum Plattenkaufen. Neben dem Versand für verschiedene Berliner Labels und dem Betrieb eines eigenen Fotostudios will SEVEN einen Community-Treffpunkt der elektronischen Musik schaffen.

GROOVE-Autor Daniel Böglmüller hat dem Plattenladen einen Besuch abgestattet. Labelgründer Glenn Elliott, der auch für den BCCO-Podcast zuständig ist, und CRYME sowie Store-Kurator Jonny (mojo) erklären die Vision hinter SEVEN, den Aufbau neuer Strukturen für die Berliner Clubszene, kommen auf Vinyl-Digging zu sprechen und beantworten die Frage, was einen guten Plattenladen heute eigentlich ausmacht.

Der Laden in der Torstraße 220 wirkt von außen eher unscheinbar: ein Schaufenster mit zwei Sitzgelegenheiten davor, in dessen linker unterer Ecke in pink-roter Schrift SEVEN Community Record Store” steht. Im ersten Moment weist noch nichts auf einen fein sortierten und kuratierten Plattenladen hin. Das ändert sich, als ich die Tür aufdrücke. Im Laden ist alles fein säuberlich nach Genre sortiert. Vier Listening-Stationen mit Sitzmöglichkeiten ermöglichen es, in Ruhe seine Platten zu hören, bevor man sich für oder gegen einen Kauf entscheidet.

Der SEVEN Community Record Store in der Torstraße von innen.
Der SEVEN Community Record Store in der Torstraße (Foto: Presse)

Das Herzstück des Stores ist jedoch eine Konstruktion aus pfeilerartigen Elementen, die ein DJ-Pult bilden. In einem leichten Rosa gestrichen, verliert die Konstruktion ihre ursprüngliche Härte und wirkt beinahe weich. Diese farbliche Komponente zieht sich durch den gesamten Store und verleiht dem Raum trotz der teils unverputzten Wände und den Hochglanz-Stahlelementen eine besondere Atmosphäre. Zufall ist das, wie alles bei SEVEN, nicht. Der Store wurde von dem Innenarchitektur- und Design-Kollektiv YONT Studio entworfen. Er spiegelt damit das wider, was Label und Plattenladen schaffen möchten: Einen einladenden Community Space für alle.

„In den ersten zwei Wochen nach der Eröffnung kamen deutlich mehr Leute, als wir erwartet hatten.”

CRYME

Von Träumen und Ladenhütern

Begrüßt werde ich von Glenn Elliott, dem Mitgründer und Strippenzieher von SEVEN. Der in Newcastle geborene Brite, der in einem früheren Leben ein HR-Startup gegründet hat, zeigt mir verschiedene Platten. In einer Ecke werden neben den T-Shirts von SEVEN auch Klamotten und Merch des Labels LAYERS und der Partyreihen Pornceptual und M.A.S verkauft. Glenn erzählt von der Opening-Party vor knapp zwei Wochen. „Ich dachte, die Leute kommen nur für die gratis Drinks, aber im Endeffekt haben wir dann doch ziemlich viele Platten verkauft”, sagt er und lacht dabei herzlich. Nachdem er mir fast beiläufig das Fotostudio zeigt, in dem Mara Menzel, die label-eigene Fotografin zugange ist, leitet er mich am Verkaufstresen vorbei in den hinteren Teil des Ladens. Dort eröffnet sich das eigentliche Herzstück von SEVEN: ein weitläufiger Raum mit zahlreichen gerahmten Schallplatten an den Wänden, einer Druckmaschine für das hauseigene Merchandise und mehreren Arbeitsplätzen, von denen aus sowohl der Onlineshop als auch das eigene Magazin Hinterhaus betrieben werden.

Die SEVEN-Gründer CRYME und Glenn Elliott in ihrem Laden.
Lieben ihren Laden: CRYME (li.) und Glenn (Foto: Presse)

Kurz darauf stößt auch CRYME zu uns. Der DJ und Produzent gründete SEVEN gemeinsam mit Glenn im Jahr 2024 und veröffentlicht dort seitdem regelmäßig seine Musik. Jonny, der die Plattenauswahl im SEVEN Community Store kuratiert, kommt erst später dazu, schließlich muss jemand den Laden hüten und die Kundschaft beraten. „Ich hätte nie gedacht, wie sehr ich es lieben würde, einen Plattenladen zu besitzen”, sagt Glenn. „In den ersten zwei Wochen nach der Eröffnung kamen deutlich mehr Leute, als wir erwartet hatten.” Besonders freue ihn, dass viele Menschen lange bleiben, sich Zeit nehmen und die Platten aufmerksam anhören.

Als Glenn und CRYME ihr Label SEVEN vor fünf Jahren gründeten, war die Idee eines eigenen Ladens noch weit entfernt. „SEVEN sollte immer ein Label sein, bei dem die Musik wirklich an erster Stelle steht”, so CRYME. Mit der Zeit wurde jedoch der Wunsch immer größer, einen physischen Ort für die Community zu schaffen, einen Treffpunkt, wo die Berliner Szene zusammenkommen, Musik entdecken und sich austauschen kann.

Mit Philosophie für FLINTA*

Die beiden sprechen über die Philosophie hinter SEVEN. „Schon bei der Gründung war uns klar, dass wir ein Label schaffen wollen, das queere, BIPoC- und FLINTA*-Künstler:innen repräsentiert”, so CRYME. „In der elektronischen Musik gibt es nach wie vor strukturelle Ungleichheiten. Vieles wird immer noch von heterosexuellen weißen Männern geprägt und geleitet”, ergänzt Glenn. Er wolle das zwar nicht pauschal verurteilen. Schließlich gebe es viele großartige Menschen darunter. Außerdem seien viele ihrer Freunde hetero, weiß und männlich. „Trotzdem finden wir es wichtig, dass SEVEN klar queer- und FLINTA*-orientiert ist.”

Dieser Anspruch spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Nach Angaben des Labels sind 55 Prozent der vertretenen Artists FLINTA*, 56 Prozent Teil der LGBTQIA+-Community und 33 Prozent BIPoC. „Wir sind kein ausschließlich queeres Label, wir wollen für alle da sein, unser Wunsch ist es, Menschen über die Musik zusammenzubringen, das ist auch die Philosophie für unseren Store”, erklären die beiden.

„Wir finden es wichtig, dass SEVEN klar queer- und FLINTA*-orientiert ist.”

Glenn

Sie führen mich weiter durch die Räumlichkeiten von SEVEN. Wir betreten einen Raum, dessen Wände von deckenhohen Regalen gesäumt sind. Darin lagern Schallplatten, T-Shirts, Schlüsselanhänger, Ortofon-Systeme und USB-Sticks. Von hier aus werden der Onlineshop und der gesamte Plattenversand des Labels koordiniert. Während Glenn mir einige Releases zeigt, erzählt er, dass SEVEN inzwischen den kompletten Bandcamp-Versand für Big Trouble Records, Lethal Loops Records und seit Kurzem auch für das FLINTA*-Kollektiv LAYERS übernimmt.

Mehrere Platten, darunter eine FLINTA-Section, im Community Record Store SEVEN in Berlin
SEVEN sortiert auch eine eigene FLINTA*-Sektion (Foto: Presse)

Ob sie den Versand künftig weiter ausbauen möchten? Glenn muss nicht lange überlegen: „Ja, wir würden sehr gerne noch mehr machen.” Die Zusammenarbeit mit den bisherigen Labels habe für sie als eine Art Testphase gedient. Sie hätten dabei viel gelernt und fühlten sich nun bereit für den nächsten Schritt. „In einem Monat können wir den Versand für alle Labels in Berlin machen”, sagt Glenn lachend. „Für alle wird dann doch ein bisschen viel”, wirft CRYME schmunzelnd ein. Langfristig gehe es ihnen vor allem darum, möglichst vielen unabhängigen Labels einen professionellen Versand zu ermöglichen. „Ich kenne viele DJs, die 500 Platten bei sich im Wohnzimmer auf dem Boden liegen haben und jede einzelne selbst verpacken und verschicken. Das ist ein unglaublicher Aufwand”, so Glenn.

Vorbereitung ist vieles

Ich frage die beiden, wie es überhaupt zu der Idee kam, gemeinsam ein Label zu gründen. „Wir kennen uns schon seit einigen Jahren, irgendwann bin ich CRYMEs Manager geworden”, erinnert sich Glenn. „Die Idee, ein eigenes Label zu gründen, kommt wahrscheinlich irgendwann jedem DJ. Ich habe sie Glenn vorgeschlagen, und er war sofort begeistert”, ergänzt CRYME.

Nachdem Glenn nach Berlin gezogen war, arbeitete er zunächst als Booker und Manager. Für das Label gab er diese Tätigkeiten auf. Auch als Veranstalter hatte er sich mal versucht, wirklich erfüllt habe ihn diese Arbeit jedoch nicht. „Events sind mit einem unglaublichen Aufwand verbunden, aber nicht besonders nachhaltig – nach einer Nacht ist alles wieder vorbei. Die Labelarbeit und inzwischen auch der Plattenladen sind da anders. Menschen haben viel länger Freude an dem, was wir produzieren.”

Die Plattenladenbesitzer CRYME und Glenn Elliott mit SEVEN-T-Shirts.
Machen lieber Platten statt Partys: CRYME (li.) und Glenn von SEVEN (Foto: Presse)

Unser Gespräch wird kurz von Jonny unterbrochen. Eine Kund:in hat Platten über den Onlineshop zur Abholung bestellt. Glenn weiß sofort, um welche Releases es sich handelt und wo alles zu finden ist. Die Situation ist sinnbildlich für das Maß an Professionalität und Liebe zum Detail, das sich bei SEVEN in jedem Bereich wiederfindet. Dass Glenn mir wenig später erzählt, sie hätten noch nie einen Release verschieben müssen und dass alle Veröffentlichungen für den Rest des Jahres bereits fertiggestellt seien, unterstreicht diesen Eindruck noch einmal. „Selbst die Releases für Januar 2027 stehen schon”, wirft CRYME hinterher.

Immer schön lächeln!

Wir kommen noch einmal auf den Record Store zu sprechen. In der Mitte des Raumes steht das markant-brutalistische DJ-Pult. Hier haben schon 89 Künstler:innen einen Mix für die labeleigene Serie aufgenommen. Aber auch andere Kollektive und Musik-Live-Streams haben mit dem SEVEN Community Store einen neuen Szene-Treffpunkt gefunden. Erst am Tag vor unserem Gespräch gastierte The MUDD Show im Plattenladen. „Events anderer Labels sind bei uns immer willkommen, das gehört auch zu unserem Community Gedanken”, so Glenn.

Nicht umsonst steht das Label SEVEN unter dem Motto „Smile When You Dance”. Der Satz ist fast überall im Store wiederzufinden. Für die Geschichte dahinter muss Glenn ein bisschen ausholen. „Bei einem Gig von CRYME im ÆDEN hat mich eine Frau auf dem Dancefloor einfach angelächelt. Ich habe mich umgeschaut, und mir ist aufgefallen. Sie war die Einzige, die gelächelt hat. Da habe ich mich gefragt: Warum eigentlich?”

Die SEVEN-Gründer CRYME und Glenn Elliott lächeln.
Lächeln gehört zu SEVEN dazu (Foto: Presse)

Als sie ein paar Jahre später SEVEN gründeten, erinnerte sich Glenn an die Situation. Also beschloss er mit CRYME, dass SEVEN für gute Laune, einen positiven Vibe und Offenheit für alle stehen soll. „Was steht mehr für diese Grundsätze als ein Lachen?”, fügt CRYME abschließend hinzu.

Klein kaufen, kompakt freuen

Die beiden müssen wieder an die Arbeit – Label, Online-Versand und Record Store leiten sich schließlich nicht von alleine. Zu mir gesellt sich stattdessen Jonny. Der Kölner ist unter dem Pseudonym Mojo selbst als DJ tätig und hier für das verantwortlich, was einen guten Record Store auf das Essenzielle heruntergebrochen ausmacht: die Platten.

Wir verstehen uns direkt gut. Jonny hat eine freundliche, lockere Art, und man merkt, dass er viel erzählen möchte. „Ich habe gerade die Möglichkeit, meinem Traumjob nachzugehen.” Das Diggen von Platten sei für ihn schon immer eine große Leidenschaft gewesen. Bei SEVEN die Möglichkeit zu haben, die Auswahl für einen ganzen Plattenladen kuratieren zu dürfen, mache ihn sehr glücklich.

Ich frage ihn, wie er die Selektion für den SEVEN Record Store angeht. „Die Auswahl ist sehr house-fokussiert, mit Prog-Tech- und Trance-Einflüssen. Alles ist vom Sound her ein wenig verspielt”, so Jonny, der mir versichert: „Jede Platte ist dancefloor-ready.” Ein paar Ambient-Vinyls seien zwar auch dabei, aber der Store sei hauptsächlich auf DJs ausgelegt. Gediggt habe er dafür eher in kleinen Plattenläden europaweit, wie beispielsweise Carpet & Snares in Lissabon oder Subwax in Barcelona. „Ich versuche auch hauptsächlich bei kleineren Distributionen einzukaufen. Die Platten der Großen hat eh jeder Store in Berlin schon auf Lager”, fügt er hinzu.

Jonny hat eigentlich Journalismus studiert. Das Schreiben ist neben dem DJing seine zweite Leidenschaft. Er findet, dass die beiden viele Gemeinsamkeiten haben: „Als DJ muss man genauso gut recherchieren können. Erst wenn du dich bei Discogs auch mal durch die Sublabels gräbst, findest du die wahren Schätze. Viele Platten für den Store habe ich so gefunden.” Auch lokalen und kleinen Labels möchte er eine Plattform bieten. Dafür schreibt er diese immer wieder initiativ an. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir auf unserem eigenen Label Instinkt Lab die erste Platte veröffentlicht haben und Kompakt in Köln die ersten zehn Exemplare bestellt hat. Da freut man sich einfach.”

„Be quick on this one!”

Wer bei SEVEN kauft, kennt sie schon. Allen anderen fallen sie direkt auf: kleine Notizzettel, die auf den Plattencovern kleben.  Jonny lacht, als ich ihn darauf anspreche, und entgegnet: „Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass das so etwas Besonderes ist, aber total viele Kund:innen haben mir schon gesagt, wie toll sie die Notizen finden.” Was konkret darauf steht, frage ich ihn, und er erklärt mir, dass es Notizen seien, die er selbst gerne in Plattenläden sehen würde, um besser vorselektieren zu können. „Repress Alert!”, „Be quick on this one!”, „Vinyl only!” wären Beispiele dafür.

Viele Platten mit kleinen Notizen im Community Record Store SEVEN in Berlin.
Jonny bringt kleine Notizen an den Platten an (Foto: Presse)

Wir sprechen darüber, wie Jonny zu SEVEN gekommen ist. Er erzählt, dass er nach seinem Studium beim Interviewformat von Telekom Electronic Beats angefangen hat. Dort führte er schließlich auch ein Interview mit CRYME. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit ihm und Glenn kamen die drei auf Jonnys Leidenschaft für Vinyl zu sprechen. Damals bot Jonny an, die Distribution von SEVEN zu unterstützen, zunächst auf Freelance-Basis und noch von Köln aus. „Als dann die Idee mit dem Plattenladen aufkam, wurde mir hier ein Vollzeitjob als Kurator angeboten. Dafür habe ich natürlich alles stehen und liegen lassen”, erinnert er sich. „Das ist mein persönlicher Traum. Ich wollte schon immer in einem Plattenladen arbeiten. Hier habe ich jetzt sogar den finanziellen Spielraum und die kreative Freiheit, mich richtig austoben zu können”, schwärmt Jonny.

Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich von Jonny wissen, was einen guten Record Store ausmacht. Er holt zunächst etwas weiter aus: „Da gibt es so viele Faktoren und Einflüsse. Aber ganz grundsätzlich ist es schon einmal wichtig, dass eine gewisse Vorselektion stattgefunden hat und natürlich auch Preise an den Platten zu finden sind.” Gerade für junge DJs, die mit Musik noch nicht so viel Geld verdienen, sei es wichtig, nicht jedes Mal spontan eine 80-Euro-Platte kaufen zu müssen. „Schon vor dem Gang zur Kasse zu wissen, womit man es zu tun hat, finde ich gut.”

„Von 400 Platten, die wir einkaufen, sind vielleicht 30 bis 40 von FLINTA*-DJs.”

Jonny

Auch ein guter Mix aus neuen und gebrauchten Platten ist ihm wichtig. Im SEVEN Record Store sei dieser Bereich momentan noch ausbaufähig, daran arbeite er aber bereits. „Es ist gar nicht so einfach, gute Used-Sections aufzubauen, oft sind diese sehr teuer. Wir sind da dran und haben vor Kurzem eine ziemlich tolle Sammlung an alten Platten gekauft.” Eine weitere Idee, die er gerne noch umsetzen möchte: ein eigener Bereich für Platten von FLINTA*-Künstler:innen. „Von 400 Platten, die wir einkaufen, sind vielleicht 30 bis 40 von FLINTA*-DJs. Diese Unterrepräsentation ist enorm, obwohl es so viele großartige Künstler:innen gibt. Im Store mehr Sichtbarkeit dafür zu schaffen, ist mir sehr wichtig.”

Neben den Platten sei da auch noch eine weitere Sache, die für einen guten Record Store essenziell sei, sagt Jonny: ein freundliches und einladendes Klima. Ich kann ihm dabei nur zustimmen. Jede Person, die sich für Vinyl interessiert, kennt wahrscheinlich den Moment, in dem man einen Plattenladen betritt und zunächst kritisch gemustert wird. Zumindest bei SEVEN, das machen die Gespräche mit Glenn, CRYME und Jonny deutlich, dürfte das so schnell nicht der Fall sein.

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