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Jonzon im Phuture Channel im Berliner OHM: „Du sitzt da und denkst dir, das könnte jetzt ewig so weitergehen”

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Mit DJs wie Rok, Wolle XDP, Ellen Allien, Roland 138 BPM oder Tanith gehört Jonzon zu den stilprägenden DJs des Techno-Berlins der Neunziger. Dabei unterscheidet sich der schon 1957 geborene Jonzon von den meisten Kolleg:innen dadurch, dass er schon vor seiner DJ-Tätigkeit in diversen prägenden Berliner Bands der 1980er aktiv war.   

Für den Punk- und Metal-Avantgardisten Caspar Brötzmann saß er am Schlagzeug, ebenfalls war er bei Zatopek aktiv, deren Musik er als Kirmes-Punk beschreibt. Aufzulegen begann er in den Achtzigern – zunächst in der Kreuzberger Bar Grex/Bee Hive von Kemal Kurum an der Ecke Wrangelstraße/Eisenbahnstraße und im Blue Note in der Courbièrestraße am Rand von Schöneberg, einer Jazzbar. Die waren offen genug, um seine Hip-Hop- und Proto-House-Experimente zuzulassen, erinnert er sich. 

Als es mit dem Auflegen losging, gab Jonzon das Drumming auf. „Meine Ohren haben gelitten – ein Jahr mit Caspar zu spielen, war strapaziös. Es gab auch ein paar Vorfälle, wo der Mixer Murks gemacht hat. Und ich hatte ein Knalltrauma aus der Kindheit. Es hat sich aber gebessert. Eine Zeit lang hat man überall im Lande erzählt: ‚Legt der Jonzon denn überhaupt noch auf? Der ist doch total taub.‘ Das ist total übertrieben.” 

Tresor-Macher Dimitri Hegemann lernte Jonzon schon 1989 kennen, schließlich war Hegemann auch in einer Reihe von Bands aktiv. Kein Wunder also, dass Jonzon nun bei der Premiere des Phuture Channel im OHM auftritt. Was sich Hegemann bei seinem neuen Format gedacht hat? „Stellt dir einen musikalischen History Channel vor. Dieser Kanal spürt die Tracks auf, die zu den Sounds geführt haben, die wir heute hören.” Was ihr da zu erwarten habt? Den GROOVE-Autoren Jakob Senger und Alexis Waltz stellt Jonzon fünf Stücke aus fünf Jahrzehnten vor, die am Samstag im OHM laufen werden. 

US 69 – „A Spaced Oddity”, auf Yesterdays Folk (Buddah Records, 1969)

Das ist meine absolute Lieblings-Psychedelic-Rock-Platte. Das Ding ist zehn Minuten lang und wird ab der Hälfte ziemlich dronig. Deshalb lass ich es meistens nicht ganz durchlaufen. Das Stück hat einen nonchalanten Beat und auch die Produktion mit Strings, Pizzicato und den Rückwärts-Effekten ist klasse – mehr braucht es nicht. Ich bin über Gilles Petersen auf die Platte aufmerksam geworden, das muss eine seiner Lieblingsscheiben sein. Jedenfalls musste ich nur ein paar Sekunden davon hören – dann war ich überzeugt. 

Bruce Haack – „Stand Up Lazarus”, auf:  Farad: The Electric Voice (Stones Throw, 2010)

Diese Platte habe ich vor gut zehn Jahren beim Stöbern auf Discogs entdeckt. Bruce Haack war nicht nur Musiker, sondern Elektronik-Pionier. Der hat in den Sechzigern schon Synthies entwickelt und einen Vocoder gebaut. Dieses Stück ist auf der postum veröffentlichten Compilation Farad erschienen, die nach dem Faradayschen Käfig benannt ist. Und gerade „Stand Up Lazarus” war für das Jahr ’78 unglaublich fortschrittlich, das hörst du an jeder Ecke raus. Das Stück erinnert an Liaisons Dangereuses – für deren Sound könnte Bruce Haack ein Vorbild gewesen sein. 

Bill Williams & Billeo – „Robot People” (WCM, 1983)

Funk, Boogie, Vokoder: das ist eine Killer-Tune, ziemlich heiß und rar, extrem rar sogar. Und unglaublich lebendig. Die Platte habe ich auch vor etwa zehn Jahren bei Discogs entdeckt. Mich begeistert die Rhythmik, die Stringenz, das Stück ist gnadenlos. Und alles wurde live mit nur fünf Spuren eingespielt. Bass, Drums, Gitarre, Stimme, Synthesizer, das ist extrem guter, organischer Funk. Alles ist handgemacht, das hörst du sofort – da ist keine Drummachine im Gang.  

Rei Harakami – „Backstroke”, auf Red Curb (Sublime, 2001)

Rei Harakami ist ein ziemlich unbekannter Typ aus Japan, der jung verstorben ist. Ich hab’ das Stück in einem Set gehört und musste es mir sofort auf Platte besorgen. Der Titel sagt’s ja schon: Rückenschwimmen. Der Track hat was Erhebendes, er ist gleichzeitig unbekümmert und leichtlebig – und bringt aber trotzdem dieses futuristische Element mit rein.  

Damon Lamar – „Large Crowd (Revived From Dat – 1998)”, auf: Damon Lamar/Specter, The Tetrode Sessions (Tetrode, 2009)

Diese Platte hab’ ich zum Glück vor Jahren noch günstig bekommen, mittlerweile ist sie viel zu teuer. Es gibt nur ein Problem mit dem Stück „Large Crowd”, und zwar die Laufzeit. Das Stück könnte ruhig noch zwanzig Minuten so weiter laufen. Es gibt einfach so Tracks, die in bestimmten Momenten einen Nerv treffen. Du sitzt dann da und denkst dir: Das könnte jetzt ewig so weitergehen. Obwohl die beiden aus Chicago kommen, ist das ein ziemlich eingängiger Detroit-Sound. Und du hörst sofort raus, dass es von einem alten DAT gemastert wurde. Das ist jetzt kein Knaller, bei dem du sofort auf die Tanzfläche laufen musst – sondern dezent und einfach gut produziert.  

Der Phuture Channel eröffnet am Samstag, dem 15.11.2025 von 16 bis 22 Uhr mit Jonzon im OHM in Berlin-Mitte. Der Eintritt ist frei. 

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