Die kommenden zwei Wochenenden verwandelt sich das beschauliche Krems wie jedes Jahr vom Wein- ins Experimentalbiotop – das Donaufestival bringt neben Lesungen und Kunstperformances auch musikalische Acts wie Marie Davidson, Oneohtrix Point Never oder Peaches in die niederösterreichische Stadt.
Ein weiteres Highlight bildet der Auftritt von Abdullah Miniawy, der gemeinsam mit zwei Posaunisten die Bühne betreten wird. Der ägyptische Vokalist bespielt mit seiner Stimme unterschiedlichste emotionale und tonale Register und veröffentlichte eben gemeinsam mit Simo Cell ein Album auf Dekmantel. Für uns hat er vorab einen Mix aufgenommen und ein paar Fragen zu seiner künstlerischen Praxis beantwortet.
2023 wurdest du bei den Les Victoires du Jazz für das beste Weltmusik-Album ausgezeichnet. Was bedeutet dir das?
Es ist eine große Anerkennung durch eine der anspruchsvollsten Kunstszenen der Welt. In Frankreich sind die Qualität, die technischen Fertigkeiten und das Talentlevel unübertroffen. Die Musiker arbeiten mit solcher Hingabe, und ich fühle mich zutiefst geehrt, dort anerkannt zu werden. Das ist eine sehr prestigeträchtige Auszeichnung, und sie bedeutet mir viel. Gleichzeitig versuche ich, mich nicht zu sehr an Namen oder Titel zu klammern. Auszeichnungen sind schön, aber die Musik selbst ist immer größer als der Rahmen, den wir um sie herum setzen.
Wenn du einen Genrebegriff für deine eigene Musik erfinden müsstest, welcher wäre das?
Ich glaube nicht wirklich an Formen oder an die Notwendigkeit, alles zu benennen. In dem Moment, in dem wir etwas einen festen Namen geben, verliert es manchmal seinen Reiz. Ich würde meine Musik keinem Genre zuweisen. Sie ist etwas sehr Persönliches und in vielerlei Hinsicht einzigartig. Musik sollte für mich lebendig, atmend und ungebunden bleiben.
Ein Trio, bestehend aus zwei Blechbläsern und einer Sängerin, mag zumindest für ein westliches Publikum wie eine ungewöhnliche Kombination erscheinen. Wie kam sie zustande und inwiefern kommt sie deinem Gesang und deiner Stimme bei Live-Auftritten zugute?
Ich liebe es, aufzutreten, und ich liebe, zu verändern, was man erwartet. Also: Das ergab sich ganz natürlich – als etwas Ungewöhnliches. Mit dem Großteil meiner Arbeit verhält es sich so, besonders seit ich mich von Projekten befreit habe, die mir als kollektive Ansätze zu schwerfällig erschienen.
Dieses Trio ist unüblich, aber ich lebe, denke und schaffe auf ungewöhnliche Weise. Das ist kein Konzept, sondern eine Lebensweise, die all diese Ideen vereint. Ich habe Robinson Khoury zum ersten Mal im Jazzclub La Gare in Paris spielen gesehen und mich sofort in seinen Stil verliebt. Später bat ich ihn, einen weiteren Posaunisten hinzuzuholen: Jules Boittin. Das Ergebnis ist ein hervorragendes. Es besteht aus Poesie, Theater und Performance gleichzeitig und gibt meiner Stimme Raum, sich anders, kräftiger zu bewegen. Manchmal braucht sie Widerstand um sich herum, wie Wind, der durch Flügel bläst, um zu entdecken, wie weit sie kommen kann. Inzwischen kamen neue Posaunisten hinzu, etwa Jules Regard und Filippo Vignato.
Kannst du auf die musikalischen Traditionen eingehen, die in deine Auftritte einfließen?
Ich versuche universell zu sein. Ich glaube nicht an Grenzen, sie werden von Menschen gezogen – Musik geht für mich über diese Grenzen hinaus. Sie kann sich über einzelne Traditionen erheben. Ich versuche, ein Kleid aus zwei oder drei Traditionen zu weben, verschiedene Stoffe und Farben zu einem Knoten zu verknüpfen. In einem einzigen Lied bewege ich mich von den Harmonien des Maqam zum Barock, von der indischen Musik zur Oper, zum Blues und Jazz – und schon liegen die Zutaten vor dir. Es geht weniger um Fusion als vielmehr darum, sich daran zu erinnern, dass alle Klänge einst eine Sprache waren.
Was hattest du im Sinn, als du deinen Mix aufgenommen hast? Wofür steht er?
Zunächst einmal, dem Hörer Freude zu bereiten und ihm eine Tür zu öffnen, um Neues zu entdecken. Musik sollte sowohl Schönheit als auch Überraschung bieten, vertraut genug, um sich darauf einzulassen, unbekannt genug, um danach hängen zu bleiben.
Tracklist:
Amir Saffar – Introduction from the Ashes
Shy Fx, Lily Allen, Stamina MC – Roll The Dice (ft. Stamina MC & Lily Allen)
Game – Ricky (Prod. by DJ Khalil)
Ophelius – 1stP118
Lury Lech – Barreras
Miles Davis – Yesterdays
Terry Riley – The Moscow Concert, Negro Hall
Hymnen
Erik Truffaz & Sly Johnson – Come Together (Paris)
Makoto – Enterprise (Original 12″ Mix)

Groove präsentiert: Donaufestival 2026
1. bis 3. und 8. bis 10. Mai 2026
Verschiedene Locations
Krems, Österreich
Tickets: Resttickets gibt es fürs ganze Festival, als Wochenendpässe, nach Tagen modular kombinierbar oder für einzelne Tage